Der stumme Hirte muss jetzt doch noch was sagen

Liebe Gemeinde,

der stumme Hirte. Plötzlich spricht er. Eins von diesen Wundern Jesu vielleicht? Später einmal wurde Jesus gefragt: „Bist du der, der da kommen soll?“ Und er antwortete: „Ihr seht ja selbst: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören. Tote stehen auf. Und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ Das waren lauter Verheißungen aus dem Alten Testament. Darüber, was geschehen würde, wenn das Heil der Welt kommt.

Stumme, die reden, kamen in diesen alten Verheißungen leider nicht vor. Gut, dass Jesus diese Verheißungen nicht als starres Drehbuch genommen hat. Sonst wären die Stummen immer noch sprachlos. Aber er hielt sich nicht dran. Sondern gab auch Stummen Sprache so wie er Blinden Farbe und Tauben Töne gab.

Und gut auch, dass der Stumme in unserem Krippenspiel noch geredet hat! Die anderen Hirten hatten ja eher routiniert auf die Nachricht reagiert, dass der Retter der Welt geboren ist, fast schon unterkühlt, um nicht zu sagen gelangweilt:  krass“, „cool“, „ah, der Retter ist da“, „na dann, auf nach Bethlehem“.

Aber wir können die auch ein wenig verstehen, oder? Denn wie lange hält man das durch, sich jedes Jahr an Weihnachten überrascht zu freuen, dass Jesus geboren ist?

Wie geht das nachher bei Euch zuhause? Wenn die Lichter am Baum entzündet sind – brechen dann alle in lauten Jubel und Applaus aus? Oder steht, wer Kinder hat, dabei und denkt bei deren Freude nur noch an eine ferne eigene Kindheit, in der er auch noch gestaunt und gejubelt hat? Jetzt aber … Oder wird bei euch nur einmal aufgeseufzt und dann gefragt: „Gut, und jetzt? Erst die Bescherung oder erst das Essen?“

Denn wie lange hält man das durch, Jahr für Jahr sich neu freuen, als wär’s das erste Mal? Wo es doch Jahr für Jahr dasselbe Drehbuch ist. Und nach vielen Jahren erzählt das Drehbuch uns nichts mehr und es sind nur noch Worte. Und dann lesen wir: „Und die Hirten kehrten wieder um und priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.“ Und dann sagen wir, wie die Hirten in unserem Krippenspiel: „OK, und jetzt die Geschenke?“

Die Gewöhnung kann unerbittlich sein. Wie Wind, der einen Felsen schleift. Oft kaum möglich, sich dagegen zu wehren. Man kann sich dann noch so doll anstrengen, um noch mal was zu empfinden. Oft kaum möglich, sich dagegen zu wehren, dass die Gewöhnung – zum Verstummen bringt, was einst in uns lebte.

Aber vielleicht wird das dieses Weihnachten ja anders. Vielleicht begleitet uns nämlich der Stumme Hirte mit nach Hause. Und wenn wir dann ohne viel Begeisterung die Lichter am Baum entzünden, uns müde nickend zum Esstisch begeben und mit gedämpfter Erwartung an die Bescherung denken – möge dann der Stumme Hirte bei uns sein!

Möge dann der Stumme Hirte laut dazwischenrufen! Möge er rufen: „Stopp, so geht das doch nicht! Das ist doch Weihnachten, was wir hier feiern! Der Retter der Welt ist geboren! Der Friedefürst! Der Immanuel, Gott ist mit uns! Das Licht der Welt ist erschienen, vertreibt all Finsternis! Nun singet und seid froh! Er schließt uns auf die Tür zum Paradeis, ist das denn gar nichts? Kommt schon, herbei, o ihr Gläubigen, fröhlich triumphieret! Das darf doch wohl nicht wahr sein!“

Und wenn wir uns jetzt die Runde vorstellen, in der wir nachher sitzen werden, dann sehen die einen peinlich berührt zu Boden, die anderen sehen ihn genervt an. Einige schmunzeln vielleicht aber auch, lustige Variante im Drehbuch. Andere sind drauf und dran, begeistert aufzuspringen. Und vielleicht haben auch welche Tränen in den Augen, weil der sie an etwas erinnert. An jemanden erinnert. An sie selbst erinnert, wie sie früher einmal waren.

