Der Himmel reißt auf – über Jesus neben uns für uns

Liebe Gemeinde,

das Jahr ist noch jung. Und doch hat die Welt schon ihren ersten Todesfall, den iranischen General, und deswegen noch viele andere, und einen ersten Todesfall hatten wir als Gemeinde auch. Und die Welt ist in Angst vor einem kriegerischen Flächenbrand so groß wie der echte in Australien. Und als Gemeinde und mehr noch Lia und ihre Familie bitten wir: Hilf uns durch diese Zeit hindurch, in der wir Abschied nehmen, uns verlassen fühlen und uns fragen, wie es jetzt weitergehen wird.

Wir glauben; aber hilf trotzdem unserem Unglauben, unserem Zweifel, unserer Angst. Sagt die Welt. Sagen wir.

Christlicher Glaube sagt: Für beide ist Jesus gekommen, für die Welt und für uns. An Weihnachten haben wir das gerade gefeiert. Also genaugenommen, alle haben gefeiert, aber nicht alle haben das gefeiert, trotzdem haben alle deswegen gefeiert.

Wie dem auch sei. Alle haben wir gefeiert, weil Gott wollte: die Angst und der Zweifel, wie man denn leben kann in so einer Welt, sollen eine Antwort bekommen; die Menschen in Angst und Zweifel sollen einen an die Seite gestellt bekommen, der sie an die Hand nimmt. Einen, der uns durch Angst und Zweifel hindurchführt und uns aus Angst und Zweifel herausführt. Jetzt immer wieder. Am Ende dann ganz.

Wer das ist? Gute Frage! Lohnende Frage! Meinte auch Netflix. Und die müssen’s ja wissen. Die machen nur Sachen, die die Leute sehen wollen. Und da meinten sie: die Leute wollen sehen, wie das ist, wenn ein Messias kommt. „Messiah“ heißt die Serie, die jetzt angelaufen ist. In Syrien tritt einer auf, in Gottes Namen, und viele folgen ihm. Und natürlich kommt auch irgendwann die CIA und will sich den mal ansehen. Ja, macht mal.

Denn: „Und sieh doch!“, so heißt es auch in der Geschichte aus der Bibel, die uns für heute vorgeschlagen ist. Schau dir an, was passierte, als der, den Gott uns gegen Angst und Zweifel sandte, das erste Mal auftrat. Gerade war noch Weihnachten, jetzt sind wir dreißig Jahre später. Aus dem Kind ist ein Mann geworden. Und er tritt zum ersten Mal aus dem Schatten. Matthäus erzählt:

Damals kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes. Er wollte sich von ihm taufen lassen. Johannes versuchte, ihn davon abzuhalten, und sagte: „Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden! Und du kommst zu mir?“ Jesus antwortete ihm: „Lass es zu. So erfüllen wir den Willen Gottes.“ Da gab Johannes nach. Als Jesus getauft war, stieg er sofort aus dem Wasser. Und sieh doch: Der Himmel riss über ihm auf. Er sah den Geist Gottes. Der kam wie eine Taube auf ihn herab. Und sieh doch: Dazu erklang eine Stimme aus dem Himmel: „Das ist mein Sohn, ihn habe ich lieb, an ihm habe ich Freude.“

Schauen wir uns das also mal an. Sollen wir ja auch. „Und sieh doch!“, heißt es zweimal. „Ja, was sollen wir sehen?“ Erstens: Der Himmel reißt auf, zweitens: eine Stimme ertönt. Da müsste es eigentlich heißen: „Und hör doch!“ Egal.

Der Himmel reißt auf: Wo Jesus ist, bekommt die Welt einen Riss – um Licht und Herrlichkeit hineinzulassen. Und: eine Stimme ertönt: Wo er ist, wird das Schweigen gebrochen – um von der Freude zu sprechen, die er bringt. Also, wenn das nicht gegen Angst und Zweifel hilft?!

Der Himmel reißt auf für die Herrlichkeit Gottes. Eine Stimme ertönt von der Freude, die Jesus bringt. Das passiert, wenn der auftritt, den Gott uns gesandt hat gegen unsere Angst und unseren Zweifel.

Und wo passiert das? Ja, und das ist jetzt das Tolle: mitten unter uns! Als Jesus kommt, kommt er an den Jordan. Er kommt zu Johannes dem Täufer. Er kommt aber auch (und wer weiß, vielleicht ja vor allem) dahin, wohin all die anderen Menschen auch gekommen sind.

