Es soll Leben sein, trotz alledem!

Liebe Gemeinde,

wir haben gesegnet, wir haben getauft. Wir haben neues Leben gefeiert. Wir haben neuen Glauben gefeiert. So viel Anfang! So viel neuer Weg, der vor Clara liegt – und vor ihren Eltern und ihren Geschwistern! So viel neuer Weg, der vor Lafta liegt – und vor uns als Gemeinde, seinen Geschwistern!

Wir feiern all diese Anfänge heute unter dem Regenbogen. Seit biblischen Zeiten ist er Symbol für Gottes Treue. Für seine Zusage: Alles soll leben! Unter dem Regenbogen gehen wir los, unter dem Regenbogen gehen wir, unter dem Regenbogen gehen wir hindurch. Warum noch mal? Wegen der Geschichte, die uns für den heutigen Sonntag vorgeschlagen ist.

Wir hören aus dem Anfang der Bibel, aus dem 1. Buch Mose, aus der Ur-Geschichte, aus der Geschichte also, die immer geschieht. Ich lese aus dem achten und neunten Kapitel. Was bisher geschah? Die Schleusen des Himmels waren geöffnet gewesen und haben alles Leben auf der Erde ausgelöscht. Alles bis auf das Leben in der Arche. Das Leben für den Neuanfang. Nun sind die Schleusen wieder geschlossen. Das Wasser der Sintflut ist abgeflossen. Die Arche ist gelandet.

Da ging Noah mit seiner Familie aus dem Schiff, und auch die Tiere kamen heraus, alle die verschiedenen Arten. Noah baute einen Opferaltar für den Herrn, nahm von allen reinen Tieren und Vögeln je eins und brachte sie darauf als Brandopfer dar. Der Herr freute sich über den Duft des Opfers und sagte zu sich selbst: „Ich will die Erde nicht noch einmal bestrafen und alles Leben auf ihr ausrotten, nur weil die Menschen so schlecht sind. Ihr Denken und Tun ist nun einmal böse von Jugend auf. Solange also die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

Und zu Noah und seinen Söhnen sagte Gott: „Diese Zusage, die ich euch und allen lebenden Wesen mache, soll für alle Zeiten gelten. Als Zeichen dafür setze ich meinen Bogen in die Wolken. Jedesmal, wenn ich Regenwolken über der Erde zusammenziehe und der Bogen in den Wolken erscheint, will ich an das Versprechen denken, das ich euch und allen lebenden Wesen gegeben habe. Wenn ich den Bogen in den Wolken sehe, soll er mich an den ewigen Bund erinnern, den ich mit euch geschlossen habe. Dieser Bogen“, sagte Gott zu Noah, „ist das Zeichen für den Bund, den ich jetzt mit allen lebenden Wesen schließe.“

Wir tauchen tief ein in die Vergangenheit. Tiefer und tiefer, bis in die Ur-Geschichte. Tiefer und tiefer bis dahin, von wo uns nur noch wenig überliefert ist. Wo es nicht mehr viele Worte gibt, weil nur die wichtigsten überlebt haben. Einige wenige Geschichten, die die Jahrhunderte und Jahrtausende überdauert haben.

Und wir ahnen, warum. Weil es Geschichten sind, die in allen Zeiten Menschen etwas erzählt haben, was für das Leben grundlegend, wesentlich ist. Den Grund des Lebens beschreiben sie und sein Wesen. Und diese Geschichte hier, die beschreibt den Grund und das Wesen des Lebens so:

Leben ist, weil Gott es will, trotz alledem.

Natürlich, dass die eigentliche Gefahr für das Leben auf der Erde eines Tages mal nicht von Gott, sondern vom Menschen kommen könnte, das war damals noch nicht im Blick. Das war nicht denkbar. Jedenfalls so wie heute. An Gott vorbei. Denn natürlich: die Sintflut wurde ausgelöst wegen des Menschen. Wegen seiner Sünde und Verdorbenheit. Oder um zu versuchen, es ganz allgemein zu beschreiben: wegen seiner Unfähigkeit, so zu leben, dass die sichtbare und unsichtbare Welt miteinander in Harmonie leben.

