Gemeinschaft des Ölbaums

Liebe Gemeinde,

man muss schon irgendwie ein Experte sein, um darauf zu kommen, wie Pomologie und der Glaube zusammenhängen. Pomologie, das ist die Lehre vom Obstanbau. Welche Sorten wie wo was für einen Ertrag bringen, wie sie miteinander verwandt sind, so Sachen. Und auch: Wie man sie immer noch weiterentwickeln kann.

Also, wer das gleich mit dem Glauben verbinden kann, ist vermutlich schon ein wenig tiefer eingestiegen in den Glauben und in die Bibel. Und weiß dann vielleicht auch schon, warum wir von der Pomologie ausgerechnet am Israel-Sonntag sprechen. Es geht um Oliven.

Paulus schreibt an die Christen in Rom. In der Synagoge dort haben die Christen für mächtig Unruhe gesorgt. Der Kaiser musste eingreifen und hat einige von ihnen aus Rom verbannt, um für Ruhe zu sorgen. Das alles hat die Gefühle zwischen Christen und Juden nicht eben verbessert. Paulus sagt den Christen: Bleibt trotzdem innerlich mit ihnen verbunden. Und dazu schreibt er von Oliven. Also, indirekt. Nämlich:

Wenn die Wurzel eines Baumes heilig ist, dann sind es auch die Zweige. Vielleicht sind einige Zweige aus dem Ölbaum herausgebrochen worden. Und vielleicht hat man dich als Zweig vom wilden Ölbaum in den edlen eingepfropft. Dann wirst du jetzt vom Saft aus seiner Wurzel miternährt. Aber denke nicht, dass du den anderen Zweigen überlegen bist! Du wirst vielleicht sagen: „Die Zweige wurden doch herausgebrochen, damit ich eingepfropft werde.“ Ganz recht: Du hast ihren Platz eingenommen, weil du zum Glauben gekommen bist. Aber das darf für dich kein Grund zur Überheblichkeit sein. Gott hat schon die ursprünglichen Zweige nicht verschont. Dann wird er dich erst recht nicht verschonen.

Brüder und Schwestern, ich will euch über folgendes Geheimnis nicht in Unkenntnis lassen: Tatsächlich hat Gott dafür gesorgt, dass sich ein Teil von Israel vor ihm verschließt. Das soll aber nur so lange dauern, bis alle heidnischen Völker sich ihm zugewandt haben. Dann wird schließlich ganz Israel gerettet werden. In der Heiligen Schrift heißt es ja: „Vom Zion her wird der Retter kommen und alle Gottlosigkeit von Jakob nehmen. Das ist der Bund den ich, der Herr, mit ihnen geschlossen habe.“

Was Gott aus Gnade geschenkt hat, das nimmt er nicht zurück. Und wen er einmal berufen hat, der bleibt es. Allen will er sein Erbarmen schenken.

Paulus schreibt vom Baum, dessen Teil wir geworden sind.

Der Baum, ein Bild für den Menschen. Für dich und mich, zum Beispiel. Ein gutes Bild, finde ich. Man kann es auf so viele Weisen verstehen und was draus machen für das eigene geistliche Leben. Lass mich ein Baum werden, der dir gute Früchte bringt, Herr! Das haben wir vorhin in dem Lied „Geh aus, mein Herz“ gesungen.

Man kann zum Beispiel sagen: Wie ein Baum stehe ich ausgestreckt zwischen Himmel und Erde. Ganz hier in meinem Leben, im Leben dieser Welt. Und doch zieht mich etwas nach oben, sucht etwas in mir auch in höheren Sphären. Ich brauche die Sonne genauso wie das, was meine Wurzeln in der Erde finden.

Ich kann zum Beispiel sagen: Wie ein Baum möchte ich sein, dessen Wurzeln immer genug Wasser haben. Ein aktuelles Thema. Straßenbäume wässern wird da zur geistlichen Übung. Der allererste der Psalmen beginnt so: Wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, ist der, der immerfort die Worte der Heiligen Schrift vor sich hindenkt, in sich hineinträufeln lässt. So bleibt man grün.

