Anstand oder mehr? Nicht zu wenig wünschen! (3. Advent)

Liebe Gemeinde,

von der Prepper-Szene haben wir eben gehört. Von denen, die sich auf den Weltuntergang vorbereiten. Schutzräume bauen, Vorräte anlegen, sich in Internet-Foren organisieren. Leider sind unter denen aber auch Rechtsextreme. Die glauben, es droht ein Bürgerkrieg. Mit Muslimen und Migranten. Da wandert natürlich auch die eine oder andere Waffe mit in den Bunker. Und Hetzschriften zur Einstimmung.

Ach, das ist nicht die Art der Vorbereitung, an die wir denken, wenn wir an Advent denken als die Zeit der Vorbereitung, oder? Wir hoffen nicht auf die Wende durch Gewalt oder darauf, eine Katastrophe zu überleben. Wir wollen uns öffnen für den Gott, der kommt, um sich seine Welt zurückzulieben. Zu seiner Ehre und unser aller Wohl.

Und als Hilfe zum Öffnen erzählt uns das Neue Testament von Johannes dem Täufer. Dem Vorläufer Jesu. Um den geht es immer am 3. Advent. Also heute. Hören wir mal rein, Lukas erzählt von ihm in seinem Jesus-Buch, im 3. Kapitel:

Es war im fünfzehnten Regierungsjahr des Kaisers Tiberius. Pontius Pilatus war römischer Bevollmächtigter von Judäa. Herodes regierte als Landesfürst in Galiläa, sein Bruder Philippus als Landesfürst in Ituräa und Trachonitis. Und Lysanias regierte als Landesfürst in Abilene. Die Obersten Priester waren Hannas und Kajaphas.

Da rief Gott [nicht einen von diesen Großkopferten, sondern; MW] Johannes in seinen Dienst. Johannes war der Sohn von Zacharias und lebte in der Wüste. Nun zog er durch die ganze Gegend am Jordan und verkündete den Menschen: „Lasst euch taufen! Ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben!“ Genauso steht es im Buch des Propheten Jesaja: „Eine Stimme ertönt in der Wüste: ‚Macht den Weg bereit für den Herrn, ebnet ihm die Straße. Jede Schlucht soll ausgefüllt werden und jeder Berg und jeder Hügel abgetragen. Was krumm ist, muss gerade werden und die unebenen Wege eben. Alle Welt soll es sehen, dass Gott die Rettung bringt.‘“

Die Menschen kamen in Scharen zu Johannes heraus, um sich von ihm taufen zu lassen. Er sagte zu ihnen: „Ihr Schlangen! Wie kommt ihr darauf, dass ihr dem bevorstehenden Gericht Gottes entgeht? Zeigt durch euer Verhalten, dass ihr euer Leben wirklich ändern wollt! Und redet euch ja nicht ein: ‚Abraham ist unser Vater‘. Denn ich sage euch: Gott kann diese Steine hier zu Kindern Abrahams machen. Die Axt ist schon die Wurzel gesetzt. Jeder Baum, der keine Frucht bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“

Die Leute fragten Johannes: Was wollen wir denn tun? Er antwortete ihnen: „Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keines hat. Wer etwas zu essen hat, soll entsprechend handeln.“ Es kamen aber auch Zolleinnehmer, um sich taufen zu lassen. Die fragten ihn: „Lehrer, was sollen wir tun?“ Er antwortete ihnen: „Verlangt nicht mehr, als in euren Vorschriften steht!“ Es fragten ihn aber auch Soldaten: „Und wir, was sollen wir tun?“ Johannes antwortete ihnen: „Misshandelt und erpresst niemanden und gebt euch mit eurem Sold zufrieden!“

Das Volk setzte große Erwartungen in Johannes. Alle fragten sich: „Ist er vielleicht der Christus?“

Tja, da müsste man sich auch darüber klarwerden: Was ist denn für uns der Christus? Woran erkennt man den? Was erwarten wir von dem? Und wäre es in der Tat nicht irgendwie auch einfacher, wenn Johannes der Christus gewesen wäre? Weil, das mit dem anständig leben, das kriegt man vielleicht im Großen und Ganzen noch einigermaßen hin. Und für den Rest gilt: Nimm den Willen für die Tat.

Aber was der andere sagt, der, den Johannes eigentlich nur ankündigen wollte, der, in dem die Christen dann den Christus entdeckt haben, was der sagt, das klingt nicht so einfach. Der will ja nicht nur gute Taten sehen, die auch, ja, Aber der will noch tiefer gehen: der will an unsere Motivation. Der will nicht nur an unsere Handlung, sondern auch an unsere Haltung. Der will uns von innen heraus verändern. Und der will eine Gemeinschaft gründen, in der wir das Neue schon jetzt leben. Mitten im Alten.

