Geliebte und erleuchtete Welt

Liebe Gemeinde,

die Geburt eines Kindes [und seine Segnung in diesem Gottesdienst], der Ausbruch des Lichts am ersten Schöpfungstag, 2. Sonntag in der Passionszeit unter dem Motto „Christus will uns durch seine Liebe gewinnen“ – das ist unser Weg bisher durch diesen Gottesdienst. Zeit, das alles jetzt noch mal zusammenzuführen.

Geburt und Schöpfung zum Beispiel, das ist leicht, das liegt nahe. Immer, wenn wir ein neugeborenes Kind in den Armen halten, dann ist da das Gefühl des Anfangs. Und immer verbinden sich auch Gedanken der Zukunft mit dem Anblick dieses Kindes. Wie hell oder wie dunkel wir uns seine Zukunft ausmalen. Und das tun alle, ob es nun in einem reichen oder in einem armen Land geboren wurde, in einem reichen oder in einem armen Haus.

Und wenn wir uns vorstellen, wie dieses Kind wohl durch die Welt gehen wird, dann stellen wir uns automatisch auch vor, wie wohl die Welt aussieht, durch die es geht. Ob die Welt ein heller Ort sein wird oder ein dunkler. Oder beides, und wir hoffen, dieses neue Leben hier in unserem Arm möge eher im Hellen leben? Und könnte Gott dazu vielleicht etwas beitragen?

Die Geburt eines Kindes, das Kommen eines Menschen, Licht, das die Welt flutet, 2. Sonntag der Passionszeit – auf ihre Weise verbinden das die Worte aus dem Johannes-Evangelium, die uns für heute vorgeschlagen sind. Ich lese uns aus dem dritten Kapitel:

Und wie Mose damals einmal in der Wüste eine eiserne Schlange hochgehalten hat, und wer auf sie blickte, überlebte den Biss der Schlangen im Lager, so muss auch der Menschensohn, also Jesus, erhöht werden, damit alle, die sich ihm anvertrauen, das ewige Leben haben.

So sehr nämlich hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der sich ihm anvertraut, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe. Nicht dazu nämlich hat Gott seinen Sohn gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer ihm vertraut, der wird nicht gerichtet. Wer ihm nicht vertraut, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes.

Und so sieht das Gericht aus: Das Licht ist in die Welt gekommen und die Menschen liebten die Dunkelheit mehr als das Licht. Ihre Taten nämlich waren böse. Und jeder, der Schlechtes tut, hasst das Licht und kommt nicht ins Licht, damit seine Taten nicht ans Licht kommen. Wer dagegen die Wahrheit tut, der kommt ins Licht. Da wird sichtbar, dass seine Taten in Gott getan sind.

Wie die Welt aussehen wird, durch die unser neues Leben gehen wird? Die Antwort aus unseren Worten hier lautet: die Welt ist geliebt und erleuchtet! Gute Nachricht, oder? Weg mit den Sorgenfalten und die angespannten Wangen gelöst! Die Welt ist geliebt und erleuchtet. Willkommen, neues Leben! Willkommen auch noch mal wir selbst! In dieser Welt, die geliebt und erleuchtet ist!

Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab. Erst an diese Welt in seiner Geburt, dann sogar in den Tod, auf dass die Welt das Leben habe. So sehr also hat Gott die Welt geliebt, dass er sich selbst in seinem Sohn, der im Vater ist und der Vater ist in ihm, dass er sich selbst also hingab. Hingebungsvoll liebt er die Welt. Entschlossen liebt er die Welt. Wortreich staunt die Bibel über diese Liebe.

Am Anfang hörten wir es von Paulus: Als wir noch von Gott nichts wissen wollten, ja, Gottes Feinde waren, war er bereit, für uns zu sterben. So sagt er uns am 2. Sonntag der Passionszeit im Wort zur Woche.

Am Kreuz erhöht: Jesu ausgespannter Körper. Und plötzlich sehen wir darin auch eine Umarmung der Welt. Die Einladung, sich von ihm umarmen zu lassen. Sein Wunsch, dass wir in seinen Händen da die Hände sehen, die sich uns liebend entgegenstrecken, auf dass wir nicht auf sie einschlagen, sondern in sie einschlagen. Die Wundmale dann am immer noch Auferstandenen: „Meine Liebe hält euch aus, überwindet Tod und Hass.“

Durch was für eine Welt wird unser neues Leben gehen? Durch eine geliebte Welt!

Wie gehen wir durch diese Welt, jetzt, wo wir das wissen, dass diese Welt eine geliebte Welt ist? Der rechts von dir und die links von dir – geliebt! Baum und Blume, Wal und Wolf – geliebt! Wie leben wir mit dem, was mit uns da ist, so geliebt? Wie leben wir – selbst als geliebte Menschen? Wie leiten wir dieses Kind und alle Kinder durch diese Welt, wenn wir wissen, dass diese Welt eine geliebte Welt ist? Was sagen wir den 300.000 Kindern und Jugendlichen, die am Freitag durch unser Land gezogen sind, weil sie davon so wenig an uns sehen?

Durch was für eine Welt wird unser neues Leben gehen? Durch eine geliebte Welt!

Durch was für eine Welt wird unser neues Leben gehen? Durch eine erleuchtete Welt!

„Das Licht ist in die Welt gekommen!“, sagt Johannes. Klar, das kennen wir von Weihnachten. Bilder vom schummrig erleuchteten Stall, und bei manchem Künstler auch geht dieses Licht vom Kind in der Krippe aus. Dann aber schafft es dieses kleine Licht schon nicht mehr in die Ecken des Stalls. Geschweige denn in die ganze Welt.

