Auf der anderen Seite! OK, sieht jemand den Dornbusch?

Liebe Gemeinde,

letzter Sonntag nach Epiphanias, der Glanz von Weihnachten verlöscht nun wieder ganz. Lichterketten werden weggeräumt, unser Engels-Orchester zuhause verschwindet wieder im Karton und wandert in den Keller zu den anderen Weihnachtssachen. Vielleicht bleibt noch ein kleines Lächeln in der Erinnerung an diese gemütliche Zeit, an schöne Begegnungen, besondere Stimmungen. Aber dieses Nachlächeln wird seltener, je länger Weihnachten zurückliegt.

Epiphanias: glanzvolle Erscheinung. Wie die, die die Jünger in der Lesung miterleben durften [die Verklärung Jesu, Matthäus 17]. Und nicht ganz untypisch: sie fand auf einem Berg statt. Epiphanias: eine Bergerfahrung. Mühsamer Aufstieg, grandiose Aussicht, Erfahrung von Glück und Gelingen. Und dann wieder runter in die Ebene. Und den Glanz mitnehmen in den Alltag. Und dort weiterleuchten lassen.

Unsere drei Jünger hier in der Lesung machten auch die Erfahrung, die jeder in den Bergen macht: Runter geht’s immer. Die Frage ist nur, wie. Was hat verhindert, dass es bei den dreien aus der Lesung eben kein abrupter Absturz wurde? Vielleicht die Verheißung Jesu: Diese Erfahrung wird für euch noch mal wichtig werden? Dann, wenn es in der Herausforderung drauf ankommt?

Wir haben als Gemeinde vor zwei Wochen mit dem Fernseh-Gottesdienst eine Berg-Erfahrung gemacht. Ein aufwändiger Aufstieg ging auch der voraus. Erst langsam, hügeliges Vorland seit März, April. Warmlaufen. Der Berg kommt näher, man sieht immer genauer, was auf einen zukommt. Und dann wird’s steil, das Produktionswochenende, und schließlich der Gipfel. Der Atem schwer, der Mund trocken, aber am Ende stehen wir glücklich oben.

Und nun? Wie weiter nach dieser Berg-Erfahrung? Runter geht’s immer, aber wie?

In der Bibel wird noch von so einer Ur-Erscheinung erzählt. Sie ist uns für heute vorgeschlagen, am letzten Sonntag nach Epiphanias, am Ende der Erscheinungszeit. Diese Geschichte ist so etwas wie die Vorgeschichte von Mose. So wie im Kino jetzt immer wieder mal: wie Batman wurde, was er ist. Wie Mose wurde, was er dann war. Befreier seines Volkes, ja, manche sagen: Erfinder seines Volkes.

Hier passiert was am Fuß des Berges. Mit einer Erscheinung ist er hier beschenkt. Eine Erscheinung, die zu einem Auftrag wird. Zu einer Sendung. Ich lese aus dem 2. Buch Mose, dem 3. Kapitel:

Mose hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters von Midian. Er trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus einem Dornbusch. Mose sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verbrannte. Da sprach er: „Ich will hingehen und mir diese wundersame Erscheinung näher ansehen. Warum verbrennt der Busch nicht?“ Als aber der Herr sah, dass Mose näherkam, rief er aus dem Busch heraus: „Mose! Mose!“ Mose antwortete: „Hier bin ich?!“ Gott sprach: „Komm nicht näher! Zieh deine Schuhe aus! Denn der Ort, an dem du stehst, ist heiliges Land!“ Und er sprach weiter: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Und Mose verhüllte sein Gesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

Und der Herr sprach: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und das Geschrei über ihre Unterdrücker gehört. Ich weiß, was es leidet. Und ich bin herabgekommen, um sie aus der Hand der Ägypter zu retten, um sie herauszuführen aus diesem Land in ein gutes und weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen. […] So geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten herausführst.“ Da sprach Mose zu Gott: „Aber wenn ich zu den Israeliten komme und ihnen sage ‚Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt‘, und wenn sie mich dann fragen ‚Wie heißt denn dieser Gott?‘ – was soll ich ihnen dann sagen?“ Da antwortete Gott: „Ich bin der ‚Ich-bin-da‘. Sag also zu den Israeliten: ‚Ich-bin-da hat mich zu euch gesandt.‘“

Wie Mose wurde, was er dann war. Oder: Was aus einem werden kann, wenn man mal was mit einem Berg zu tun bekommt. Lasst uns mal eintauchen in diese Geschichte. Wo ist sie auch Deine Geschichte, unsere Geschichte?

