Ganz schön aufgewacht!

Liebe Gemeinde,

ja, so gut möchte man gerne in den Tag starten, wie Gisela und Andrea uns das Lied eben nahegebracht haben. Gleich morgens als erstes Mal sich freuen und danken. Gleich morgens mit allem versorgt, was ich an Kraft und Zuversicht brauche. Dann ist es auch fast schon egal, mit welcher Margarine-Sorte ich außerdem noch in den Tag starte.

Ob vielleicht auch Jesus solch einen Start in den Tag hatte? In jeden Tag? Und auch in den Tag, an dem auf ihn der Einzug in Jerusalem wartete?

Kleppers Lied vertont Worte des Propheten Jesaja. Der tröstet sein Volk im Exil. Und braucht dafür selber Trost. Denn Tröster stoßen nicht überall auf Gegenliebe. Wir hören aus Jesaja 50:

Gott, der Herr, hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.

Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich biete meinen Rücken dar denen, die mich schlagen, und meine Wangen denen, die mir die Barthaare ausreißen. Mein Angesicht verberge ich nicht vor Schmach und Speichel. Gott, der Herr, hilft mir. Darum werde ich nicht zuschanden.

Darum mache ich mein Angesicht hart wie einen Kieselstein, denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. Er ist mir nahe, der mich gerecht spricht – wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott, der Herr, hilft mir. Wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Palmsonntag. Und mit diesen Worten des Jesaja könnten wir es so sagen: Die Wachgemachten aus den Dörfern ziehen dort ein, wo man sie lieber weiter schlafend sehen würde. Und den Wachmacher wird man sich nun endgültig mal vorknöpfen, damit die Wachgemachten die Hoffnung verlieren und wieder müde werden.

Es ist eine explosive Mischung, als die Jesaja hier seinen Dienst beschreibt. Und die Evangelien beschreiben auch Jesu Mission so. Gilt das schließlich auch für unsere Nachfolge dieses Jesus Christus? Ist sie auch eine solche explosive Mischung? Spüren wir da Widerstände, solche oder ähnliche, wie Jesaja und Jesus sie gespürt haben? Widerstände von außen? Widerstände in uns?

Jesaja im Exil. Jahr um Jahr ist er bei seinen Leuten, redet mit ihnen, dass sie die Hoffnung nicht aufgeben sollen. Steht jeden Morgen auf und richtet sein Ohr nach oben, damit er weiß, wie er dann später mit denen ganz unten reden kann.

So lebt er ausgespannt zwischen Himmel und Erde. Wie Jesus: ausgespannt zwischen Himmel und Erde, ganz bei Gott und ganz bei den Menschen, das ergibt ein Spannungsfeld, das kann einen zerreißen, wie hält man das aus?

Jesaja, mit dem Ohr ganz oben, mit dem Mund ganz unten, ausgespannt zwischen Himmel und Erde, eine leichte Zielscheibe für die, die gegen ihn sind. Aber es ist ja kaum zu glauben, warum nur wird er geschlagen, angespuckt? Er tut doch nur Gutes! Redet mit den Müden!

Ja, aber was passiert dann mit den Müden? Sie werden wach. Was passiert mit den Kraftlosen? Sie werden stark. Und das eben wollen nicht alle. Es gibt da welche, die wollen, dass die Müden müde bleiben, die Kraftlosen kraftlos. Weil sie selbst dann nämlich weitermachen können wie bisher. Und zum Beispiel von den Müden und von den Kraftlosen leben. Weil die tun, was man ihnen sagt, und nicht tun, was man ihnen nicht sagt. Und nicht sagen tut man ihnen: Steht auf! Also stehen sie auch nicht auf. Auferstehen nicht.

Wenn da nicht immer dieser Jesaja wäre. Die Babylonier sind wütend. Das verstehen wir. Aber bedenklicher ist: Auch in seiner Gemeinde gibt es welche, die sind gegen ihn. Die, die Angst haben vor den Babyloniern. Die vor allem in Ruhe gelassen werden wollen. Die meinen, Politik ginge sie und ihre Gemeinde nichts an. Dabei leben sie doch mittendrin.

