Christus am Kreuz unseren Unfrieden nehmen lassen (Projektwochenende Christlicher Sängerbund)

Liebe Gemeinde,

ich weiß gar nicht, ob ich über den Frieden jetzt auch noch predigen soll. Wir haben von den Sängern und Musikern und von Paulus in den beiden Lesungen so viel schon über den Frieden gehört. Hat er sich am Ende vielleicht schon ganz von alleine in Euch ausgebreitet?

Und vielleicht hat er sich ja auch schon so in uns ausgebreitet, dass er sich auch unter uns ausgebreitet hat? Und, wer weiß, vielleicht hat er sich durch die Musik und die Worte, gesungen und eben auch die Bibel gesprochen, vielleicht hat er sich schon so in uns und unter uns ausgebreitet, dass er auch mit uns gehen wird in unseren Alltag und sich da ausbreitet, einfach, wo wir sind?

Sollte ich jetzt also lieber nicht predigen, damit er nicht zerredet wird, der Frieden? Sollten wir jetzt lieber schweigen, um ihn einmal ganz ungestört wirken zu lassen?

Sollen wir das jetzt vielleicht einfach mal tun? Kommt, setzen wir uns einmal aufrecht hin. Die Füße fest auf die Erde. Und halten die Hände offen auf unseren Oberschenkeln. Die Augen geschlossen. Oder wir sehen auf unsere Hände.

Spüren wir den Frieden, wie Christus ihn in unsere Hände legt. Wie unter dieser Berührung unsere Handflächen wunderbar warm werden. Und wie sein Frieden in uns hineinwandert. Die Arme hinauf. Unterarme, Oberarme, Schultern. Und von dort in den Kopf hinein – und uns dankbar macht. In den Bauch hinein – und uns fröhlich macht. In das Herz hinein – und Liebe in uns wachsen lässt.

Was wir hier spüren, das ist das, was Paulus beschrieben hatte, und wir hören das noch mal und bleiben dabei in unserer Haltung:

Durch den Glauben haben wir Frieden mit Gott. Das verdanken wir unserem Herrn Jesus Christus. Durch den Glauben hat er uns den Zugang zur Gnade Gottes ermöglicht. Sie ist der Grund, auf dem wir stehen. Und wir rühmen uns der sicheren Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes … [Was auch geschehen mag:] Die Hoffnung wird uns nicht beschämen. Denn Gott hat seine Liebe in unsere Herzen hineingegossen. Das ist durch den Heiligen Geist geschehen, den Gott uns geschenkt hat.

Der Heilige Geist in uns. Der den Frieden in uns ausbreitet. Vielleicht ja auch über all das hinweg, durch all das hindurch, was uns gerade in unserem Leben den Frieden raubt? Der Friede Gottes in unsere offenen Hände. In unseren Kopf hinein als Dankbarkeit. In unseren Bauch als Freude. In unser Herz als Liebe. Als Liebe – zuallererst zu Gott. Spürt Ihr etwas von dieser Liebe zu Gott, wenn Ihr jetzt hindenkt zu ihm?

Und als Liebe zum Nächsten. Die Hände, die den Frieden Gottes empfangen haben, so dass er in uns zu Freude und Dankbarkeit und Liebe werden konnte – lasst aus diesen Händen Liebe und Frieden wieder hinausfließen zu den Menschen um Euch herum. Reicht Euch die Hände und sagt: „Friede sei mit dir!“

So ist es nicht mehr theoretisch, wenn wir noch einmal hören, was der Apostel denen in Ephesus gesagt hat:

Christus ist unser Friede. Er hat aus den Teilen eine Einheit gemacht und die Mauer niedergerissen, die uns trennte. Er hat die Feindschaft zwischen uns beseitigt, indem er seinen Leib hingab … In seiner Person hat er die widerstreitenden Teile zu einem neuen Menschen vereint und hat dadurch Frieden gestiftet … er hat uns durch seinen Tod am Kreuz als einen Leib mit Gott versöhnt … Durch ihn haben wir alle Zugang zum Vater, weil wir einen Geist empfangen haben.

So könnte es gehen, oder? Frieden mit Gott und mit den anderen. Durch Gott befriedet in mir selbst. Und Wille und Kraft, den Frieden auch dem anderen anzubieten. Denn ist es nicht so: der Frieden fehlt da unter den Menschen, wo sie ihn nicht in sich tragen?

