Ein Blick, ein Wort, eine Hand – im Namen Jesu

Liebe Gemeinde,

wer als Volontär oder Volontärin in die Welt hinausgeht wie unsere Besucher heute, der merkt auf eine besondere Weise: Armut und Reichtum sind ungleich verteilt in der Welt. Aber auch hier können wir es erleben. In Deutschland. In Berlin sowieso. Wohl auch in unseren Familien und in unseren Freundeskreisen.

Armut und Reichtum sind aber manchmal auch überraschend anders verteilt, als man das vermutet hätte. Von so etwas erzählt uns die Geschichte, die zu bedenken uns für den heutigen Sonntag vorgeschlagen ist. Ich lese aus dem dritten Kapitel der Apostelgeschichte.

Einmal gingen Petrus und Johannes zum Tempel hinauf. Es war um die neunte Stunde, die Zeit für das Nachmittagsgebet. Da wurde ein Mann herbeigetragen, der von Geburt an gelähmt war. Tag für Tag setzte man ihn an das Tor zum Tempelvorhof, das die „Schöne Pforte“ genannt wird. Dort sollte er bei den Tempelbesuchern um eine Gabe betteln. Der Mann sah Petrus und Johannes, die gerade in den Tempel gehen wollten. Und er bat sie um eine Gabe. Petrus und Johannes schauten zu ihm hin, und Petrus sagte: „Sieh uns an!“ Der Gelähmte blickte zu ihnen auf und erwartete, etwas von ihnen zu bekommen. Doch Petrus sagte: „Gold und Silber habe ich nicht. Aber was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen von Jesus Christus, dem Nazoräer: Steh auf und geh umher!“ Petrus fasste den Mann bei der rechten Hand und zog ihn hoch. Im selben Augenblick kam Kraft in seine Füße und Gelenke. Mit einem Sprung war er auf den Beinen und machte ein paar Schritte. Er folgte Petrus und Johannes in den Tempel. Dort lief er umher, sprang vor Freude und lobte Gott. Das ganze Volk sah, wie er umherlief und Gott lobte. Sie erkannten in ihm den Bettler, der immer an der „Schönen Pforte“ des Tempels gesessen hatte. Sie staunten und konnten nicht fassen, was mit ihm geschehen war.

Armut und Reichtum, mal ganz anders. Arm an Geld (die Urgemeinde kannte ja keinen Privatbesitz), dafür reich an heilsamen Kräften.

So wird diese Geschichte zu einem besonders schönen Beispiel für das Prinzip: Nicht Bettlern spenden, sondern Bettelursachen bekämpfen. Zwar nicht gleich strukturell, durch Änderungen im Sozialsystem oder in der medizinischen Versorgung. Aber erst einmal diesem einen hier. Seine Bettelursache ist beseitigt. Er wurde in die Lage versetzt, sich seinen Lebensunterhalt wieder selbst zu verdienen. Auch ein modernes Prinzip von Entwicklungshilfe.

Und überraschenderweise haben Petrus und Johannes gleich noch für eine andere Sache mit gesorgt: dass nämlich dieser ehemalige Bettler jetzt auch nicht mehr innerlich verhungern muss. Die Freude über Gott sättigt ihm nun seine Seele. Heilung innerlich und äußerlich. Wieder Kraft zum Leben und auch die innere Energie dazu.

Ihr Lieben, ich habe das eine noch nie erlebt: dass mir ein Gebrechen auf diese Weise geheilt wurde oder dass durch mein Wort das eines anderen geheilt wurde. Was ich aber erlebt habe: dass mir einer zur Freude über Gott verholfen hat, manchmal auch ganz überraschend. Und ich habe den Eindruck, gelegentlich könnte das auch schon mal durch mich bei einem anderen geschehen sein.

Der Bettler hält Petrus und Johannes die Hand hin. Petrus bittet ihn, sie anzusehen. Da geht das Außerordentliche für den Bettler schon los. Ich erinnere mich, wie Brigitte Huss aus ihrer Arbeit als Sozialarbeiterin erzählt hat und uns ermuntert hat: „Selbst, wenn ihr nichts gebt und auch keine Obdachlosenzeitung kauft, seht die Leute wenigstens an. Soviel Würde muss sein.“

Hier geschieht das also. Aber dann füllt nicht Geld die Hand, sondern eine andere Hand. Und Worte sind nicht nur leere Worte. Es sind Worte voller Leben, und die Hand richtet auf. Und hier ist Reichtum nun überraschend verteilt. Denn diesen Reichtum hat jeder und jede, der oder die mit Christus lebt. Denn das hier, das ist das, was Christus hat und gibt. Was er für uns hat. Was er durch uns gibt. Und diese Quelle versiegt nie.