Der dritte Advent, der fragt uns damit auch: Was erwarten wir von unserem Glauben? Was soll er für uns sein? Wären wir auch zufrieden damit, Johannes-Jünger, Johannes-Jüngerin zu sein? Aber passend zu Weihnachten wäre dann die Frage: Wünschten wir uns da nicht zu wenig?

Johannes-Jünger bleiben – das war zumindest am Anfang offensichtlich noch eine Möglichkeit. Es gibt da eine interessante kleine Geschichte aus dem neutestamentlichen Buch der Apostelgeschichte. Das ist das Buch über die Anfänge der Kirche. Paulus kommt nach Ephesus, an der türkischen Westküste. Und es wird erzählt:

Dort fand er einige Jünger vor. Die fragte er: „Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr zum Glauben gekommen seid?“ Sie antworteten ihm: „Wir haben noch nicht einmal gehört, dass es einen heiligen Geist gibt.“ Paulus fragte weiter: „Was für eine Taufe habt ihr denn empfangen?“ Sie erwiderten: „Die Taufe durch Johannes.“ Da erklärte ihnen Paulus: Bei der Taufe des Johannes ging es darum sein Leben zu ändern. Zugleich hat Johannes dem ganzen Volk gesagt, sie sollen an den glauben, der nach ihm kommt. Das heißt an Jesus.“ Als die Jünger das hörten, ließen sie sich im Namen von Jesus, dem Herrn, taufen. Dann legte ihnen Paulus die Hände auf und der Heilige Geist kam auf sie.

Wir wissen nicht, warum genau Paulus den Eindruck hatte: Bei denen ist etwas noch nicht fertig. Die sind vielleicht auf halbem Wege stehengeblieben. Wie schade! Was ihnen da entgeht! Die haben sich zu wenig gewünscht.

Was erwarten wir vom Glauben? Welche Rolle hat Christus in meinem Leben? Und mal ehrlich: Würde mir auch ein Johannes reichen? Also natürlich nur, wenn’s den auch in freundlich gäbe. Aber die Botschaft, die wäre schon ok? Dass jeder für sich selbst verantwortlich ist und dass man sich einfach an Recht und Ordnung halten soll. Ich meine, das wäre ja schon mal was. Dann wäre zum Beispiel diese Frau in dieser Woche nicht totgefahren worden, als der Autofahrer bei Rot noch schnell rüber ist.

Zolleinnehmer, halte dich an deine Tabellen. Soldat, halte dich an die Haager Landkriegsordnung. Sage noch einer, früher waren es bessere Zeiten – wenn das schon radikale Forderungen waren!

Denn ein Radikaler war Johannes der Täufer doch, oder? Lebte in der Wüste, aß Heuschrecken und wilden Honig, drohte allen den Untergang an, legte sich mit dem König an. Kein Bewerbungsschreiben für eine bürgerliche Karriere. Am Ende hat es ihn dann ja auch den Kopf gekostet.

Aber wie radikal war Johannes wirklich? Also, heute gelesen, mit ein paar Jahren Abstand, 2000 ungefähr, muss ich jedenfalls sagen: Erst dieser fulminante Auftakt seiner Rede: „Ihr Schlangenbrut“, wie Luther übersetzt, „glaubt bloß nicht, dass ihr dem Gericht entkommt!“ Und dann kommen die erschreckten Leute aufgewühlt zu ihm, zu allem bereit, und fragen: „Was sollen wir denn tun?“ Und er sagt bloß: „Werdet anständige Menschen“?

Hallo? Wäre da nicht mehr drin gewesen? Wenn wir schon bei Äxten sind? Bei Äxten an Wurzeln? Wurzel, übersetzt radix? Zeit also für was Radikales? „Ihr Zolleinnehmer, stellt euch nicht in den Dienst eines ungerechten Finanzsystems!“?  So etwas in der Art? Oder „Ihr Soldaten, verweigert den Kriegsdienst, legt die Waffen nieder!“? Wäre das nicht der Augenblick gewesen?

Kommt aber nicht. Und auch den König kritisiert er nicht wegen Menschnerechten, Pressefreiheit oder so. Sondern nur wegen einer illegitimen Heirat. Ist Johannes der Täufer am Ende also doch auch nur so einer, den manche für einen typischen Evangelikalen halten würden? Einer also, den, wie jemand neulich schrieb, der bedroom mehr interessiert als der boardroom, das Schlafzimmer mehr als das Vorstandszimmer? Einer, der anständige Menschen will, aber keine anständigen Systeme? Den auch gar nicht interessiert, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt? Einer, der keine neue Welt will, sondern bloß, dass wir religiös unsere Schäfchen ins Trockene bringen?

