Archäologie der Hoffnung

Liebe Gemeinde,

Jutta am vergangenen Sonntag und heute Anika – zwei, die sich mit ihrer Taufe am 1. September auf den Weg mit unserem Herrn Jesus Christus machen werden. Zwei, die damit auch Teil unserer Gemeinde werden, in der wir miteinander unseren Glauben leben wollen. Zwei, die mit uns anderen „in dem Licht leben wollen, das der Herr uns schenkt.“

Im Licht leben, das der Herr uns schenkt – so sagt es Jesaja in den Bibel-Worten, die wir gleich hören werden. Und interessanterweise antworten diese Worte auf das Lied, das Anika so mag und das wir eben gehört haben. „Auf der Suche nach Engeln in einer Welt, die oft so dunkel daherkommt.“ In Jesaja 2 heißt es nämlich:

Folgende Botschaft über Juda und Jerusalem bekam Jesaja, der Sohn von Amos, durch eine Vision: Es kommt die Zeit, da wird der Berg, auf dem der Tempel des Herrn steht, alle anderen Berge überragen. Alle Völker strömen zu ihm hin. Überall wird man sagen: „Kommt, wir gehen auf den Berg des Herrn, zu dem Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt! Er soll uns lehren, was recht ist, was er sagt, wollen wir tun!“ Denn vom Zionsberg in Jerusalem wird der Herr sein Wort ausgehen lassen. Er weist die Völker zurecht und schlichtet ihren Streit. Dann schmieden sie aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus den Spitzen ihrer Speere Winzermesser. Kein Volk wird mehr das andere angreifen, und keiner lernt mehr das Kriegshandwerk. Auf, ihr Nachkommen Jakobs, lasst uns in dem Licht leben, das der Herr uns schenkt!

Kein Krieg mehr. Kriegsgerät kommt in die Landwirtschaft. Statt einfach die eigenen Interessen zu verfolgen, fragen die Mächtigen den Herrn nach seinem Willen für die ganze Welt.

Das klingt so ziemlich nach dem Gegenteil von unserer Situation heute. Am Mittwoch widmete der Tagesspiegel seine Seiten 2 und 3 ganz der schlimmen Lage der Welt. Handelskrieg zwischen den USA und China. Säbelrasseln am Golf. Spannungen zwischen den Atommächten Indien und Pakistan. Abrüstungsvertrag gekündigt. Frieden und Wohlstand in Gefahr. Rechtspopulisten an der Macht, die Hass und Feindschaft nur noch vergrößern. Und die Schlagzeile: „Welt aus den Fugen“. Und einen Tag später dann noch die neueste Warnung vom Weltklimarat.

Ja, gestanden wir uns in der Vorbereitung gegenseitig, wir gucken oft schon keine Nachrichten mehr, das zieht uns nur runter.

Wir mögen oft nicht mehr hingucken. Ein Akt der Seelenhygiene. Weggucken aus Notwehr. So wie wir manchmal ja auch auf andere Dinge nicht blicken wollen, die nicht schön anzusehen sind. Den Bettler auf der Straße. Probleme in Familie und Freundeskreis. Und auch auf die eigenen Fehler, die eigene Schuld will man nicht ständig sehen.

Gut. Und wohin blicken wir dann? Nirgendwo hingucken geht ja nicht. Suchen wir uns kleine Ausschnitte des Glücks? Ja, das ist ein guter Ausgleich. In unserer Reihe „Praxis des Glaubens“ ging es am vergangenen Mittwoch auch um so etwas. Das ansehen, wahrnehmen, wo mir in der Natur Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt begegnet. Mein Grundvertrauen stärken, dass Gott liebevoll und wohlwollend auf alles blickt, was lebt. Also auch auf mich. Auf die ganze Welt.

Das ist eine gute Übung: hingucken auf die kleinen Ausschnitte des Glücks und des Friedens in dieser Welt. Denn „Welt aus den Fugen“ – das ist nicht die einzige Wahrheit.

Man kann natürlich auch in irgendwelche Idyllen flüchten. Die Heimatfilme nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Vergangenheit, in der alles besser war. Selten haben diese Bilder etwas mit der Wahrheit zu tun. Oder in Welten flüchten, in denen die Probleme nicht zu groß, sondern irgendwie noch bekannt und überschaubar sind. Zeitschriften oder Web-Portale, die uns in die Privatprobleme mehr oder weniger bekannter Menschen mit hineinnehmen.

