Dürre? Nicht auf Gottes Wegen!

Liebe Gemeinde,

normalerweise feiern wir ja in dieser Zeit im Januar noch ein wenig weiter Weihnachten. Epiphanias war am 6. Januar, das Erscheinungsfest. Noch zwei Wochen werden im Kirchenjahr die Gottesdienste nach Epiphanias durchgezählt. Epiphanias, da erschien was, das Licht kam in die Welt! Johannes in seinem Evangelium huldigt ihm: „Er war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet!“ Das wahre Licht. Das Licht der Wahrheit. Das Licht, das die Wahrheit ans Licht bringt.

Dies „Licht scheint in die Finsternis.“ So viele Sonntage nach Epiphanias, da können wir auch einen für die Finsternis verwenden. Und die Worte aus der Bibel, die uns für heute vorgeschlagen sind, die sagen uns an diesem Tag: Wer die Finsternis nicht kennt, kann sich auch nicht über das Licht freuen. Ich lese aus dem Propheten Jeremia, aus dem 14. Kapitel.

Dies ist das Wort, das der Herr zu Jeremia sagte über die große Dürre: Juda liegt beklagenswert da, seine Städte sind verschmachtet. Sie sitzen trauernd auf der Erde, und in Jerusalem ist lautes Klagen. Die Großen schicken ihre Leute nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde lechzt, weil es nicht regnet auf Erden. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Ja, auch die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.

Ach, Herr, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum stellst du dich wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, Herr, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Prophetisches Wort zum Tag, gesprochen in ein Wetterextrem hinein. Dürre, extreme Trockenheit. Vor zweieinhalb Jahrtausenden noch keine Klimakrise. Und wenn, dann keine menschengemachte. Ein Wetterextrem. Ewig kein Regen. Die Brunnen sind leer, die Böden aufgerissen, unter der stechenden Sonne flieht der Hirsch, japst der Esel, verschmachten die Menschen.

Nicht menschengemacht, sagten wir. Und müssen uns gleich korrigieren. Denn das war ihnen klar: Es ist unsere Schuld, die diese Dürre heraufbeschworen hat. Unser Durst: eine Strafe. Hätte man wissen können. Denn gestört haben wir – nicht wie heute die Natur, sondern die Beziehung zu Gott. Auch wenn man natürlich sagen kann: auch heute sähe es vielleicht anders aus, wenn die Beziehung zu Gott nicht gestört wäre; wenn dem christlichen Abendland nicht über Jahrzehnte Gottes Schöpfung egal gewesen wäre.

Aber hier sagen sie: diese Folge ist nicht nur eine Folge, diese Folge ist eine Strafe. Gott hält die Wolken zurück und setzt uns ungeschützt der Sonne aus. Das gleißende Licht stürzt uns in Finsternis. In die Finsternis der Seele. Traurig verhüllen sie ihr Haupt, die Diener, die kein Wasser im Brunnen finden, die Bauern, die auf ihrem rissigen Boden stehen. In Finsternis fallen die Wildesel, deren Augen verlöschen, denn sie finden kein Grün mehr.

Traurig fallen auch die in Finsternis, die nach Gott suchen in dieser Not. Sie rufen: „Unsere Sünden verklagen uns, hilf uns doch in unserer Not!“ Und, ja, dann finden sie Gott, „Da ist er!“ – aber ach, besser sie hätten ihn nicht gefunden. Denn was sie sehen, verstört sie. Die Figur, die da übers dürre Feld schreitet, scheint das alles nicht zu interessieren, unbeteiligt wandert sie zum Horizont,

„Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?“

Und andere sehen ihn auch – aber da steht er und zuckt nur hilflos mit den Schultern,

„Warum stellst du dich wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann?“

Mit den Resten ihres Glaubens stehen sie da vor Gott, der plötzlich ganz anders ist als sie immer dachten. Wie die große Schwester die kleine Schwester ärgern will und sich verkleidet und verstellt, und die kleine Schwester ängstlich fragt: Das bist doch du, große Schwester, oder?

