Dass der Glaube es nach Hause schafft (Erntedank)

Liebe Gemeinde,

Essen für alle! An Erntedank feiern wir, dass Gott als Schöpfer von allem und allen allem und allen zugesagt hat, sie zu erhalten. Was daran nicht klappt, liegt an uns Menschen, die den anderen das Manna klauen. Im Kleinen manchmal, im Großen der Weltwirtschaft als Prinzip, von dem wir leben.

Gott aber bleibt trotzdem treu. Die Geschichte von der Sintflut erzählt: auch der Bruch des Menschen mit Gott, auch das Misstrauen des Menschen, dass Gott wirklich alles Notwendige und Schöne für alle hat, auch dieses Misstrauen hat an Gottes Treue nichts geändert, denn er sagt, „ich werde nicht aufhören lassen Saat und Ernte.“

Erntedank: Jesus begründet mit dieser Haltung Gottes die Aufforderung, seinen Feind zu lieben, denn auch Gott lasse es regnen und scheinen auf Gute und Böse. Wie sollten wir da mit unserem Leben und mit unserer Liebe knausern.

Die biblische Erzählung für diesen Sonntag verbindet nun diese Treue des Schöpfers mit einer Wundertat Jesu. Aber sagen Wunder Jesu nicht immer auch etwas über das kreatürliche Leben hinaus?

Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: „Mich jammert das Volk, denn sie haben nun drei Tage bei mir ausgeharrt und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.“ Seine Jünger antworteten ihm: „Wie kann sie jemand hier in der Wüste mit Brot sättigen?“ Und er fragte sie: „Wie viel Brote habt ihr?“ Sie sprachen: „Sieben.“

Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte und brach sie und gab sie seinen Jüngern, damit sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Und sie hatten auch einige Fische, und er dankte und ließ auch diese austeilen. Sie aßen aber und wurden satt und sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Und es waren etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

Liebe Gemeinde, da sind Menschen um Jesus. Drei Tage lang. Sie haben sich ernährt von einem jeden Wort, das aus seinem Munde kam. Und von dem Essen, das sie so mitgenommen hatten. Dann ist diese Zeit zu Ende, und es ist Zeit zu gehen. Einen langen Weg nach Hause. Aber für diesen Weg ist jetzt nichts mehr zu essen da.

Wir sehen die Menschen, die ratlos und besorgt dastehen. Wir sehen Jesus und die Jünger, wie sie zusammenstehen und beraten. Wir sehen einen Beutel mit sieben Broten.

Wir sehen auch: was geschehen würde, wenn man sie jetzt einfach nach Hause schickte. Jesus malt es uns vor Augen. Eine finstere Prognose, übersetzt: eine Vorerkenntnis. Und auch sie steht uns als Bild vor Augen. „Sie werden verschmachten auf dem langen Weg.“

Die Jünger sehen den Ernst der Lage noch nicht. Wenn sie es täten, würden sie nicht fragen: „Und wo soll man hier etwas zu essen herkriegen?“, sondern so etwas wie: „Oh Mann, ja, was kann man denn da tun?“ Prognosen haben es schwer. Bei Prognosen kann man sagen und tut es oft: „Naja, wird so schlimm schon nicht kommen.“ Siehe Klimafragen. Die Menschen werden verschmachten.

Das also ist es, was Jesus verhindern will: dass die Menschen von ihm weggehen und auf dem Weg nach Hause verdursten und verhungern. „Mich jammert das Volk,“ sagt er, „denn sie haben nun drei Tage bei mir ausgeharrt und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.“

Das geht uns heute nicht so. Die meisten von uns kommen vom Frühstück. Und nachher wartet auf die meisten von uns zuhause schon wieder ein Essen. Zu dem die wenigsten von uns kräftezehrend lange zu Fuß gehen werden. Und selbst wenn: im Kirchenkaffee kann man vorher noch mal einen Schluck trinken, und ein Keks findet sich in der Küche bestimmt auch irgendwo.

Es steht also nicht zu befürchten, dass wir hier nachher von Jesus aufbrechen und zuhause aus Erschöpfung nicht ankommen. Jedenfalls was unseren Leib angeht.

