Der Morgenstern webt ein Netz der Freude

Liebe Gemeinde,

dritter Teil unserer Interviews im Advent also: Wenn Christus in die Schule käme. Wenn er mit den anderen in die Schule hineinginge. Im Klassenzimmer säße, im Lehrerzimmer dabeistünde. Bei den Gesprächen auf dem Weg nach Hause mitginge. Und danach auch mal bei der Schulsenatorin vorbeischaute. Was würde er ihnen dann gerne mitbringen? Wofür würde er dann gerne all diese Leute öffnen, ganz konkret?

Oder um es mit dem Lied zu sagen, dass wir eben gesungen haben: In den Klassenzimmern stehen die Schüler an den Fenstern und im Lehrerzimmer die Lehrer und sehen, wie ihnen der Morgenstern aufgeht mitten in ihrer Nacht. Und alle zieht es auf den Hof, weil sie es besser sehen wollen. Da stehen dann Schüler und Lehrer und staunen in den Himmel.

Und fangen an, sich auch gegenseitig anzusehen: Lehrer Lehrer, Schüler Schüler, Lehrer Schüler, Schüler Lehrer. Und ihre Blicke weben ein Netz der Freude von einem zur anderen. „Der Morgenstern ist aufgegangen, über unserer Schule! Christus ist da.“ Diese Schule wird nicht mehr dieselbe sein.

Christus ist gekommen. Menschen freuen sich und strömen hin zu ihm. Und, fast schon absichtslos, führt ihre Freude sie auch zueinander. Die Geschichte Gottes mit seiner Menschheit soll eine Geschichte der Liebe sein.

Christus, der Morgenstern am Himmel, wird zum Feuer in unserer Mitte, um das wir uns sammeln. Und Funken aus diesem Feuer entzünden die Liebe in uns. Die Liebe zu ihm. Und die Liebe zueinander.

In seinem Brief an die Gemeinde in Rom schreibt Paulus so davon:

Gott, der Geduld und Mut schenkt, gebe euch, dass ihr alle in der gleichen Gesinnung miteinander verbunden seid – so wie es Jesus Christus angemessen ist. Dann werdet ihr alle einmütig und wie aus einem Mund den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus loben. Daher bitte ich euch: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat, damit die Herrlichkeit Gottes noch größer wird! 

Das Feuer in unserer Mitte soll wachsen, damit noch mehr Menschen es sehen und sich darum versammeln. Da wächst ihre Liebe zu Christus. Und wenn sie sich mal umdrehen und sich den Rücken wärmen lassen, strahlen Licht und Wärme in die Welt hinein. Und verkünden – Paulus sagt: dass Gott treu ist und barmherzig. Das erzählt der Advent des Christus. Paulus schreibt weiter und sagt es so:

Christus ist ein Diener der Juden geworden, um Gottes Treue zu bezeugen. Durch ihn hat Gott die Zusagen eingelöst, die er ihren Vorfahren gegeben hatte. Die anderen Völker aber haben Grund, Gott für sein Erbarmen zu loben, wie es schon in den Heiligen Schriften heißt: „Dafür will ich dich, Herr, preisen unter den Völkern und deinen Ruhm besingen.“ Und der Prophet Jesaja sagt: „Es kommt der Spross aus der Wurzel Isais. Er steht auf, um über die Völker zu herrschen. Auf ihn werden Menschen aller Völker ihre Hoffnung setzen.“

Gott ist treu und barmherzig. Wieso beschreibt Paulus das so? Und sagt nicht: Gott ist gut und gerecht. Oder vollkommen und erhaben. Nein, er sagt: Gott ist treu und barmherzig. Weil er es selber so erlebt hat. Und dann gemerkt hat: das ist nicht nur meine Geschichte, sondern die Geschichte der ganzen Menschheit.

Paulus hat das auch erlebt. In seine Umnachtung hinein ist Christus erschienen, und dem Christenverfolger ist ein Licht aufgegangen, ein Morgenstern. Ein Feuer, das seine Kälte vertreibt. Und plötzlich taut Paulus auf und dann sieht er. Und wo er es einmal sieht, bei sich selbst nämlich, da sieht er alles neu und in diesem Licht.

Plötzlich sieht er: Nicht nur für ihn ist Christus erschienen als der Gott, der ihn nicht loslässt, nicht aufgibt, der ihm treu und barmherzig ist. Sondern er sieht: Das ist ja überhaupt die große Geschichte Gottes mit den Menschen! Mit allen Menschen. Mit allen ist Gott treu und ist er barmherzig.

