Auf dem Weg zur Vollendung 2: Leben im Sabbatismus

Liebe Gemeinde,

in unserer Reihe bis Ostern sind wir auf der Suche nach dem, was uns verheißen ist. Wir sind auf der Suche nach dem, wohinein sich alles vollenden wird. Wohinein Gott diese Welt verwandeln wird.

Wir suchen danach am Ende einer Woche, in der wir stattdessen ahnen, was uns in nächster Zeit blühen könnte. Rechtsextremer Terror, inspiriert und befeuert von seinen politischen Vertretern, denen der Bürgerkrieg gerade recht käme. Da ist alles, was wir anderen an Zukunft suchen, schnell ganz einfach: einfach nur Ruhe wäre toll.

Und trotzdem und gerade jetzt wollen wir hier weitersuchen, nach dem, was Gott sich für uns als Zukunft gedacht hat. Wir suchen danach, um uns darauf vorzufreuen. Wir suchen danach, um unser Leben jetzt schon darauf auszurichten. Wir wünschen uns, zu dem zu passen, was kommt. Als Einzelne und auch als Gemeinde. Oder um es wie Jesus in den Seligpreisungen zu sagen: „Selig seid ihr, wenn ihr jetzt schon lebt, was einmal sein wird.“

Wir suchen nach dem, wohin Gott diese Welt und unser Leben vollenden wird. Wir tun das mit Hoffnung, seitdem wir wissen, dass Jesus den Weg dahin freigemacht hat. Das hat er getan, als er in Kreuz und Auferstehung den Tod und seine Helfershelfer, die Angst, den Hass, die Gleichgültigkeit überwand. Und nun ist der Weg frei, um Gott zu vertrauen. Und sich von ihm an die Hand nehmen zu lassen in seine Zukunft für uns.

Und das Bild von Gottes Zukunft für uns, das wir uns heute ansehen wollen, das heißt „Sabbatismus“. Ein Leben im großen Sabbat am Ende Zeiten. Klingt verheißungsvoll? Ist das die Ruhe, die wir einfach nur wollen? Hören wir uns das mal an. Ich lese aus dem Hebräerbrief, dem vierten Kapitel.

Es bleibt also dabei: Die endgültige Sabbatruhe steht für das Volk Gottes noch aus. Denn wer in den Ort der Ruhe Gottes eingezogen ist, der ruht sich aus von seinen Werken – so wie Gott selbst es von seinen eignen Werken getan hat. Wir wollen uns also anstrengen, in jenen Ort der Ruhe einzuziehen. Denn niemand soll wie in dem Beispiel von damals zu Fall kommen, weil er ungehorsam war.

Ja, ok, da ist jetzt auch von Anstrengung die Rede. Es bleibt ja auch ein Weg, den wir noch zu gehen haben. Aber trotzdem gilt auch für diesen Weg: das Ziel bestimmt schon mit, wie wir den Weg gehen. Das ist ja der Hauptgedanke dieser ganzen Predigtreihe. Dass wir vom Ziel her denken. Und uns von daher den Weg ansehen. Und ihn gehen.

Also erst einmal: Von welchem Ziel spricht der Hebräerbrief hier? Wir haben übersetzt gehört: „die endgültige Sabbatruhe“ wartet auf uns. Im griechischen Original heißt das tatsächlich: der sabbatismós, also der Sabbatismus.

Sabbatismus. Klar, wir sind inzwischen auch ein wenig skeptisch gegenüber den verschiedenen Ismen. Der Kapitalismus hat im Wesentlichen nichts zu bieten als Leistung und Konsum. Der Kommunismus verlangt vom Menschen mehr, als er geben kann, und kann es nur erzwingen. Mit dem Sabbatismus aber wird Gott uns am Ende beschenken.

Der Sabbatismus. Der zum Prinzip erhobene Sabbat. Der siebte Tag der Schöpfung. Wenn alles getan ist. Wenn Gott uns empfängt und sagt: „Ruht nun nicht nur ein wenig, sondern diese Feier wird kein Ende haben.“ Kein Ruhetag zwischendurch, kein Urlaub, sondern eher so etwas wie Ruhestand. Nur ohne Langeweile und Zipperlein und ohne die Angst, nicht mehr gebraucht zu werden.