Für die Armutsbekämpfung hier im Land ist im Großen und Ganzen inzwischen der Staat zuständig. Egal, wie gut oder schlecht er das hinbekommt. Egal, wie gut oder schlecht wir ihn darin unterstützen, als Steuerzahler, zum Beispiel. Diese Woche hat der Cum-Ex-Prozess begonnen. Da haben Finanzjongleure mit windigen Tricks in toten Winkeln der Gesetze dem Staat 400 Millionen entzogen. Geld, das dann z.B. für Armutsbekämpfung gefehlt hat.

Darüber kann man sich aufregen, und das zurecht. Und man kann sich natürlich gleich mitfragen, wie gerne man selber Steuern zahlt. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“

Petrus und Johannes aber haben gedacht: „Geben wir dem Menschen, was des Menschen ist.“ Nämlich das, was wir empfangen haben, auch für den Menschen uns gegenüber empfangen haben. Zum Weitergeben. Oder wie Bernhard von Clairvaux sagte: Sei Schale, die überfließt. Für den Überfluss sorgt er, du lasse überfließen und halte nicht zurück. Lass in dich fließen und halte nicht vor anderen zurück. Petrus und Johannes haben das Prinzip verstanden.

Und sie haben es hier praktiziert. Beziehungsweise erlebt. Denn wes das Herz voll ist, des fließt der Mund über. Quasi von alleine. Heilsame Kräfte, Petrus hat sie ja selber gespürt. Wo Zerbruch war in seiner Beziehung zu Christus, da haben dessen Auferstehungskräfte auch ihn geheilt. Die heilsamen Kräfte Christi, er wusste, wovon er sprach, als er das Wort an den Bettler richtete.

Ist das vielleicht mal das erste, wenn es darum geht, die heilsamen Kräfte Jesu weiterzugeben – sie zunächst selbst erlebt zu haben? Habe ich? Was ist heil geworden in mir, was ist gesundet, befriedet worden durch seine Gegenwart? Bin ich, die Schale, heilsam gefüllt worden?

Dann möge sie überfließen! Wie bei Petrus und Johannes. Und dann mögen die Menschen um uns herum diese drei Dinge erleben, die sie hier in dieser Geschichte erleben: wie sie aufgerichtet werden, wie Freude sie erfüllt, wie sie ins Staunen geraten über Gott.

Spielen wir das noch mal in Zeitlupe ab.

Wie der lahme Bettler herbeigetragen wird. Wie standen seine Träger zu ihm? Wir wissen es nicht. Kümmerer aus Familie oder Freundeskreis? Geldeintreiber, die abends die Bettler abtransportieren und abkassieren? Wir wissen es nicht.

Es könnte aber einen Unterschied machen: Im ersten Fall, bei den Kümmerern, könnte der Bettler vielleicht noch sagen: Das ist jetzt halt meine Art, Geld zu verdienen. Im zweiten Fall ist es Ausbeutung. Wobei, ein Dozent in Jamaica sagte mir mal: Auch der Bettler ist auf gewisse Weise ein Ausbeuter. Er sieht die anderen Menschen nur als Geldquelle. Auch er muss von dieser inneren Missbildung erlöst werden. Geheilt werden.

So sitzt er also da und ahnt nicht, was gleich passieren wird. Kommt ein Mensch vorbei, streckt er seine Hand aus. Wie ein Bewegungsmelder. Ist der Mensch vorbei, fährt die Hand wieder zurück. Manchmal mit was drin, manchmal nicht. Wenn ja, dreht die Hand sich, und das Geld fällt ihm in den Schoß, die Hand wird aufs Knie abgelassen. Kommt der nächste vorbei, reagiert der Bewegungsmelder aufs Neue. Raus, zurück, gegebenenfalls, also falls was gegeben wurde, drehen, ablassen.

Teilnahmslose Annahme von dem, was mit ihm geteilt wird. Auch emotional eine Lähmung. Auch heute nicht selten. Menschen werden anderen Menschen fremd und lassen sie nicht mehr an sich ran. In vielen U-Bahnen und Ehen und Freundschaften. Und mit jedem Tag Einsamkeit wird es schwieriger.