Oder aber, wenn man keine Lust mehr hat auf all die schlechten Nachrichten aus der Welt und auf das Gefühl der machtlosen Hilflosigkeit – dann können wir auch in die Zukunft sehen! In die Zukunft? Dahin, wo es immer nur noch finsterer wird?

Nein, nicht in die. Sondern in die Zukunft, die immer heller wird! Zum Beispiel in die Zukunft, die uns Jesaja hier vor Augen malt. Die ihm vor Augen gemalt wurde und jetzt erzählt er uns davon. Ich schlage also vor: Wann immer wir keine Lust mehr haben auf schlechte Nachrichten, dann schauen wir uns diese guten hier an!

Ja, mag sein, das internationale Abrüstungsabkommen ist gerade null und nichtig geworden, die Staaten haben sich für Misstrauen und Stärke entschieden. Aber Jesaja sagt: die große Abrüstung kommt erst noch. Und dann wird auch noch gleich der Welthunger mit besiegt. Schwerter werden so verbogen, dass der Pflug damit den Boden vorbereiten kann, in den dann die Saat fällt, aus der wiederum wächst, was alle satt macht. Und Speerspitzen werden von ihren Schäften gelöst und zu Winzermessern umgeschmiedet. Getreide also wird wachsen und Wein. Das Gute und das Schöne, dem gehört die Zukunft.

Panzermotoren werden Brunnen betreiben, die Rotorblätter der Kampfhubschrauber werden zu Wasserleitungen. Selbstmordwesten werden entschärft und mit Wolle gefüttert und wärmen in der Kälte. Ehemalige Kasernen entspannen den Wohnungsmarkt, in der Grundausbildung lernt man Altenpflege, und der Wehretat fließt in Schulen und Universitäten.

Das, liebe Gemeinde, ist die Zukunft. Egal, was zwischendurch noch kommen mag. Das ist die Zukunft.

Das ist hier auch keine Forderung, die Jesaja aufstellt. Lasst uns Schwerter zu Pflugscharen schmieden usw.! Nein, nicht noch eine Forderung, nicht noch ein Programm. Das dann doch wieder nicht klappt. Klar, immer gut, sein Bestes zu geben auf dem Weg.

Aber einfacher ist es, wenn man das Ziel kennt. Und Jesaja sagt: am Ende wird Frieden herrschen und alle werden genug für ein gutes Leben haben. Weil am Ende alle Menschen nach Gott fragen werden. Wahrscheinlich sogar auch die, die jetzt schon rund um den Zionsberg leben.

Kein Programm also, sondern eine Entdeckung. Die  Entdeckung der Zukunft. Frieden und Wohlstand in Gefahr, schreibt der Tagesspiegel. Frieden und Wohlstand für alle gesichert, verkündet Jesaja. Gut, wenn man das schon mal weiß! Manchen Umweg könnte man sich dann auch sparen. Manches Leid muss dann nicht verzweifeln lassen.

Weil wir ein Bild aus der Zukunft entdeckt haben. Das ist so etwas wie Archäologie der Hoffnung. Archäologie, Altertumskunde, alte Dinge werden ans Licht geholt und verändern unser Bild von der Vergangenheit. Archäologie der Hoffnung: alte Dinge werden ans Licht geholt und verändern unser Bild von der Zukunft.

Und wir haben uns in der Vorbereitung vorgestellt, wie das wohl damals die Runde gemacht hat: Der Frieden wird kommen! Stand einer auf dem Marktplatz und hat es lauthals verkündet?

Es kommt die Zeit, da wird der Berg, auf dem der Tempel des Herrn steht, alle anderen Berge überragen. Alle Völker strömen zu ihm hin. Überall wird man sagen: „Kommt, wir gehen auf den Berg des Herrn, zu dem Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt! Er soll uns lehren, was recht ist, was er sagt, wollen wir tun!“ Denn vom Zionsberg in Jerusalem wird der Herr sein Wort ausgehen lassen. Er weist die Völker zurecht und schlichtet ihren Streit. Dann schmieden sie aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus den Spitzen ihrer Speere Winzermesser. Kein Volk wird mehr das andere angreifen, und keiner lernt mehr das Kriegshandwerk. Auf, ihr Nachkommen Jakobs, lasst uns in dem Licht leben, das der Herr uns schenkt!

