Alles darf sein!

Und eine dritte Erfahrung mit Gott. Ich lese aus dem Buch des Propheten Jeremia – gleichzeitig der Predigttext für heute.

7 HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. 8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. 9 Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht. (Jer 20,7-9 LUT17)

Das sind ja nun drei sehr unterschiedliche Zeugnisse. Eines von einem ehemaligen Evangelisten, vor gerade einmal zwei Jahren veröffentlicht. Ein anderes ein Fragment aus dem Warschauer Ghetto, aus dem letzten Jahrhundert. Und nun ein drittes – ein zweieinhalb Tausend Jahre alter Text aus der Bibel. Sie kommen aus sehr verschiedenen Zeiten, von sehr verschiedenen Orten und aus sehr verschiedenen Situationen.

Aber alle drei haben etwas gemeinsam, wodurch sie auch hier und heute unmittelbar ansprechend sein können. Hier sind Menschen, die leiden, und die im Leiden eine Sprache dafür finden. Sie bleiben nicht im Schweigen sich selbst überlassen, sondern sie lernen neu zu sprechen. Aber mehr als das: Sie klagen. Nicht nur: „So und so ist es“, sondern auch: „Es sollte anders sein!“ Doch es ist noch mehr als das: Diese Menschen leiden an Gott. Hinter allem Unglück, das sie trifft, erkennen sie den Gott, dem sie eigentlich vertrauen, als Urheber. Und so wird die Klage zur Anklage. „So und so ist es, obwohl es nicht richtig ist, und DU bist schuld!“

Etwas das großen Eindruck auf mich macht, ist die tiefe Ehrlichkeit, die hier zur Sprache kommt. Da wird nichts zurückgehalten. Was ist, darf sein. Es gibt Platz für die tiefste Verzweiflung und den letzten Funken Hoffnung. Alles darf so genannt werden, wie es ist, und wie es sich anfühlt. Auch vor dem Heiligsten machen sie keinen Halt. Dieses Unternehmen mag für die Gewohnheiten des Glaubens und Denkens gefährlich, gar ketzerisch erscheinen. Es gehört aber zur Qualität der Bibel, dafür Platz zu haben: Hier bei Jeremia, in einigen Klagepsalmen und natürlich beim berühmten Hiob, der aufgrund einer himmlischen Wette alles verliert und anschließend Gott selbst auf die Anklagebank zitiert.

Warum mutet die Bibel uns diese Texte zu, in denen von bitterer Verzweiflung die Rede ist und Gott angeklagt wird? Erstens ist sie ehrlich genug, um zu sehen, dass diese Erfahrungen zum Leben dazu gehören. Zweitens bietet sie uns mit den genannten Texten Sprache für das Leiden an, ebenso wie die vorhin gelesenen Texte aus unserer Zeit. Ich sagte es bereits: Da haben Menschen Worte gefunden, um nicht vom Schweigen verschlungen zu werden. Das waren aber auch immer schon Worte für andere. Du und ich können sie für uns verwenden.  Jede dieser Klagen und Anklagen ist eine Möglichkeit, in den Worten anderer selbst einen Ausdruck zu finden.

Das bringt mich zurück zu Jeremia. Ich wage zu sagen, dass die Figur des Jeremia von vornherein so dargestellt wird, dass andere Menschen zu anderen Zeiten sich in sie hineinfühlen können. Dazu führt mich folgende Überlegung aus der Bibelwissenschaft: Das Babylonische Exil im 6. Jh. v. Chr. war die große Katastrophe des alten Israel. Um diese Katastrophe zu bewältigen, entstanden im Exil eine Menge Texte, die später Teil unserer Bibel wurden. Das Buch Jeremia handelt nun von einem Propheten, dessen Auftreten direkt vor das Exil gehört, es ist aber voller Anspielungen auf Texte, die erst im Exil entstehen. Das Jeremiabuch ist also erst im 5. Jh. v. Chr. – nach dem Exil – entstanden, versetzt sich aber über die Gestalt des Jeremia in die Zeit direkt vor dem Exil. Und über diesen Propheten erhalten wir nun eine Art Innenansicht vom Hereinbrechen der nationalen Katastrophe. Einerseits verkündet er das göttliche Gericht, wofür er auch erheblich angefeindet wird; andererseits steht er für seine Leute vor Gott, klagt und tut Fürbitte. So bringt er zwei Perspektiven zusammen und durch die Identifikation mit ihm wird die eigene Geschichte etwas verständlicher.

Die Geschichte dieses Propheten geht nun so: Zunächst wird er von Gott berufen und eingesetzt, wie es heißt: „um auszureißen und niederzureißen, um zu zerstören und zu vernichten, um zu bauen und zu pflanzen.“ Vor allem der erste Teil davon wird dann wichtig, Jeremia kündigt den Untergang Jerusalems an, was von offizieller Seite mit öffentlicher Misshandlung quittiert wird. In diesen Zusammenhang gehört nun eine Reihe von besonderen Texten: Die sogenannten „Konfessionen Jeremias“, fünf Abschnitte, in denen er Gott sein Leid klagt. Da fallen dann Sätze wie (12,1f): „1 HERR, wenn ich auch mit dir rechten wollte, so behältst du doch recht; dennoch muss ich vom Recht mit dir reden. Warum geht’s doch den Gottlosen so gut, und die Abtrünnigen haben alles in Fülle? 2 Du pflanzt sie ein, sie schlagen Wurzeln und wachsen und bringen Frucht. Nahe bist du ihrem Munde, aber ferne von ihrem Herzen.“ Oder (17,15-17): „15 Siehe, sie sprechen zu mir: »Wo ist denn des HERRN Wort? Soll es doch kommen!« 16 Aber ich habe dich nie gedrängt, Unheil kommen zu lassen; auch hab ich den bösen Tag nicht herbeigewünscht, das weißt du. Was ich gepredigt habe, das liegt offen vor dir. 17 Sei du mir nur nicht schrecklich, meine Zuversicht in der Not!

