Ehre, wem Ehre gebührt

4.11.2018

Liebe Gemeinde,

Achtung, wir hören gleich einen der umstrittensten Texte der Bibel! Und deswegen dürfen wir gespannt sein: Wenn man in so einem Text etwas entdeckt, was einen inspiriert, dann ist das besonders spannend, belebend, aufregend.

Zwei kleine Vorbemerkungen aber noch. Sozusagen wie der Rahmen um ein Bild: erstens die Erinnerung an das Wort zur Woche aus dem 1. Timotheusbrief, „Dem König aller Könige und dem Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht!“ – da höre ich gleich die Frage mit: und wem nicht?; und zweitens die Erinnerung daran, dass wir jetzt November haben, und November, das ist der Monat mit dem Gedenken an die Revolution von 1918, das Ende des ersten Weltkriegs, an die Reichspogromnacht 1938, der Monat mit dem Volkstrauertag, an dem wir der Kriegstoten gedenken, und dem Fall der Mauer, der Monat mit dem Ewigkeitssonntag und seiner Erinnerung auch daran, dass wir alle vor Gott verantwortlich sind.

Der Monat November: die Politik und wir werden daran erinnert, dass wir jemanden über uns haben, und daran, was passiert, wenn wir das vergessen. Was umgekehrt heißt: Welche Verheißung es hat, einfach nur Mensch sein zu wollen und Gott über sich zu wissen, der uns hilft, dem Leben zu dienen.

So, und nun wollen wir hören, was Paulus an die Christen in Rom schreibt, dem Zentrum aller weltlichen Macht in jener Zeit. Er schreibt:

Jeder Mensch soll sich der staatlichen Gewalt unterordnen, denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott gegeben ist. Auch die jetzt bestehenden sind von Gott eingesetzt. Das heißt: Wer sich der staatlichen Gewalt widersetzt, der widersetzt sich der göttlichen Ordnung. Und wer sich so widersetzt, der zieht sich das Gericht zu. Wer Gutes tut, der hat von den Herrschern nichts zu befürchten, das hat nur, wer Böses tut. Du willst keine Angst haben müssen vor der staatlichen Gewalt? Dann tue Gutes und du wirst von ihr gelobt werden. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zum Guten. Wenn du aber Böses tust, dann fürchte dich! Sie trägt das Schwert nicht ohne Grund. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. Deswegen: Ihr seid verpflichtet, euch unterzuordnen, und auch nicht nur aus Angst vor dem Strafgericht, sondern auch wegen eures Gewissens. Deswegen zahlt ihr ja auch Steuern, und in Wahrheit sind es Beamte Gottes, die sie eintreiben. Gebt also jedem, was ihr ihm schuldig seid: Steuern, wem Steuern gebühren, Zoll, wem Zoll gebührt, Furcht, wem Furcht gebührt, Ehre, wem Ehre gebührt.

Tja, und das wäre dann die Frage, vor allem im Monat November: Wem gebührt wirklich was? Wem gebührt Ehre, wenigstens Vertrauen? Und wem so wenig, dass man sogar mal den Verfassungsschutz draufgucken lassen sollte?

Daran scheiden sich die Geister. Und sie tun das gerade wieder heftiger als sonst. Politiker schimpfen über einander und ihre Anhänger machen mit. Man möchte sich manchmal mit Grausen abwenden.

Aber das ist keine Alternative. Und das mag schon mal gleich eine erste Botschaft sein. Wir sollen uns nicht zurückziehen. Oder positiv formuliert: Auch die Politik, das öffentliche Leben ist ein Lebensbereich, in dem Gott verwirklicht sehen möchte, was er der Welt geschenkt hat. Und für Paulus ist immer klar, was Gott der Welt geschenkt hat: Freiheit durch Versöhnung. In jeder Lebenslage: Freiheit durch Versöhnung. Und diese Freiheit durch Versöhnung, die muss sich für Paulus auch zeigen, wenn wir uns im Staat bewegen.

Paulus hätte auch gar nichts zu dem Thema schreiben müssen. Hat er aber. Und das allein sagt schon: Wenn Christus für euch der eine Herr ist, dann liegt die Frage nahe, wie ihr euch zu all den anderen Herren und Damen verhaltet, die in der Welt das Sagen haben, jedenfalls ein bisschen.

