Adventsbeben

Liebe Gemeinde,

warum ist es gut, dass Jesus in die Welt gekommen ist? Unsere kleine Reihe von Interviews an den Adventssonntagen fragt Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen:  Warum ist es gut für deine Welt, dass Jesus gekommen ist? Warum ist es gut für dich? Was wünscht du dir von ihm? Was wünschst du dir wirklich? Was hat er wohl in deinem Leben gesehen, als er vom Himmel blickte und sagte: „Ich muss da runter!“?

Und gleich mit der ersten biblischen Geschichte, die uns für den Advent vorgeschlagen ist, können wir das auch gleich weiterfragen: Jesus, was wünschst du dir, dass es geschieht, da, wo du einziehst? Und es kann sein, dass wir auch ein wenig stark sein müssen, um seine ganze Antwort zu hören. Denn wir werden gleich Zeugen eines Erdbebens. Matthäus erzählt in seinem 21. Kapitel:

Kurz vor Jerusalem kamen sie zu der Ortschaft Betfage am Ölberg. Dort schickte Jesus zwei Jünger fort mit dem Auftrag: »Geht in das Dorf da drüben! Gleich am Ortseingang findet ihr eine Eselin und ihr Junges angebunden. Bindet beide los und bringt sie zu mir! Und wenn jemand etwas sagt, dann antwortet: ›Der Herr braucht sie.‹ Dann wird man sie euch sofort geben.« 

Damit sollte in Erfüllung gehen, was der Prophet angekündigt hatte: »Sagt der Zionsstadt: Dein König kommt jetzt zu dir! Er verzichtet auf Gewalt. Er reitet auf einem Esel und auf einem Eselsfohlen, dem Jungen eines Lasttiers.« 

Die beiden Jünger gingen los und taten, was Jesus ihnen befohlen hatte. Sie brachten die Eselin und ihr Junges und legten ihre Kleider darüber, und Jesus setzte sich darauf. Viele Menschen aus der Menge breiteten ihre Kleider als Teppich auf die Straße, andere rissen Zweige von den Bäumen und legten sie auf den Weg. Die Menschenmenge, die Jesus vorauslief und ihm folgte, rief immer wieder: »Gepriesen sei der Sohn Davids! Heil dem, der im Auftrag des Herrn kommt! Gepriesen sei Gott in der Höhe!« 

Als Jesus in Jerusalem einzog, geriet alles in große Aufregung. »Wer ist dieser Mann?«, fragten die Leute in der Stadt. Die Menge, die Jesus begleitete, rief: »Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa!«

Und wo ist jetzt das Erdbeben? Es steckt in den Worten: „alles in Jerusalem geriet in große Aufregung“. Wörtlich steht da nämlich im griechischen Original: die Stadt erbebte. Erbebte vor Furcht.

Aber Moment, haben sie nicht gejubelt? „Gepriesen sei der Sohn Davids!“? „Hosianna“, wie Luther schreibt? Ja, aber das waren die, die mit Jesus in Jerusalem einzogen. Die Leute vom Land, aus den Dörfern und Städten. Die plötzlich wieder Hoffnung hatten, dass sich doch noch etwas ändern würde. Dass der da es denen da endlich mal zeigen würde. Gejubelt haben die Menschen, die Jesus im Schlepptau mit sich hatte.

Vor Angst dagegen erbebten die in Jerusalem. Was war das für eine primitive, fanatische Meute, die der da mitbrachte? Die schienen genau das zu wollen, was sie hier nicht wollten, und wenn sie ehrlich waren: was sie fürchteten, nämlich dass sich nun doch noch etwas ändern würde. Dass jetzt vielleicht Schluss war damit, dass ihnen der Rest der Welt egal sein konnte, weil ja jeder mal in den Tempel musste und sie von dem Tempel immer weiter gut würden leben können.

So haben die einen gejubelt. Und die anderen erbebten. In dieser Geschichte hier fein säuberlich voneinander getrennt.

Nun ist das aber die Passionsgeschichte. Seit dem 7. Jahrhundert spätestens aber wird diese Geschichte nicht mehr nur in Passionszeit gelesen, wo sie eigentlich hingehört. Als deren Auftakt. Jesus begibt sich in die Höhle des Löwen, sucht die Entscheidung, endet am Kreuz. Da war klar, wer was hoffte und wer was fürchtete. Die Armen gegen die Reichen. Die Außenseiter gegen das Establishment. Das Land, für das sich keiner interessierte, gegen die Hipster in der Stadt.