Und gegen all dieses Elend lassen Petrus und Johannes es nun fließen. Aus sich herausfließen. All die heilsame Liebe, mit der sie selber erfüllt wurden. Und auf all dieses Elend antworten sie mit einem Blick, mit einem Wort, mit einer Hand.

Ein Blick, ein Wort, eine Hand. Ich sehe dich an, ich spreche Gutes in dein Leben hinein, ich helfe dir auf. Der Bettler kann sich nicht erinnern, wann er so etwas zuletzt erlebt hat. Wenn überhaupt. Auf jeden Fall noch nie so. Was sind das für Leute?

„Das“, sagen wir, die wir Petrus und Johannes ja schon kennen, „das, lieber Bettler, sind Jesus-Menschen. Das sind, wie jemand mal sagte, das sind Oster-Leute in einer Karfreitags-Welt. Das sind Menschen, die überfließen von der Liebe und dem Auferstehungsleben, das sie selbst empfangen haben. Menschen, die aufrichten, Freude schenken und zum Staunen bringen. Das, lieber Bettler, das sind Petrus und Johannes.“

„Ah, danke“, sagt der Bettler, „und woher kennst du die, wer bist du?“ „Ich, ach ich …“ Und gerne würde ich ihm antworten: Ich bin auch von deiner denen. Ich bin auch so ein Jesus-Mensch. Ich merke manchmal auch, wie die Liebe und das Auferstehungsleben aus mir förmlich herausfließt, ja, tatsächlich, und nichts Schöneres kann mir passieren, als wenn ich merke, wie ich aufrichte, wie ich Freude schenke und wie ich zum Staunen bringe über Gott.

Das würde ich ihm gerne antworten, dem Bettler, der mich fragt, woher ich denn Petrus und Johannes kennen würde und ob ich auch einer von denen wäre.

Und ich weiß nicht, wie geht es euch, würdet ihm gerne auch so antworten? „Ich bin einer, der, ich bin eine, die im Namen Jesu aufrichtet, Freude schenkt und zum Staunen über Gott bringt!“? Und ihr lacht dabei, weil diese Vorstellung euch plötzlich so packt? Und ihr lacht aber auch ein wenig verlegen und sagt damit: „Ich wäre gerne öfter so jemand …“?

Aber das reicht ja erst mal schon. Auf dem Weg sein, darauf kommt es an. Die Sehnsucht kennen und der Sehnsucht folgen, von Christus erfüllt zu werden. Einer zu werden, der für die anderen einen Blick, ein Wort, eine Hand hat. Eine zu werden, die die anderen mit Liebe ansieht, ihnen Gutes ins Leben hineinspricht, sie mit Auferstehungskraft aufrichtet. Einer zu werden, der aufrichtet, Freude schenkt und zum Staunen über Gott bringt.

Jemand also werden, der so nötig ist in einer an so vielen Stellen gelähmten Welt. Wie viele Menschen um uns herum haben den Eindruck, dass es nicht weitergeht. Dass eine Lähmung sie erfasst hat. Oder sie untengehalten werden. Aussichtslos, die Fenster nach draußen zugenagelt. Und die Botschaft an der Wand: Mit dir wird das nichts mehr.

Wie viele Situationen in unserer Welt gibt es, in denen wir den Eindruck haben, dass es nicht weitergeht. Dass uns der Blick in die Zukunft lähmt. Oder uns sogar rückwärtsgehen lässt, den Rechtspopulisten hinterher. Und #fridaysforfuture bringt jede Menge junger Leute auf die Beine, und hoffentlich werden sie nicht wieder niedergedrückt durch bleierne Unwilligkeit zur Veränderung.

Da, wo unsere Welt, die große, in der wir alle leben, oder unsere eigene kleine Welt, da, wo unsere Welt eine erstarrte Karfreitags-Welt ist, da braucht sie uns Osterleute. Die einen Blick schenken, ein Wort sagen, eine Hand reichen. Osterleute, die aufrichten, Freude sich ausbreiten lassen, zum Staunen über Gott bringen.

Zum Staunen über diesen Gott, der uns mit Auferstehungsleben füllt. Im Überfluss. Zum Überfließen. Lassen wir es fließen! Amen.