Na klar, es gibt auch das, was Friedrich Schiller seinen Wilhelm Tell sagen lässt: „Es kann der Frömmste nicht im Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Dann wäre aber die Frage, welcher Unfriede im bösen Nachbarn herrscht. Und außerdem: im Frieden leben, das wollen wir nicht modern verstehen als einfach in Ruhe gelassen werden.

Vielleicht ist das sogar eines der großen Themen unserer Zeit: dass wir einfach nur in Ruhe gelassen werden wollen. Vor einigen Jahren sagte die Jugend, wenn ihr etwas zu viel wurde: „Das ist so belastend.“ Und was einen belastet, das will man ja loswerden. Und eine Bestandsaufnahme unserer Gesellschaft lautete vor einigen Jahren: Deutschland unter Druck. Leistungsdruck, Angst rauszufallen, nicht mehr beliebt und mitten drin zu sein. Im letzten Jahr gab es die Jugendserie dazu, ganz unjugendlich im ZDF, einfach mit dem Titel: Druck.

Und zugleich gibt uns die Digitalisierung die Möglichkeit, ganz für uns zu sein. Sogar für die Zahnpasta muss ich nicht mehr unter Leute, Amazon liefert’s. Aber verlernen wir so nicht auch, einander auszuhalten, in Bussen und Geschäften, zum Beispiel? Bis wir einander nur noch aus dem Weg gehen, weil wir miteinander gar nicht mehr können? Und dann gibt’s Frieden nur noch ohne die anderen, egal ob‘s böse Nachbarn sind oder nicht?

Frieden mit Gott, der auch Frieden stiftet untereinander.

Frieden mit Gott. Frieden in mir. Was Unfrieden schafft in mir, von Gott befrieden lassen. Schmerzen und Wunden, Schuld, Versagen, Angst – all das kann viele Gründe haben und viele Gesichter. All das mauert mich ein und macht mich angespannt. Was würde es bedeuten, wenn Gottes Frieden da hineinließen würde?

Ausgerechnet von Jesus am Kreuz, sagt Paulus, fließt Frieden da hinein und breitet sich unter uns aus. Ausgerechnet vom Kreuz? Ja, weil Jesus am Kreuz das alles anzieht, was Unfrieden schafft. Weil es wegfließt von mir hoch zu ihm. Schmerzen und Wunden, Schuld, Versagen, Angst – alles hat er an sich gezogen dort am Kreuz. Alles hat sich auf ihn gestürzt, um unser Leben und unseren Frieden zu töten. Und, ja, stark ist all das. Und es schien ihm gelungen zu sein.

Aber alles wurde überwunden, als Gott seinen Christus auferweckt hat. Er stieg empor und ist nun bei uns. Alles andere aber blieb im Grab.

Und wollen wir Frieden, dann ist das unser Weg: dass wir uns regelrecht vor Augen führen, Bilder entstehen lassen, wie das, was in uns Unfrieden schafft, durch Jesus von uns weggezogen wird, auf ihn hingezogen wird. Schmerzen und Wunden, Versagen Schuld und Angst – wieder und wieder können wir dabei zusehen, wie Christus am Kreuz das von uns wegzieht, wie er es mit in den Tod zieht; und wie er ohne es aufersteht. Und bei uns ist. Und wir sind frei und im Frieden.

Und auch miteinander: so geht Frieden untereinander. Dass wir gemeinsam dabei zusehen, wie Christus das an sich zieht, was zwischen uns steht. Wie er es mit in den Tod nimmt. Und wie er ohne es aufersteht. Und du und ich und er, wir sind frei füreinander und nehmen uns an die Hand und feiern den Frieden, den er uns geschenkt hat.

Jetzt habe ich hoffentlich den Frieden, den ihr schon durch die Musik und die Bibelworte gespürt habt, nicht zerredet? Mein Wunsch wäre: dass zu den Tönen noch Bilder dazugekommen sind. Bilder, die sich vielleicht sogar mit den Tönen verbinden. Ein Film des Friedens. Der Film meines Lebens. Unseres Lebens. Mit Christus. Amen.