Auf dem Weg zur Vollendung 1: Werden wie Gott

Liebe Gemeinde,

ich lese Euch mal gleich die Worte vor, die ich heute mit Euch bedenken will. Es sind nicht die aus der Predigtordnung. Die lassen wir in dieser Passionszeit mal beiseite. Hört mal stattdessen aus dem ersten Johannesbrief:

Seht doch, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes – und wir sind es tatsächlich! Aber die Welt weiß nicht, wer wir sind, denn sie hat Gott nicht erkannt. Ihr Lieben, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir einmal sein werden, ist noch gar nicht sichtbar. Wir wissen jedoch: Wenn es sichtbar wird, werden wir Gott ähnlich sein. Denn dann werden wir ihn sehen, wie er wirklich ist. Und wer das voller Hoffnung von Gott erwartet, hält sein Leben rein so wie er [gemeint ist hier Jesus] rein ist.

Wir biegen jetzt immer mehr in die Passionszeit ein, in anderthalb Wochen ist Aschermittwoch. Man könnte jetzt also sagen: Es wird erst einmal alles schlimmer mit Jesus.

Und irgendwie würde das zu der Stimmung passen, in die ich leider manchmal gerade gerate. Seit der Ministerpräsidenten-Wahl in Thüringen. Wird es jetzt auch mit Deutschland erst einmal immer schlimmer?

Ihr wisst ja, dass ich das kleine Licht, das ich da draußen bin, trotzdem scheinen lassen will und mich wenigstens ab und zu bei Twitter oder Facebook beteilige. Immer wieder ist da etwas, wogegen man was sagen muss. Aber was ich unbefriedigend finde, das ist genau das: dass das oft nur gegen etwas ist. Selten mal für etwas. Dabei betonen Kommunikationsforscher ja zurecht, dass man damit auch immer die Themen seiner Gegner starkmacht, die man eigentlich kleinhalten will.

Deswegen will ich in dieser Passionszeit nicht nur bedenken, wie es immer schlimmer wird. Mit Jesus und mit dieser Welt. Sondern ich will viel mehr bedenken, wohin die Reise grundsätzlich geht. Und da sagt der Glaube: Alles wird gut!

Und es stimmt ja: Wir gedenken der Passion Jesu ja nur, weil es Ostern wurde. Und ich finde, das gilt für den ganzen Glauben: Wir glauben, weil uns mitten in unser Leben hinein Gutes geschenkt ist, und zwar nicht nur für hier und jetzt. Sondern letztlich für den Weg, den wir gehen. Und dieser Weg des Glaubens führt uns in Gottes Zukunft. Und Gottes Zukunft heißt: Vollendung!

Jesus ging durch das Leiden. Und am Ende stand der Tod – der Tod des Todes nämlich. „Tod, wo ist dein Stachel?“, stichelt Paulus. Und er jubelt: „Gott sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus!“ Uns, die wir auferstehen werden wie er.

Der Tod ist besiegt, und wo er uns noch packen will, da sind es bloß noch Rückzugsgefechte. Ernst genug oft noch, ja. Niederlagen, Scheitern, schuldig werden, Verluste, das kann alles noch reichlich wehtun. Aber sozusagen kriegsentscheidend ist das nicht. Es wartet auf uns die Vollendung in Gottes gute Welt hinein. Und diese Nachricht gewinnt ihre ganze Kraft, wo sie keine Vertröstung ist, sondern eine starke Hoffnung!

Aber ist es das, eine starke Hoffnung? Wir sind eine müde Gesellschaft geworden. Am besten wäre, es würde sich nicht so viel verändern. Und richtig in Wallung kommen wir meist nur, wenn wir uns über etwas aufregen oder uns gegen etwas zur Wehr setzen. Um danach wieder ins Sofa zu fallen. Aber mich für etwas begeistern, für irgend etwas Größeres? Wie denn? Mit welcher Kraft denn? Und wozu auch?

Hm, die Kirchen laden für die Fastenaktion in der Passionszeit in diesem Jahr zu „7 Wochen ohne Pessimismus“ ein. Können wir dafür eben schon mal kurz an Ostern denken? Den Gottesdienst am Ostersonntag? Den werden wir wieder mit diesem Osterruf beginnen: „Der Herr ist auferstanden!“ Und wer schon mal dabei war, weiß, die Gemeinde antwortet mit „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Und das ganze wird nicht leise gemurmelt. Sondern kraftvoll rufen wir es einander zu. Und am Ende auch in diese Welt hinaus.