Jetzt muss man allerdings ehrlicherweise sagen: Besonders inspirierend sind die Worte, die Paulus hier zu dem Thema findet, nicht. Finde ich. Fanden wir auch in der Vorbereitung. Jedenfalls, was das Konkrete angeht. Tu das Gute, dann hast du nichts zu befürchten, und zahl deine Steuern, Widerstand geht nicht. Gerade im Monat November hört sich das auch an ein wenig zwiespältig an.

Was tun mit diesen Worten? Wir können natürlich alle unsere Einwände vorbringen. Zum Beispiel: Wie können denn Diktatoren bitte von Gott eingesetzt sein? Oder: Das hören wir von den Freunden von Überwachungskameras auch immer: wer nichts Böses tut, hat auch nichts zu befürchten.

Wie gesagt, uns ging es in der Vorbereitung auch so. Stirnrunzeln, Schütteln, Abwehr. Muss man eigentlich immer beim vorgeschlagenen Text bleiben? Am ehesten ging es noch, wenn wir uns diese Zeilen als Satire von Böhmermann oder heute-Show gedacht haben. „Na klar, alle Regierung von Gott eingesetzt!“

Aber ist das nicht auch langweilig, um nicht zu sagen: ein bisschen billig, wenn man so schnell fertig ist mit dem, was einem nicht passt? Und was ist ein Glaube wert, bei dem man sich raussucht, was einem passt, und sich nicht mehr herausfordern lässt von dem, was mehr ist als man selbst? So sind wir also drangeblieben.

Und haben zum Beispiel versucht, das irgendwie in die Situation damals einzuordnen. Ungefähr so: Paulus hatte vor, das Evangelium noch bis nach Spanien zu bringen. Dafür brauchte er Rom als Stützpunkt. Die Gemeinde in Rom kannte ihn aber noch nicht persönlich. Alles, was sie bisher von ihm wussten, war: Der Mann polarisiert. Es wird nicht immer friedlicher, wo er ist. Unruhe können wir hier in Rom aber nicht gebrauchen. Denn gerade hatten sie wegen Christus Stress mit der Synagoge. Der Streit war so eskaliert, dass einige aus der Gemeinde sogar aus Rom ausgewiesen wurden. Das kann man alles nachlesen, in der Bibel, sogar bei römischen Geschichtsschreibern aus der Zeit.

Paulus wusste das. Und denkt sich: Die Befürchtungen kann ich zerstreuen. Ich habe ja auch nichts gegen den Staat. Eine kleine Ergebenheitsadresse kann also nicht schaden und ist auch nicht gelogen. Dass ich Christus für den eigentlichen Herren halte, und dass die Gemeinde das an Einheit und Gleichheit verwirklicht, was der Staat nur behauptet zu tun, und dass auch der Staat sich an dem Motto „Freiheit durch Versöhnung“ beurteilen lassen muss – das steht ja auf einem anderen Blatt.

Hilft Euch das ein bisschen? Also, ich finde, das macht aus dem Ganzen hier zumindest schon mal nicht eine Abhandlung in christlicher Staatstheorie, sondern es wird wieder zu einem Brief, den ein konkreter Mensch an andere konkrete Menschen in einer bestimmten Situation schreibt, um ihnen etwas über sich selbst mitzuteilen und um etwas zu erreichen. Das macht für mich schon einen Unterschied.

Und dann haben wir versucht, erst mal nur auf das zu gucken, womit wir etwas anfangen können. Frei nach Mark Twain: „Nicht, was ich nicht verstehe in der Bibel, beunruhigt mich, sondern was ich verstehe.“ Oder wie wir es auch mit den Psalmen machen: Rachewünsche lesen wir bestenfalls nachsichtig, es gibt ja genug anderes, was uns aufbaut.

Und hier haben wir dann gedacht: letzte Worte, die haben ja immer besonderes Gewicht. Und die letzten Worte sind hier: „Ehre, wem Ehre gebührt“. Und welcher Regierung gebührt Ehre? Ehre gebührt der Regierung, die sich Gott verantwortlich weiß und das Gute will. Na klar, was das Gute ist, darüber kann man streiten. Und gerade ungute Dinge werden gerne nett umschrieben. Flurbereinigung, Anker-Zentrum, klingt alles gut, meint nur leider oft das Gegenteil.

Und manchmal sind die Dinge ja auch komplex, und was gut ist und was böse, das ist nicht immer so klar zu erkennen. Zumindest manchmal nicht im Voraus.

