Aufwachen! Damit oder weil es hell wird?

Liebe Gemeinde,

nach durchwachten Nächten den Himmel sich langsam aufhellen zu sehen, das ist immer eine irgendwie besondere Erfahrung. Und natürlich kann sich das auch unterschiedlich anfühlen. Bei Tagesanbruch aus dem Club zu kommen ist etwas anderes, als auf einer Wanderung draußen wegen schlechten Wetters nicht richtig geschlafen zu haben und erleichtert wieder etwas sehen zu können. Einmal verbrachte ich als Jugendlicher eine Nacht auf dem Picadilly Circus in London und sah die Stadt einschlafen und aufwachen. Und noch mal etwas anders ist, an einem Krankenbett zu wachen und wenn dann die Sonne endlich wieder das glimmende Licht in einem selbst unterstützt.

Über das Licht freut sich besonders, wer die Dunkelheit kennt. Und wer die Dunkelheit nicht nur kennt als Ruhe oder Gemütlichkeit, sondern wer sie als bedrohlich kennt. In sich oder um sich herum.

Ich weiß, das ist jetzt alles kein sehr erfreulicher Einstieg in diese Predigt zum ersten Advent. Aber was soll ich machen? Advent kommt nach Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag. Über das Licht freuen wir uns, weil es die Dunkelheit gibt. Auf den Tag freuen wir uns in der Nacht. Auf neuen Wegen schreiten wir besonders kräftig aus, wenn wir vorher durchs Unterholz getappt sind.

Und dass das jetzt kein dunkler Hintergrund ist, den wir irgendwie erfinden müssten, damit das Schöne erst so richtig schön ist, das wissen alle von Euch, die schon mal schwere Zeiten durchgemacht haben oder gerade drinstecken.

Wer solche Erfahrungen kennt, hört noch mal anders hin, wenn Paulus denen in Rom schreibt, im 13. Kapitel:

Und das wisst ihr doch auch: nämlich, was die Stunde geschlagen hat, dass es an der Zeit ist, aus dem Schlaf zu erwachen. Denn näher ist uns die Rettung als zu der Zeit, da wir zum Glauben gekommen sind. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nah! Lasst uns darum die Werke der Finsternis ablegen und anlegen die Waffen des Lichts!

Ja, was hat denn die Stunde geschlagen, für was ist es jetzt an der Zeit? Das ist, wenn wir noch im Dunkeln stecken, nicht immer leicht zu sagen. Manchmal ist es dann besser, überhaupt irgendwas zu tun als gar nichts zu tun. So wie es angenehmer ist, einen Umweg zu fahren, anstatt im Stau zu stecken, weil man sich dann immerhin bewegt. Manchmal ist es aber auch besser abzuwarten und vor allem keine großen Entscheidungen zu treffen aus der Unsicherheit heraus.

Ja, was hat denn die Stunde geschlagen, für was ist es jetzt an der Zeit? Naja, so genau in dein Leben hinein kann Paulus das jetzt natürlich auch nicht sagen. Oder Jesus. Oder „die Bibel“. Aber eine Sache, meint Paulus, sollten wir jetzt alle auf jeden Fall wissen: dass es jetzt Zeit ist aufzuwachen.

Das, könnten wir sagen, ist immer gut. Vor allem in Zeiten, in denen sich etwas verändert. #Fridaysforfuture zum Beispiel will uns wecken, vorgestern wieder mit ihrem weltweiten Aktionstag. „Aufwachen!“, rufen sie uns zu. Weil sie den Eindruck haben: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft verpennen die Zeit, in der noch Zeit ist zu handelnl.

Was zu tun ist, das kann man dann überlegen und ausprobieren. Aber dafür muss man erst einmal eines tun: aufwachen. „Ihr wisst, was die Stunde geschlagen hat, dass es an der Zeit ist, aus dem Schlaf zu erwachen.“ Macht die Augen auf, wacht auf, werdet realistisch! Damit ihr nicht vorbeilebt an dem, was jetzt zu tun ist.