Das ganze findet seinen Höhepunkt in der fünften Konfession des Jeremia, deren Anfang ich bereits eingangs gelesen habe. Jeremia 20,7-9:

7 HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. 8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. 9 Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht. (Jer 20,7-9 LUT17)

In diesem ersten von drei Abschnitten in der fünften Konfession fallen mir zwei Bewegungen auf: Die erste ist die Anklage gegen Gott. „Du hast mich verführt. Du hast mich übermächtigt. Du machst mich zur Lachnummer.“ Damit passiert, was ich bereits sagte: Der leidende Mensch darf ehrlich sein und wird ganz ernst genommen.

Es gibt aber auch noch eine zweite Bewegung: Da ist etwas, was den Propheten nicht loslässt. Er will sich in seiner dunkelsten Stunde von seinem Gott und seiner Berufung lossagen, aber da packt ihn einer. Vielleicht ist das das Evangelium dieses Textes: Auch wenn ich mich von Gott lossage, hält Gott weiter an mir fest. In größeren Worten: Die Menschenfreundlichkeit Gottes umfasst auch meine etwaige Gottfeindschaft. Die Pointe ist jedenfalls: Absolute Ehrlichkeit gegenüber Gott ist erlaubt und und es gibt eine Nähe Gottes, die dann erscheint, wenn ich schon nicht mehr daran glauben kann.

Damit geht es in Jeremias Konfession dann auch weiter:

10 Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.« 11 Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden. 12 Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Rache an ihnen sehen; denn dir habe ich meine Sache befohlen. 13 Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet! (Jer 20,10-13 LUT17)

Überall Anfeindungen und innere Zerrissenheit – aber die Gottesbeziehung erweist sich als tragfähig. Der Prophet pocht auf seine Unschuld und vor staatlich verordnetem Unrecht erscheint es vielleicht auch ganz nachvollziehbar, für den Sturz der Übeltäter zu beten. Dieser Abschnitt mündet sogar in einen Lobpreis des Gottes, der alle rettet, die „arm dran“ sind.

Es bleibt aber nicht dabei. Es folgt der dritte Abschnitt, der die erste vorhin erwähnte Bewegung, die der Anklage, wieder aufnimmt. Es ist einer der dunkelsten Texte in der ganzen Bibel.

14 Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin; der Tag soll ungesegnet sein, an dem mich meine Mutter geboren hat! 15 Verflucht sei, der meinem Vater gute Botschaft brachte und sprach: »Du hast einen Sohn«, sodass er ihn fröhlich machte! 16 Der Tag soll sein wie die Städte, die der HERR vernichtet hat ohne Erbarmen. Am Morgen soll er Wehklage hören und am Mittag Kriegsgeschrei, 17 weil er mich nicht getötet hat im Mutterleibe, sodass meine Mutter mein Grab geworden und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäre! 18 Warum bin ich doch aus dem Mutterleib hervorgekommen, wenn ich nur Jammer und Herzeleid sehen muss und meine Tage in Schmach zubringe! (Jer 20,14-18 LUT17)

Auch ein Todeswunsch des Jeremia, ein Widerwille gegen die eigene Existenz bekommt hier seinen Platz. Danach endet das Kapitel und es geht mit etwas anderem weiter. Eine Lösung, eine Antwort bleiben uns verwehrt. Es endet mit maximaler Dunkelheit und Verzweiflung.

Von hier ergibt sich die Verbindung zur Passionszeit, in der wir uns gerade befinden. Es geht um die Passion – das Leiden – Jesu, den Weg ans Kreuz. Später, von Ostern her, wurden sein Weg und sein Tod als die entscheidende Zuwendung Gottes gedeutet, dass gerade im Gekreuzigten Gott nahe ist. Aber da sind wir noch nicht. Noch sind wir unterwegs. Dieser Weg ist geradezu die Aufforderung zu einer  ungewohnten Art von Fasten. Sieben Wochen ohne Klarheiten und Antworten. Das wäre mal radikal. Auf diesem Weg kommt noch Gethsemane, wo Jesus sagt: „Meine Seele ist zu betrübt“, und betet, dass dieser Kelch an ihm vorübergehen möge. Auch Jesus selbst leidet an der Ferne Gottes und findet in der Ehrlichkeit, von der ich am Anfang gesprochen habe, am Kreuz zu dem Gebet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Amen.

 

Literatur

Fundstellen der hinführenden Texte:

Müller, Gofi: Flucht aus Evangelikalien. Über Gott, das Leiden und die heilende Kraft der Künste, Norderstedt 2017, S.12.

Wolff, Karin (Hrsg.): Hiob 1943. Ein Requiem für das Warschauer Ghetto, Berlin 1981, S.274-276.

Zum Weiterlesen:

Sölle, Dorothee: Leiden (Themen der Theologie, Ergänzungsband), Stuttgart 1973, darin besonders Kapitel 3: Leiden und Sprache, S.79-109.