Auf dass ankomme in unserem Leben, was wir glauben, damit nicht Leben fehle in der Welt (Trinitatis)

Liebe Gemeinde,

Sonntag Trinitatis. Alle Feste sind gefeiert, Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten – jetzt will gelebt werden, was wir gefeiert haben! Was ich glaube, soll in meinem Leben ankommen. Mit Hilfe dessen, der so mit uns mitgeht, wie es im Wochenspruch heißt:

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Diese Woche war es wieder mal, wie es manchmal bei mir ist. Ich komme mit meinen Gedanken nicht von einer Sache los und denke zugleich: Jetzt mach mal, du hast noch eine Predigt vorzubereiten! Bis mir dann aufgeht: Das bringt jetzt nichts, warum nimmst du nicht das, was dich beschäftigt, und versuchst, daraus was zu machen?

Also dann: Ist es nicht unfassbar, was da gerade in den USA passiert?

Die Videos mit Polizeigewalt gegen Schwarze sind nicht mehr zu zählen. Alle Statistiken bescheinigen Schwarzen schlechtere Lebensaussichten als Weißen. Und schwarze Eltern nehmen ihre Kinder irgendwann beiseite, um mit ihnen „The Talk“ zu führen, das Aufklärungs-Gespräch. Aber nicht über Bienchen und Blümchen, sondern darüber, wie man am besten reagiert, um nicht Opfer von Polizei-Gewalt zu werden.

Amerika – land of the free, Land der Freien, aber es sind nur ein paar frei, und die halten die anderen in Unfreiheit? Pursuit of happiness nur für die happy few, das Streben nach Glück nur für wenige Glückliche? Ist da wirklich im Leben angekommen, was sie von sich glauben? Und darauf, dass dieses Thema auch bei uns in Deutschland eines ist, sind wir ja in dieser Woche auch noch mal aufmerksam gemacht worden.

Und was hat das jetzt mit Trinitatis zu tun? Die Verbindung ist für mich die Frage: Wie kann das, was wir glauben, in unserem Alltag ankommen, auf dass mehr Leben sei in uns und durch uns um uns? Oder müssen wir noch mal gucken, ob wirklich in Bauch und Herz schon angekommen ist, was wir im Kopf meinen zu glauben?

Trinitatis ist das große Gottesfest. All die Feiertage seit Advent vollenden sich hier, all das, wie Gott sich uns offenbart hat, all das mündet in diesen Sonntag. Um von hier aus unseren Alltag zu durchtränken. Was das im Einzelnen heißt, das zu erkunden stehen uns die heuer 21 Sonntage nach Trinitatis zur Verfügung.

Der dreieine Gott: als der Schöpfer einer schönen und guten Welt, in der alle genug zu leben haben; als Jesus Christus, der Befreier, der uns aus unserer misstrauischen Angst befreit, es könnte nicht reichen für uns; als der heilige Geist, die Kraft Gottes in uns, die uns hilft, ein Leben in der Freiheit und für die Freiheit zu leben, die er schenkt.

Wer sich auf diesen Gott einlässt, der wünscht sich heute an Trinitatis: Was ich glaube, soll in meinem Leben ankommen. Natürlich: Wo das nicht geschieht, muss es nicht gleich solche brutalen Konsequenzen haben wie bei den USA, die nicht leben, was sie behaupten zu glauben. Aber eine Tragik wäre das auch bei uns, wenn nicht im Leben ankommt, was wir glauben.

Dass es im Leben ankommt, „die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes“ – darum geht es auch in einem der schönsten Bilder für die Trinität, das ich kenne: nämlich wie das Wasser auf die Felder kommt, ein altes Bild aus regenarmen Gebieten, und das Bild geht so:

dass da eine Quelle ist, aus der lebendiges Wasser sprudelt, und die Quelle ist Gott-Vater; dass da ein Fluss draus wird, der das Wasser in die Welt trägt, und der Fluss ist Jesus Christus; und dass von diesem Fluss kleine Gräben und Kanäle abgehen, die das Wasser zu den Menschen und auf die Felder bringen, und diese Gräben und Kanäle sind der heilige Geist. Der alte Kirchenvater Tertullian soll sich dieses Bild ausgedacht haben. Vielleicht hatte er den Nil vor Augen.

Aus der Quelle fließt die Liebe, der Fluss der Gnade bringt sie zu uns, die Kanäle des heiligen Geistes verteilen sie in jeden Winkel unseres Lebens, wo wir die Gemeinschaft mit Gott heilsam und verändernd erleben. Trinitatis: Was wir glauben, soll in unserem Leben ankommen.

Natürlich: kein Perfektionismus! Wenn wir die Liebe Gottes zu leben versuchen und dabei scheitern und Gott uns gnädig auf den Weg zurückliebt und wir fröhlich neu beginnen – dann ist ja auch in unserem Leben angekommen, was wir glauben.

Also und gerade weil es nicht um das perfekte Christenleben geht und gerade weil wir fröhlich aus der Gnade leben können, immer wieder, gerade deswegen können wir nun noch einmal hören: Was wir glauben, soll in unserem Leben ankommen. Wo das nicht geschieht, da fehlt Leben in dieser Welt. Meist nicht so drastisch wie jetzt in den USA. Dort fehlt jetzt das Leben von George Floyd. Und sein Leben ist nicht das erste, das aus diesem Grunde fehlt.

Wenn Leben fehlt. So weit ich weiß, hat niemand von uns bisher jemanden umgebracht. Aber im bescheidenen Rahmen unseres Lebens gilt das auch bei mir und bei dir: Wo ich als Christin, als Christ nicht lebe, was ich glaube, da fehlt Leben in der Welt. Es fehlt ewiges Leben. Es fehlt solidarisches Leben. Es fehlt getröstetes Leben. Es fehlt versöhntes Leben. All das eben, was Gottes Leben ausmacht.

Und wir können es auch noch mal mit dem Wochenspruch sagen: Immer dann, wenn ich mich der Gnade, der Liebe und der heilenden Gemeinschaft des dreieinen Gottes verweigere, dann fehlt Leben in der Welt.

Zum Beispiel: Wenn ich zu stolz bin, um zu sagen, ich bin ein Sünder, ich bin eine Sünderin, und denke, ich brauche die Gnade nicht; wenn ich zu verbittert bin, um die Liebe nicht zuzulassen; wenn ich zu selbstbezogen bin, um zu erkennen, dass mich die Gemeinschaft Gottes in die Gemeinschaft mit den anderen führen will – immer dann fehlt Leben in dieser Welt. Und dann kommt Gott mit uns nicht zum Ziel.

Kennst Du diesen Stolz, diese Verbitterung, diese Selbstbezogenheit in Dir? Dann wünsche ich dir ein heilsames Erschrecken darüber, dass Du der Welt das Leben vorenthalten hast, das aus Gott kommt! Und ich wünsche Dir die Sehnsucht danach, dass Jesu Gnade dich für die Liebe Gottes öffne. Und ich wünsche Dir die Erfahrung seiner heilenden Gemeinschaft im heiligen Geist!

Deine Welt braucht dich als Menschen, der lebt, was er glaubt. Der aus der Gnade und der Liebe und der Gemeinschaft lebt, die der dreieine Gott ihm schenkt. Sie braucht dich als Menschen, der unter den Menschen die Gnade lebt, die Liebe lebt, die Gemeinschaft lebt, all das, was ihn aus Gott, der Quelle, füllt und aus ihm hinausfließt.

Seien wir solche Menschen, damit es nicht an Leben fehle in der Welt! Lassen wir in unserem Leben ankommen, was wir glauben! Amen.