Mose treibt die Schafe über die Steppe. Wo kam er da eigentlich her? Ein kleines Zeltlager, vielleicht? Jitro ist da der Chef, sein Schwiegervater. Dessen Tochter also Moses Frau. Ich stelle mir vor: Mose, wie er nachts wachliegt. Und an sein Herkommen denkt. Ausgesetzt, damit er, kleiner Nachfahr eines schnell wachsenden Volks von Sklaven, nicht sterbe wie die anderen, die Pharao alle umbringen lässt. Weil sie ihm zu viele und zu gefährlich wurden. Aber dann ist er sogar aufgewachsen am Hof eben dieses Pharaos. Er sieht vor sich, nachts auf seinem Lager: Wie er einen ägyptischen Aufseher erschlägt, um einen israelitischen Sklaven zu beschützen. Holocaust-Gedenktag.

Ich stelle mir vor, da hat er sich das erste Mal gefragt: Wer bin ich eigentlich in dieser Welt? Wo gehöre ich hin? Wem oder was gehört mein Herz? Wofür bin ich da?

Daran denkt er nachts im Zelt des Priesters von Midian, seines Schwiegervaters. Diese ganze Geschichte – um jetzt mitten in der Wüste Schafe zu hüten? Ja, er musste fliehen, zu Recht. Aber soll diese Last ihn nun für immer hier festnageln?

Tag für Tag führt er die Schafe seines Schwiegervaters auf die Steppe. Er hört nur das Geräusch, wenn sie das Gras abreißen und kauen. Ihr gelegentliches Blöken. Ihre Hufe auf dem Grund. Es sind nicht seine Schafe, er tut die Arbeit für einen anderen. Manchmal fühlt er sich wie gefesselt.

Der Horizont ist weit, aber da darf er nicht hin. Finden die Schafe genug Gras, dann zählt sein eigenes Bedürfnis nach anderen, weiteren, eigenen Wegen nicht. Die Schafe bestimmen seinen Weg. Die Schafe! Seinen Weg! Soll das ewig so bleiben?

Glückselig, wer sich solche Fragen stellt! Glücklich, wer sich von dieser Unruhe immer wieder locken lässt! Da muss doch mehr sein! So viel Glück gehabt! So viel geschenkt bekommen! Und dann nur Schafe hüten? Und dann nur so unsichtbar bleiben?

Nein, haben wir als Gemeinde gesagt: Diesen Fernseh-Gottesdienst machen wir! Diese Gelegenheit ergreifen wir! Wir wagen uns hinaus!

Und Mose „trieb die Schafe seines Schwiegervaters über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.“ Kann er die Schafe nicht loswerden, nimmt er sie halt mit. Wir können uns nicht neu erfinden. Wenn wir die Weite suchen, dann mit dem, was zu uns gehört. Mit allen Lasten, mit allen Zweifeln auch.

Können wir das, Fernseh-Gottesdienst, so eine große Herausforderung? Wo wir doch sonst eher zurückhaltend damit sind, uns so ins Schaufenster zu stellen. Werden genug von uns da sein als gastgebende Gemeinde? Und, ja, die Kirche war voll! Alle waren bereit, im Fernsehen gesehen zu werden. Wir machen das jetzt einfach mal! Das, was wir manchmal so von uns denken, das soll uns nicht mehr einschränken. Die Zurückhaltung, die uns sonst manchmal zurückhält, nehmen wir einfach mit wie Mose die Schafe.

Nun doch mit dem, was mich einschränkt, die Weite suchen. Die Schafe einfach mitnehmen. Alles, was sagt, das geht nicht, einfach mitnehmen. Sich entschließen, von dem, was mich bisher bestimmt hat, eingeengt hat, nicht mehr bestimmen, nicht mehr einengen zu lassen. Mitnehmen, was zu mir gehört, und gemeinsam die Weite suchen.

Und das meine ich jetzt nicht wie so ein Motivationstrainer: „Alles, was dich stoppen kann, bist du selbst!“ „Kann ich nicht, gibt es nicht!“ Oder die Sache mit dem Adler und den Hühnern.

Aber doch wie der Psalmbeter: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Nicht als Kunststückchen oder für den eigenen Erfolg. Sondern um dahin zu kommen, wo Gott mich als nächstes haben will.