Seit dem 7. Jahrhundert aber wird unsere Geschichte auch in der Adventszeit gelesen. Und auch als deren Auftakt. Und das geht natürlich nur, wenn wir sie dann nicht historisch verstehen, sondern als ein geistliches Bild. Nämlich, dass Jesus nicht in Jerusalem einzieht, sondern in unser Leben. Da will er hin, von Anfang an, mit Gottes Liebe. Unser Herz will er zu seiner Basis machen. Von da aus will er wirken. Von unserem Herzen aus hinein in diese Welt. Das ist der Plan.

Und wer ist dann bei diesem Einzug der, der sich freut, und wer ist der, der sich fürchtet? Wir ahnen: beide sind in uns. Das können wir dann nicht mehr so einfach aufteilen. Sondern Freude und Furcht, sie sind beide in uns.

Dazu können wir uns vielleicht vorstellen, dass unsere Gedanken und Gefühle Schauspieler auf einer Bühne in unserem Kopf, in unserem Herzen sind. Und dass Jesus nun in Kopf und Herz einzieht. Welches Gefühl freut sich? Welcher Gedanke fürchtet sich?

Freut sich vielleicht die Sehnsucht, endlich innerlich zur Ruhe kommen zu können? Freut sich der Wunsch, endlich zu wissen, wohin die Reise meines Lebens gehen soll? Jesus, mein Friede. Jesus, mein Sinn.

Und fürchtet sich vielleicht der Gedanke, dann nicht mehr Herr oder Frau im eigenen Haus sein zu können? Dass der da etwas von mir will, was ich selbst vielleicht nicht will? Freut sich, wenn er kommt, meine Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit? Fürchtet sich meine Angst vor der Freiheit, vor der Unsicherheit, vor dem Loslassen?

Der Einzug Jesu in der Passionszeit und als Adventsgeschichte. Von Bethlehem nach Jerusalem, das ist die Passionsgeschichte mit langer Einleitung. Aus dem Himmel in unser Herz, das ist die Adventsgeschichte.

Und beides gehört zusammen. „Ehre sei Gott in der Höhe“, singen die Engel bei der Geburt in Bethlehem. „Gepriesen sei Gott in der Höhe“, rufen die Menschen beim Einzug in Jerusalem. Erschüttert waren die Menschen in Jerusalem, als sie hörten, ein neuer König sei geboren. Das hatte Matthäus bei Jesu Geburt erzählt. Ein mittleres Beben löst es aus, als sie erleben, dass der jetzt bei ihnen einzieht. Das erzählt Matthäus hier.

Was Jesus auslöst: Freude, aber auch Erschrecken. Und wenn uns Erschrecken vielleicht im Blick auf uns selbst zu stark ist, dann sagen wir wenigstens: Respekt gehört auch dazu, wenn Jesus einzieht. In die Stadt oder in mein Herz. Vorsichtiges Abwarten, abwartendes Zögern.

Freude und wie auch immer wir das andere beschreiben wollen, beides gehört zusammen, wenn Jesus kommt. Mich lockt da was am Glauben. Aber es schreckt mich auch etwas ab.

Vielleicht das, was gleich nach unserer Geschichte hier passiert? Jesus hatte da nämlich nicht einfach nur seinen Auftritt und hinter dem Stadttor stieg er ab und klatschte sich mit seinen Jüngern ab und ging erst einmal einen trinken. Nicht dieser Auftritt war sein Ziel.

Sondern er ging gleich weiter in den Tempel. Und da trieb er die Händler hinaus. Dieses Bethaus war ihm deutlich zu sehr zum Konsum-Tempel geworden. Selbst wenn hier nur Artikel zum religiösen Bedarf angeboten wurden. Opfertiere für alle Gelegenheiten, zum Beispiel: für den großen und den kleinen Dank, für die kleine und die große Schuld.

War alles irgendwie religiös. Und verhinderte in den Augen Jesu gerade dadurch, dass die Menschen sich im Haus Gottes einfach nur für Gott öffneten.

