Die Schöpfer-Gott-Mutter und ihr großes Ja

Liebe Gemeinde,

heute ist ein ganz besonderer Gottesdienst und Tag im Jahr und Kirchenjahr. Im Kirchenjahr der Sonntag „Jubilate“, bei dem wir singend jubeln über die Herrlichkeit Gottes und seiner Schöpfung. Weltlich ist heute Muttertag, ein von Floristinnen und Floristen geschätztes Event. Trotz politischer Verwicklungen ist dieser Tag in Familien immer höchst populär geblieben – ob der Frauentag, der ja nun in Berlin staatlicher Feiertag geworden ist, ihm Konkurrenz machen kann, muss sich erst zeigen.

„Wenn du noch eine Mutter hast, / So danke Gott und sei zufrieden …“

heißt es in einem ziemlich gefühligen Gedicht aus dem 19. Jahrhundert. Jesus hätte dieses Gedicht nicht gemocht. Er sieht Frauen und Männer, Kinder und Alte immer in der unmittelbaren Beziehung zu Gott – da braucht es keine „Mittlerin“, zu der die katholische Kirche die Gottesmutter Maria stilisiert hat.

Manchmal, immer öfter, mag uns unser biblischer Glaube allzu streng, von patriarchalen Verhältnissen her geprägt erscheinen. Eine reine Männerwirtschaft aus Vater, Sohn und Heiligem Geist. Das elterliche Prinzip nur vom Väterlichen her gedacht. Die Liebe Gottes zu uns als Liebe des Vaters zu seinem Sohn. Wir erfahren zwar heutzutage mehr und mehr, dass auch diese väterliche Liebe sanft, zärtlich, verzeihend sein kann – aber ganz frei machen können wir uns vielleicht nicht von der älteren Vorstellung, die auch im gerade zitierten Gedicht aufscheint:

„Des Vaters Wort ist ernst und streng, / Die gute Mutter mildert´s wieder;…“

Sigmund Freud hat das nicht anders gesehen, hat dem Vater, nicht der Mutter, das Über-Ich und damit unsere ethisch-moralische Haltung zugeordnet. Der heutige Bibeltext kann uns einladen, dieses Vater- und Gottesbild in Frage zu stellen, zu erweitern, und andere Bilder von und für unseren Gott zuzulassen, damit sie unseren Glauben bereichern und nähren.

Der heutige Text steht in den Sprüchen 8, 22-36, und bevor ich ihn vorlese, muss ich ein bisschen erläutern: Die Sprüche sind so genannte Weisheitsliteratur, überlieferte Texte, die im Alten Ägypten ihren Ursprung haben und sich im Vorderen Orient immer weiter in Richtung Literatur entwickelten. Das Buch Hiob ist das am weitesten entwickelte Stück, das es in unsere Bibel geschafft hat. Die heutige Stelle ist sozusagen stilistisch auf halbem Wege zwischen den einfachen, kurzen Sprüchen Salomos und dem Buch Hiob. Eine literarisch formulierte Allegorie, also ein Bild, das uns etwas erklären soll. Sprecherin der folgenden Zeilen ist die Weisheit, die man sich vielleicht am besten als Person vorstellen kann, als Göttin Athene für die klassisch Gebildeten, oder als weise alte Indianerin, oder vielleicht als mittelalterliche Kräuterfrau oder altgermanische Norne – oder als die eigene Groß- oder Urgroßmutter. Also, die Weisheit spricht:

Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern. So hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! Hört die Zucht und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN. Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.

So, die Seherin hat gesprochen, und wir stehen staunend da und versuchen dieses Orakel zu deuten. Im Text ist von „Weisheit“ im intellektuellen, verkopften Sinne, wie wir dieses Wort vielleicht verstehen, nicht so viel die Rede. Es geht eher um Natur, um die Tiefe, die Lust, das Spiel – es geht um das Leben! Deshalb erlaube ich mir, sie von nun an lieber als Lebensorientierung, als Lebenskraft, als Lebensbejahung zu verstehen. Das Ja zum Leben, das Ja zur Schöpfung spricht hier zu uns in der Gestalt einer Frau. Vielleicht ist das sogar ein Anklang an vorderasiatische Fruchtbarkeitsgöttinnen wie Aschera, die im Alten Testament sonst so heftig bekämpft werden? Die konsequente „Vermännlichung“ Gottes ist eine Erfindung der jüdischen Tradition. Der heutige Text lädt uns ein zu einer anderen Seite Gottes, einer weiblichen. Etwa in dem Sinne des Slogans: I met God. She‘s black.

Was erfahren wir von dieser Lebensspenderin? Der Herr hat mich schon gehabt am Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn an. Ehe es die Erde gab, ehe die Berge und der Himmel erschaffen waren, hatte Gott dieses weiblich-schöpferische Prinzip, dieses Ja zum Leben schon an seiner Seite. Am Anfang war das Wort – ja, aber welches Wort? Das Wort „Ja!“ ruft uns dieser Text zu. Das Ja der großen Mutter, der Lebensspenderin. Im rabbinischen Judentum wird das später zusammenfließen, wird die Weisheit zur Tora, zum Wort Gottes, durch das alles erschaffen ist.