All diese Menschen. „Sieh doch!“ Sehen wir sie? All diese Menschen sind Menschen, die das Gefühl hatten oder sogar ganz genau wussten: Ich lebe mein Leben nicht so, wie Gott es will. Ich habe Angst, mich Gott anzuvertrauen. Ich zweifle, ob er’s wirklich gut mit mir meint. Ich glaube, aber da ist auch mein Unglaube. Und meinen Unglauben sieht man mehr als meinen Glauben.

Ich liebe zu wenig. Ich vertraue zu wenig. Ich mache mir zu viele Sorgen um mich selbst. Ich kneife, wenn es darum ginge, für Gerechtigkeit einzustehen. Ich bin träge, wenn es darum ginge, Gottes Schöpfung zu achten. Ich bin nicht bereit für Versöhnung. Ich bin nicht bereit, auf meine Ehre zu verzichten. Ich bin nicht bereit zu dienen.

Solche Menschen sind all diese Menschen, die da zu Johannes dem Täufer gekommen sind – mit dem Wunsch, Gott möge ihnen vergeben und er möge ihnen Willen und Kraft für die Umkehr schenken.

Wenn ich mich da so umsehe unter diesen Menschen, alte und junge, große und kleine, Männer und Frauen – ob ich da auch mein Gesicht entdecke? Ich, einer von diesen Menschen? Wie wäre das? Würde ich erschrecken? „Ich, wieso ich? Was hab ich denn …?“ Würde ich zu mir selbst da in der Menge sagen: „Du brauchst da nicht stehen, so schlecht bist du nicht, geh nach Hause!“? Würde ich erleichtert sagen: „Ah, das ist gut, endlich machst du dich ehrlich!“?

Aber ob ich mich in der Menschenmenge da entdecke oder nicht – einen entdecke ich da auf jeden Fall: Jesus. Und das ist vielleicht noch gar nicht mal erstaunlich, dass ich Jesus da entdecke. Das macht ja auch Sinn, dass er da hinkommt und anfängt. Bei denen, die schon reumütig sind und bereit für einen Neuanfang mit Gott.

Ja, schon. Aber hätte man dann nicht eher erwartet, dass er zu Johannes ins Wasser steigt und sagt: „Danke, Johannes, super Vorarbeit, ab jetzt übernehme ich!“? Und dass Johannes gesagt hätte: „Ach, wunderbar, endlich! Darf ich vielleicht der erste sein?“?

Aber nein, stattdessen – entdecken wir Jesus in der Schlange. Jesus kommt, der Sohn Gottes – und stellt sich erst mal ganz hinten an. Gucken wir ruhig mal auf diese Szene, vielleicht so ein bisschen von oben. Sandiges Flussufer, der ruhig dahinfließende kleine Fluss, Johannes im Wasser. Wie es platscht, wenn er wieder einen tauft. Wie der dann fröhlich oder erleichtert oder entschlossen aus dem Wasser steigt. Wie sich die Schlange der Wartenden den Strand hinaufzieht. Ein bisschen Füßescharren, ein bisschen Staubaufwirbeln, immer wenn sie einen vorrückt. Und mitten drin in der Schlange: Jesus. Mit den anderen.

Jesus ist mitten unter denen, die wissen, wie sich Angst und Zweifel anfühlen. Jesus geht den Weg mit denen, die Gott um Vergebung bitten und um Willen und Kraft für das neue Leben.

Stell dir vor: Wie du da stehst in der Schlange bei Johannes dem Täufer, und Jesus steht hinter dir – wie fühlt sich das an? Der, der uns gesandt wurde als Gottes Antwort auf unsere Angst und unseren Zweifel, der steht nun mit mir inmitten der Menschen, die ihn brauchen. Als einer von uns, als einer wie du.

Die ersten Christen haben gesungen und Paulus zitiert es in seinem Philipperbrief: „Von göttlicher Gestalt war er, aber er hielt nicht daran fest. Er wurde in allem ein Mensch wie wir, in jeder Hinsicht war er wie ein Mensch.“ Und am Ende wird Jesus sogar selbst Angst und Zweifel kennenlernen: „Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“ flehte er, und er schrie „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Der, der uns, der, der dir geschickt wurde gegen deine Angst und deinen Zweifel – der ist hier an deiner Seite und fühlt, was du fühlst. Das ist die erste gute Nachricht aus unserer Bibel-Erzählung heute.

Und dann kommen die anderen beiden guten Nachrichten: der Himmel geht auf und eine Stimme ertönt. Direkt über mir, denn er ist bei mir.

