Entdeckung in der Leere: Jesus Christus!

Liebe Gemeinde,

in so einer großen Lücke finden wir uns selten wieder. Ein klaffendes Loch, in dem wir da stecken. Eine gähnende Leere, die sich vor uns auftut. Etwas haben wir zurückgelassen, und dann gucken wir mal, wo das nächste kommt – und sehen es kaum, so weit ist es entfernt. Eigentlich wissen wir nur, dass es schon noch kommen wird, kommen muss. Der Horizont scheint jedenfalls leer.

„Ähm, von was für einer Lücke spricht er?“ Er spricht von der Riesen-Lücke im Kirchenjahr. Fünf Sonntage vor der Passionszeit! In Zahlen: 5! Sonst gibt es nach der Zeit von Weihnachten und Epiphanias, wenn man die mal hinter sich gelassen hat, vielleicht ein oder zwei, mal drei Sonntage vielleicht, und dann kommt Fasching und dann die Passionszeit.

Aber in diesem Jahr: 5! Und dann kommen ja erst noch die 7 Wochen bis zu Ostern. Eine Riesen-Lücke! Eine gähnende Leere, eine endlos sich ausdehnende Ebene. Oder wie ein junger Kollege twittert: „5. Sonntag vor der Passionszeit sucks“, also: ist ätzend.

Aber: Das juckt Euch eigentlich gar nicht so, oder? Januar, Februar, März, April, das geht doch so wie jedes Jahr, egal wann da jetzt welcher Feiertag kommt. Am Ende sind halt wieder 120 Tage rum. Von einer Lücke nichts zu spüren. Die Zeit füllt sich auch so ganz gut.

Ja. Aber wie schade! Was entgeht uns da, wenn wir die Zeit nicht mehr spüren! Und die Zeit spürt man eben nie so gut, wenn’s erst mal nicht weitergeht. Und das ist dann die Chance!

Langeweile! Wie beim Stammbaum Jesu in der Lesung eben, oder? Förmlich ein Anti-Text aus der Bibel. Stammbaum sucks. Aber dann in der Langeweile: Entdeckungen, die man ohne Langeweile nicht gemacht hätte! Zum Beispiel, sich den Stammbaum mal näher ansehen. Was machen eigentlich die drei heidnischen Frauen da in dem Stammbaum? Spannend! Vielleicht predige ich sogar mal drüber! Zumal am Ende steht: Jesus Christus!

Langeweile. Zeit, um dem noch mal nachzufühlen, was war! Sich vorzufreuen auf das, was kommt! Sich ausmalen, wie es hätte weitergehen können! Sich ausmalen, wie es weitergehen könnte!

Die Zeit dazwischen – das ist die Zeit der Möglichkeiten. Jedenfalls, wenn man dann keine Angst hat. Angst, die einen festnagelt. Wenn die Unsicherheit einen nicht ans Geländer kettet. Sondern wenn man mal neugierig rumstromert. In Gedanken, in Gefühlen, in Möglichkeiten eben.

5 Sonntage bis zur Passionszeit! Und was ist das für eine Zeit jetzt, hat die auch einen Namen? Vorpassionszeit? Aber das ist doch kein eigener Name. Das ist wie Gustafsson, Sohn vom Gustaf. Da braucht es mindestens noch einen Vornamen, um einen eigenen Menschen draus zu machen. Den gibt es hier aber nicht, den Vornamen. Im Kirchenjahr zwischen Weihnachten und Passionszeit. 5 Wochen namenlos. Weite Ebene ohne Anhaltspunkt. Lange Wartezeit, ohne was beschleunigen zu können.

Wir als Gemeinde noch mal: der Fernseh-Gottesdienst liegt hinter uns. Und was kommt jetzt? Was kommt als nächstes? Erstmal nichts?

Du als Mensch: Immer wieder nach dem Ergebnis einer Entscheidung und vor der nächsten. Immer wieder nach etwas und vor etwas. Immer wieder dazwischen. Und was mache ich da jetzt so? Paulus sagt uns heute, am Anfang seines ersten Briefes an die Korinther: Wenn’s zwischendurch stockt, dann gucke ich noch mal rum: nach hinten und nach vorne und wofür zwischendurch Zeit ist. Und dann schreibt er:

Ich danke meinem Gott immer wieder für euch wegen der Gnade, die er euch in Christus Jesus geschenkt hat! Denn in jeder Hinsicht seid ihr reichgeworden durch ihn, in jedem Wort und in jeder Erkenntnis. So wie die Botschaft von Christus unter / in euch befestigt wurde, so fehlt es euch an keiner Gabe, die er in seiner Gnade schenkt. Und so erwartet ihr die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. Der wird euch festmachen bis ans Ende. So kann euch niemand etwas vorwerfen an dem Tag, wenn unser Herr Jesus Christus kommt. Treu ist Gott, der euch zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn, berufen hat.

Paulus sagt den Korinthern in dem Brief: „Bei euch stockt es gerade ein wenig. Da weiß ich, was ich mache: Ich danke derweil meinem Gott für euch, und zwar wegen der Gnade, die er euch in Christus geschenkt hat.“

Die Zeit dazwischen – das ist nicht Niemandsland! Fünfter Sonntag vor der Passionszeit, fünfmal heißt es hier „Jesus Christus“. Zeit also, sich noch einmal neu auf Jesus Christus zu konzentrieren. Wenn sonst nichts los ist. Zeit als Einzelner in den Zeiten dazwischen. Zeit als Gemeinde in den Zeiten dazwischen. Wo komme ich her, wo gehe ich hin – und wo Paulus da hinblickt, sieht er Jesus Christus.