Mother Earth, die Mutter Erde, spielt in einer entchristlichten Spiritualität oft eine zentrale Rolle – wir haben das während unseres USA-Aufenthalts einmal in einem Gottesdienst der „Unitarian Universalist Fellowship“ mit Erstaunen und Irritation erlebt. Die Lieder der Native Americans spielen da eine große Rolle. Da heißt es dann:

As one we walk this earth together, / As one we sing to her our song / As one we love her / As one we heal her / Her heart beats with our own as one.

Das ist sicher nicht unsere Spiritualität. Aber das Engagement für die Bewahrung der Schöpfung, das Staunen vor der Schönheit und Weisheit der Natur, und die Verzweiflung über die Verletzungen, die Mutter Erde durch unser unnachhaltiges Leben angetan werden – das kann Teil unseres Erlebens in Gottes Welt sein. Diese Gefühle sind Urerfahrungen, sie bewegen viele Menschen, und das zeigen uns aktuell hunderttausende Schülerinnen und Schüler in Europa, wenn sie bei den Freitagsdemonstrationen mitmachen. Und das zeigt uns das gewaltige Ausbrechen des Frühlings jedes Jahr auf neue, das Keimen der Samen – wenn eine Bohne wie diese hier keimt und zu einer meterhohen, blühenden Pflanze heranwächst.

„Ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.“ Hier mischt sich jetzt alles – ich war seine Lust, ich hatte meine Lust, ich spielte, die Menschenkinder spielten… Gott hat viele Gesichter, und dieses Prinzip der Lebensbejahung ist eines davon. Natur, Schöpfung, Orientierung auf das Leben, das große Ja zu allem, was ist – daran hat Gott seine Freude, und gleichzeitig ist es Gott selbst, der sich so offenbart. Der Schöpfergott ist auch eine lebensspendende Mutter, und die liebende Mutter ist auch ein barmherziger Gott.

„Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN.“ Das ist die zentrale Verheißung des Prinzips Leben, der Schöpfergott-Mutter – eine Einladung, sich hineinzuwagen in das lebendige Leben, in das lebendige Prinzip des Werdens und Wachsens. Keine abstrakte Weisheit, und schon gar keine Moral oder kühle Tugend ist uns auferlegt, sondern das große Ja zum Leben mitzusprechen, uns als Teil der Schöpfung zu fühlen und selbst schöpferisch zu leben. Dieses schöpferische Prinzip kann sich ganz verschieden zeigen: als Elternschaft und mit eigenen Kindern, als enge Gemeinschaft mit anderen Menschen, als Eintreten für die Bewahrung der Schöpfung, als leidenschaftliches Interesse und kraftvolles Mitgestalten durch Arbeit, durch Singen und Musizieren, als Jubilieren am Sonntag Jubilate, oder – das empfiehlt uns der Text – als „Spielen“ vor den Augen Gottes, als Kind-Sein unter seinem liebevollen Blick. Entscheidend ist, das große Geschenk des Lebens anzunehmen, das große „Ja“ zu hören, selbst mitzusprechen und mitzuleben. Wie ein Kind zu sein, wohlig eingehüllt in die Liebe der Eltern.

Denn wer das ablehnt, den trifft das abschließende Wort unseres Bibeltextes:

„Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.“ Wer das lebendige Prinzip ablehnt, wer die Schöpfergott-Mutter hasst, wer Gott nicht auch als das große, lebensspendende weibliche Prinzip anzunehmen bereit ist, wendet sich gegen das Leben, gegen die Schöpfung, gegen die Liebe – er liebt den Tod! Das ist das Gegenteil von Ostern, das ist ein Nein, das wir dem großen „Ja“ Gottes entgegenschleudern. Nicht nur im ganz Großen, auch im Kleinen gibt es so ein Nein. Wenn wir uns die Zeit nicht nehmen für ein Gespräch mit dem Freund, wenn wir nicht innehalten und die Blume bewundern, wenn wir achtlos und ohne Dank unser Essen zu uns nehmen, wenn wir nur mit Sorgen in den neuen Morgen blicken – das sind alles kleine Neins gegen das große Ja unserer lebensfrohen, lebensspendenden Gott-Mutter.

Und wenn uns unsere kleinen Neins überwältigen, dann sind wir nicht unzulänglich oder zu schwach, das ist immer Teil unseres unvollkommenen Menschseins. Kindern ist es nicht peinlich oder unangenehm, wenn andere für sie da sind, wenn andere sich um sie kümmern, wenn andere für sie sorgen, wenn andere sie trösten, bestärken und ihnen helfen. Sie nehmen einfach alles von ihren Eltern, was sie nur kriegen können. Bei Gott dürfen wir so sein: Kinder, die einfach nur spielen wollen. Dass wir Gott in die Pflicht nehmen, um bei ihm aus dem Vollen zu schöpfen, das können wir von den Kindern lernen.

Und so erklärt es Jesus ja auch seinen Jüngern und uns, als er die Kinder zu sich bittet: „Wahrlich, ich sage euch, wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Er ermutigt uns also, ganz ähnlich wie die Weisheits-Urmutter in unserem heutigen Text, sich auf die mütterlich-elterlich-göttliche Liebe und auf die lebendige Fülle des Reichs Gottes einzulassen. Jesus Christus ist die liebende Zuwendung Gottes zu uns Menschen. ER hat den Tod überwunden, er schenkt uns das Leben in Fülle, er ist für uns da – Gott als gute Mutter spricht das große Ja! Zu uns.

Amen