Aber trotzdem, ich finde, ein paar Hinweise gibt es schon, was eher gut ist: Liebe, ja sogar: Feindesliebe, Solidarität, Demut, Gott als Schöpfer der ganzen Welt und nicht nur von einzelnen, beschränkten Nationen – das sind ja schon mal erste Hinweise, in welche Richtung das gehen könnte, was gut ist in den Augen des Gottes, dem alle Regierungen verantwortlich sind.

Und stellen wir uns doch mal vor: Der Römerbrief wäre in den Kaiserpalast geschmuggelt worden. Irgendwer hätte dann dem Kaiser diese Seite hier in die Unterschriftenmappe untergeschoben. Und der schlägt auf, guckt kurz rein, ah, Latrinensteuer, unterschreibt, blättert weiter, guckt kurz rein, ah, Begnadigungen, unterschreibt, blättert weiter, guckt kurz rein, ah, äh, nein, was ist denn das, liest, „es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott gegeben ist“, nanu, ich bin doch selber Gott, wer soll denn da noch über mir stehen, das wäre ja, nun ja, beunruhigend! Und noch mal mehr, wenn gerade November wäre.

Wenn wir uns so etwas vorstellen, dann bekommen diese Zeilen sogar noch etwas Subversives. Und Paulus weist leise darauf hin: Steuern, wem Steuern gebühren, ok. Aber Ehre, wem Ehre gebührt, und letztlich gebührt nur einem Ehre, ist nur einer zu rühmen: Gott, der über allem steht und über allen.

Alle andere Ehre ist da Ehre, die von einem Höheren verliehen wurde. Und wenn den Niedrigeren Ehre erweisen, wissen wir doch, dass wir nicht wiederum niedriger sind als sie. Sondern dass sie mit derselben Verantwortung geehrt wurden wie wir, nur mit einer anderen Aufgabe: sie mit dem Regieren, wir mit der verantwortlichen Gestaltung unseres Alltags. Und da wir nun in einer Demokratie eben: auch mit der Verantwortung, uns nicht nur an die eigene Nase zu fassen, sondern auch gegenseitig, Regierer und Regierte.

Und wie das geschieht, das steht in diesem letzten Satz: Ehre, wem Ehre gebührt. Wenn wir alle unsere Ehre von Gott haben, Regierung und Regierte, was heißt das dann:

Dann heißt das zum Beispiel für die, die regieren: Ich suche der Stadt Bestes, nicht mein eigenes. Ich lüge das Volk nicht an. Ich denke nicht nur an morgen, sondern auch an übermorgen. Ich denke nicht nur an mein Volk, sondern an die ganze Welt Gottes. Ich suche das Gute.

Und für die Regierten heißt das: Ich achte die Regierer um Gottes Willen. In meiner Kritik bleibe ich klar und maßvoll. Ich mache sie nicht schlecht, sondern helfe ihnen zum Guten. Ehre, wem Ehre gebührt – wenn auch die Politik ihre Ehre von Gott hat, dann kann ich sie nicht beleidigen und ihr Übles wünschen.

Ja, dann muss ich ihr vielleicht sogar beispringen, wenn es nötig ist. Auf unserem Abend über die Digitalisierung hörten wir vom Theologen auf dem Podium die Phantasie, wie das wohl wäre: Wenn Christinnen und Christen massenhaft die sozialen Netzwerke fluten würden, wenn sich sie auf Facebook und Twitter einmischen würden und den ganzen Hass, der dort ausgekübelt wird, mit guten Gedanken aufmischen würden? Ich jedenfalls versuche, seit einiger Zeit so bei Twitter unterwegs zu sein.

Ehre, wem Ehre gebührt. Und wem gebührt Ehre? Dem, der sie von Gott verliehen bekommen hat. Der sie von Gott verliehen bekommen hat, um seinen Willen für diese Welt voranzubringen. Und sein Wille, das ist Freiheit durch Versöhnung, Freiheit zur Versöhnung. Die Freiheit, mit der er vorangegangen ist, als er in Christus Mensch wurde, für uns starb und auferstand.

Ehre, wem Ehre gebührt. Die große und kleine Politik und wir alle, wir haben diese Ehre vom Allerhöchsten verliehen bekommen. Jede und jeder für den Bereich, für den er verantwortlich ist. Und in dem wir Menschen sein sollen, Menschen sein dürfen, idie den Einen über sich wissen. Was für eine Verheißung – für die Welt! Amen.