Stand es in großen schwarzen Lettern, rot unterstrichen, in der Presse: „Irre Entdeckung: Frieden kommt!“? Oder wurde es in pazifistischen Untergrundgruppen bei nächtlichen Geheimtreffen flüsternd weitererzählt:

Es kommt die Zeit, da wird der Berg, auf dem der Tempel des Herrn steht, alle anderen Berge überragen. Alle Völker strömen zu ihm hin. Überall wird man sagen: „Kommt, wir gehen auf den Berg des Herrn, zu dem Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt! Er soll uns lehren, was recht ist, was er sagt, wollen wir tun!“ Denn vom Zionsberg in Jerusalem wird der Herr sein Wort ausgehen lassen. Er weist die Völker zurecht und schlichtet ihren Streit. Dann schmieden sie aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus den Spitzen ihrer Speere Winzermesser. Kein Volk wird mehr das andere angreifen, und keiner lernt mehr das Kriegshandwerk. Auf, ihr Nachkommen Jakobs, lasst uns in dem Licht leben, das der Herr uns schenkt!

Und wie treten sie dann wieder hinaus auf die Straße? Wie kehren sie zurück in ihre Familien, an ihre Arbeit? Wie werden sie dann unterwegs sein in einer Welt, die ja tatsächlich an vielen Stellen eher düster aussieht?

Nur eine Sache bekommen sie ausdrücklich mit auf den Weg: „Auf, lasst uns in dem Licht leben, das der Herr uns schenkt!“ Das ist nicht sehr konkret. Das Wort zur Woche hatte gesagt: Güte, Gerechtigkeit, Wahrheit. Das ist noch kein richtiges Programm. Das ist aber auch keine Überforderung. „Lebe im Licht, das der Herr uns schenkt!“ Da muss ich nicht sagen: Das schaffe ich nicht! Wie soll das denn gehen? Denn das ist ja auch eher ein Bild.

Ein Bild, das ich mir so vorstelle: wie ein Scheinwerferkegel im Halbdunkel. Ein Scheinwerferkegel von ganz oben. Und in dem Scheinwerferkegel: ich und du und du, wir alle, die wir nach dem Herrn fragen, da wo wir gerade sind. Der Scheinwerfer folgt uns. Immer sind wir in dem Licht und überall.

Und um uns herum ist es schummrig, halbdunkel. Menschen versuchen, ihren Weg zu finden. Fürchten eher, anderen Menschen zu begegnen, als dass sie sich darüber freuen würden. Wollen nur selber gut durch die Dunkelheit kommen. Menschen, Gruppen, Staaten, die nur auf ihren Weg achten. Vor Angst aggressiv. Die Ellbogen ausgefahren.

Und durch diese Szene bewegen sich: Menschen im Licht. Nachkommen Jakobs. Menschen also, die Gott als ihren guten und treuen Gott erlebt haben. Und die nun mitten in ihrer Welt stehen. Und nach oben sehen. Und die nach oben sprechen: Ok, Herr, ich bin bereit. Und dann schenkt der Herr Licht. Und es wird hell in diesen Menschen und um diese Menschen herum. Wo immer sie gehen und stehen.

Ein paar von ihnen haben das ganz forsch gesagt, mutig, entschlossen. Andere nachdenklich. Manche zögerlich und mit ein bisschen weichen Knien. Aber egal wie: das Licht geht an über ihnen und strahlt in sie und um sie herum. Und als Menschen im Licht gehen sie durch ihre schummrige Welt. Als Menschen im Licht gehen wir durch unsere Welt – und bleiben auch im Licht, wenn die um uns herum im Halbdunkel leben.

Manchmal höre ich nach einer Predigt. Werd‘ doch mal konkreter! Und ich denke dann und sage dann auch schon mal: Lass das Bild wirken, und dann wird dir schon selber klar werden, was das für dich bedeutet. Wenn ich hier konkreter werde, hörst du das vielleicht wieder nur als eine Forderung, ein Programm. Und sagst vielleicht: Kann ich nicht, will ich nicht.

Aber wenn Du nach jeder Tagesschau, nach jedem Rumsurfen von Nachricht zu Nachricht, nach jeder Push-Nachricht von Deinem Info-Portal über irgendeine finstere Sache in dieser Welt – wenn Du Dir dann dieses Bild ansiehst vom Frieden, der kommt, und von Dir, wie Du im Lichtkegel durch diese Welt gehst, dann wirst Du anders unterwegs sein.

Wie, wenn jetzt die Morgende kühler werden, die Tage aber noch warm sind. Wie man sich dann morgens für die Wärme anzieht und in Kauf nimmt, bis dahin noch ein bisschen zu frösteln. Weil wir wissen: die längste Zeit des Tages bin ich dann richtig angezogen.

Schaut auf dieses Bild vom Frieden. So wird es werden. Leben wir jetzt schon in dem Licht, dass der Herr uns schenkt! Amen.