Aber dann eben war es nicht der Mensch, der sich selbst den Boden unter den Füßen weggezogen und die Luft zum Atmen genommen hat, sondern Gott selbst. Er hat diesem Treiben ein Ende gesetzt. Die Schleusen öffneten sich, und die Schöpfung wurde rückgängig gemacht. All die Wasser, die in der Schöpfung gesammelt worden waren, um auf dem Land Leben zu ermöglichen, gesammelt auf der Erde und vor allem unter und über der Erde, all das Wasser durfte nun wieder zurückfließen. Überall hin.

Aber die Aktion war halbherzig gewesen. Keine totale Vernichtung. Ein Neuanfang sollte möglich sein. Ich stelle mir einen himmlischen Rat vor, der wütend wurde, als er das feststellte. Und Gott, wie er sagt: Ich konnte nicht anders. So hatten Noah und seine Familie und ein ausreichender Tierbestand ein Boot bekommen. Ein Rettungsboot. Und wurden übers Wasser hinweg und durchs Wasser hindurch bewahrt.

Hier verbindet sich unsere Ur-Geschichte mit der Geschichte Laftas, seiner Rettung und seiner Taufe. Land, auf dem man nicht mehr leben kann, Wasser, Rettung. Flucht und Taufe. Das Wasser überwunden. Und jetzt sicherer Grund unter den Füßen. Ob hier in Deutschland, das wissen wir noch nicht. Wir hoffen es sehr. Aber Christus geht mit, wohin auch immer. Das ist sicherer Grund für die Seele, für den Glauben. Wo man uns den Boden unter den Füßen wegzieht, da hält Gott seine Hand unter uns.

Der Regenbogen, wörtlich: der Kriegsbogen. Gott hat sich selbst entwaffnet. Dieser Krieg ist vorbei. Gott hat sich selbst entwaffnet. Und er hat sich einen Mechanismus geschaffen, der ihn selbst erinnert. Immer, wenn es regnet, kann er den Kriegsbogen da am Himmel hängen sehen. Und wir unter den Wolken, wir dürfen wissen: Der Himmel öffnet nie wieder seine Schleusen, es ist nur Regen. Gott ist es nicht, der uns bedroht.

Im Gegenteil: alles, was lebt, lebt, weil Gott es will, trotz alledem. Und da war der Welt die größte Angst genommen: die Angst nämlich, dass Gott gegen sie sein könnte. Das ist heute die Angst von kaum noch jemandem. Aber Angst gibt es natürlich trotzdem noch. Wie wäre es, wenn der Regenbogen auch heute der Welt ihre größte Angst nehmen könnte?

Und was wäre das, die größte Angst heute? Ich schlage vor: die Angst, zu kurz zu kommen. Diese Angst, die uns zu Konkurrenten macht, zu Feinden manchmal sogar. Diese Angst, die uns in uns selbst verschließt. Diese Angst, die Mauern hochzieht und die Versöhnung verhindert. Diese Angst, die die Gier befeuert. Und die uns einredet, dass uns die Opfer unserer Gier egal sein müssen.

Was, wenn der Regenbogen der Welt ihre größte Angst nehmen würde? In was für einer Welt würde die kleine Clara da großwerden können? In was für einer Welt könnte Lafta Christus nachfolgen? In was für reiner Welt könnten wir alle leben, könnten wir alle Christus nachfolgen?

Wie könnten wir leben, wenn die größte Angst von uns genommen wäre: damals die Angst vor einem unberechenbaren Gott – wie befreiend, seinen Kriegsbogen nicht mehr in seiner Hand, sondern weggehängt am Himmel zu sehen;

heute sind die Götter andere und also auch die Ängste. Heute eben die Angst zu kurz zu kommen; die Angst, abgeschnitten zu sein von dem, was das Leben ist, und bedroht zu sein von erst dem Chaos und dann dem Nichts – wie befreiend ist es da, von Gott zu hören: Aussaat und Ernte werden nicht aufhören, immer gebe ich genug.