Nun gibt es hier aber auch einen Unterschied. #Fridaysforfuture, diese Bewegung sagt uns: Wacht auf, sonst wird es hier bald zappenduster! Paulus sagt uns: Wacht auf, dann seid ihr bereit, wenn der Tag anbricht! Die einen sagen: Es droht die Finsternis. Der andere sagt: Es wird bald hell! Die einen wollen, dass es nicht Nacht wird. Der andere will, dass wir den Tag nicht verschlafen. Die einen sind in Sorge, berechtigterweise. Der andere ist voller Hoffnung, und er würde sagen: auch berechtigterweise.

Warum berechtigterweise? Was den einen die Messungen der Klimaforscher sind, das ist Paulus die Erfahrung des Auferstandenen. Und wo die einen sagen: „Versuchen wir, das Steuer herumzureißen, bevor es zu spät ist!“, da sagt Paulus: „Der Tod ist besiegt, die Nacht im Schwinden! Leben wir jetzt schon so, wie es zu der hellen Zukunft passt, die auf uns wartet!“

Es könnte dann übrigens auf denselben Lebensstil hinauslaufen.

Auch wenn Paulus in der Haltung, die dahinter steht, ein wenig tiefer gräbt. Ja, er sagt auch: Erkennt die Zeit, lebt nicht unzeitgemäß! Es ist bei ihm aber nicht die Vernunft, die uns sagt, wie das geht. Diese Vernunft, über deren Vorschläge man dann streiten kann. Und über die man gerne so streitet, dass man sagt: Wieviel müssen wir denn höchstens ändern, um zu überleben?

Sondern Paulus spricht von der Liebe. Und die Liebe berechnet nicht. Die Liebe liebt. Er schreibt es in den Zeilen vorher, und wir lesen jetzt also noch mal alles, was uns für heute vorgeschlagen ist. Nämlich:

Seid keinem etwas schuldig, außer, dass ihr einander liebt. Denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Wenn da nämlich steht „Du sollst nicht ehebrechen“, „Du sollst nicht töten“, „Du sollst nicht stehlen“, „Du sollst nicht begehren“ und was es sonst noch an Geboten gibt, dann wird das alles zusammengefasst von dem Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Die Erfüllung des Gesetzes also ist die Liebe.

Und das wisst ihr doch auch: nämlich, was die Stunde geschlagen hat, dass es an der Zeit ist, aus dem Schlaf zu erwachen. Denn näher ist uns die Rettung als zu der Zeit, da wir zum Glauben gekommen sind. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nah! Lasst uns darum die Werke der Finsternis ablegen und anlegen die Waffen des Lichts!

Die Waffen des Lichts, die, die zum Tag Gottes passen? Das kann heißen: Gutes statt Böses tun. Sich zuwenden statt gleichgültig sein. Dem Leben dienen, statt den Tod in Kauf zu nehmen. Licht verbreiten statt Dunkelheit. In Freiheit geben können, statt misstrauisch für sich sichern zu wollen. Der Angst das Vertrauen entgegenhalten. Verzagtheit von Kraft überwinden lassen.

Nicht weil es vernünftiger wäre. Sondern weil ich liebe – den, der da kommt. Weil ich glaube, dass er Heil und Leben mit sich bringt. Weil ich hoffe, dass er nicht fern ist. Und dass, wenn ich jetzt schon so lebe, ich gut zu ihm und seiner Zukunft für uns passe. Und so wird es dann doch auch: vernünftig. Wäre doch blöd, sich nicht schon mal auf diese Zukunft einzustellen.

Aber jetzt müssen wir eins noch mal nachfragen. Das alles betrifft ja die Nacht dieser Welt. Dass die im Schwinden ist und der Tag nicht mehr fern. Und dass also, wer liebt, auf der Höhe der Zeit ist. Oder sogar seiner Zeit voraus.