Fünfmal Jesus Christus heißt es und noch ein paar Mal „er“: Jesus Christus, der uns Gottes Gnade bringt. Jesus Christus, der uns reichmacht. Jesus Christus, Inhalt und Erfahrung des Evangeliums. Jesus Christus, auf dessen Offenbarung wir warten. Jesus Christus, der kommen wird an seinem Tag. Jesus Christus, der uns bei sich festmacht bis dahin. Weil wir  zur Gemeinschaft mit Jesus Christus berufen sind.

Jesus Christus hinter uns und Jesus Christus vor uns. Er, wegen dem wir glauben. Er, der unseren Glauben vollenden wird. Was war und was kommt, alles hat mit Jesus Christus zu tun.

Und nichts mit mir. Nichts mit uns.

Das merken auf jeden Fall plötzlich die in Korinth. Wieso, fragen die sich, wieso schreibt der nicht einen Briefanfang, wie es sich gehört? „Ich freue mich über euch, weil ihr so“ und so weiter – so hat ein Brief anzufangen! Gibt es denn nichts über uns zu sagen?

Nun ja, könnte man sagen: Wenn man den Brief weiterliest, dann scheint es ja Gründe zu geben, warum Paulus so anfängt. Gibt halt im Augenblick nicht viel zu freuen, wenn er an die Korinther denkt.

Das erste, was Paulus gleich mal aufspießt, das sind die Fanclubs, die sich um so ein paar Wichtige oder Wichtigtuer in der Gemeinde gebildet haben. Wenn er da irgendwas Tolles über die Gemeinde gesagt hätte, wäre wohl nur ein Streit darüber entbrannt, wem das jetzt wohl zu verdanken ist.

Also lieber nur Jesus Christus. Und Paulus sagt: Was immer ihr meint, Tolles unter euch zu erleben, trotzdem gilt dasselbe auch für euch wie für alle anderen Menschen und alle anderen Gemeinden: Auch ihr lebt vor allem anderen in der Zeit zwischen dem Anfang und der Vollendung. Und beides hängt an Jesus Christus. Deswegen ist für die Zeit dazwischen am allerwichtigsten: befestigt zu werden in ihm.

Jesus Christus, immer wieder Jesus Christus. Das ist ja auch eine Kränkung. Aber haben denn nicht auch wir selbst …? Und was ist, wenn wir nicht …? Egal, alles hängt an Jesus Christus. Jetzt ist die Zeit dazwischen. Gute Gelegenheit, dem noch einmal nachzudenken. Oder dahin vorauszudenken.

Zum Beispiel so: Wem danke ich für meinen Glauben? Wo kommt der her? Danke ich meinen Eltern vielleicht? So wie Schalke-Fans sagen: „Mein Opa hatte auch schon ´ne Dauerkarte“? Ich zum Beispiel: Baptist in mindestens dritter Generation, Christ vielleicht sogar noch länger. Dauerkarte für die Kirche. Geerbt. Wären wir nicht so oft umgezogen, sondern noch in Lötzen oder Hannover, vielleicht die Dauerkarte sogar immer für denselben Platz.

Oder hier, wir als Gemeinde: 120 Jahre in diesem Jahr. 1899. Der Chor sogar noch 10 Jahre älter. Auch so eine Gemeinde entwickelt da langsam Gene.

Grad nichts los im Kirchenjahr, auch in unserem eigenen. Zeit, um noch mal nachzudenken. Kann ich das noch denken: Ich glaube, weil Jesus Christus den Glauben in mir bewirkt hat? Kenne ich das noch, diese Unmittelbarkeit? Der Anfang Jesu und wie er dann auch mich gefunden hat? Mit Gnade beschenkt, reichgemacht. Wow, Jesus, du! Mich!

Wir als Gemeinde: Was für ein Leben unter uns! Lehre und Erkenntnis, ja, auch. Musik. Begeisterung für Kinder. So viele Gelegenheiten, um – ja, um was? Paulus sagt: Um uns festzumachen in Christus. „Zur Gemeinschaft in Jesus Christus hat Gott euch berufen. Dass die wächst und immer fester wird, dafür gibt es, was es gibt unter euch!“

Das führt zu der anderen Blickrichtung: Vorausdenken, wohin das alles führt. Wobei: Führt es überhaupt noch irgendwo hin? Gibt’s ein Ziel? Das heißt ja auch: Ist dann irgendwann mal Schluss?

Klar, ich werde geboren, ich bin da, irgendwann sterbe ich. Vielleicht gilt das sogar für eine Gemeinde. Fragen wir mal die Baptisten in Tegel. Genau, geht nicht mehr. Die sind jetzt woanders. Nicht, dass ihr denkt, ich glaube, wir sind auch auf so einem Wege. Nein, ich glaube, das ist überhaupt eine Denke, die nicht passt. Die wenigstens zu wenig denkt.

Sondern unser Ende so denken: Wie wenn sich zwei in die Arme fallen, die aufeinander zugelaufen sind. Oder manchmal auch wie einer, der sich im Sturm halten konnte, bis der Retter kommt. Auf jeden Fall: nicht nur zu denken, dass halt irgendwann mal Schluss ist, sondern sich darauf zu freuen, dann endlich für alle Zeit vereint zu sein mit Jesus Christus. Ihm in die Arme zu fallen. Fröhlich, erleichtert, weinend oder jubelnd – Hauptsache dann endlich auf ewig mit ihm vereint! Ziel und Vollendung unseres Lebens. Auch unseres Gemeindelebens.

Dafür schenkt er uns den Glauben. Dafür schenkt er uns, was uns festmacht in ihm und was uns auf dem Weg hält zu ihm. Da draußen in unserem Leben. Hier in der Gemeinde. Und immer wieder vor allem: hier im Abendmahl. Amen.