Erinnert Ihr Euch noch an letztes Mal? Wie Ihr Euch dabei gefühlt habt? Könnt Ihr Euch vorstellen, wie Ihr Euch in zwei Monaten dabei fühlen werdet? Hoffentlich fröhlich und voller Energie! Und nicht, weil es Euch dann da zufällig auch mal gut geht. Sondern weil wir Ostern feiern. Den Sieg über den Tod und seine fiesen Stachel.

Da geht die Reise hin. Dass das Leben gefeiert wird. In der Vollendung, so wie Gott es wollte und will. Mit ihm zusammen. Und dem wollen wir nachgehen in dieser Reihe von Predigten in den nächsten Wochen. Wo geht die Reise hin? Wofür hat Christus den Tod besiegt? Für welches Leben? Und wie kann das eine Hoffnung werden, eine Kraft, das Leben nach vorne zu leben, hin zu dem, was uns erwartet?

Und ich frage auch: Was bedeutet das für uns als Gemeinde? Wir wählen in diesem Frühjahr eine neue Gemeindeleitung. Wozu? Auf welche Reise soll sie uns mitnehmen? Wen wollen wir dann da drin haben? Und Du, welches Ziel würde Dich reizen, mit einzusteigen?

Wo geht die Reise hin? Hören wir jetzt noch einmal die Worte aus dem 1. Johannesbrief:

Seht doch, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes – und wir sind es tatsächlich! Aber die Welt weiß nicht, wer wir sind, denn sie hat Gott nicht erkannt. Ihr Lieben, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir einmal sein werden, ist noch gar nicht sichtbar. Wir wissen jedoch: Wenn es sichtbar wird, werden wir Gott ähnlich sein. Denn dann werden wir ihn sehen, wie er wirklich ist. Und wer das voller Hoffnung von Gott erwartet, hält sein Leben rein so wie Gott rein ist.

Drei Gedanken dazu: Womit geht die Reise los? Wo geht die Reise hin? Und was führt uns dahin? Und um die Antworten gleich schon mal vorwegzunehmen: Alles beginnt damit, dass wir Kinder Gottes geworden sind. Alles vollendet sich darin, dass wir Gott sehen und dadurch werden wie er. Und dahin gelangen wir mit der Hoffnung, mit der wir uns unterwegs an Jesus ausrichten. Alles klar? Noch nicht? Ein bisschen kommt ja auch noch!

Das erste also: Die Reise beginnt damit, dass wir Kinder Gottes geworden sind. Wir heißen so, sagt Johannes, und wir sind es auch! Das heißt: einander können wir es uns zusagen und selber dürfen wir es glauben. Diese Bestätigung scheinen wir auch immer wieder mal nötig zu haben, meint Johannes. Oder betrifft es nur seine Leser, aber nicht uns? Weil die vielleicht neu im Glauben waren und viele von uns nicht?

Aber könnten wir es uns nicht auch noch mal sagen lassen? Gerade wenn wir schon länger dabei sind? Und vielleicht das Besondere daran nicht mehr so spüren, dass wir Kinder Gottes heißen – und es auch sind?

Kinder Gottes sind wir. Das ist ja noch mal etwas anderes als Geschöpfe Gottes. Jeder Mensch ist Geschöpf Gottes. Kind Gottes ist, wer Gott seinen Vater nennt. Das tut nicht jedes Geschöpf Gottes. Geliebt sind beide. Ja, jedes Geschöpf liebt Gott und hofft, dass es deswegen sein Kind werden möchte. Dass es in Gott seinen Vater erkennt. Dass es nicht mehr von Gottes Seite weichen möchte. So wie wir das vorhin in unserer kleinen Lesung gehört haben.

Gebadet hat der Junge da in der Geschichte, und er hat gemerkt: Gott kann ich mich anvertrauen. Ein Bild ist das für die Taufe. Als Jesus getauft wurde, hörte er Gott sagen: „Du bist mein geliebter Sohn.“ Für Jesus war es eine Bestätigung. Für uns bei unserer Taufe ist es so etwas wie eine Adoption. „Du bist jetzt meine Tochter, mein Sohn“, sagt uns Gott. Wir antworten darauf mit den Worten von Paulus: „Abba, lieber Vater!“

Und gut, wenn sich das für uns wie ein Nachhausekommen angefühlt hat. Wie beim verlorenen Sohn und seinem Vater, der ihn glücklich in die Arme schließt. Gut, wenn es sich immer wieder wie Zuhause anfühlt, wenn wir uns Gott nahefühlen, in einem Gottesdienst vielleicht, oder wenn wir beten. Gut, wenn wir Jesus zu uns sagen hören, wie er zu seinen Jüngern gesagt hat: „Willkommen zurück, ruht ein wenig!“

Und ich weiß gar nicht, ob ich jetzt mit einem Aber weitermachen soll. Vielleicht besser mit einem „und dann“? Gottes adopierte Kinder werden, das heißt ja auch: ein neues Zuhause bekommen. Neue Verwandtschaft sowieso, meine Schwestern und Brüder hier. Und nicht nur hier, sondern überall und in allen Zeiten.

