Der Zukunft Tür und Tor öffnen

Liebe Gemeinde,

also, wenn Stefanie und Gisela uns eben was von einem asketischen Leben erzählt haben – asketisch war unser Wochenende bisher nicht wirklich, oder? In ruhiger Einkehr, zurückgezogen, nur wenige Reize, ganz fokussiert auf nur Weniges? Ich würde sagen: das Gegenteil war der Fall!

So dermaßen aktiv und engagiert, wie wir waren! Am Freitagabend hier unsere Podiumsdiskussion. Drei engagierte Gäste diskutieren zu Chancen und Risiken der Digitalisierung, ein engagiertes Team hat diesen Abend ermöglicht und ein engagiertes Publikum hat aufmerksam zugehört und seine Frage gestellt.

Dann gestern hier den ganzen Tag lauter engagierte junge Leute, die den Bandworkshop mitgemacht haben. Zehn Stunden Musik machen, einüben, lernen, wie das alles so geht – im Engagement für die Gemeinde, damit der Musik-Mix bei uns noch bunter werde. Und abends gibt dann auch noch der Shalom-Chor ein Konzert.

Und ich weiß nicht, wer von uns zu denen gehörte, die zu der riesigen Zahl von Demonstranten gestern beigetragen haben. Engagiert dafür, dass unsere Gesellschaft eine offene Gesellschaft bleibt und eine solidarische wieder mehr wird. Zwei von uns haben Carola und ich da auf jeden Fall getroffen.

So viel Engagement, so viel guter Wille, diese Weltzu gestalten, die kleine Welt unserer Gemeinde und die große um uns herum. Wunderbar, finde ich!

Und dann hören wir heute Worte vom Apostel Paulus, und da wissen wir nicht genau: Bestätigen sie uns jetzt in diesem Engagement oder hinterfragen sie unsere Begeisterung, diese Welt zu verstehen und mitzugestalten? Paulus beantwortet da die Frage, ob man besser verheiratet oder unverheiratet sein sollte. Und wie immer wird er dabei auch grundsätzlich. Wir hören aus dem 1. Korintherbrief, aus dem 7. Kapitel:

Das muss ich euch sagen, Schwestern und Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine [und ich glaube, wir dürfen das auch fürs Männerhaben so sagen]; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht. Ich sage euch das zu eurem eigenen Nutzen. Ich will euch keine Fesseln anlegen, sondern ich möchte, dass es recht zugehe und ihr stets und ungehindert dem Herrn dienen könnt.

Hm, wäre das jetzt ein Grundlagentext für christlich-buddhistische Gespräche? Ich habe nicht wirklich Ahnung vom Buddhismus, aber kommt da nicht auch so etwas vor wie: binde dich an nichts in der Welt, lass nichts dein Inneres erschüttern? Aber die Griechen damals kannten das auf jeden Fall auch: ataraxia, die Unbewegtheit der Seele, komme, was wolle.

Manche von uns würden heute vielleicht sagen: würden mich die Dinge doch bloß nicht immer so tief treffen! Das ist so anstrengend. So ein bisschen abstumpfen, das ist ja schon auch gut fürs Gleichgewicht. Sich nicht wirklich einlassen auf das, was um mich herum so geschieht, das bewahrt mich gegebenenfalls davor, Schmerz zu spüren und Anstrengung auf mich zu nehmen. Also nur ein bisschen weinen, ein bisschen lachen, ein bisschen genießen, ein bisschen lieben.

Da könnte man nun sagen: die Digitalisierung, die kommt uns da gerade recht! Da geht eh alles so schnell, dass man sich eh gar nicht mehr auf eine Sache einlassen kann. Kaum fand ich was traurig oder lustig auf meiner Timeline bei Facebook oder Twitter, finde ich es schon nicht mehr wieder, weil schon wieder etliche neue Posts reingekommen sind, die meine Aufmerksamkeit wollen. Da weiß ich schon nicht mehr, habe ich eben gelacht oder habe ich geweint? Und worüber noch mal? Keine Ahnung, aber da kommt ja auch schon die nächste Welle, geht ganz schön schnell hier, nicht umsonst heißt es Surfen, wenn man im Internet unterwegs ist, und nicht zum Beispiel tauchen.

Hilft uns die Digitalisierung also, so zu leben, wie Paulus hier schreibt? Immer so ein bisschen über alles hinweg? Aber tut das die Digitalisierung überhaupt? Und ist es das, was Paulus hier meint?

Oder: das Wesen dieser Welt vergeht, sagt er. Heißt das: Es lohnt sich alles nicht mehr!? Setze nicht auf ein totes Pferd!? Lass lieber sein, schon deine Kräfte? Schone deine Kräfte, guck, was wirklich den Einsatz lohnt. Oder auch: denke nachhaltig, was kurzlebig ist, lohnt den Aufwand nicht.

Aber hier finde ich es wieder mal interessant, in den sogenannten Urtext zu gucken: das Wesen dieser Welt, das heißt da nämlich wörtlich: das Schema dieses Kosmos. Und da verstehe ich Paulus also so: Es wird nicht mehr lange nach dem bekannten Schema laufen, nach dem Schema K sozusagen, dem Schema dieses Kosmos.

Wäre die Frage: Was meint er mit dem Schema dieses Kosmos, von dem wir ja ein Teil sind? Was, meint er, wird da demnächst vergehen, so dass es nicht mehr lohnt, sich nach diesem Schema zu bewegen?