Ein Leben im Sabbatismus. Nichts muss mehr getan werden, gefeiert wird, was getan ist. Hier tanzen welche, da sitzen welche, dort schlendern welche. Auf dem See lassen sich welche im Boot treiben, Kinder spielen auf der grünen Wiese, und es nicht zu heiß, nicht zu kalt.

Unterschiede zählen nicht mehr, bunt ist die Gesellschaft, neugierig befragen wir einander. Keiner ist mehr erschöpft von seinem Alltag, denn den Alltag, den gibt es nicht mehr.

Milch und Honig fließen, Trauben machen satt, so groß und saftig und süß sind sie. Und abends ziehen wir in die Stadt zurück, wo Musik und Theater auf uns warten, für die keiner proben musste, denn das Schöne fließt dankbar einfach so aus uns heraus.

Und Gott wird da sein, einfach so, ohne Zweifel.

Leben im Sabbatismus – ein großer Gottesdienst. Das Werk ist getan, das Ziel ist erreicht. Keine Etappe mehr nur wie jeder Gottesdienst, den wir auf dem Weg feiern, alle 7 Tage. In dem wir wissen und hoffentlich erleben: das Werk ist getan, für diese Woche, ein bisschen ruhen, Gott begegnen, die Gemeinschaft seiner Kinder genießen in der Gegenwart seines Geistes, der uns verbindet.

Und dann geht es wieder weiter. Und weiter heißt jetzt auch: näher hin zu dem großen Ziel, nicht dem nächsten Sabbat, sondern dem großen Sabbatismus am Ende der Zeit, meiner eigenen, oder der Zeiten für alle.

Freuen wir uns darauf? Auf den großen Sabbatismus? Wobei: Freuen wir uns überhaupt auf etwas, was die großen Geschichten der Bibel und die großen Bilder des Glaubens angeht? Und ich sage das gar nicht anklagend.

Dazu hätte ich gar nicht das Recht. Mein Alltag besteht ja viel mehr aus Glaubenssachen als Eurer. Ich bin Pastor, es wäre komisch, wenn das anders wäre. Aber ist der Umkehrschluss auch richtig? Dass man Pastor sein muss oder Pastorin, um von den Bildern des Glaubens begeistert zu sein? Dass sie eine Freude auslösen, die das Leben prägt? Was braucht es denn, um von den Bildern des Glaubens begeistert zu sein? Viel Zeit zum Meditieren und wenig Stress?

Mal abgesehen davon, ob ich meinen Alltag so korrekt beschrieben finde, viel meditieren und wenig Stress – ich glaube, dass für jeden Gottes Zusage gilt: „Wenn ihr mich sucht, will ich mich finden lassen.“ Egal, wieviel Zeit du für was hast und was dich sonst noch so beschäftigt. Ein- und Ausatmen und dabei Jesus Christus denken, das geht immer. Und dann ist er da und bestimmt dein Lebensgefühl in dem Augenblick. Und du lässt ihn bestimmen, worüber du dich freust und wie du der Welt begegnest.

Das ist gar nicht viel, das kann man immer machen. Selbst den kleinen Leerlauf zwischendrin kann man so nutzen: bei Rot an der Ampel stehen, warten, bis der Patient vom Klo kommt, in den Sekunden, bevor man zum Chef hereingerufen wird, auf dem Weg in die große Pause. Man muss sich nur daran erinnern. Einatmen, ausatmen, Jesus Christus. Und je öfter es uns eingefallen ist, desto öfter wird es uns wieder einfallen.

Jesus Christus atmen. Mich verbinden mit dem, der auf dem Weg bei mir ist. Ihn in meinen Alltag einladen. Dass meine kleine Welt geöffnet werde für seine große. Und ich überhaupt merke: das hier ist nicht alles, sondern ich bin ja auf einem Weg. Auf dem Weg wohin? Auf dem Weg in den großen Sabbatismus.

Der Hebräerbrief sagt: Wir sind das wandernde Gottesvolk, wir haben ein Ziel und wir sind dahin unterwegs. Und er sagt damit zugleich auch: Achtet auf euch auf dem Weg! Und er meint damit: Achtet auf euren Glauben! Achtet darauf, an Gott dranzubleiben! Er sagt:

Wir wollen uns also anstrengen, in jenen Ort der Ruhe einzuziehen. Denn niemand soll wie in dem Beispiel von damals zu Fall kommen, weil er ungehorsam war.