Ein neues Zuhause bei Gott. Und dann entdecke ich: das Zuhause hier ist erst noch ein Zelt. Zum eigentlichen Ziel, zum eigentlichen Zuhause bin ich immer noch unterwegs. Vielleicht können wir es uns so denken: Wenn ich aus dem Taufwasser komme, nimmt mich Jesus in Empfang und übergibt mir die Adoptionsurkunde. Mein Taufschein ist meine Adoptionsurkunde. Und dann nimmt Jesus mich an die Hand und sagt: Komm, gehen wir nach Hause!

Gottes Kind werden – das allein ist also noch nicht das Ziel. Gottes Kind werden, das ist in mancher Hinsicht sogar erst der Anfang. Ja, ich bin nun der, der zu werden sich Gott in seiner Liebe für mich gewünscht hat. Sein Kind. Und nun geht es nach Hause.

Das ist also das erste: Gottes Kind bin ich geworden. Und nun das zweite: Am Ende, zuhause bei ihm, werde ich wie Gott. Einfach dadurch, dass ich sehe, wie er mich ansieht.

Wie sein Vater werden. Das ist jetzt natürlich ein bisschen zwiespältig. Wie man das findet, das kommt ein bisschen drauf an, wie man seinen Vater findet, oder? Als kleines Kind, da macht man seinen Eltern alles nach. Und prägt sich unbewusst alles ein. Auf dem Weg durchs Leben wehrt man sich dann dagegen, will selber jemand werden. Und wenn man selber alt wird, merkt man, dass manches von den Eltern überlebt hat in einem und sich wieder meldet. Wie man spricht manchmal, wie man sich bewegt. Um mal was ganz Harmloses zu sagen.

Gott haben wir am Anfang nicht so gesehen, so unbewusst. Wir wurden ja erst später adoptiert. Dass wir ähnlich werden wie er, das fängt mit unserer Taufe erst an. Und wenn wir unseren Gott-Vater lieben, dann ist das auch unser Wunsch: zu werden wie er.

Und dahin geht die Reise: dass wir in sein Bild verwandelt werden; dass sich verwandelt, was jetzt noch alte Herkunft ist, Herkunft aus einer Welt, die zwar Gottes Welt ist, die das aber nicht sein wollte und es dann vergessen hat.

Werden wie er, das meint vor allem: ihm so nahe sein können, wie es hier und jetzt noch nicht möglich ist. Für die orthodoxe Kirche ist das wichtig in ihrer Theologie. Nicht nur freigesprochen werden soll man da von aller Schuld, sondern werden wie er.

Ihn sehen, werden wie er. Von ihm angesehen werden und allein durch seinen liebenden Blick von allem gereinigt werden, was in mir nicht ist wie er. Um ihm so nahe zu sein, wie es hier noch nicht möglich ist.

Alle Bilder der Vollendung, die wir in der Bibel finden, laufen daraus hinaus: dass diese Welt wird wie er es wollte und will; dass in dieser neuen Welt wir werden wie er. Dafür hat Jesus am Kreuz alles auf sich gezogen, was uns von Gott trennt. Dafür hat er es in der Auferstehung überwunden. Dafür ist er uns vorangegangen in die Einheit mit dem Vater.

Und dafür hat er uns seinen Geist dagelassen, der auch uns dahin führen soll. Und das ist das dritte: Die Hoffnung, sagt Johannes, ist die Kraft, die uns dorthin führt. Die Hoffnung, mit der wir Jesus hier schon nachfolgen, „rein werden wie er“, sagt Johannes. Die Hoffnung, die uns hier schon leben lässt, wie es Gott angemessen ist. Wie es den Bildern entspricht, die er uns für die Vollendung malt. Den Bildern vom überwundenen Tod, in die hineinzuleben wir uns an den nächsten Sonntagen einladen lassen können. In die hineinzuleben wir den Geist bitten können, dass er uns dabei führt und hilft.

Es wird immer schlimmer? Vielleicht auch erst einmal. Ich habe keine Kraft für große Gedanken? Das mag auch sein. Aber die Kraft der Auferstehung wirkt schon jetzt in uns, heißt es an anderer Stelle in der Bibel. Als Einzelne und als Gemeinde: Lassen wir uns locken von den Bildern der Vollendung! Bitten wir um die kraftvolle Hoffnung, in sie hineinzuleben! Amen.