Frei und heil werden in der Feier des Schabbats / Sonntags

Liebe Gemeinde,

den Schabbat begrüßen wie einen geliebten Menschen, nein: wie DEN geliebten Menschen. Und nicht nur zu begrüßen, sondern ihm sogar entgegeneilen.

Den Sonntag begrüßen wie einen geliebten Menschen, nein: wie DEN geliebten Menschen. Und nicht nur zu begrüßen, sondern ihm sogar entgegeneilen.

Endlich ungestört mit ihm oder ihr. Nichts machen müssen, einfach nur zusammensein. Sich aneinander freuen. Das Leben feiern. Das Glück dann auch teilen wollen, Freunde einladen.

Schabbat und Sonntag: wo uns das Vielerlei der anderen Tage getrennt hat, finden wir nun wieder zusammen, als Freunde, als Familie, als Gemeinschaft. Und schau her, Gesellschaft, so könnte es gehen!

Feiern. Es gibt Zeit zum Arbeiten und es gibt Zeit zum Feiern. Das ist ein Unterschied. Man merkt es an der Kleidung und am Essen und daran, wie wir miteinander da sind.

Man merkt es auch an dem, was wir an diesem Tag tun: Tag der Rückschau ist dieser Feiertag und der neuen Ausrichtung. Tag des Dankes und der Bitte. Tag der Erinnerung und der Hoffnung. Tag des gehobenen Hauptes, um über den Tag hinauszusehen, auf das große Bild, zu dem mein Leben gehört.

Und wir feiern den, der der Schöpfer dieses großen Bildes ist. Der unser Haupt erst zu diesem großen Bild hebt. Und dem wir unseren Dank und unsere Bitte bringen. Wir feiern den Ewigen und atmen bei ihm tief durch mitten in der aufgeregten Kurzatmigkeit dieser Welt.

Aber wie geht das alles? Alles beginnt damit, diesen Tag bewusst zu unterscheiden. Der Schabbat wird am Freitagabend begonnen und er endet am Samstagabend. Die Liturgie des Samstagabend heißt Hawdala. Das bedeutet: Unterscheidung, Trennung. Der Ruhe- und Feiertag wird bewusst von den Arbeitstagen unterschieden. Wenn er zuende ist, wird er bewusst verabschiedet. So wird der Unterschied auch wirklich erlebbar.

Und so bewusst wird er auch begonnen. Erev Schabbat heißt der Vorabend des Schabbat, der Freitagabend. Zu der Eröffnungsfeier gehört das Lied Lecha Dodi, „Auf, mein Freund“, das wir eben gehört haben. Das Hohelied der Bibel klingt an. Der Ton wird gesetzt. In Lecha Dodi heißt es:

„Auf, mein Freund, der Braut entgegen, / Das Angesicht des Schabbat wollen wir empfangen! / Auf, mein Freund, der Braut entgegen, / Die Königin Schabbat wollen wir empfangen! / Dem Sabbat lasst uns entgegengehen, / Denn er ist uns Quell, aus dem uns strömt der Segen, / Schon festgesetzt von Anbeginn, / Des Werkes Schluss, das erste auch in Will und Sinn.“

Der Schabbat als „des Werkes Schluss.“ Welchen Werkes? Das der sechs vorangegangenen Tage. Zugleich aber auch noch weiter gedacht: Schluss der Werke, mit denen wir die Welt gestalten, am Ende, wenn nichts mehr zu gestalten und alles nur noch Feier ist. Auf dieses Ende soll alles hinauslaufen.

Dieses Ende in der fröhlichen Feier des (ewigen) Schabbat ist nicht nur möglich, sondern göttliche Zusage, und es ist auch nicht überraschend, sondern von Anfang an gewollt. Am Anfang schon, ganz am Anfang, ist dieses Ende geschaffen.

„Des Werkes Schluss, der erste auch in Will und Sinn.“ Gott hat ihn von Anfang an mitgedacht, als krönenden Abschluss.

Was für eine schöne Vorstellung: Bevor alles losging, lag da schon der Plan in der Schublade, alles mit einem großen Fest enden zu lassen, die Woche, das Leben. Am Ende wird alles gut und schön.

Und für alle gleich. Was immer auch unser Werk an Trennung hervorgebracht hat, da werden wir wieder zusammengeführt. Ungleichheit wird ausgeglichen, Streit versöhnt.

Das wäre doch mal was bei der nächsten Projektplanung: Erst einmal planen wir die Abschlussfeier! Und ist das Projekt dann durchgeführt, sagen wir: Halt, wir sind noch nicht fertig, jetzt wird gefeiert! Und alle bleiben – anders als ich es auf so manchen Konferenzen erlebt habe, wo im Abschluss-Gottesdienst nur noch die Hälfte der Leute sitzt.

Siebter Tag der Schöpfung, geschaffen wie die anderen Tage, erst jetzt ist die Schöpfung vollendet. Wer nicht von seiner Arbeit ruht und seinem Schöpfer dankt, hat seine Arbeit noch nicht vollendet.

Haben wir vielleicht verlernt, etwas vernünftig zu Ende zu bringen? Sind wir deswegen eine Müdigkeits-Gesellschaft, wie der Philosoph Byung-Chul Han vor einigen Jahren schrieb? An der einen Zigarette schon die nächste anzünden. In das Ende des Films wird schon die Werbung für den nächsten eingeblendet.

Ein getriebenes Leben. Freiheit ist das nicht.

Frei macht der Schabbat. Frei macht ein schabbatartiges Leben. Dank an Gott nach den Verrichtungen des Alltags. Hawdala, Unterscheidung, Trennung, lass mich in Ruhe, ich mach das hier erst einmal zu Ende, dann sehe ich weiter. Es lebt eh alles vom Schöpfer, wer bist du, dass du mich so hetzt? Erstmal danken!

Und erstmal feiern! Mit allen anderen! In dem Lied Tzel Umej Be’er – Schatten und Brunnenwasser –, das wir gleich hören werden, heißt es: „Hier ist das Haus, das wir gebaut, / Hier ist der Pinienbaum, den wir gepflanzt, / Hier ist der Weg und hier die Zisterne. / Wer auch immer hierherkommt, ist unser Bruder, / Wer auch immer kommt, den lass mit uns speisen, / Und die Pforte wird niemals geschlossen sein.“

Wer sein Haus gebaut hat und gleich zum nächsten Bau hetzt, muss sein Haus abschließen, und da steht es dann leer und nutzlos rum. Wer erst mal dankt und feiert, kann es mit Leben füllen. Eine schabbatartige Gesellschaft lebt miteinander und hetzt nicht rempelnd durcheinander, jeder wie ferngesteuert und allein.

Für diese Freiheit ruhte Gott am siebten Tag und schuf den Feiertag. Eine Gemeinschaft, eine Gesellschaft, die sich vom Ewigen in diesen Tag einladen lässt, gewinnt die Freiheit, miteinander zu feiern, sich zu freuen und miteinander dankbar zu sein.

So werden wir, so wird unsere Gemeinschaft, unsere Gesellschaft beim Feiern in der Gegenwart Gottes erst menschlich und frei.

Amen.