Auf dem Weg zur Vollendung 3: Frieden und Feigen

Liebe Gemeinde,

diese Predigt für den heutigen Sonntag war schon fertig. Einmal noch wollten wir miteinander Gottesdienst feiern und dann bis auf weiteres alle Gemeindeveranstaltungen absagen. Dann kam die Nachricht: Alle Versammlungen jetzt schon ab 50 Personen sind verboten. Auch diesen Gottesdienst mussten wir also absagen.

Krise heißt übersetzt Entscheidung. Zeiten der Krise sind Zeiten der Entscheidung. Jeden Tag gilt es sich in einer Krise zu entscheiden: für oder gegen die Hoffnung. Und damit meine Hoffnung eine Hoffnung für alle ist, zugleich: für oder gegen die Liebe.

Deswegen diese Predigt hier gerade jetzt. Hört hinein in euch, in welche Ängste sie spricht; und in welche Versuchungen jetzt, Euch selbst die Nächsten zu sein:

„Auf dem Weg zur Vollendung“ heißt unsere kleine Reihe in dieser Passionszeit. Schlechte Nachrichten hören wir viele, gute selten. Aber wohin geht die Reise wirklich? Die Bibel hat dafür viele Bilder. Es sind Bilder, die uns in die Zukunft Gottes locken wollen. Bilder der Vollendung.

Es sind Bilder, die uns auf eine Reise schicken wollen. Eine innere Reise der Vorfreude auf jeden Fall. Aber auch eine äußere Reise? Soll die Zukunft Gottes schon die Gegenwart der Gläubigen sein? Müssen wir vielleicht gar nicht mehr warten? Oder nur klären, worauf?

An Ostern, glauben Christen, hat Gott Jesus aus dem Tode auferweckt. Das war die Nacht, in der der Tod seine Macht verloren hat. Und die Nacht ihren Schrecken. Natürlich, die Angst ist auch noch da und gehört zu dieser Welt. Aber siehe, sagt Jesus, ich habe die Welt überwunden. So zitiert ihn Johannes in seinem Evangelium. Und bei Johannes redet Jesus immer schon so, als wäre er bereits auferstanden.

Wohin geht die Reise – für uns also wirklich? Schlechte Nachrichten gibt es genug, wir hören heute gute. Evangelium heißt gute Nachricht. Heute kommt sie vom Propheten Micha. In seinem vierten Kapitel sagt er:

Es kommt eine Zeit, da wird der Berg, auf dem der Tempel des Herrn steht, alle anderen Berge überragen. Die Völker strömen zu ihm hin. Überall wird man zueinander sagen: „Kommt, wir gehen auf den Berg des Herrn, zu dem Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt! Er soll uns lehren, was recht ist; was er sagt, wollen wir tun!“ Denn vom Zionsberg in Jerusalem wird der Herr sein Wort ausgehen lassen. Er weist mächtige Völker zurecht und schlichtet ihren Streit. Dann schmieden sie aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus den Spitzen ihrer Speere Winzermesser. Kein Volk wird mehr das andere angreifen, und keiner lernt mehr das Kriegshandwerk. Jeder wird in Frieden zwischen seinen Feigenbäumen und Weinstöcken wohnen, keiner braucht sich mehr zu fürchten, der Herr der ganzen Welt hat es gesagt.

Jetzt allerdings gehorcht noch jedes Volk seinem eigenen Gott. Aber wir Israeliten folgen dem Herrn als unserem Gott, und dabei bleibt es für alle Zukunft.

Und das ist natürlich eine steile These: Anders als alle anderen folgen wir jetzt schon unserem Gott. Und das heißt ja: Wir tun jetzt schon, was er will. Und das heißt ja: Wenn er seinen Willen nicht noch groß ändert, bis jene Zeit kommt, wenn er sich also treu bleibt, dann müsste das, was er dann will, dasselbe sein, was er jetzt will. Und dann müssten doch wir eigentlich schon jetzt das tun, was dann alle tun werden nach seinem Willen: Schwerter in Pflugscharen umschmieden und Speerspitzen zu Winzermessern, und keiner wird mehr aus seinem Weingarten und unter seinem Feigenbaum wegvertrieben.

Wenn die das so gelebt hätten, dann wäre das genau das, was ich immer sage: eine Hoffnung ist nur dann eine Hoffnung, wenn sie hilft, jetzt schon das zu leben, was sie hofft. Eine Hoffnung ist nur dann keine Vertröstung, sondern eine Hoffnung, wenn sie hilft, zur Vorhut der neuen Zeit zu werden. Oder um Vorhut französisch zu sagen: zur Avantgarde zu werden. Hoffnung macht avantgardistisch.