Das ist ja in Wahrheit die Geschichte der Menschheit. Oder anders betont: Das ist ja in Wahrheit die Geschichte der Menschheit! Nicht Kriege und Katastrophen oder die Unwilligkeit, die Schöpfung zu bewahren. Sondern dass Gott ihr treu und barmherzig ist! Und mein kleines Leben gehört mit rein in diese Geschichte. In diese große Geschichte der Treue und Barmherzigkeit Gottes.

Und in diesen Worten, die wir eben gehört haben, deutet Paulus diese Geschichte an. Und er erzählt erst davon, dass Gott treu ist. Und dieser Teil der Geschichte geht so:

Gott hat sich einst ein kleines, unscheinbares Völkchen ausgesucht. Mit diesem kleinen Völkchen hatte er Besonderes vor. Ein unscheinbares Völkchen war das unter all den stolzen Sumerern, Hethitern, Babyloniern, Ägyptern und wie sie alle groß und mächtig da waren.

Aber Gott hat sich dieses kleine Völkchen ausgesucht, das sich gerade nichts auf sich selbst einbilden konnte. Mit dem hatte er nämlich Großes vor. Mit dem wollte er zeigen, wie man leben könnte, wenn man wüsste, vor Gott müsste man keine Angst haben, er würde einen versorgen, und deswegen folgt man gerne seinen Weisungen für ein Leben in Gerechtigkeit.

Und so ging das über Jahrhunderte in der Zeitrechnung der Menschen. Und mal gelang das alles gut und mal auch nicht so gut. Und dann ist Gott das aber noch mal anders angegangen und sandte Jesus, der kam und gekreuzigt wurde und auferstand, und für Paulus hieß das:

Durch ihn hat Gott die Zusagen eingelöst, die er unseren Vorfahren gegeben hatte. 

Paulus gehörte ja selber zu diesem Völkchen. Und hat selber Gottes Treue am eigenen Leib gespürt: in Christus, den er erlebt hat als die Erfüllung aller Verheißungen Gottes. Alles Glück, das Gott verheißt, hat Paulus in Christus gefunden.

Aber dann ging die Geschichte von Gottes Treue und Barmherzigkeit, diese Menschheitsgeschichte sogar noch weiter: Paulus hat nämlich angefangen, überall von diesem Christus zu erzählen – und musste zu seinem großen Erstaunen feststellen: Dieser Christus sprach auch jede Menge Leute an, die gar nicht zu Gottes kleinem Volk gehörten! Was war denn da los?

Ruft Gott durch Christus jetzt auch all die anderen Menschen zu sich? Hat er dann sein Projekt aufgegeben, mit diesem kleinen Volk Geschichte zu schreiben? Aber nein, das kann nicht sein. Wenn er die, also für Paulus: wenn er uns aufgegeben hätte, dann hätte er sein Wort gebrochen. Und dann könnte man ihm auch sonst nicht mehr vertrauen. Aber gerade hatte er doch gezeigt: Er ist treu.

Also bleibt nur: Gott hat sein Projekt ausgeweitet. Das nennt Paulus die Barmherzigkeit. Er schreibt:

Die anderen Völker haben Grund, Gott für sein Erbarmen zu loben, wie es schon in den Heiligen Schriften heißt: »Dafür will ich dich, Herr, preisen unter den Völkern und deinen Ruhm besingen.« Und der Prophet Jesaja sagt: „Es kommt der Spross aus der Wurzel Isais. Er steht auf, um über die Völker zu herrschen. Auf ihn werden Menschen aller Völker ihre Hoffnung setzen.“

Paulus sagt: Jetzt verstehe ich, was da in den alten Schriften steht. Was für eine große Geschichte sie erzählen. Sie erzählen die Heilsgeschichte der Menschheit. Und das kleine Volk erzählt von der Treue Gottes. Und alle Menschen erzählen, wie Gott so barmherzig ist und uns alle in diese Geschichte eingeladen hat. Christus nimmt uns alle mit in diese große Geschichte hinein.

Das also ist die Geschichte der Menschheit: dass Gott ihr treu und barmherzig ist! Und mein kleines Leben gehört mit rein in diese große Geschichte. Jedes Mal, wenn mir der Morgenstern in meiner Nacht aufgeht. Und mir sagt: Gott ist dir treu. Gott ist mit dir barmherzig. Was für eine Geschichte!

