Essen ist Vertrauenssache, auch beim Brot des Lebens

Liebe Gemeinde,

Johannes hat ein Evangelium geschrieben, das immer wieder mystisch durch die Dinge hindurchschaut. Alles bedeutet noch etwas mehr. Die Wunder Jesu etwa, die heißen bei ihm Zeichen. Wenn Jesus zum Beispiel Brot vermehrt, dann geht es nicht darum, mehr Brot zu haben. Nicht um Lebenskraft für den nächsten Tag, sondern um ewiges Leben ab jetzt.

Vielleicht hätte dem Mystiker Johannes das ja gefallen, wie wir das eben ins Bild gesetzt haben: Der göttliche Logos kommt in die Welt, fällt als Korn in die Erde. Jesus wird geboren, die Ähre wächst. Die Körner werden zu Mehl gemahlen, Jesus gerät in die Mühlen der Justiz, wird zerrieben zwischen den Kräften des Hasses. Das Mehl wird gebacken im heißen Ofen, Jesus stirbt in der Glut seiner Qualen und die Mächte des Bösen werfen ihn in die Hitze der Hölle. Aber dann Ostern, die Hölle konnte das Mehl nicht verbrennen, sondern sie hat es unfreiwillig gebacken zum Brot des Lebens. An dem heute jeder teilhaben kann, der von ihm isst, jede, die Christus verinnerlicht.

Sonntag Lätare, übersetzt: Freut euch! Mitten in der Passionszeit schon mal ein Blick weiter hinaus. Was wird das alles? Das alles wird Brot des Lebens! Brot, das satt macht mit Leben aus der Ewigkeit. Im Evangelium nach Johannes, im 6. Kapitel, sagt Jesus so:

Ich versichere euch: Wer glaubt, hat ewiges Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Aber das ist das Brot, das vom Himmel herabkommt, dass jemand von ihm isst und nicht stirbt. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabkam. Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.

Bis zum letzten Satz war alles gut, bis zum Satz mit dem Fleisch, oder? Brot, das einen ewig leben lässt. Ich sehe schon die ersten, die sich überlegen, wie man diese Diät marktgerecht nennen könnte. „Ewig leben mit dem Messias-Brot“, ein bisschen lahm vielleicht, aber ich bin ja auch kein Werber. Jedenfalls nicht für Diäten.

Und da verbinden sich Jesu Worte mit einem der großen Themen heute: Was wir zu uns nehmen. Und wozu. Und was nicht. Essen ist eines unserer großen Themen. Statussymbol: was man sich leisten kann. Oder auch intellektuelles Statussymbol: auf was man verzichtet.

Oder vielleicht einfach auch, weil Essen so ein intimer Vorgang ist. Nichts lasse ich mir so nahe kommen wie Essen und Trinken. Nichts liefere ich mich so aus wie dem, was ich esse und trinke. Ist es erst mal eingenommen, geht alles seinen Gang, kontrollieren kann ich da nichts mehr. Die Ecstasy-Pille oder was heute so eingeworfen wird; irgendwas, auf das ich allergisch reagiere; der Riegel, den der Diabetiker ganz dringend braucht. Essen wirkt.

Und ist es einmal drin, kann ich seine Wirkung nicht mehr kontrollieren. Deswegen ist Vertrauen hier so wichtig. Und nur wenig regt uns so auf wie ein Lebensmittelskandal. Diese Woche kam irgendwas über den Kochschinken in der BioCompany. War dann zwar doch nicht so schlimm, ging nur um Wasser. Ganz sicher waren sie sich auch nicht gewesen. Aber hat mich schon kurz irritiert.

Essen braucht Vertrauen. „Mach mal Augen zu“ – ganz schwere Übung, wenn dann der Löffel kommt. Denn ist es einmal drin, kann man nichts mehr machen. Dann ist man ausgeliefert.

„Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er in Ewigkeit leben.“ Ob man dem vertrauen kann? Nimmt er da jetzt nicht doch mal den Mund ein bisschen zu voll, um im Bild zu bleiben? Und dann auch noch vergleichende Werbung, die schien damals nicht verboten zu sein, also sagt er noch: „Als sie damals in der Wüste das Manna gegessen haben, sind sie gestorben.“

Naja, aber das hat ja auch keiner vom Manna erwartet, dass es ein pharmakon athanasias sei, ein „Heilmittel zur Unsterblichkeit“, wie kurz nach dem Neuen Testament schon jemand das Abendmahl nannte. Beim Manna hatte keiner erwartet, nie zu sterben, man war ja schon zufrieden, nicht daran zu sterben. Und ansonsten einen Tag lang satt zu bleiben. Mit anderen Worten: zu überleben.

Klar, manchmal ist das schon das viel. „Ohne meinen Glauben hätte ich das nicht durchgestanden.“ Und wenn es wirklich um’s Durchstehen geht, dann ist das eine wunderbare Erfahrung. Kraft von oben, Kraft aus dem Mahl, nicht umsonst gibt es das Krankenabendmahl.

Aber darf ich da trotzdem noch mal nachfragen: Was hat da überlebt? Habe ich überlebt? Und nun bin ich wieder gesund? Und habe über der Krise nicht den Lebensmut verloren? Und mein Glaube hat mir dabei geholfen? Und wenn jemand an nichts glaubt und hat denselben Schicksalsschlag überlebt? Der brauchte den Glauben halt nicht, der hat es alleine geschafft?

Glaubt mir, ich möchte Euch Eure Erfahrungen nicht madig machen. Ich war ja selber schon froh, dass ich in solchen Situationen den Glauben hatte. Ich möchte aber auch ehrlich sein. Ich möchte ehrlich sein schon um derer Willen, die das so nicht von sich behaupten können: dass ihr Glaube ihnen geholfen hätte, das Schwere durchzustehen. Selbst, wenn sie es gewollt hätten. Sondern die sich vielleicht sogar Gott ganz fern gefühlt haben.

Deswegen noch mal nachgefragt: Was hat da überlebt? Ich vermute, Jesus ging es nicht nur darum, dass wir guter Stimmung bleiben und die Hoffnung auf einen guten Ausgang nicht verlieren. Dafür reicht vielleicht auch Manna.

Sondern er wollte was?

In Ewigkeit leben – beim Schreiben dachte ich: Was wäre, wenn ich dieses „in“ mal nicht als Zeitangabe verstehen würde? So wie in „in zwei Tagen“. Sondern was wäre, wenn man es ganz ursprünglich räumlich verstehen würde. Wie „auf den Straßen, statt in der Schule“ oder „in Berlin.“

„In der Ewigkeit leben“ dann also. Und wo ist die? Komme ich da erst noch hin? Aber wäre sie dann ewig? Ewig, das heißt doch, immer weiter noch und immer schon? Und dann muss sie doch auch schon jetzt da sein. Dann muss man doch auch jetzt schon in der Ewigkeit leben können.

„Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er in Ewigkeit leben.“ „Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er in der Ewigkeit leben.“ Er wird gleichsam versetzt in einen anderen Raum, in eine andere Dimension. Ihr werden die Augen geöffnet – dafür, dass die Zeit nur eine Blase ist, umgeben von Ewigkeit. Die Zeit bewegt sich in der Ewigkeit. Durch die Ewigkeit. „Mitten im Leben vom Tode umfangen“, ja, aber schon mittendrin in der Ewigkeit.

Und wer von diesem Brot isst, für den wird die Membran zwischen Zeit und Ewigkeit durchscheinend. Kein Wunder, haben die in der Offenbarung des Johannes in ihrem Überlebenskampf da unten in Rom schon den Gottesdienst da oben im Himmel sehen können.

Und haben dadurch gewusst: Zu denen da oben oder da drüben gehöre ich, weil ich zu dem gehöre, zu dem die gehören. Ich lebe wie sie im ewigen Leben. Ich lebe mit ewigem Leben. Ich lebe mit einem Leben, das ich von Christus habe. Das er mir ist, er, das Brot des Lebens. Oder wie Paulus sagt, der auch mehr Mystiker war als man denkt: „Ich lebe – nun aber nicht ich, sondern Christus lebt in mir!“

Und der größte Wunsch von Paulus war: dass das so bleiben möge! Der größte Wunsch, wenn es auch schon mal ans Überleben ging, war: dass Christus in mir am Leben bleibt, soll heißen: dass er mein Leben bleibt, soll heißen: dass ich am Leben, im Leben bleibe, soll heißen: dass er und ich zusammenbleiben, was auch immer geschehen mag, soll heißen: dass wir uns immer wieder suchen, wenn wir uns verloren haben.

