Am Ende steht die Versöhnung. Und vorher?

Liebe Gemeinde,

Was steht am Ende? Manche lesen in Büchern ja erst einmal das Ende, besonders in Krimis. Beruhigend, wenn man weiß, dass es gut ausgeht. Bei modernen Krimis ist das nicht mehr immer der Fall. Beim Tatort auch nicht. Das lässt uns ein wenig verstört zurück. Den kleinen Fisch haben sie gekriegt, aber die Großen treiben weiter ihr Unwesen. Wie soll man so in die neue Woche starten?

Was steht am Ende über unserem Leben? Wessen Wort lassen wir das letzte Wort über unser Leben sein, das letztgültige?

In der Bibel lesen wir: Am Ende steht die Versöhnung. Und das Versöhntsein. Das ist der Wunsch Gottes, das ist sein Angebot an uns. „Lasst euch versöhnen!“, ruft Paulus im Auftrag Christi („an Christi statt“) den Korinthern zu (2. Kor. 5,20). Und. Gott hat sich längst mit euch versöhnt! (Römer 5,10)

Es entsteht hier ja gerade eine kleine Predigtreihe zur Trinitatiszeit. Der Glaube soll im Leben ankommen. 1. Sontag: es soll geteilt werden, geteilt werden mit, sich mitgeteilt werden, damit Leben sich vermehre. 2. Sonntag: wir machen uns auf für und wir machen uns auf zu. 3. Sonntag: was dann dort geschehen soll, ist Versöhnung. Wie bei Micha, dem streitbaren Propheten. So streitbar er ist, seine letzten Worte sind:

Herr, wo sonst gibt es einen Gott wie dich? Allen, die von deinem Volk übrig geblieben sind, vergibst du ihre Schuld und gehst über ihre Verfehlungen hinweg. Du hältst nicht für immer an deinem Zorn fest; denn Güte und Liebe zu erweisen macht dir Freude. Du wirst mit uns Erbarmen haben und alle unsere Schuld wegschaffen; du wirst sie in das Meer werfen, dort, wo es am tiefsten ist. Den Nachkommen Abrahams und Jakobs wirst du mit Liebe und Treue begegnen, wie du es einst unseren Vorfahren mit einem Eid zugesagt hast.

Wäre das nicht wunderbar? Wenn wir wüssten: am Ende steht die Versöhnung? Der äußere und der innere Friede? Vor allem wenn wir jetzt noch mitten drin steckten in unseren äußeren und inneren Konflikten, wenn wir da wüssten: am Ende steht die Versöhnung?

Versöhnt sein, innerlich – wir merken, dass etwas nicht fließt, wenn wir nicht versöhnt ist. Lebens-Energie, die feststeckt. Wenn Konflikte mich festhalten. Und ich es vielleicht gar nicht so einordnen kann. Sondern mir nur irgendwann aufgeht: Warum ist alles so mühsam bei mir?

Was für Kämpfe kämpfe ich da eigentlich, während ich meine, ich lebte doch nur mein Leben? Kinder kämpfen innerlich gegen ihre Eltern, Eltern innerlich gegen ihre Kinder.

Und je älter man wird: der Kampf mit dem, was ich nicht loslassen kann, und der Kampf um das, was ich unbedingt noch haben will. Der Kampf mit der Schuld. Und der Kampf um Genugtuung, um das, von dem ich meine, dass es mir zusteht.

Versöhnt sein, auch äußerlich – wenn ich merke, ich will dem anderen eigentlich lieber nicht begegnen, hoffentlich begegne ich ihr nicht zufällig auf der Straße. Wenn der zum Familienfest kommt, dann komme ich nicht! Schon die Psychologie sagt uns, dass so eine Haltung einem selbst mehr schaden als dem anderen. Denn das Heft meines Handelns hat dann der andere in der Hand. Ihn oder sie lasse ich bestimmen, auf welcher Straßenseite ich gehe oder ob ich zum Fest gehe oder nicht.

Aber wie hört das das misshandelte Kind, die vergewaltigte Frau, der gefolterte Häftling?