Ich habe den Eindruck: Wir als Gemeinde haben mit dem Fernseh-Gottesdienst die Steppe überquert, einen solchen Satz über die Mauer getan. Wie geht es uns da jetzt, auf der anderen Seite? Und wir gucken uns um auf dieser anderen Seite: Wo geht’s jetzt weiter?

Oder um mit unserer Geschichte zu fragen: Sieht jetzt jemand einen brennenden Dornbusch? „Wieso, sind wir denn hier am Berg Gottes, an einem heiligen Ort?“

Ich sage: Wenn du mit Gottes Hilfe über die Mauer springst, dann ist jeder Ort, an dem du landest, ein heiliger Ort. Denn du bist herausgesprungen aus dem Alltäglichen. Und dann landet man immer im Besonderen. Und der besondere Ort, im Glauben ist das der heilige Ort.

„Mose kam an den Berg Gottes, Horeb.“ Das ist aus der Rückschau erzählt. Für Hörer, die schon wussten, dass der Horeb der Berg Gottes ist. Und die nun erfahren, wie er dazu wurde. „Und damals, liebe Kinder, fing man an,d den Horeb den Berg Gottes zu nennen.“

Weil Mose sich aufgemacht hatte, weil er über die Steppe hinausgegangen, mit Gott über die Mauer gesprungen war. Und als er auf der anderen Seite landete, stand er auf heiligem Grund.

Wir haben das auch gemacht. Deswegen ist jetzt eine gute Zeit für uns, nach dem brennenden Dornbusch zu suchen. Miteinander zu hören auf das, was Gott uns sagt. Wo geht es hin, von hier aus?

Und vielleicht geht es uns dann ja wie Mose oder wie den Mauerflüchtlingen bis vor 30 Jahren. Nach der ersten Mauer kommt noch eine zweite. Eine nächste Herausforderung. Aber zurück geht es auch nicht mehr.

Oder? Kennt Ihr das? Wenn Ihr einmal eine Entwicklung durchgemacht habt, dann ist es schwer, dahinter wieder zurückzugehen. Oder nur zum eigenen Schaden möglich. Wenn einer zum Beispiel sagt: „Ich kann nicht mehr gute Miene zum bösen Spiel machen. Ab jetzt geht nur noch ehrlich.“ Oder wenn eine sagt: „Das ist mir so wichtig geworden, da kann ich nicht mehr schweigen oder mich verstellen.“

Mose merkt: Das, was ich auf der anderen Seite der Steppe hinter mir gelassen habe, dahin kann ich nicht mehr einfach zurück. Einfach wieder Schafe hüten. Das geht einfach nicht. Aber was nun?

Nun, das beantwortet ihm die Stimme aus dem Busch. Sie sagt ihm: „Willkommen auf dieser Seite der Mauer. Hier ist die nächste, und die ist noch höher!“ Und es beginnt ein zähes Ringen zwischen Mose und dem Herrn. „Das kann ich nicht!“ „Aber ich helfe dir!“ Und am Ende hat er Gott kennengelernt, einen Auftrag bekommen und jemanden an die Seite gestellt bekommen, mit dem er das zusammen machen soll.

Und als er dann auch über diese Mauer springt, landet er im Innenhof von Pharaos Palast. Und er erschrickt über seinen Mut. Seine Kühnheit. Oder über seinen Glauben? Auf jeden Fall: Mitten im Getümmel dieser Welt ist er gelandet. In den Auseinandersetzungen dieser Welt. Mit dem Auftrag: Schaffe Gerechtigkeit! Befreie mein Volk! Trete ein für die, denen keiner Würde gibt.

Mit so einem Auftrag und an so einem Ort landet Mose, als er mit seinem Gott über diese Mauer springt. Und für seine verständlichen Zweifel landet er da mit seinem Bruder, der ihm den trockenen Mund ersetzt. Mit einem Stab in der Hand, der Wunder tun kann. Und mit einem Klang im Herzen, der immerzu tönt: „Ich bin, der ich bin. – Ich werde sein, der ich sein werde. – Ich bin der Ich-bin-da.“

Mit dem Bruder und der Schwester an unserer Seite, mit Gott in unserem Herzen Zeichen setzen für die Gegenwart Gottes – wo ist der Dornbusch, der uns dafür den Weg weist? Amen.