In dem Beispiel von damals – in welchem Beispiel? Wir haben das vorhin nicht mitgelesen. Aber der Hebräerbriefschreiber hat seine Bibel gelesen und darin entdeckt:

wie die, die aus der Sklaverei in Ägypten geflohen waren, nicht die waren, die im Gelobten Land ankamen; wie sie angefangen hatten, Gott auf dem Weg zu misstrauen und wie der Weg dann zu lang wurde für sie. Und selbst wenn wir den Gedanken nicht mögen, dass es Gottes Strafe war, dass sie nicht ankamen, können wir doch trotzdem sagen: Misstrauenu verbaut Wege.

Wir aber, lasst uns Gott vertrauen, dass er ein Ziel für uns hat. Und lasst uns Gott vertrauen, dass er auf dem Weg bei uns ist. So lernen wir uns sehen, wie Gott uns sieht: als das wandernde Gottesvolk. Für das es entscheidend ist, dass es an seinem Gott dranbleibt. Dass es sich erfüllen lässt von ihm wie von der Luft beim Ein- und Ausatmen.

Wie lebt eine Gemeinde im Sabbatismus, eine Gemeinde, die die weiß: am Ende wartet der große Sabbat auf uns, und bis dahin sind wir auch dem Weg?

Eine Gemeinde im Sabbatismus, auf dem Weg erst noch zur großen Feier und Ruhe, die weiß: die Gemeinde ist nicht das Ziel. Wo immer wir uns treffen, führen uns bloß unsere Alltagswege für einen Augenblick zusammen, um uns zu stärken für die nächste Strecke. Und zwar uns zu stärken im Glauben. Und im Glauben stärken, das heißt: dass wir unterwegs nicht aufhören darauf zu vertrauen, dass Gott da ist; dass wir deswegen unterwegs nicht aufhören zu lieben in seinem Namen; dass wir, weil wir Gott vertrauen, widerstehen, wo Misstrauen zwischen Menschen gesät wird.

Ja, hoffentlich mögen wir uns hier auch. Aber wo wir nur deswegen zusammenkommen, weil wir uns mögen, sind wir noch nicht Gemeinde Gottes. Wo wir dagegen aus einer Veranstaltung oder einer Begegnung herauskommen und sagen: „Danke, Gott, jetzt kann ich die nächste Etappe wieder besser glauben, hoffen, lieben“, da haben wir offensichtlich dem Geist Gottes Raum gegeben, genau das in uns zu bewirken.

Und dafür, glaube ich, dass es für uns an der Zeit ist, neu zu entdecken, wie es ist, gemeinsam zu beten. Gemeinsam mit Gott zusammen sein und zu erleben, wie er es ist, der uns verbindet und gemeinsam stärkt. Und wie es derselbe Weg ist, den wir alle gehen, nämlich auf dasselbe Ziel hin, auch wenn wir dann zwischendurch wieder ohne die anderen unterwegs sind.

Und ich bin überzeugt: Wir brauchen das Gebet als eine bewegende Begegnung mit Gott in der nächsten Zeit nötiger als lange in der letzten Zeit. Glaube, Hoffnung, Liebe – sie werden herausgefordert werden in der Zeit, die vor uns liegt.

Neben dem, was uns immer so herausfordert, muss man kein Prophet sein, um zu sagen: Im nächsten Jahr werden wir fünf, vielleicht sechs Landtagswahlen und eine Bundestagswahl vor uns haben. Rechtsaußen wird provozieren und eskalieren und zugleich sich als die Lösung präsentieren. Wir werden all unsere geistlichen Sinne beieinanderhaben müssen, um an unserem Glauben, unserer Hoffnung, unserer Liebe dranzubleiben. Oder eben anders gesagt: auf dem Weg zu bleiben.

Ja, manchmal wünscht man sich: kann nicht einfach wieder Ruhe sein, so wie früher? Aber das wird es wohl nicht. Wie wunderbar deswegen, diese Verheißung zu haben: Wir werden einziehen in die Ruhe Gottes und der Sabbat wird kein Ende haben. Bis dahin aber sind wir auf dem Weg. Bis dahin bleibt unser Glaube herausgefordert. Bis dahin wollen wir Gemeinde des Sabbatismus sein, die sich gegenseitig den Glauben und die Hoffnung und die Liebe stärkt. Amen.