Was also soll überleben in schwierigen Zeiten? Wenn auch sonst nichts überlebt: die Beziehung zu Christus möge bleiben!

Manchmal sagen mir Menschen an der Stelle: Das kannst du von anderen nicht erwarten. Wenn du meinst, du willst das für dich so sehen, ok, du bist auch Pastor. Aber von den anderen kannst du das nicht erwarten.

Es ist unrealistisch zu hoffen, so sagt man mir, dass die Menschen so vergeistigt sein sollen. Dass es ihnen nicht mehr so wichtig sein soll, ob auch die Sache selber gut ausgeht, die Situation, unter der sie gerade leiden. Sondern dass ihnen am wichtigsten sein soll, dass sie sich Gott nahefühlen. Menschen glauben doch, damit es ihnen besser geht. Damit sich Probleme lösen und sie nicht verzweifeln, wenn das nicht geschieht.

Wenn es ihnen aber sogar mit dem Glauben schlechter geht als ohne, vielleicht sogar wegen des Glaubens schlechter geht, dann hören sie mit dem Glauben wieder auf.

Und das kann ich nun auch wieder nachvollziehen. Schlechter gehen soll es einem mit dem Glauben nicht. Aber was meinen wir damit? Wenn ich den Eindruck habe, ich muss auf zu viel verzichten? Wenn mir der Glaube moralischen Druck macht? Ich drauf und dran bin, ein ekklesiogene Neurose zu entwickeln, wenn mich also der Glaube und die Gemeinde krank machen?

Ja, dann hör besser auf zu glauben! Hör auf jeden Fall auf, so zu glauben. Hör auf, das Brot zu essen, was sie dir zu essen gegeben haben. Denn mit dem Brot stimmt was nicht. Dieses Brot ist nicht er. Das muss billiger Lebensbrotersatz gewesen sein. Total unbekömmlich, regelrecht gesundheitsgefährdend.

Und wenn es das nicht ist, wenn mit dem Brot alles in Ordnung ist, sondern wenn du einfach nur weiter Pech hast im Leben? Wenn dich ein Schicksalsschlag ereilt? Etwas deine Lebensqualität einschränkt? Und der Herr hat es nicht verhindert? Wo er doch das Brot des Lebens ist? Wenn bei dieser Diät nicht fassbares Lebensglück herauskommt, dann wird diese Diät sicher kein Renner!

Vielleicht wäre es jetzt Zeit, den letzten Satz aus Jesu Worten mit hineinzunehmen: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.“ Fleisch. Im Griechischen steht da wirklich das Wort sarx. Manche meinen, das könnte man auch mit „Leib“ übersetzen. Schon möglich. Dafür hätte es aber auch ein eindeutigeres Wort bei den Griechen gegeben: soma, psychosomatisch kommt daher. Bei den anderen drei, Matthäus, Markus, Lukas da steht das auch, als Jesus vom Abendmahl spricht: mein Leib gegeben, mein soma.

Bei Johannes nicht. Bei ihm sagt Jesus Fleisch. Irgendwie schockierend. Fast als wollte er nicht einladen, sondern abschrecken. Oder aber als wollte er sagen: Bei mir gibt’s nicht einfach lecker Brot zu essen, nette Diät zum glücklichen Leben. Sondern bei mir gibt’s – mich selbst. Auf dass du und ich eins werden. Und bleiben, komme, was wolle. Auf dass du lebst, aber nun nicht du, sondern ich in dir. Auf dass du lebst in der Ewigkeit. Schon jetzt. Du und ich, von nun an und für immer. Komme, was wolle.

Du wirst sehen: ein größeres Glück gibt es nicht. Amen.