Hier bei Johannes stelle ich es mir anders vor. Hier stelle ich es mir vor wie bei Haydn. Mit einem Schlag gibt es da ein weit leuchtendes, unauslöschliches Licht in der Welt. Diese Geburt ist ein globales Ereignis. Wenn nicht ein kosmisches. Licht durchflutet die Welt.

Durch was für eine Welt wird unser neues Leben gehen? Durch eine erleuchtete Welt! Und die 300.00 von den Demos? Und die 50 von Neuseeland und ihre Angehörigen?

Opfer derer, die den Schatten aufgesucht haben, die dunklen Winkel. „Wer Schlechtes tut, kommt nicht ins Licht.“ Ja, nicht für alle ist dieses Licht angenehm. Oder um jetzt auch mal nicht einfach die Welt in gute und böse Menschen aufzuteilen, obwohl uns das nach dem Attentat von Christchurch wieder sehr naheliegen würde, aber trotzdem sagen wir auch mal: auch nicht für alles in uns ist dieses Licht angenehm. Mancher Neid, mancher Hass, manche Gleichgültigkeit, manche Lieblosigkeit, mancher Egoismus in uns zieht sich da lieber in die dunklen Ecken zurück. Und wenn es die Oberhand hat, zieht es uns mit.

Und das finde ich nun einen Gedanken, der ist mir jetzt in unserer Vorbereitung auf diesen Gottesdienst das erste Mal so richtig aufgegangen: dass das das Gericht ist, wie Johannes sagt!

Das Gericht, das ist ja die Entscheidung über gut und böse, richtig und falsch. Und gerne wird das Gericht so gedacht, auch in der Bibel, dass die einen ins Licht treten dürfen, die anderen in die Finsternis gestoßen werden.

Aber hier bei Johannes klingt das anders: das Gericht, das ist, dass Licht und Liebe in diese Welt Einzug halten. Wie Jochen Klepper in seinem Weihnachtslied dichtet: „Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.“

Und warum ist das das Gericht, die Entscheidung? Weil das, was nicht ins Licht kommen mag, sich selber zurückzieht. Gerichtet ist, wer sich selber verschließt vor dem Licht.

Haben wir noch den Schreck in den Knochen von vorhin, als das Licht so ausgebrochen ist in Haydns „Schöpfung“? Stellen wir uns einmal vor, das wäre nicht der Schrecken darüber gewesen, dass es plötzlich so laut wurde. Sondern stellen wir uns vor, da hätte sich erschreckt, was im Dunkeln bleiben will.

Haydn hat genau das auch noch ganz wunderbar beschrieben, gleich im Anschluss an den Ausbruch des Lichts vorhin. Er malt mit Musik, wie alles, was nicht ins Licht will, vor diesem Licht in die Finsternis flieht. Hören wir da noch einmal hinein:

ARIE: Nun schwanden vor dem heiligen Strahle / des schwarzen Dunkels gräuliche Schatten: / der erste Tag entstand. / Verwirrung weicht, und Ordnung keimt empor. / Erstarrt entflieht der Höllengeister Schar / in des Abgrunds Tiefen hinab / zur ewigen Nacht.

CHOR: Verzweiflung, Wut und Schrecken / begleiten ihren Sturz. / Und eine neue Welt / entspringt auf Gottes Wort.

Im Strudel der Töne flieht, was das Licht scheut, wenn das Wort Gottes die neue Welt ins Licht setzt. Auf dass die Welt erfahre: sie ist eine geliebte Welt, sie ist eine erleuchtete Welt. Und das Dunkle höre: Deine Zeit ist abgelaufen, deine Spur vergeht.

Eine neue Welt entspringt auf Gottes Wort. Das ist die Welt, durch die unser neues Leben gehen wird. Und das Wort, das diese Welt schafft, das ist ein zweites Schöpfungswort. Das erste Schöpfungswort war „Es werde Licht!“ über der dunklen ungeformten Erde. Das zweite Schöpfungswort ist „Es werde Leben!“ über dem leblosen, gemarterten Körper des Menschensohns. Und weil er das Licht ist, kann kein Tod, kann keine Dunkelheit mehr dieses Licht aus der Welt vertreiben.

Es kann sich die Dunkelheit nur noch selber zurückziehen. Und richtet sich damit selber. Das tut nicht das Licht. Das tut nicht der Menschensohn. Denn, wie ein Ausleger von Johannes schreibt: „Gott ist so wenig gekommen, um zu richten, als die Sonne, um Schatten zu werfen.“

So eine Welt ist das also. Die Welt, in der wir das neue Leben willkommen heißen. Es ist die geliebte und erleuchtete Welt. Die Welt, in der, wie es hier heißt, nichts und niemand verlorengehen soll. Und ja auch nicht muss, jetzt, wo dieses Licht da ist.

Sondern wo das Leben leben kann in der Liebe, leben kann im Licht. Ein Licht, das uns das Leben hell und weit macht. Auch wenn uns manchmal aus finsteren Ecken was anknurrt und uns Angst machen will.

Leben in der geliebten und erleuchteten Welt. Und wenn uns jetzt jemand fragt: „Mann, Mann, Mann, in was für einer Welt lebst du denn?“, dann können wir sagen: „Ich? Ich lebe in der geliebten und erleuchteten Welt. Und du übrigens auch!“ Amen.