Durchs Wasser hindurch gerettet und nun steht das große JA Gottes zum Leben am Himmel. Ur-Geschichte, die immer ist. Schon das Neue Testament kam auf die Idee: Wasserflut und Arche, das sind Bilder auch für die Taufe. Petrus schreibt davon in seinem ersten Brief.

Sehen wir heute in den Himmel und sehen wir da einen Regenbogen, so sehen wir: der Regenbogen wölbt sich um Christus am Kreuz herum. Und so hängt das miteinander zusammen, nämlich:

In der Sintflut sind nicht Urvölker und Urviecher ersoffen, sondern die Schuld der Menschen und der Zorn Gottes, und dann erinnert Gott sich selbst daran: keine Vernichtung mehr!

Am Kreuz spricht Gott jetzt nicht zu sich selbst, sondern zu uns. Und er sagt uns: Hier ziehe ich die Schuld und den Schmerz der Welt auf mich. Ist ok, ich nehme die Folgen diesmal selbst auf mich. Ich will dir damit sagen: Ich bin mit dir versöhnt! Lass du dich versöhnen mit mir, lass dir nehmen deine Angst!

Und wieder werden durchs Wasser Schuld und Schmerz und Angst genommen. Durch das Wasser der Taufe. So folgen wir Christus nach durch den Tod unserer Schuld und unserer Angst – und kommen heraus aus dem Wasser und hinein in das neue Leben, das ewige, das nicht mehr vom Chaos und von dem Nichts bedroht ist.

Die Sintflut und die Taufe. Gott will, dass wir leben, trotz alledem. Lafta, nach deinem Taufspruch geht es da weiter mit den Worten: „Musst du durchs Wasser gehen, so bin ich bei dir.“ So bleibt manches im Wasser, wir selbst aber leben. Denn Gott will, dass wir leben, trotz alledem.

All das feiern wir in diesem Gottesdienst. So wie Noah gleich einen Gottesdienst gefeiert hat nach der Rettung. Kaum aus dem Wasser heraus, baut er einen Altar. Er feiert einen Gottesdienst, er feiert die Rettung durch Gott und er vertraut ihm den Neuanfang an. Er vertraut sich und die Welt Gott an bei diesem Neuanfang.

Und bis heute passiert in einem Gottesdienst eigentlich nichts anderes: Wir feiern die Rettung durch Gott, wir feiern, dass es weitergeht, trotz alledem, wir feiern die Treue Gottes, der will, dass wir leben! Und wir vertrauen ihm den Neuanfang an. Kaum aus dem Wasser heraus, versammeln wir uns um den Tisch des Herrn.

Wir feiern, dass Gott Leben schafft, immer und immer wieder neues Leben. Und wir vertrauen ihm den Neuanfang an. Die kleine Clara, Geschöpf Gottes, Zeichen der Treue Gottes zu dieser Welt, „ich will, dass es weitergeht“, sagt Gott, „ich will, dass da Leben sei!“

Wir vertrauen Gott den Neuanfang an. Laftas Taufe: „Ich will, dass ewiges Leben sei; ich will, dass Leben ohne Angst sei; ich will, dass Schuld und Schmerz nicht mehr gefangennehmen dürfen; ich will, dass Leben frei sei!“

Und das eine berührt das andere: Wo Leben nach Schuld und Schmerz neu und frei starten darf, da kann auch die neue Schöpfung aufatmen. Lafta und Clara, zwei Neuanfänge, die wir heute morgen feiern. Schön ja auch  die vielen As in ihren Namen. Die ersten Buchstaben im Alphabet und die offensten Laute unter den Vokalen.

Clara und Lafta, zwei Neuanfänge, die wir heute feiern. Und die wir Gott anvertrauen. Der sich mit dem Regenbogen daran erinnert, dass die Menschheit keine Angst mehr vor dem Nichts haben soll. Und der uns mit dem Kreuz erinnert, dass Christus uns eine Freiheit schenkt, die nicht von dieser Welt ist und die deswegen Bestand hat. Leben soll sein, und Leben soll frei sein. Das feiern wir heute in diesem Gottesdienst. Amen.