Und diese Pharisäer, der Hohe Rat und wie sie alle heißen: sorgenvoll schauen sie drein, sicher: aus Verantwortung, aber eben sorgenvoll haben sie ihr Ohr am Palast des Pilatus und an dem in Rom, um zu hören, wie Verantwortliche hören, nämlich das Gras wachsen, um schnell auf jede Gefahr reagieren zu können.

Wenn da nun eben nicht immer dieser Jesus wäre. Die Römer werden wütend, das verstehen wir. Aber auch die Führer seines Volkes. Die meinen, Politik ginge sie und ihre Gemeinde nichts an. Dabei leben sie doch mittendrin, in der Politik. So wie wir alle. Mit allem, was wir tun und nicht tun.

So reden sie mit den Müden, Jesus und Jesaja, das Ohr ganz oben, den Mund ganz unten, ausgespannt zwischen Himmel und Erde. Ein leichtes Ziel für ihre Gegner.

Er hatte es ja selbst gesagt, der Jesus, dass er für die Müden da ist: „Kommt her, ihr alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Und noch bevor er geboren wurde, wurde die kleine Maria hellwach mit ihm im Bauch und pries, gar nicht mehr müde, ihren Gott, dass der nun endlich aufgewacht sei und den Retter schicke!

Und Herodes hat das begriffen, dass da etwas am Erwachen war. Das war ihm bedrohlich, alles Neuerwachte ließ er töten, in einem großen Rundumschlag. Und in Rama hörte man lautes Wehklagen von jungen Müttern und Vätern, die sich danach müde wieder ihrem übriggebliebenen Leben zuwandten. Muss ja. Ob sie wohl ihn gehört haben, später, als er sagte „Kommt her, die ihr mühselig und beladen seid!“?

Dass die Müden, die Schlafenden erwachen: Ein Weckruf geht durch die Welt. Der Entschlafene erstand am Ostermorgen, und die sich frühmorgens zu seinem Grab schleppten, rannten danach aufgeregt zurück. Und mit den müden Emmaus-Jüngern sprach er Worte Gottes, und sie wurden wieder hellwach, und das Feuer, das schon erloschen war, loderte wieder in ihnen: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete?“

Und es klingt weiter durch die Welt, das Wort, der Weckruf, das Wort Gottes an unser müdes Ohr. Ich habe es mir auswendig gelernt, jeden Morgen ist es das erste, was ich denke, beim kurzen Innehalten, aufgestanden von meinem Bett, der Vers: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dir Christus als Licht aufgehen.“ Epheser 5,14. Wach auf. Steh auf. Eine Bewegung ist das.

Das macht das Evangelium so gefährlich für die Wärter der Schlafenden: dass, wer aufwacht, auch aufsteht. In der Kraft Gottes. Und losgeht. In das Licht Christi. In das Leben. Und die sie halten wollen, können es nicht mehr.

Worte Gottes an die Müden – da werden die Müden wach, aber nicht bloß, um nun einfach wieder zurückzukehren in das Getriebe. Dafür hätte man Jesaja nicht schlagen müssen. Dafür hätte man Jesus nicht kreuzigen müssen. Dafür hätte man sich sogar bei ihnen bedanken müssen. Aber bekommt der Betriebspsychologe wohl einen Dank seiner Chefs, der die Arbeiter stark macht – für den Widerstand gegen Ungerechtigkeit? Eher nicht, oder?

Liebe Gemeinde, wir sind die Wachgemachten. „Die Erweckten“ würde jetzt vielleicht die falschen Assoziationen wecken. Deswegen lieber so: Wir sind die Wachgemachten. Wir haben die Augen geöffnet bekommen und träumen nicht mehr, sondern sehen klar. Das, was ist. Das, was in dieser Welt ist. Was mit dieser Welt los ist.