Aber was ist mit der Nacht, in der ich vielleicht gerade persönlich bin? Wenn es dunkel ist, weil ich krank bin. Oder ein Mensch, der mir nahe ist. Weil eine Beziehung zerbrochen ist. Weil ein Traum zerplatzt ist, ein Wunsch unerfüllt bleibt. Weil ich einfach nicht mehr kann. Oder wenn ein Mensch mich ganz furchtbar enttäuscht hat. Oder ich ihn. Oder sie. Wenn mir eine Schuld bewusst wurde. Was ist dann? Was ist, wenn es Nacht ist in mir?

Ja, dann … Dann hoffe ich, dass dich diese Worte aus den Zeilen von Paulus erreichen und dir schon mal ein Nachtlicht anzünden:

Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nah! Lasst uns darum die Werke der Finsternis ablegen und anlegen die Waffen des Lichts!

Weil in Jesu Auferstehung der Tod besiegt ist. Auch die großen und kleinen Tode, die wir unterwegs schon sterben. Weil da ein Licht entzündet ist, das niemand auslöschen kann. Auch wenn es vielleicht erst nur ein kleines Nachtlicht ist. Weil Jesus jetzt schon bei uns ist und mit uns auf das Licht wartet. Und vielleicht die einzige Liebe immer wieder weckt, die ich jetzt noch lieben kann, nämlich die Liebe zu ihm.

In der Nähe des Nachtlichts sitzen und auf den Tag warten. Manchmal geht nicht mehr.

Wir haben vorhin einen Ausschnitt gehört aus dem Buch „Das Evangelium nach Jesus Christus“ von José Saramago. Die Beschreibung der Morgendämmerung. Ein paar Seiten früher beginnt die Geschichte mit dieser Szene:

„Die Nacht wird noch lange anhalten. Die Öllampe, an einem Nagel neben der Tür hängend, brennt, doch die Flamme, einem zögerlich leuchtenden kleinen Mandelkern gleich, bebend, unstet, kommt schwer an gegen die Masse aus Schwarz, die das Haus von oben bis unten füllt, und bis in die fernsten Winkel, wo das Dunkel so dicht ist, dass es körperhaft wirkt. Josef ist aus dem Schlaf geschreckt, als habe ihn jemand jäh an der Schulter geschüttelt, doch es mochte ein flugs zerronnener Traum sein, denn in diesem Haus wohnen nur er und die Frau, die sich nicht bewegte, die schläft.

Es ist nicht seine Art, mitten in der Nacht aufzuwachen, üblicherweise geschieht es erst, wenn die breite Ritze im Türblatt sich aus der Finsternis, der aschigen und kalten, abzuheben beginnt. Ungezählte Male kam ihm der Gedanke, er müsste den Spalt schließen, nichts einfacher als das für einen Zimmermann, eine schlichte Leiste, die bei der Arbeit abfällt, zurechtschneiden und annageln, doch so sehr hatte er sich daran gewöhnt, schon beim ersten Augenaufschlag jenen den neuen Tag verkündenden senkrechten Riss aus Licht zu sehen, dass er letztlich die Vorstellung hatte, ohne sich deren Unsinnigkeit bewusst zu werden, er fände, falls der fehlte, vielleicht nicht aus dem Dämmer des Schlafs, dem seines Körpers und der Welt.“

Glauben, Hoffen, Lieben, wenn es noch dunkel ist. Wachen und beten und wissen, dass keine Dunkelheit Gott fernhalten kann. Aus meinem Leben nicht und auch nicht aus dem dieser Welt. Das ist wie die Ritze nicht verschließen, weil ich das Licht erwarte und weil ich nicht verpassen will, wenn es kommt.

Das ist Advent. Eine Ritze offenhalten für das Licht. Und wissen: Gott wird es Tag werden lassen. Amen.