Der Einzug als Adventsgeschichte: Was in dir ist so religiös, dass es dich in Wahrheit daran hindert, Gott ganz persönlich zu begegnen? Du machst schon überall mit in der Gemeinde, gestern beim Adventsbasar zum Beispiel, und versuchst ansonsten, ein guter Mensch zu sein? Vielleicht ist es genau das in dir, das davor erschrickt, Jesus zu begegnen? Weil du ahnst, dass es ihn nicht wirklich interessiert, was wir alles so machen? Sondern weil er sich bloß wünscht, dass du dich einfach fallenlässt in seine Liebe? Und alles empfängst von ihm? Ihm einfach vertraust?

Mich lockt da was im Glauben. Aber es schreckt mich auch etwas ab. So kann der Weg zueinander gewunden sein, sein Weg zu dir, dein Weg zu ihm.

Gucken wir uns diesen Weg doch noch mal kurz an. Von Bethlehem nach Jerusalem, das ist die Passionsgeschichte. Aus dem Himmel in unser Herz, das ist die Adventsgeschichte.

Und in der ersten Version, in seiner Lebens- und Passionsgeschichte, da finde ich ja die Route sehr interessant. Bethlehem, das ist quasi ein Vorort von Jerusalem. Da wäre er quasi schon da gewesen. Aber vorher geht die Reise erst einmal noch woanders hin. Hoch in den Norden und auf der einen Seite runter ans Meer und auf der anderen Seite runter an den Jordan und dann erst wieder zurück in den Süden und hoch nach Jerusalem.

Ob das bei seiner Reise in mein Inneres auch so ist? Dass ich ihn schon mal ganz nah gespürt habe und dann bin ich aber noch mal wieder weit entfernt von ihm? Weil etwas lockt, aber anderes abschreckt?

Dazu gibt es eine wunderbare geistliche Übung: Kennt Ihr das Labyrinth von Chartres? Ihr habt es im Programmblatt abgedruckt. Ein Weg von außen in die Mitte.

Das Original ist ein begehbares Labyrinth auf dem Boden eben in der Kathedrale von Chartres in Nordfrankreich, ziemlich alt, von 1200 so und so. 12 Meter im Durchmesser.

Nehmt das Blatt mal zur Hand. Und sucht jetzt mal den Einstieg unten in der Mitte. Und fangt an, dem Weg zu folgen. Ein bisschen nach oben. Eine Biegung links, eine Biegung rechts. Und dann geht es wieder hoch und man denkt, huch, da bin ich ja schon gleich drin in der Mitte. Aber nein, man kommt nur knapp links am Ziel vorbei.

Und nachher könnt ihr probieren, wie es erst einmal alle Schleifen links und dann alle Schleifen rechts geht, und dann ist man noch mal fast drin und macht doch noch einen letzten Schlenker, und dann endlich.

Der ganze Weg will gegangen sein. Aber gleich am Anfang schnuppert man schon mal am Ziel. Jesus wird in Bethlehem geboren, aber bevor er in Jerusalem ankommt, folgt er erst noch vielen Schleifen. Das ist sein irdischer Weg.

Ist das bei der geistlichen Deutung auch so? In der Adventsversion? Bei seinem Weg vom Himmel in mein Herz? Er macht sich auf den Weg und kommt mir schon mal ganz nah, aber dann will er doch erst noch, dass ich ihn besser kennenlerne? Oder etwas in mir stößt ihn noch mal weg?

Gut, wenn das auch passiert. Denn dann erst lernen wir den ganzen Jesus kennen. Denn er sagt: Ja, ich meine dich persönlich. Dein Herz meine ich. Aber ich komme auch, um die ganze Welt zu retten. Und zu dieser ganzen Welt gehörst du auch. Auch du bist jemand, der gerettet werden muss. Einmal. Immer wieder.

Denn, ja, in deinem Herz ist viel von dem, wonach sich die ganze Welt sehnt. Aber in deinem Herz ist auch etwas von dem, woran die Welt krankt. Nämlich im Grunde: Gott nicht wirklich zu vertrauen, die Angst, zu kurz zu kommen.

Und das eine, sagt Jesus, wird sich freuen, wenn ich einziehe in dein Herz. Aber das andere hat vielleicht Angst, sich zu öffnen.

Ja, sagt Jesus, zuck ruhig ein bisschen zusammen bei dem Gedanken, dass ich in dein Leben einziehe. Gut, wenn du da ein kleines Beben verspürst. Schreck im Advent ruhig mal auf zwischen warmen Kerzen und süßem Gesang. Dann stehen die Chancen gut, dass wir uns wirklich begegnen. Amen.