Nun sagten wir vorhin: Wunder gehen über das Leibliche hinaus. Und diese ganze Geschichte hier ist so voller Symbolik erzählt, dass es da um mehr gehen muss als ums äußerliche Sattwerden:

  • drei Tage waren sie zusammen, dann sollen sie zurückkehren, das erinnert an Tod und Auferstehung Jesu;
  • in der Wüste sind sie, dem Ort des Todes, wenigstens der Lebensgefahr, dem Ort, an dem man als Israelit am stärksten gemerkt hat, wie sehr man den Kräften ausgesetzt ist, die am Leben und am Glauben zehren – aber auch Ort der wunderbaren Glaubensstärkung;
  • sieben Brote haben sie, sieben, die Zahl der göttlichen Fülle;
  • Brot, für das gedankt und das gebrochen wird, natürlich denkt, wer das Ende kennt, das Abendmahl mit;
  • sie sammeln Körbe voll, so wie am sechsten Tag des Manna-Wunders, dem einzigen Tag, an dem es für zwei Tage reichte, denn am siebten sollten sie nicht sammeln müssen, das war der Schabbat, der Ruhetag.
  • Gerne hätten wir auch gewusst: was haben sie denn mit den sieben Körben gemacht? Lunchpakete für unterwegs? Wird aber auch nicht erzählt. Ist eben auch symbolisch.

So voller Symbolik ist diese Geschichte erzählt, dass klar ist: hier geht es nicht nur ums Überleben des Leibes, sondern auch des Glaubens.

Was könnte das hier sein? Vielleicht so: Wird es auch unser Glaubens-Ich bis nach Hause schaffen? Wird der Christus in uns, genährt in diesem Gottesdienst, den Weg nach Hause überleben? Oder wird er unterwegs verhungern? Weil unsere Sorgen, unsere Pläne, unser Ärger alle Energien auf sich ziehen, kaum, dass wir hier aus der Tür treten?

Oder weil die diversen Möglichkeiten zur Zerstreuung uns gleich wieder von dem wegzerren, was uns eben noch so bewegt hat? Oder weil mein eigenes Ego sagt: Ist ja schön und gut, aber du musst die Dinge jetzt schon selbst in die Hand nehmen?

Aufstehen vom Zusammensein mit Christus, im Gottesdienst, im Gebet, im Kloster, bei der Lektüre eines geistlichen Buches, der Bibel gar – aufstehen vom Zusammensein mit Christus, und der Christus in mir schafft es nicht bis in den Alltag, verschmachtet auf dem Weg, auf dem schon gleich wieder die Gesetze meiner Welt herrschen.

Ich kenne das auch. Wie schnell hat mein Alltag meinen Glauben so angeknabbert, dass er seine Kraft verliert. Und wenn wir unsere Geschichte hier geistlich lesen, dann kennt Jesus selbst diese Gefahr auch. „Die Leute könnten verschmachten, wenn wir sie jetzt einfach gehen ließen.“

Was also tun? Wer die Bilder dieser Geschichte im Kopf hat, der sieht jetzt – auf den Beutel mit den sieben Broten. Der liegt vielleicht auf dem Boden, der Beutel, da wo Jesus mit den Jüngern steht und berät. Oder er hängt an der Schulter von einem der Jünger. Jedenfalls: irgendwie noch unbeachtet.

Noch ahnt keiner (außer uns, denn wir kennen die Geschichte und wir schmunzeln, weil wir wissen, gleich zeigt Jesus auf den Beutel und fragt, was da drin ist), noch ahnt also keiner: In diesem Beutel liegt die Hoffnung, dass die Menschen es nach Hause schaffen und dass unser Glaube es bis nach Hause schafft.

Die Speisung der 4000 – sie ist kein Zaubertrick als spektakulärer Abschluss einer mehrtägigen Konferenz. Sondern sie ist not-wendend, sie ist überlebensnotwendig.

Und wir sollten heute eigentlich Abendmahl feiern, damit wir uns bis nach Hause diesen Geschmack immer wieder in Erinnerung rufen können. Und es in diesem Geschmack auch unser Glaube in den Alltag zurückschafft.

Dieser Glaube, das heißt: dieses Vertrauen. Dieses Vertrauen, mit dem es diese Geschichte dann übrigens auch wieder mit dem praktischen Leben und seinem Wirtschaften zu tun bekommt. Das Vertrauen, das dafür sorgt, dass die Jünger ihre Brote rausrücken; dass wir dem anderen sein Manna nicht missgönnen; dass wir uns nicht breiter machen als nötig; dass es uns schmerzt, wenn wir auf Kosten anderen Lebens leben, auch im weltweiten Zusammenhang.

Auch das geschieht, wenn es unser Glaube nach Hause schafft und unterwegs nicht verschmachtet.

So möge dieses Erntedankfest dieses beides bewirken: die Freude über Gottes Liebe und Treue in meinem Leben; und die Freude in der Welt, wenn ich ihr in meiner gottgewirkten Liebe treu bleibe, mit meinem Glauben, der es in den Alltag schafft. Amen.