Und wir sehen die, die müdegemacht werden, immer wieder. Die nicht einfach nur müde sind, das ist jeder mal, nach ein paar Stunden, zur Nacht. Aber da sind die, die müdegemacht werden. Die sehen wir, die wir selber wachgemacht worden sind vom lebendigen Gott, von Christus, dem Licht. Wir sehen sie. Um uns herum. Weil wir Augen Gottes haben. Weil wir unser Ohr an Gott haben, der uns sagt, was mit ihnen ist. Und was mit ihnen sein soll.

Und wir beten für sie. Hier im Gottesdienst, in unserer Fürbitte. Und zuhause. Das ist gut. Das ist das erste. Das will aber noch weiter. Da ginge zwar das Ohr nach oben, wie das Ohr eines Jüngers, einer Jüngerin es auch soll. Aber da ginge auch der Mund nur nach oben, hin und zurück zu dem Gott, der mir etwas gesagt hat zuvor.

Aber der Mund soll nun nicht nur fürbittend nach oben gehen, sondern was mein Ohr hört, das ist zum Weitergeben, und dazu muss mein Mund nach unten, sich denen dann auch zuwenden, für die ich bete. Und wer dann für die Müden betet und immer wieder zu den Müden redet, liebt sie irgendwann so sehr, dass er nicht mehr will, dass sie immer wieder müdegemacht werden.

Die Fürbitte soll münden in den Zuspruch. Und der Zuspruch soll münden in den Einspruch. Die Fürbitte soll münden in die Fürsprache. Das Für-Wort will münden in die Für-Tat. Im Französischen gibt es den Begriff à l’écoute, wörtlich: zum Hören, auf Hörweite. Und soll aber heißen: für jemanden da sein. Auf Gott hören und dann für die Müden da sein.

Bei Jesaja und bei Jesus gab’s dann Widerstand. Bei mir auch? Zunächst mal in mir, oder? Wenn’s harmlos ist, kommt er nur von meinem inneren Schweinehund. Dem gilt es den Rücken tapfer hinzuhalten, das Gesicht ihm hart entgegenzuhalten und nicht zu weichen. Ach, die Extra-Meile! Nicht nur Kraft wünschen, sondern mittragend mitgehen. Wie schwer ist das, wie schwer, sich dazu zu überwinden.

Schwerer wiegt die Sorge um mich selbst. Was wird mit mir, wenn ich nicht nur fürbitte, sondern auch zuspreche, ja: fürspreche? Womit belaste ich mich da? Habe ich die Zeit überhaupt, die Kraft? Wird Gott, der das von mir will, mir auch geben, was ich brauche? Kann ich es wagen, ihm mein Ohr hinzuhalten? Wird er mir Liebe und Kraft genug geben, den Müden, die Müde auszuhalten, mich für ihn, für sie einzusetzen? Gott, bist du wirklich bei mir, wenn ich tue, was du willst?

Und was, wenn mir dann wie Jesaja und Jesus der Wind ins Gesicht bläst? Nicht von den Müden, sondern von den Müdemachern? Obwohl – vielleicht auch von den Müden. Denn manchmal ist es schläfrig am schönsten, und jedes Licht ist erst einmal zu grell, wenn es die Wahrheit zeigt.

Jesus zieht in Jerusalem ein. Ausgespannt zwischen Himmel und Erde, weil er das Ohr an Gott hat und den Mund bei den Müden und dann in der Tempelreinigung auch noch Hand anlegt an die Müdemacher – so ausgespannt wird er zum leichten Ziel für seine Gegner.

Aber so ausgespannt wird sein Kreuz auch zum Zeichen seines Widerstands. Und er ist sich seiner Sache sicher, denn Gott wird für ihn einstehen. Und am Ostermorgen geschah genau das, ein für allemal. Sogar Schlafes Bruder, der Tod, ist überwunden.

Jesus hat sich ausspannen lassen am Kreuz, damit das Leben endgültig siegt; damit den Müdemachern das Handwerk gelegt wird; damit wir als die wachgemachten Wachmacher den Widerstand nicht fürchten. Sondern den Müden in Jesu Namen und in seiner Oster-Kraft sagen können: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten!“ Amen.