Dass man sich sagt: Wenn ihr wissen wollt, wie wir morgen leben, dann geht in eine Kirche! Das neue Futurium in Berlin? Gut und schön, aber nichts gegen eine christliche Gemeinde!

Und um es heute konkret mit Micha zu sagen: Speerspitzen zu Winzermessern, in der Gemeinde, da wird abgerüstet, verbal und sonstwie. In der Gemeinde, da freut sich einer am Glück des anderen. Von unter ihren Feigenbäumen winken sie sich fröhlich zu und machen gemeinsame Spaziergänge zwischen ihren Weinstöcken. Und dann hören vielleicht auch die Nölereien auf, die wir auch unter uns immer wieder mal haben. Und dann können wir vielleicht aber auch offener streiten, als wir das manchmal tun.

Abrüsten, verbal und sonstwie, und einander Feigenbaum und Weinstock gönnen, sich am Glück des anderen freuen. Gemeinde, die so lebt, lebt als Gemeinde, die ihrem Gott folgt. Als avantgardistische Gemeinde. Mit Nachfolgerinnen und Nachfolgern Christi, die die Auferstehungskraft in sich spüren und staunen: Mein Todestrieb wird schwächer und die Nacht in mir heller! Frieden und Feigen für alle!

Avantgardistische Gemeinde. Gemeinde, die weiß, wo die Reise hingeht. Und wie wird man eine solche Gemeinde? Wie werde ich so ein Mensch? Wie werde ich so eine Christin, so ein Christ?

Jede geistliche Reise, auch in die Zukunft, beginnt mit einem Blick in die Bibel, beginnt mit Gebet, beginnt mit betendem Bibellesen. Wobei lesen ein bisschen dürr beschreibt, was da passieren sollte. Denn es geht nicht nur ums Lesen, sondern es geht um ein Lesen, das mir Bilder in den Kopf setzt. Bilder, die ich einfach nicht mehr aus dem Kopf kriege.

Bibellesen, das heißt: Ich will selbst entscheiden, welche Bilder sich in meinem Kopf festsetzen. Und je mehr wir über Bilder geprägt werden, desto wichtiger ist das. Schreckensbilder kriegen wir ungefragt serviert.

Und die Psychologie sagt uns: Ein Bild bedeutet Nähe. Da sind wir evolutionsbiologisch noch nicht weiter als vor Tausenden von Jahren. Das ist noch so wie in der Zeit vor der Technik. Was wir sehen, ist nahe. Sonst könnten wir es ja nicht sehen.

Schon, wenn man sagt, man hat etwas am Fernsehen live miterlebt, dann drückt man das genau aus. Man steht nicht selber an der Grenze zwischen Griechenland und der Türkei. Man erlebt da nichts. Und doch ist einem bei dem, was man sieht in den Bildern so unwohl als wäre man dabei. Wegen der Bilder eben. Meine Augen sagen mir dann: Achtung, hier musst du reagieren!

Und in einer globalisierten Welt macht das ja auch Sinn. Denn wir sind ja mit allen verbunden. Am Dienstag in den Tischgesprächen haben wir gesehen, wie die Jeans, die ich trage, um die halbe Welt gereist ist, bis sie bei mir landet. Deswegen können wir die Augen nicht verschließen, was da an den einzelnen Stationen passiert.

Bilder bedeuten Nähe. Und die meisten Bilder fragen dich nicht um Erlaubnis, ob sie dir nahekommen dürfen. Deswegen ist es für deinen Glauben und für deine Nachfolge unendlich wichtig, welchen Bildern aus der Bibel du dich ganz bewusst aussetzt.

Damit andere Bilder deine Gedanken inspirieren. Zum Beispiel eben nicht nur Bilder von deutschen Handfeuerwaffen, die in nie dagewesener Zahl in die ganze Welt exportiert werden. Sondern Bilder von Gewehrläufen, die zu Wasserleitungen werden. Oder zum Beispiel nicht die von Menschen, die sich beiseiteschubsen, wenn das Kaufhaus beim Black Friday öffnet. Sondern Bilder von Menschen, die langsam und wenig, dafür aber teurer kaufen, damit auch die Näherin in Bangladesch unter ihrem Feigenbaum ausruhen kann. Und nicht nur Bilder von rabiaten Hamsterkäufen in Zeiten befürchteter Engpässe. Sondern Bilder von Menschen, die sich an den Regalen absprechen, damit alle genug haben.

Diese Bilder stehen jetzt nicht bei Micha. Aber das passiert, wenn wir beim Bibellesen die Bilder der Bibel wieder und wieder betrachten. Sie fangen an, in uns zu leben. Der Heilige Geist macht sie in mir lebendig. Ich werde kreativ. Weil der Schöpfergeist in mir kreativ wird, also übersetzt: schöpferisch wird.

