„Brich den Hungrigen das Brot!“ „Gut“, sagt Jesus (Erntedank)

Liebe Gemeinde,

wunderbar, wenn man überlegt, wofür man dankbar sein könnte, und dann fallen einem tausend Sachen ein. Wie unseren Jugendlichen eben in den Videos. Oder wie in unserem Praxiskurs des Glaubens neulich: keinen Tag beenden, ohne für eine Sache dankbar zu sein. Denn damit sagen wir: Egal, wie es mir geht, Gott ist immer bei mir, und weil er nicht nur bei mir ist, sondern weil er auch für mich ist, muss es auch heute etwas gegeben haben, wofür ich ihm danken kann.

Selbst dann, wenn es erst mal gar nicht danach aussieht. Selbst, wenn man zwischen Trümmern sitzt. Den Trümmern des eigenen Lebens oder wenn man zumindest das Gefühl hat, das ist alles ganz schön einsturzgefährdet. Wenn dann auch noch äußere Trümmer dazugehören, wird es vollends schwierig mit dem Danken.

Äußere Trümmer, innere Trümmer. Tag der deutschen Einheit. Manche Menschen im Osten um uns herum haben den Eindruck, ihre Ost-Städte sind zwar jetzt hübscher als Duisburg im Westen, aber da gibt es kein Leben mehr drin.

An richtige Trümmer können sich bei uns zum Glück immer weniger Menschen erinnern. Beziehungsweise wieder mehr. Die Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten nämlich, die uns daran erinnern, wie schnell alles in Trümmern liegen kann.

Denen in Jerusalem ging es auch so. Vor zweieinhalbtausend Jahren. Denen, die die Worte zuerst gehört haben, die uns heute für den Erntedank-Tag vorgeschlagen sind. Nach Krieg und Besatzung lagen Stadt und Land wüst und brach. Alle Quellen des Glücks versiegt. Da wurden sie auch nicht wirklich solidarisch, sondern die Ärmel wurden nur hochgekrempelt, um die Ellbogen besser ausfahren zu können.

Dankbarkeit? Keine Spur. Stattdessen Bittgottesdienste noch und nöcher. Gott aber sagt ihnen: Schaut auf das, was ihr habt. Und was ihr habt, das teilt. Denn genug zum Teilen gebe ich euch sogar jetzt. Und dann, so richtet Jesaja von Gott aus und wir lesen es im 58. Kapitel, dann

löst die Fesseln eurer Brüder, nehmt das drückende Joch von ihrem Hals, macht jeder Unterdrückung ein Ende! Gebt den Hungrigen zu essen, nehmt Obdachlose in euer Haus, kleidet den, der nichts anzuziehen hat, und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen.

Dann strahlt euer Glück auf wie die Sonne am Morgen, und eure Wunden heilen schnell. Eure guten Taten gehen euch voran, und meine Herrlichkeit folgt euch als starker Schutz. Dann werdet ihr zu mir rufen, und ich werde euch antworten. Wenn ihr um Hilfe schreit, werde ich sagen: „Hier bin ich!“

Wenn ihr aufhört, andere zu unterdrücken, mit dem Finger spöttisch auf sie zu zeigen und schlecht über sie zu reden; wenn ihr den Hungrigen zu essen gebt und euch den Notleidenden zuwendet, dann wird eure Dunkelheit hell werden, rings um euch her wird das Licht strahlen wie am Mittag. Ich, der Herr, werde euch immer und überall führen, auch im dürren Land werde ich euch satt machen und euch meine Kraft geben.