Gott, so abwesend, so abweisend, das bist doch noch du, Gott, oder?

Und wenn die große Schwester ein Herz hat, gibt sie sich zu erkennen und sagt: „Na klar, ich bin’s, komm, ich helfe dir.“ Und Gott? Der gibt hier weiter den unberührten Fremden, den hilflosen Helfer. Denn er sagt: In all diesem gleißenden Licht ist die Wahrheit noch nicht ans Licht gekommen. Das muss sie aber erst. Sonst ist die nächste Dürre vorprogrammiert. Denn wenn der Horizont sich wieder vor Regenwolken verfinstern soll, so müssen die Seelen erst licht werden und weit und offen zu Gott hin. Statt Sonne über dem Feld und Wolken im Herzen, soll es anders herum sein: Regen über der Erde und Licht im Herzen.

Und was muss dafür passieren? Es muss die Lüge entlarvt werden. In den Versen nach denen, die wir eben gehört haben, erfahren wir: Es gibt falsche Propheten. Sie reden den Leuten ein: Ist alles nicht so schlimm! Es wird keinen Hunger geben, und Frieden wird auch herrschen!

(Nein, Jeremia hat das alles nicht gestern gesagt, sondern vor zweieinhalbtausend Jahren.)

Öffentliche Stimmen also, die die Wahrheit verschleiern wollen. Und die alles im Keim ersticken wollen, was die Menschen an Veränderungsbereitschaft in sich wachsen spüren. „Ist nicht nötig, sich zu ändern!“, sagen sie.

Warum tun sie das? Nun, der zweite Teil der Wahrheit ist: Sie stehen in Diensten des Königs, der auch nicht mehr durchblickt: der vor der Übermacht der Babylonier nicht Gott anruft, sondern die Assyrer. Ein König, der sagt: Umkehr? Nicht nötig, es gibt für alles eine technische Lösung. In diesem Falle die Kriegstechnik der Assyrer. Ja, gut, unsere Freunde sind das auch nicht. Aber wenigstens sind es auch Feinde Babylons wie wir.

Umschreiben wir es mal: die Wahrheit leugnen und an den Problemen irgendwie rumdoktorn. Und die, denen dabei unwohl ist, die kommen über ein ziemlich unkonkretes „Hm, tut uns leid, Gott, was auch immer jetzt genau, kannst du uns jetzt nicht doch helfen?“ nicht hinaus. Aber so will Gott das nicht.

Epiphanias, Fest der Erscheinung, was erscheint, was scheint denn da? Und in welches Licht wird unsere Welt da getaucht? Ja, in das Licht der Liebe – dessen, der sagt: „Ich bin die Wahrheit und der Weg ins Leben, und die Wahrheit wird euch freimachen.“ Freimachen wovon? „Ja“, sagt Gott, „und da gucken wir jetzt noch mal gemeinsam hin.“ Und er erinnert uns an die Dichterin, die sagte: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Die Wahrheit nicht sehen wollen und an den Problemen irgendwie rumdoktorn. Natürlich ist das alles sehr politisch hier. Bei Jeremia. Aber wenn sie dann beten und um Vergebung ihrer Schuld bitten, dann lassen sie erkennen, dass sie wissen: Politisch heißt nicht, dass es nichts mit mir zu tun hat, wir stecken da irgendwie mit drin.

