Es kommt: Jesus, mein Retter vom Tod (4. Advent)

Liebe Gemeinde,

der Psalm 107 eben in der Lesung spricht von der Rettung. Wie sich da welche in der Wüste verirrt hatten, wie da welche in Seenot geraten waren. Und wie sie von Gott gerettet wurden. Die meisten von uns werden diese Worte symbolisch verstehen. Unsere Geflüchteten hier nicht nur.

Kommt Gott auch im Kind, um uns zu retten? Wovon? Wovor? Bislang haben wir in diesem Advent davon gesprochen, was uns in Christus geschenkt wird: Licht, Brot, eine Tür ins Leben. Aber dass wir regelrecht gerettet werden müssen, aus etwas herausgerettet?

Am 4. Advent, kurz vor der Ankunft, geht der Blick auch schon mal ins Leben dessen hinein, der nun bald da ist. Und quasi auch auf der anderen Seite wieder darüber hinaus. Der Präexistente und der Auferstandene, der da war, ist und bleibt. Die Krippe am Beginn des Weges, der hügelaufwärts zum Kreuz führt. Christ, der Retter ist da!

Deswegen heute in unserer Reihe der Ich-bin-für dich-Worte Jesu: „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ Die Rettung aus den Todeskräften. Und die Geschichte dazu ist die von der Auferweckung des Lazarus. Ich lese aus Johannes 11.

Als Jesus kam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. Als Marta, die Schwester des Verstorbenen, hörte, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen. Jesus spricht zu ihr: „Dein Bruder wird auferstehen.“ Marta spricht zu ihm: „Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.“ Jesus spricht zu ihr: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?“ Sie spricht zu ihm: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.“

Jesus kam zum Grab. Es war aber eine Höhle und ein Stein lag davor. Jesus sprach: „Hebt den Stein weg!“ Spricht zu ihm Marta: „Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen.“ Jesus spricht zu ihr: „Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?“ Da hoben sie den Stein weg. Jesus aber hob seine Augen auf und sprach: „Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast. Ich weiß, dass du mich allezeit hörst; aber um des Volkes willen, das umhersteht, sage ich’s, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast.“ Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“ Und der Verstorbene kam heraus, gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch. Jesus spricht zu ihnen: „Löst die Binden und lasst ihn gehen!“

„Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ „Das Leben“, ok, wenn wir auf die Geburt eines Kindes schauen, dann fällt es uns leicht, in diesem Kind „das Leben“ zu sehen. Man sagt zum Beispiel: Bei jedem Neugeborenen ertappen wir den Schöpfer auf frischer Tat. Oder: Jedes Neugeborene zeigt, dass das Leben weitergeht. Jedes Kind ist ein neues Leben, voller Möglichkeiten, und von Jahr zu Jahr entfaltet es sich wie eine Blume in Zeitlupe.

Wenn er also gesagt hätte „Ich bin das Leben“, dann hätten wir dieses Ich-bin-Wort leicht mit dem Advent verbinden können. Wir hätten uns an der Krippe stehen sehen können, hätten uns gesehen, wie wir hineinsehen, das Neugeborene betrachten, und hätten uns vielleicht darüber gefreut, wie der Schöpfer des Lebens seiner Schöpfung in diesem neuen Leben so nahekommt.

Und das wäre nicht falsch gewesen. Bloß zu wenig.

Näher kommen wir der Verbindung zwischen Advent und diesem Ich-bin-Wort vielleicht, wenn wir uns noch mal an der Krippe stehen sehen, sehen, wie wir hineinblicken, und hören, wie wir ihm mit den Worten der Marta leise bekennen: „Ich weiß, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.“ Als würden wir ihm zuflüstern, dass wir sein Geheimnis kennen.

Das Jesuskind ist der Christus, der Gesalbte. Denn das heißt „Christus“, es heißt „gesalbt“. Und wer gesalbt ist, ist sofort nicht mehr wie alle anderen. Wer gesalbt ist, ist zu Höherem berufen. In diesem Fall: zu Höchstem vom Höchsten.

Es liegt also im Stall: der Sohn Gottes, in die Welt gekommen, um sie zu retten. Nicht, um einfach mal Hallo zu sagen und nach dem Rechten zu schauen. Sondern um Gerechtigkeit zu bringen und die, die auf ihn vertrauen, zurechtzubringen. Dazu wurde er von Gott im Himmel gesalbt, bevor er „in die Welt gekommen ist.“ Nur, wer das mitdenkt, denkt nicht zu wenig von diesem Kind.

Schon zum Kind in der Krippe zu sagen „Ich weiß, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist“, das bedeutet zu sagen: „Ich weiß, dein Weg wird schwer werden. Du wirst auf Widerstand stoßen. Am Ende wirst du hingerichtet werden von einer Welt, die nicht zurechtgebracht werden will. Aber weil du der Christus Gottes bist, Gottes Sohn, Gott wie er, wird das nicht dein Ende sein.“

Denn dieses göttliche Leben kann nicht aus der Welt geschafft werden, es wird auferstehen. So stehe ich an der Krippe, sehe hinein, und sage zum Kind: „Du bist das Leben und die Auferstehung, die Auferstehung und das Leben.“ Und auf eine unhörbare Weise antwortet mir das Christus-Kind aus der Krippe, wie der Christus-Erwachsene Marta geantwortet hat: „Glaubst du das? Glaubst du das auch für dich? Denn ich will es für dich sein: dein Leben und deine Auferstehung, deine Auferstehung und dein Leben.“

Und dann tritt er an Lazarus‘ Grab. Das war eine Höhle, und ein Stein war davor. Wie in uns manches begraben wurde und werden wird im Laufe unseres Lebens. Und wie es bei ihm selbst sein wird. Marta ist realistisch: „Herr, stopp, er stinkt doch schon! Hör auf, ich glaube doch schon an die Auferstehung, am Jüngsten Tag, aber doch nicht hier und jetzt, nach vier Tagen, da ist nichts mehr zu wollen!“ „Doch,“ sagt Jesus, „hier und jetzt schon. Auferstehung findet jetzt statt, denn jetzt bin ich hier und rufe ihn beim Namen.“

Und er ruft Lazarus beim Namen. Und Lazarus tritt heraus. Und natürlich geht es hier nicht darum, dass ein Verstorbener doch noch mal eine Nachspielzeit bekommt. Und sie feiern auch nicht ein großes Wiedersehens-Fest. Sondern Jesus sagt: „Löst die Binden und lasst ihn gehen!“

All das heißt: Geboren werden wir in diese Welt. Auferstehen werden wir in die Freiheit. So leben wir in der Freiheit eines Christenmenschen schon jetzt in dieser Welt. In einer Freiheit leben wir, die sich daraus speist, dass wir jetzt erleben und auch für die Stunde unseres Todes wissen: Er nennt mich beim Namen. Er ruft mich in die Freiheit. Und er sagt zu allem, was mich binden will: „Lasst ihn gehen!“

Wir kommen zurück zur Krippe. Wir sehen uns da stehen und wie wir auf das Kind schauen. Was wir eben gerade geschaut haben, geht weit über diese Szene hier hinaus. Nun sehen wir staunend in die Krippe, und wir flüstern: „All das willst du mir werden?“ Und das Kind sieht uns an und wir hören seine Stimme in uns: „Ja, dazu bin ich in die Welt gekommen, damit du auferstehst und lebst.“ Amen.