Wenn wir das verstehen wollen, dann müssen wir wie immer bei Paulus vom Ende her denken. Denn Paulus ist kein Weltverächter. Ist keiner, dem das hier alles auf die Nerven geht, der von all dem hier einfach gelangweilt ist und deswegen keine Lust mehr hat, sich hier irgendwo einzubringen.

Sondern Paulus weiß, was kommt. Wenn er sagt, das Wesen dieser Welt vergeht, dann heißt das für ihn: die neue Welt kommt! Und das ist für ihn so gewiss, dass er das, was kommen wird, schon ganz wirklich in sich spürt. Denn er hat diesen Christus in sich, mit dem das Neue, das kommt, schon angefangen hat. Und dieser Christus in ihm, der macht ihm die Welt, die er bringen wird, schon zur Welt, in der er innerlich lebt.

Und weil Paulus keine gespaltene Persönlichkeit ist, will er jetzt schon so viel möglich von dem, was da innerlich in ihm lebt, auch äußerlich leben. Und deswegen steht alles, was jetzt ist, für ihn unter diesem Vorbehalt, sieht er alles schon mit der Brille, die ihm zeigt, wohinein sich diese Welt verwandeln wird.

Nicht also: diese Welt lohnt den Einsatz nicht, denn diese Welt ist schlecht und unverbesserlich. Nicht also: wird schon wieder, weine nicht. Nicht also: freu dich nicht zu früh, lache nicht. Nicht also: wie gewonnen, so zerronnen, hänge dein Herz nicht dran. Nicht also: wer weiß, wie lange deine Ehe hält, liebe nicht zu viel.

Nicht pessimistisch ist Paulus, nicht defätistisch (also, die Niederlage predigend), nicht zynisch ist er. Sondern er spürt schon ein Morgen in sich, dem er sich nicht mehr entziehen kann. Und dann ist er wie einer, der schon mal in Wanderstiefeln rumläuft, auch wenn eigentlich Flipflop-Wetter ist, weil er sie schon mal für seine Treckingtour einläuft.

Aber nein, das Bild stimmt auch wieder nicht richtig. Denn wenn einer seine Treckingschuhe auf dem Weg ins Büro einläuft, dann ist er in Gedanken schon nicht mehr richtig in der Stadt und im Büro, sondern dann ist er innerlich schon in den Bergen. Das ist bei Paulus nicht so.

Paulus ist noch voll da. Weil ja Christus in ihm auch noch voll da ist. Der Christus in ihm, der zieht ihn ja nicht raus aus der Welt. Der sagt ja nicht: „Komm, Paulus, lass das, lass die doch alleine klarkommen, das geht dich nichts mehr an, wir beide, wir wissen das doch besser, das lohnt nicht mehr, lass dich da nicht zu sehr reinziehen, mach dir da nicht die Finger schmutzig, komm, wir genießen uns, das ist alles, was zählt.“

Nein, so nicht. Sondern der Christus in Paulus, der sagt ihm: „Du und ich, wir wissen doch, was kommt. Wir kennen doch schon die neue Welt Gottes. Wir kennen doch die Versöhnung, die es schon gibt. Wir kennen doch die Liebe, die nicht aufhört. Wir kennen doch die Gerechtigkeit, die Gottes Reich bringen wird. Und du spürst doch die Freiheit, die das bedeutet! Du spürst doch die Freiheit, die darin liegt, dass all das hier nur Vorletztes ist, nicht das letzte Wort hat.“

Da ist sie wieder, die Botschaft der Freiheit. Und Christus sagt seinem Paulus weiter: „Weil du das alles weißt, ja, weil das in dir lebt, weil ich in dir lebe, deswegen geh hin und weine mit den Weinenden, du wirst dich darin schon nicht verlieren. Geh hin und lache mit den Lachenden, du wirst schon nicht vergessen, was noch zu tun ist. Geh hin und gebrauche die Dinge dieser Welt, du weißt ja wozu und du wirst dich schon nicht an sie ketten.

Geh hin und lass dich ein!“, sagt der Christus in Paulus zu ihm, „und in all dem lebe als ein Botschafter der neuen Welt. Hab keine Angst um dich selbst. Lass mich leben in dir, atme mich ein und atme mich aus. Sei den Menschen ein Türöffner in die neue Welt meines Vaters. Sei ihnen ein Botschafter des neuen Lebens.“

Wenn das das ist, was in Paulus geschieht – dann ist „freu dich, als freutest du dich nicht“ kein asketischer Nagelgürtel, der beim Lachen schmerzt. Sondern dann lebt etwas in Paulus, was ihn über diese Welt hinauszieht und was ihn frei macht, mitten in diese Welt hineinzugehen und ihr nahe zu sein – um sie nur so überhaupt an die Hand nehmen zu können und hinzuführen auf Gott zu, der uns entgegenkommt, herauszuführen auch aus dem Gefühl, allem in der Welt aufgeliefert zu sein.

So kann Paulus der Welt begegnen. So können wir der Welt begegnen. So können wir auch unseren eigenen Tränen, unserer eigenen Freude, unserem eigenen Besitz, unserem eigenen Wunsch nach Sicherheit begegnen. Voller Liebe in der Freiheit von Menschen, die wissen: das Eigentliche kommt noch und wir sind dahin unterwegs und so viel es geht, wollen wir jetzt schon so leben, wie es einst sein wird. Amen.