Ihr werdet wie ein Garten sein, der immer genug Wasser hat, und wie eine Quelle, die niemals versiegt. Was seit langer Zeit in Trümmern liegt, werdet ihr wieder aufbauen. Auf den alten Fundamenten werdet ihr alles von neuem errichten. Man wird euch das Volk nennen, „das die Lücken in den Stadtmauern schließt und die Stadt wieder bewohnbar macht.“

Da wären sie also, passend zum Tag der deutschen Einheit und dann bald noch 30. Jahrestag des Mauerfalls: die blühenden Landschaften! Das wissen die jüngeren vielleicht gar nicht: das Versprechen von Kanzler Kohl, gleich nach der Wende, bald entstünden überall blühende Landschaften. Und er meinte nicht den Sieg der Flora, dass sich die Natur das Land wiederholt.

Blühende Landschaften, sie werden hier auch Israel verheißen, das jetzt noch wüst und öde daliegt. Die Landschaften werden blühen, die Blüten werden befruchtet, die Früchte werden geerntet, und das hat man also von blühenden Landschaften: einen reich gedeckten Tisch.

So wie den hier heute wieder hier. Was wir hier heute auf diesem Tisch wieder einmal bewundern können, das soll dem Israel von damals erst noch bevorstehen. Es soll werden: ein bewässerter Garten, bewässert von einer nie versiegenden Quelle; der Garten wiederum gesichert, ummauert, umfriedet, wie man so sagt; und über allem eine Sonne, deren Licht die Dunkelheit vertreibt.

Der umfriedete Garten. In der mittelalterlichen Kunst ein Bild für die Seele, die zu Hause ist bei Gott. Einmal am Ende, im Himmel. Und immer wieder auch auf dem Weg dahin. Selbst im äußeren Unglück. Umfriedet, befriedet sitzen an der Quelle, die Gott selber ist. Die in mir selber entspringt, wenn ich an seinen Christus glaube.

Das ist die Quelle, aus der das entspringt, was Jesaja hier seinen Leuten als Gottes Willen ausrichtet. Die Vorgeschichte der blühenden Landschaften. Er sagt: Wenn das geschehen soll, dann brich dem Hungrigen dein Brot. Und entlasse die aus dem Unrecht, die am Leben gehindert werden. Speise nicht nur, die im Joch stehen, sondern befreie sie auch vom Joch.

Er spricht modern, von konkreter Hilfe und von Strukturen. Und man könnte nun unzählige Beispiele dafür aufführen, gut informiert sind wir inzwischen über die Zusammenhänge in dieser unserer einen Welt: dass es zum Beispiel wenig Sinn macht, den Bauern in Afrika zu helfen und gleichzeitig die Märkte dort mit subventionierten EU-Überschüssen zu überfluten, die der einheimischen Landwirtschaft keine Chance lassen.

Nimm das Joch weg und teile das Brot. Gib Obdach den Obdachlosen und senke die Mieten. Modern spricht er, der Prophet Jesaja. Aber er spricht ja auch im Namen Gottes, der Erde und Himmel gemacht hat und beides nicht aus den Augen lässt und also weiß, wie alles mit allem zusammenhängt zu allen Zeiten.

Und er malt uns die Stadt vor Augen, die dann entsteht. Ein umfriedeter Garten. Ein großartiges Bild. Zumal, wenn es einem inmitten von Trümmern vor Augen steht.

Aber es geht hier nicht nur um auferstandene Ruinen. Sondern es geht um das Leben in den neuen Häusern, auf den neuen Plätzen, in den neuen Straßen. Um Lebensquellen, um die man keine Angst haben muss, und die deswegen allen zur Verfügung stehen. Um Schutz und Geborgenheit für jedes Leben. Darum, dass wir gelassen und entschieden nach vorne gehen können. Von Gott geleitet und geschützt.

Das wäre ein Leben! Ein Leben, in dem man sich nicht mehr ständig nur um das Überleben kümmern müsste, sondern frei wäre, um das Leben nicht nur zu sichern, sondern nun auch zu gestalten. Frei wäre, aufeinander zuzugehen, miteinander sich zu freuen, zu feiern, sich zu unterstützen.