Und schöpferisch sein, das heißt: zusammenbringen, was bisher nicht zusammen war. Zum Beispiel die Waffenindustrie und den Glauben. Zum Beispiel die Kleidungsindustrie und den Glauben. Den Heiligen Geist und wieder noch einen weiteren Bereich meines Lebens. Damit die Bilder der Vollendung unter denen leben, von denen es bei Micha heißt:

Jetzt gehorcht noch jedes Volk seinem eigenen Gott. Wir aber folgen jetzt schon dem Herrn als unserem Gott.

Dass wir selber leben, was wir hoffen, das ist übrigens auch für eine andere Frage wichtig: Wir haben uns in der Vorbereitung gefragt, ist das nicht auch ein bisschen imperialistisch, dass das eigene Volk zum Mittelpunkt der Erde werden soll? Dass sich alle Völker am eigenen Volk ausrichten sollen? Jerusalem auf dem höchsten Berg, und alle kommen herzu?

Man kann das natürlich historisch und psychologisch beantworten: das unscheinbarste Volk, andauernd überrannt und herumgeschubst, Verhandlungsmasse, das erträumt sich den Ausgleich in eine ferne Zukunft.  Aber das sollen sie ruhig tun! Denn sie sagen ja drei Sachen:

Erstens: Unser Gott wird den Frieden stiften, den alle anderen nicht wollten oder hinbekommen haben! Er wird die Gerechtigkeit schaffen, von der alle anderen werden eingestehen müssen, dass sie sie nicht geschafft haben.

Zweitens: Dieser unser Gott wird nicht selber zu einem Eroberungszug ausziehen, um Rohstoffe zu klauen, Absatzmärkte zu überschwemmen und seinen Lebensstil durchzusetzen. Sondern die Völker werden selber kommen, weil das Leben, für das unser Gott steht, so attraktiv ist.

Und drittens: Das kleine Volk, das Großes vor sich sieht, versucht jetzt schon so zu leben, wie es dann mal für alle sein wird. Keine Rache, kein Triumph, sondern Frieden und Feigen für alle, weil ihr Gott das so will. Und wenn das dann für alle so werden sollte, würde ich sagen, wäre das keine Bevormundung, sondern die Rettung.

So könnten wir auch beides zusammenhalten, was sonst so oft auseinanderfällt: Überlass die Rettung der Welt Gott und lebe selber so, dass du zu Gottes Zukunft jetzt schon passt.

Überlass die Rettung der Welt Gott – denn wenn du sie selber retten willst, wirst du leicht so totalitär wie das, was du bekämpfst.

Lebe selber so, dass du zu Gottes Zukunft jetzt schon passt – denn wenn du das nicht tust und die Rettung der Welt einfach nur Gott überlässt, bist du da nicht bloß bequem oder als gutsituierter Mitteleuropäer vielleicht sogar zynisch?

Wir aber wollen weder totalitär noch zynisch werden. Deswegen halten wir beides zusammen: Wir überlassen die Rettung der Welt Gott und leben selber so, dass wir zu Gottes Zukunft jetzt schon passen.

Und das heißt jetzt was noch mal, wenn wir auf Micha hören? Dann rüsten wir ab und gönnen anderen das Glück. Wir fahren die Ellbogen ein und freuen uns mit, wenn es anderen gut geht. Wir wollen andere durch unseren Lebensstil nicht aus dem Schatten ihres Feigenbaums vertreiben und so streiten lernen, dass niemand verletzt wird, sondern danach der Wein für alle noch schöner fließt. Und Zeugen für die Zukunft Gottes wollen wir sein, wenn wir die Welt immer wieder darauf hinweisen, dass wir Krieg und Ungerechtigkeit nicht länger ertragen.

Dafür wollen wir uns immer wieder dieses Bild der Vollendung ansehen, wollen es nicht mehr aus dem Kopf kriegen. Wie wir uns fröhlich zuwinken von unter unserem Feigenbaum und gemeinsam lange Spaziergänge machen zwischen unseren Weinstöcken.

Und vielleicht erleben wir es ja sogar schon immer wieder – hier in unserem Gottesdienst. In dieser Zeit, die sich öffnet für die Ewigkeit. Wenn wir singen und beten und hier mit unserem Gott wohnen in seinem Haus. Wenn er hier die großen Blätter des Feigenbaums über uns wachsen lässt und im Abendmahl wir den Kelch kreisen lassen.

Weil nämlich jeder Gottesdienst auch ein Ostermorgen ist, der Tod ist besiegt, die Nacht hat ihren Schrecken verloren, Gottes Zukunft hat begonnen. Amen.