Nun ja, auf jeden Fall glaubte Johannes, keine Zeit für grundlegendere Gedanken zu haben. Wenn das Schiff untergeht, gilt es so viele Menschen wie möglich zu retten. Wenn der Vulkan ausbricht, heißt es schnell das Weite suchen.

Da veranstaltet man keine Symposien zum sicheren Schiffbau, da gründet man keine Arbeitsgruppe, um sich ein Frühwarnsystem auszudenken. Sondern da heißt es: Rette sich, wer kann!

Das war die Perspektive des Johannes. Deswegen stellt er nicht die Systemfrage. Dafür war einfach keine Zeit mehr. Das Ende ist nah. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Nicht wie heute, um das Ende aufzuhalten. Sondern um das Ende zu überleben. Das klingt jetzt egoistisch. Aber zur Ehrenrettung muss man sagen: Das Ende, das Johannes kommen sah, war auch kein menschengemachtes, das Menschen überhaupt hätten auch aufhalten können. Anders als heute.

Ok, das also war Johannes. Und alle fragten sich: „Ist er vielleicht der Christus?“ Er, der, der uns warnt, dass der Richter kommt und der uns schnell noch zeigt, wie wir auf die sichere Seite kommen? Der Prophet des richtigen Lebens? Ist er vielleicht der Christus? Der, den der Gott dafür bestimmt hat, uns zu retten?

Ja, er ist der Christus – wenn wir zufrieden sind mit einem, der uns an Recht und Ordnung erinnert. Aber brauchen wir wir dafür einen Christus? Die Johannes-Bewegung hat ja nicht lange überlebt. Der Wunsch nach Recht und Ordnung schon. Für den also braucht es keinen Johannes. Und auch keinen Jesus.

Einen Jesus, den braucht es aber, wenn es darum geht, von neuem geboren zu werden; wenn es darum geht, das Leben in uns zu haben, das die neue Welt Gottes beseelt. Einen Jesus, den braucht es, um zu erleben, wie ein Friede in mir wird, der sich dann auch um mich herum ausbreitet.

Einen Jesus, den braucht es, um nicht nur zu wissen, wie das neue Leben geht, sondern um auch Willen und Kraft dazu in uns zu haben. Einen Jesus, der in Tod und Auferstehung überwunden hat, was dem Leben im Wege steht. Der mit Auferstehungskraft in uns wirkt. So wie Paulus sagt: Ich lebe, aber irgendwie gar nicht mehr ich selbst, sondern Christus in mir.

Deswegen ist Jesus so sehr der Christus, der also, den Gott dafür bestimmt hat, uns zu retten, dass es regelrecht sein zweiter Name geworden ist, Jesus Christus. Ein Name zum Ein- und Ausatmen. Christus einatmen, die Liebe ausatmen.

Und dann geht es nicht mehr nur um so Kinkerlitzchen wie sich an die Regeln halten. Sondern dann geht es um Gottes schöpferischen Geist, der in uns ist, damit wir Zeugnis ablegen für Gottes neue Welt. Und das mitten in der alten, die nun doch noch ein Weilchen länger erhalten blieb, als Johannes das erwartet hatte.

Deswegen also: Wünschen wir uns für unseren Glauben nicht zu wenig! „Ist Johannes der Christus?“ Nur für die, die mit ein bisschen Anständigkeit zufrieden sind. Und, ja, in manchen Situationen würde die auch schon gut tun. Und auch ja: die geistlichen Väter und Mütter in der Geschichte der Kirche wussten: Wenn du Jesus gerade nicht spürst, dann ist die liebende Tat an einem anderen Menschen der Weg zu ihm.

Aber bleiben wir dabei nicht stehen! Wünschen wir uns nicht zu wenig! Jesus bringt mehr: Als Kraft der Auferstehung lebt er in uns. Er ist die Liebe in uns, die uns neu werden lässt. Sein Geist hält die Bilder vom Reich Gottes in uns wach, auf dass sie prägen, wie wir denken und fühlen, wollen und handeln. Er führt uns zusammen, er das Haupt, wir die Glieder, um füreinander dazusein. Er führt uns mitten hinein in unsere alte Welt, um miteinander den anderen zu dienen.

„Ist er vielleicht der Christus?“ Ja, er ist es. Auf ihn warten wir. Auf ihn bereiten wir uns vor. Mit ihm feiern wir das Leben. Amen.