„Brich dem Hungrigen das Brot.“ Liebe Gemeinde, wir feiern heute auch das Abendmahl. Paulus fragt: „Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?“ Paulus fragt das seine Korinther und erinnert auch uns jetzt daran.

Und wie er seine Worte wählt in dieser Frage, bleibt er bewusst zweideutig, damit wir beides hören können: Wir bekommen im Abendmahl Anteil an Christus und seinem Leib. „Ich bin das Brot des Lebens.“ Und: Wir bekommen Anteil an seinem Leib, nämlich der Kirche, der Gemeinde, in der die miteinander verbunden sind, die mit Christus verbunden sind. In wem die Christus-Quelle sprudelt, der findet sich bald im Garten mit den anderen wieder.

„Brich mit den Hungrigen dein Brot.“ Ich stelle mir vor, wie dieser Satz einmal im Himmel gesprochen wurde. Da war‘s hier unten kurz vor Weihnachten. Es klingt wie aus dem Gespräch innerhalb der Dreieinigkeit, in dem sie beratschlagen, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Um es mit Jesaja zu sagen: Sie beratschlagen, wie die Wunden der Welt zu heilen wären. Und dann sagt der Vater dem Sohn den entscheidenden Satz: „Brich mit den Hungrigen dein Brot. Brich mit den Hungrigen das Brot, das du selber bist. Lass dich selber brechen und gib dich selbst.“

„Ja,“ sagt der Heilige Geist, „so können wir die Wunden der Welt heilen. Du bist das Brot des Lebens. Wer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit. In ihm werde ich heilen, was dazu nötig ist: Schmerz und Scham, Wunden, die er zugefügt hat, Wunden, die ihn entstellt haben, weil er sie selber schlug.“

Und so machte sich Jesus also auf den Weg und wurde am Kreuz das Brot, das sich selber brach, und in der Auferstehung das Brot, das uns satt macht und heilt. Kraft, die alles in uns überwindet und heilt, was dem Leben im Wege steht.

Und nicht nur überwindet und heilt, was dem Leben in uns im Wege steht, sondern auch dem Leben, das wir verbreiten sollen. Die Quelle in uns wird übersprudeln, hin zu den anderen. In dem Garten, den der Herr uns schafft und der so entsteht, in diesem Garten sitzt niemand allein.

So kann es dann eigentlich gar nicht anders sein, als dass wir Quellen unter uns entspringen sehen, wie Jesaja sagt, die unsere Gärten wässern und unter uns reiche Frucht entstehen lassen. So kann es dann eigentlich gar nicht anders sein, als dass bei uns Lebenshäuser entstehen, deren Lücken ausgebessert sind und die an Straßen stehen, an denen man gut von einem Haus zum anderen kommen kann. Und dass man darauf achtet, dass auch auf dem Tisch des Nächsten genügend Brot steht; und dass er es nicht mit einem schweren Joch des Unrechts und des Leids auf seinen Schultern essen muss.

„Das Brot, das wir brechen, ist das nicht genau diese Gemeinschaft – die Gemeinschaft des Leibes Christi?“ Die Gemeinschaft Christi mit mir, die meine Seele gesund macht, und die Gemeinschaft Christi, in die er mich mit den anderen stellt und in der wir nun einander das Brot brechen?

„Geh, und brich den Hungrigen dein Brot.“ Und Jesus Christus ist gegangen und gab sich selbst. Uns heute morgen hier. Mir und dir. Auf dass deine Heilung schnell voranschreite. Und du auch dem anderen gibst. Etwas von dir. Etwas von ihm. Dich selbst. Du, in dem Christus lebt.

So sagen wir Danke heute. So feiern wir das Abendmahl als Erntedank. Als Dank für das, was als Frucht gewachsen ist, als Jesus sich selbst gab: Leben in mir und da, wo ich bin. Als Verheißung auf das, was wachsen kann, wenn wir einander geben. Blühende Landschaften in dem Garten, den Gott für uns schuf. Amen.