Der geistliche Schriftsteller Fulbert Steffensky beharrt aber vor Gott darauf: Muss sich Gottes Kraft zur Versöhnung nicht gerade am Unverzeihlichen zeigen? Denn was verzeihlich ist, das geht manchmal ja schon von alleine weg, mit einem Schulterzucken.

Am Ende steht die Versöhnung? Und das Versöhntsein? Das ist der Wunsch Gottes, das ist sein Angebot an uns. „Lasst euch versöhnen!“, ruft Paulus es uns im Auftrag Christi zu.

Und dann? Es kann trotzdem die Trennung stehen. Wie bei Jakob und Esau, Abraham und Lot, Paulus und Barnabas. Nicht alle Wege müssen gemeinsam weitergehen.

Am Ende steht die Versöhnung. Und das Versöhntsein. Das ist der Wunsch Gottes, das ist sein Angebot an uns. Das steht am Ende. Aber vorher, was kommt bis dahin? Micha spricht ja auch davon, dass nur ein Rest vom Volk übriggeblieben ist. Allen, die von deinem Volk übrig geblieben sind, vergibst du ihre Schuld Und die anderen?

Gott hat eine große Leidenschaft für das Leben. Deswegen ist ihm nicht egal, was da geschieht unter seinen Menschen und in seinen Menschen. Micha sagt: Deswegen ist Gott auch zornig. Das fanden wir in der Vorbereitung schwierig. Der Zorn Gottes.

Die, die übrig geblieben sind, bekommen Gottes Vergebung zu spüren, denn sein Zorn dauert nicht ewig. Heißt das, die, die nicht übrig geblieben sind, sind nicht übrig geblieben, weil sie Gottes Zorn getroffen hat? Schon die Frage zu stellen, bereitete uns Bauchschmerzen.

Der Zorn Gottes. Ich deute das so: es ist Gottes Leidenschaft für das Leben. Sie spricht auch aus all dem, was der Prophet Micha seinen Leuten im Namen Gottes vorhält. Wo einer dem anderen Leben schuldig geblieben ist. Wo der eine auf Kosten der anderen gelebt hat. Wo man einander den Erfolg nicht gegönnt hat. Wo man einander mit Worten verletzt hat in seiner Wut und in seinem Hass, wo man schlecht übereinander geredet hat.

Wo es einem gleichgültig war, wie es dem anderen ging, Hauptsache, man hatte das eigene Schäfchen im Trockenen. Wo das eigene Schnäppchen andere ins Unglück stürzt. Wo man das WIR ganz eng gezogen hat, damit DIE draußen bleiben.

All das hat Gott gesehen. Und seine Leidenschaft für das Leben kann darüber nicht hinwegsehen. Es ist nicht der blinde Zorn eines beleidigten Zeus oder Thor. Es ist die Leidenschaft des Schöpfers, dem nicht egal ist, was aus seiner Schöpfung wird. Gottes Zorn ist seine Leidenschaft für die leidende Kreatur.

Von Gottes Zorn nicht reden zu wollen, das wäre dann die Reaktion derer, die dieses Leiden verursachen. Im Kleinen und im Großen. Und wer würde da nicht dazugehören? Denn wie sagte es die Stuttgarter Schulderklärung der Kirchen nach dem Krieg: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Würden nicht auch Du und ich Zeugen dafür finden, dass das auch unser Bekenntnis sein könnte? Und was sollte Gott dann dazu sagen?

Was er dazu sagt, ist: Das hat mir nicht gefallen, wie Du da gelebt hast. Lass dich in den Neuanfang lieben!

Wer diese Liebe spürt, spürt auch den Schmerz über das Leid, das er oder sie in die Welt gebracht hat und das Christus am Kreuz trägt. Wer diese Liebe Gottes spürt, wünscht sich Vergebung. Will Versöhnung. Sehnt sich nach Freiheit. Wünscht sie dem anderen. Bittet Gott um alles dafür. Freut sich jetzt schon darauf. Amen.