Es kommt: Jesus, mein Licht (1. Advent)

Liebe Gemeinde,

in einem Weihnachtsgedicht heißt es: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch verloren.“ Lost heißt verloren auf Englisch. Lost wurde zum Jugendwort des Jahres 2020 gewählt. Verloren sein, sich nicht mehr auskennen, gerade keinen Durchblick mehr haben. Wo kommt die Erleuchtung her? Wer findet einen und nimmt einen an die Hand? Advent heißt: Christus kommt und schenkt sich uns genau dafür.

In diesen Wochen rund um Weihnachten möchte ich mit Euch über die sieben Ich-bin-Worte Jesu nachdenken. Mir ist in den vergangenen Jahren immer deutlicher geworden: der christliche Glaube ist Beziehung, Beziehung zwischen Jesus Christus und mir und dir und uns und ihm.

Und in den Ich-bin-Worten sagt Jesus nicht einfach etwas über sich selbst. Sondern die sieben Ich-bin-Worte, das sind sieben Beziehungsangebote Jesu an uns. „Das und das möchte ich dir werden.“

Und wir beginnen mit dem Wort, mit dem sich auch sehr schön der leuchtende Advent beginnen lässt. Jesus sagt:

Ich bin das Licht dieser Welt. Wer mir folgt, wandelt nicht mehr im Dunkeln. Er wird das Licht des Lebens haben.

Mit der ersten Kerze am Adventskranz (und der Weihnachtsbeleuchtung auf Straßen und in Shopping-Malls) wird das Licht wieder zum Symbol.

Licht der Welt ist Christus. Licht, das von der Finsternis nicht ergriffen wurde (ein Ding der Unmöglichkeit eigentlich, denn immer vertreibt das Licht die Dunkelheit, nie anders herum), und Judas geht hinaus in die Nacht (13,30) und wandelt fortan in dieser Finsternis. Der blindgeborene Mensch in Kapitel 9 wird mit Erdmatsch auf den Augen und nach einem Bad im Teich Schiloach, übersetzt: im Teich des Gesandten, sehend. Erde und Wasser, Schöpfung und Taufe, als neue Schöpfung zieht es ihn zum Licht, das Jesus ist.

Advent und Weihnachten, Lichterfeste. Licht zieht an, Christus auch?

Machen wir die Gegenprobe. Stell dir vor, du bist im dunklen Wald. Da kommt einer mit Licht. Wie verhältst du dich? Und welchen Grund könnte es geben, nicht zum Licht zu kommen?

Stell dir also vor, du im dunklen Wald und willst nicht zum Licht kommen. Warum?

Vielleicht hast du Angst vor ihm und denkst: „Ich weiß nicht, wer ist der da mit dem Licht? Kann ich ihm trauen? Kann ich mich ihm anvertrauen? Ich meine, was macht der hier draußen in der Dunkelheit? Wird er mir das Leben retten oder wird er es mir nehmen? Wird er die Situation für sich ausnutzen? Oder ist er vielleicht doch geschickt worden, mich zu suchen?“

Vielleicht willst du nicht entdeckt werden, da im Unterholz, weil dich Schuldgefühle plagen, und du sagst zu dir: „Ich will nicht, ich darf nicht entdeckt werden. Wenn doch, geht’s mir an den Kragen. Dann wird meine Schuld ans Licht gezerrt. Dann werde ich zur Rechenschaft gezogen. Dann muss ich Rede und Antwort stehen. Dann muss ich auch von meinem schuldhaften Verhalten lassen. Will ich das?“

Oder du willst einfach nicht, hast keine Lust und denkst: „Stör mich nicht! Lass mich mein Leben leben hier draußen, mir geht’s gut hier. Ja, es ist dunkel, aber ich hab mich dran gewöhnt. Ich komm gut klar damit. Ich will es gar nicht heller. Wozu auch? Für mich reicht’s. Wenn andere mehr sehen wollen, ok, aber mich lass in Ruhe.“

Drei Gründe, nicht ins Licht zu wollen: Angst oder Misstrauen gegenüber dem, der das Licht trägt. Meine Schuld, meine Untiefen, die nicht ans Licht sollen. Der Unwille, über mein jetziges Leben hinauszusehen und zu -gehen.

Hat Jesus etwas, mit dem er auf diese drei Gründe antworten könnte? Vielleicht so:

Jesu Antwort auf deine Angst, dein Misstrauen: „Lies die Geschichten über mich! Ja, ok, sie sind von meinen Freunden geschrieben. Nicht die beste Garantie für Objektivität, das stimmt. Aber trotzdem: Du für dich persönlich, siehst du irgendwo in diesen Geschichten einen Grund, mir zu misstrauen? Oder weckt irgendetwas in den Erzählungen über mich vielleicht sogar eine Sehnsucht in dir?“

Jesu Antwort auf deine Schuldgefühle, auf die Sorge, deine Untiefen könnten entdeckt werden: „Ja, es stimmt, deine Schuld wird ans Licht kommen, deine Untiefen will ich ausleuchten. Ich nehme dich halt ernst. Aber ich liebe dich eben auch wie niemand anders!“

Ich habe alle Schuld und allen Schmerz, den, den du erlitten, und den, den du verursacht hast, auf mich genommen. All diese Schuld hat bereits mich in den Tod befördert und ich habe sie überwunden für dich. Wenn sie nicht an mein Licht kommt, wird sie weiter an dir nagen. Wenn sie an mein Licht kommt, wirst du frei von ihr. Frei für den Neuanfang.“

Und deine Unlust, ans Licht zu kommen? Das ist vielleicht am schwierigsten. Vielleicht versucht Jesus es so: „Puh, ja, was soll ich dazu sagen? Du bist zufrieden, so wie es ist? Dir genügt es so? Kann ich dich vielleicht aber doch in eine Zukunft locken, von der du noch gar nichts wusstest?

Kann ich dich Möglichkeiten erleben lassen, die dir bisher einfach nicht bekannt waren? Sieh dich selbst in den Bildern, die ich in Worten und Taten male von der neuen Welt Gottes. Vielleicht siehst du ja dann dein bisheriges Leben – nun ja, eben in einem neuen Licht?“

Angst, Schuld, Unlust – nicht nur bei denen, die Jesus als dem Licht noch gar nicht gefolgt sind, können sie der tiefen Beziehung zu Christus im Wege stehen. Auch bei mir als Nachfolgerin, als Nachfolger Jesu können sie dazu geführt haben, dass mir ein theoretischer Glauben reicht. Oder sie sie haben sich irgendwann als Störung meiner Beziehung zu Christus eingeschlichen. Haben das Licht langsam ausgehen lassen.

Dieser 1. Advent lädt uns dazu ein, da noch einmal – ein Licht drauf fallen zu lassen und noch einmal hinzusehen. Auf dass dieses Licht uns die Augen öffne und wir zu Christus zurückkehren – als dem Licht nicht nur der Welt, sondern auch meines eigenen Lebens. Auf dass es licht und warm in mir werde. Und aus mir auch um mich herum.

Amen.