Und wenn ihr nachher nicht in einer Runde sitzt, sondern ganz alleine seid, dann macht das zumindest für den Gedanken dieser Predigt nichts. Denn diese Runde und ihre Reaktionen auf den stummen Hirten, die ist ja auch in uns selbst versammelt. Mit denen ist man zusammen, auch wenn man alleine ist. Mit all diesen Reaktionen, wenn der stumme Hirte in uns sich plötzlich wieder zu Wort meldet. Sich zu Wort meldet mit meiner Sehnsucht, meiner Hoffnung, meinem Traum, meinem Schmerz.

Plötzlich ist das nicht mehr stumm, sondern meldet sich. Wünscht sich, dass das, was mich bewegt, es jetzt mal wirklich zu tun bekommt mit dem, den wir da feiern. Will ihm das vor die Füße legen wie die Weisen ihre Geschenke und sagen: „Kannst du da mal was mit machen jetzt?“ Wünscht sich, dass Weihnachten mir Glaube, Liebe, Hoffnung geben könnte.

Mit einem Mal möchte sich das, was nicht mehr stumm ist, endlich mal freuen wie die Engel. Freuen darüber, dass in Jesus das Leben erschienen ist. Möchte sich endlich mal freuen, dass dieser Jesus, dieser Immanuel-Gott-ist-mit-uns, mir den Glauben schenkt, dass ich Gott vertrauen kann, mein Leben anvertrauen kann. Mich mit Liebe erfüllt für die, die mir anvertraut sind. Mir die Hoffnung schenkt, dass sich gut vollenden wird, für alle gut vollenden wird das, wovon wir nur immer den nächsten Schritt sehen und gehen können.

Wenn dieser lange verstummte Hirte sich meldet in dir, dann lass ihn nicht auflaufen: peinlich berührt, frostig, müde abwinkend. Sondern dann hör mal auf ihn. Und dann nimm dir dieses Weihnachten zwischendurch immer wieder mal einen Augenblick für dich und deinen stummen Hirten. Lass ihn dir sagen: Da muss sich doch mal was verbinden zwischen Weihnachten und dir!

Lass dich an die Hand nehmen vom Hirten, der dann nicht mehr stumm ist, und zum Stall, an die Krippe führen. Bleib da in Gedanken eine Weile. Sieh das Kind da liegen. Stell dir vor, wie das Kind später als erwachsener Jesus einen Menschen geheilt hat. Kehre zum Kind zurück und sage: Das Heil bist du diesem Menschen geworden. Werde das auch mir! Und warte, was geschieht.

Lass vor deinem inneren Auge eine Szene erstehen, in der das Kind später einem anderen ein Wort des Lebens gesagt hat. Kehre dann zum Kind zurück und sage: So hat dein Wort diesem Menschen geholfen. Sage auch mir so ein Wort! Und warte, was geschieht.

Das alte Drehbuch von Weihnachten. Wir können es neu lebendig werden lassen. Zu einer Geschichte werden lassen, in der wir selber vorkommen. Zu einer Geschichte des Heils. Des Heilwerdens. Und zu einer Heils-Geschichte, die wir in unsere Welt hinein weiterschreiben.

Wenn der stumme Hirte in dir anfängt zu reden. Und sich wünscht, dass Weihnachten es mit dir zu tun bekommt. Wenn er anfängt, so zu dir reden, dann hör ihm zu. Lass dich von ihm führen. Zu Christus, der deine Freude werden will. Amen.