Der Himmel geht auf über dir, weil er da aufgeht, wo Jesus ist, und Jesus ist bei dir. Der Himmel geht auf über dir. In deiner Angst und in deinem Zweifel. Die Wolken brechen auf, blauer Himmel erscheint, und dann bekommt sogar der blaue Himmel einen Riss. Und dein Blick geht weit über diese Welt hinaus, hinein in die Herrlichkeit Gottes.

So weit können wir gar nicht gucken, normalerweise. Als ich jetzt krank war und tagelang das Haus nicht verlassen habe, und als ich dann das erste Mal wieder draußen war, da habe ich gemerkt: Bäume, Häuser, die nächste Brücke über den Kanal – auf so weite Entfernung scharfstellen, das müssen meine Augen erst wieder lernen, nachdem sie so lange nur bis zu den eigenen Wänden kamen.

Der Himmel reißt auf über uns, denn er reißt auf über Jesus, und Jesus ist bei uns. Kann sein, wir wissen damit erst einmal gar nichts anzufangen. Weil wir so lange nicht so weit gesehen haben. In unserer Angst, in unserem Zweifel. Kann sein, du erkennst erst einmal nicht, was du siehst, und wenn du’s siehst, kannst du’s nicht glauben. Herrlichkeit strahlt hinein in mein Leben? Mein Leben, angeschlossen an Gottes vollkommene Gegenwart?

Kann sein, wir können das für unsere Welt nicht glauben. Diese Welt, nicht einfach mehr eingeschlossen in ihre eigene Fehlerhaftigkeit, Unvollkommenheit, Beschränktheit? Nicht mehr gefangen in ihrem „Das war schon immer so und geht auch nicht anders“? Jesus ist unterwegs bei allen Menschen in ihren Ängsten und Zweifeln. Und er lädt die Welt ein, über sich hinauszusehen. „Sieh doch!“, sagt er, „der Himmel ist offen, ihr seid nicht mehr einfach euch ausgeliefert. Aus Gottes Welt fließt euch Heilung zu! Der Himmel ist offen, öffnet ihr nun euer Herz!“ Oh Mann, wie diese Welt dann aussehen könnte! Wie diese Welt dann aufatmen könnte!

Mit der dritten guten Nachricht könnten wir sagen: Wie sie dann vor Freude förmlich vibrieren würde! Das dritte, das war die Stimme. Sie sagt: „Das ist mein Sohn, ihn habe ich lieb, an ihm habe ich Freude!“ Jesus an deiner Seite, Gott freut sich über ihn. Und wenn Gott das so sagt, dann ist das natürlich die Einladung, dass wir uns genauso freuen über Jesus an unserer Seite. Wie er da bei mir ist in meinem Zweifel und in meiner Angst.

Fragt sich nur, warum. Ja, warum freut sich Gott über Jesus, seinen Sohn? Genau wird das hier nicht gesagt. Nebendran steht nur: „ich habe ihn lieb“. Gott liebt Jesus. So was sagen wir hier auch nicht oft, oder? Gott sendet Jesus. Gott hilft Jesus. Gott bevollmächtigt Jesus. So was vielleicht. Aber Gott liebt Jesus?

Nun ja, es geht hier immerhin um seinen Sohn. Und vollkommener Vater, der Gott ist, bedeutet ihm sein Sohn, sein Kind die größte Freude. Freut er sich also über Jesus einfach, weil er ihn liebt? Wahrscheinlich, ja. Und diese Liebe gebiert Freude. Wie anders herum Hass nur Schadenfreude kennt und nach dem bösen Lachen wieder in Bitterkeit und Zorn zurücksinkt.

Gott freut sich über Jesus, weil er ihn liebt. Wir freuen uns über Jesus, wenn wir ihn lieben lernen. Und die Freude, die Jesus bedeutet, die schenkt dann ein Lachen der Erleichterung, der schönen Überraschung, der überraschenden Wendung. Wie die Pointe eines Witzes sagt: Ha, es ist alles anders, als du dachtest! So lachen wir mit der Freude, die Jesus bedeutet, weil er uns zeigt: Gott ist doch da in deiner Angst und in deinem Zweifel! Und es wird ein gutes Ende nehmen.

Und was ist ein gutes Ende? Gut ist ein Ende für Christinnen und Christen, wenn uns am Ende nichts von Gott getrennt hat. Und gut ist ein Ende für diese Welt, wenn sich am Ende das Reich Gottes, Gottes gute Gegenwart heilsam durchgesetzt hatj. Dafür steht Jesus bei uns. Dafür sehen wir den Himmel geöffnet. Dafür hören wir von der Freude, die Jesus bedeutet. Möge uns das das Herz öffnen für Jesus, der neben uns steht. Amen.