Gott sagt: „Hört nicht auf die Schönredner und sucht dir nicht Hilfe bei denen, die euch nur vom Wesentlichen ablenken. Lass die Wahrheit euch freimachen! Hört auf mich, kehrt um, ändert euer Leben!“

Und die unausgesprochene Verheißung lautet: „Dann werde ich euch nicht mehr vorkommen wie einer, der nur auf Durchreise ist in eurem Leben und kein Interesse hat an euch. Dann werde ich euch nicht mehr kraftlos vorkommen, unfähig, und am Ende irrelevant, unwichtig.“ Gott sagt hier: „Wenn ihr meine Wege geht, dann bin ich bei euch als Trost und als Freude und als Kraft.“

Gott, der mir irgendwie weit weg vorkommt? Es gehört zum Geheimnis des Glaubens, dass er für unser Leben so wichtig ist, wie wir ihn wichtig sein lassen. Und der beste Weg, ihn wichtig sein zu lassen, ist, mit ihm zu leben. Und mit ihm zu leben, das heißt: ihn bestimmen lassen, wie ich in dieser der Welt lebe.

Theresa von Avila war eine ebenso weise und pragmatische Leiterin ihres Ordens im 16. Jahrhundert. Eines Tages kam eine Schwester, also eine Nonne, zu ihr und klagte: „Ich erlebe beim Bibellesen nichts mehr und die Gebetszeiten langweilen mich. Was kann ich nur tun?“ Theresa antwortete ihr: „Dann steh auf und such dir eine Schwester, der es schlechter geht als dir und tue ihr etwas Gutes. Dann wird es auch mit dem Gebet wieder klappen und die Bibel wird dir wieder etwas sagen.“

Das ist eine Erfahrung, die unzählige Menschen gemacht haben: dass der ferne Gott ihnen wieder nahe wurde, wenn sie anderen dienten. Und das ist ja auch kein Wunder, oder? Denn ist der Weg zum anderen nicht der Weg, auf dem Gott unterwegs ist und ich dann mit ihm? Und ist Gott nicht bei dem, dem es schlecht geht, so dass ich bei Gott bin, wenn ich bei jemandem bin, dem schlecht geht?

Und können wir das nicht auch auf unsere Gemeinde anwenden? Was könnten wir an Gegenwart Gottes unter uns erleben, wenn wir noch einmal fragten, wie wir uns dieser Welt schenken könnten? Wenn wir uns auch als Gemeinde noch einmal fragten: Woran merkt man eigentlich ganz praktisch, was wir glauben? Wenn wir auch als Gemeinde mit der Jahreslosung beten würden: Wir glauben – hilf unserem Unglauben, der uns manchmal so zögerlich macht?

Gott bei uns, manchmal wie ein Fremder oder als könnte er uns nicht helfen. Wartet er dann vielleicht darauf, dass wir die Wege verlassen, die nicht seine Wege sind, und uns auf Wege machen, auf denen auch er unterwegs ist?

Epiphanias, das Fest der Erscheinung, wenn es licht wird und im Licht die Wahrheit erscheint. Johannes huldigt ihm in seinem Evangelium: Christus ist „das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet!“ Er ist „die Wahrheit und der Weg ins Leben.“

In seinem Licht sehen wir uns, wie Gott uns sieht, und manchmal ist das nicht schön. Aber keine Sorge: Christus, „die Wahrheit, wird euch freimachen.“ Frei zur Umkehr, frei zum Vertrauen auf ihn, frei zum Dienst an dieser Welt. Und dann wird Gott für dich, für uns nicht mehr wie ein Fremder sein und wie ein hilfloser Helfer. Sondern unsere Freude und unsere Stärke.

Und dann endet mit ziemlich höher Wahrscheinlichkeit unsere innere Glaubensdürre. Ob dann auch das Wetter wieder in Ordnung kommt oder sogar das Klima? Vielleicht atmet es ja immerhin ein bisschen auf, wo wir unterwegs sind. Als Menschen, die Gott nach seinen Wegen fragen und ihn fragen, wie wir auf ihnen unterwegs sein sollen. So nämlich, dass die Hirschkuh genug Milch für ihr Junges hat und der Wildesel Grünes zum Fressen; wenn ich nicht verbrannte Erde hinterlasse, sondern wenn aus mir für die anderen die Quelle des Lebens sprudelt, die Christus in mir geworden ist. Amen.