Und bleiben wir kurz mal bei diesem Morgenstern: Der Morgenstern, Symbol des Advents. Er geht auf über Schule und Krankenhaus. Alten und Jungen. Und überall sonst.

Wenn der Morgenstern aufgeht, dann weiß man: die Nacht ist fast vorbei. Kein Wunder, dass der Morgenstern neben Sonne und Mond das Gestirn am Himmel ist, mit dem die Menschen immer am meisten verbunden haben. Kein Wunder, dass auch in der Bibel Jesus Christus mit diesem Morgenstern verglichen wurde.

Und das hängt eben nicht zuletzt auch mit der Nacht zusammen. Die konnte man die längste Zeit der Menschheitsgeschichte nicht mal einfach so zum Tage machen, wie das heute geht.

Nacht war Nacht. Nacht war dunkel. Der Schlaf war auch eine gefährliche Sache, weil man da so schutzlos war. Schutzlos gegenüber allem, was es im Dunkeln auf einen abgesehen haben könnte. Wilde Tiere, Einbrecher. Böse Träume, schwere Gedanken.

Gut, wenn dann endlich der Morgenstern aufging. Der Morgenstern mit seinen beiden Botschaften: Gott ist barmherzig. Er erlöst dich aus dieser Nacht. Und: Gott ist treu. Er erlöst dich aus jeder Nacht.

Gott wirbt um mein Vertrauen. Er sagt mir: ich bin dir treu, ich bin barmherzig. Immer und immer wieder. Ich sende meinen Morgenstern in deine Nacht.

Könnt Ihr damit etwas anfangen? So in eurem eigenen Leben? Dass Gott treu ist und barmherzig? Dass er schon mal in den Nächten eures Lebens als Licht erschienen ist? Dass er als das Feuer in euch war, an dem sich eure Seele wärmen konnte?

Und das heißt ja: wie ihr nicht nur einfach froh wart, wenn Dinge wieder besser wurden. Denn das kann ja sozusagen jeder: sich freuen, wenn’s wieder besser wird. Sondern dass Ihr innerlich etwas von Gottes Nähe gespürt habt, als die Dinge äußerlich noch nicht wieder angefangen hatten, besser zu werden?

Schon mal erlebt? Wie Ihr auch da schon seinen Frieden gespürt habt? Einen Frieden, der höher war als alle Vernunft? Höher als diese Vernunft, die Euch gesagt hat: „wieso spürst du denn jetzt schon Frieden, es hat sich doch noch gar nichts verändert an deiner Situation? Du bist immer noch krank, arbeitslos, durchgefallen, steckst immer noch fest in deiner Ehekrise, das mit deinen Kindern, das mit deinen Eltern wächst dir immer noch über den Kopf – es hat sich doch noch gar nichts geändert? Wieso denn jetzt schon Frieden, Freude?“

Und wie Ihr dann gesagt habt: „Doch, es hat sich etwas verändert. Ich spüre jetzt, Gott ist bei mir. Du, Vernunft, siehst nur Dunkel, aber guck mal hier, das Licht in meiner Seele, das Feuer, an dem ich mich wärme. Gott ist bei mir!“ Hast du schon mal so gesprochen mit deiner Vernunft? Über Gott als dein Licht in der Nacht?

Der Morgenstern geht auf in deiner Nacht. Denn Gott ist treu und er ist barmherzig.

Der Morgenstern geht auf in unser aller Nacht. Und wir kommen hinaus, um ihn zu bestaunen. Und das Staunen wandert von einem zum anderen und verbindet uns zu einem Netz der Freude.

So entsteht Gemeinde. So erzählt sich die Geschichte von Gottes Treue und Barmherzigkeit durch die ganze Menschheit. Gott ist treu und barmherzig. Die, die hier an den letzten Sonntagen dazu interviewt wurden, haben davon erzählt. Kannst du auch deine Geschichte erzählen? Kann dein Sitznachbar, deine Sitznachbarin dir vielleicht seine, ihre Geschichte erzählen?

Gott ist treu und barmherzig. In Christus leuchtet er auf mitten in der Nacht. Er ist das Feuer, um das wir uns sammeln. Er ist die Flamme der Liebe in uns. Die Freude über Gott wandert von Blick zu Blick. Was für eine Geschichte! Und wir sind mit dabei! Dafür sei Gott all unser Dank! Amen.