Ich kann auch sagen: Frucht möchte ich bringen für die, die nach Leben hungert; Schatten möchte ich spenden für die, die das Leben auszudörren droht; Nistplätze möchte ich bieten für die, deren Leben gerade Schutz braucht. So jemand möchte ich werden durch die Kraft Gottes in mir.

Und ich kann eben auch mit Paulus sagen: Jetzt ist mal nicht der ganze Baum ein Bild für dich, sondern du bist ein Ast an einem Baum. So ein bisschen wie Jesus, der sagt: Du bist eine Rebe an mir, dem Weinstock.

Ein Ast also am, sagen wir mal, am Ölbaum. Wie kommt Paulus denn darauf? Ich stelle mir vor, wie er so am Stadtrand spazieren geht. Da gab es ja neben manchen Orten kleine oder größere Ölberge, Olivenhaine. Es wäre vielleicht etwas sehr Heimatfilm, sich vorzustellen, wie da gerade einer einen Ölbaum veredelt und Paulus dabei zuguckt. Es reicht ja, dass er weiß, dass man das macht und dass ihm dazu eben das mit den Heiden und seinem Volk Israel einfiel.

Er dachte: Wie diese Ölbäume eine Mischung sind aus natürlich gewachsen und künstlich dazugekommen! Ist das nicht so mit denen, die immer schon zu Gott gehörten, und denen, die jetzt neu dazukommen? Den Nahen und den Fernen, wie es im Epheserbrief heißt, also den Juden und den Christen?

Ja, du und ich, wir sind Dazugekommene. Neigschmeckte, wie der Schwabe sagt und die Schwäbin auch. Nicht von hier. Aber jetzt da.

Bei allem Antisemitismus, der in den letzten Jahren wieder so zugenommen hat, ist das für Christinnen und Christen eine Nachricht, die uns gegen jede Judenfeindlichkeit immun machen sollte. Wenn uns unsere Beziehung zu Christus das Wichtigste ist, dann wissen wir: Wir haben sie nur, weil Gott uns mit aus lauter Barmherzigkeit hineingenommen hat in die Gemeinschaft des Ölbaums.

Es gibt uns als Christen nicht ohne das Judentum. Wir spüren das nicht so oft. Und wir mit dem Shalom-Chor in unserer Gemeinde spüren das immerhin noch öfter als andere. Aber immer wieder können wir uns daran erinnern lassen: Wenn Gott auf mich sieht, dann sieht er mich als Zweig an dem Ölbaum, der sein ganzes Volk ist.

Und es war unter Schmerzen, dass Gott uns mit hineingenommen, eingepfropft hat. Paulus spekuliert da ein bisschen, wie es dazu gekommen sein könnte. Dass da nämlich Platz gemacht wurde für uns Nicht-Juden. Zweige, die ursprünglich dazugehört hatten, wurden entfernt, weil sie in Jesus nicht den Christus, den Messias erkennen konnten. Das hat Gott geschmerzt. Schmerzen, die Paulus mitleidet. Er sagt am Anfang: „Wenn meine Verwerfung mein Volk retten könnte, ich wäre bereit!“ Er ist sich aber auch sicher: Gott hat sein ursprüngliches Volk nicht aufgeben. Am Ende wird er uns alle zusammenführen.

Kein christlicher Triumphalismus also. Sondern staunendes Dasein als Zweig an diesem altehrwürdigen, lebendigen, kräftigen Ölbaum. Was macht es aus mir, das zu meditieren?

Und eine Sache ich noch erstaunlich. Eigentlich ist es in der Obstkunde anders herum: der neue edle Zweig veredelt den unedleren Baum. Der neue Zweig bringt die bessere Sorte. Seine Art verwandelt den Baum. Deswegen pfropft man ein. Andersherum würde es ja auch keinen Sinn machen. Wenn der edle Baum seine Art an den wilden Zweig abgeben würde, würde davon ja immer nur der eine eingepfropfte Zweig profitieren.

Aber es ist eben anders herum: der neue Zweig verändert den Baum. Und da müssen wir nun sagen: Da müsste es einem in unserem Falle um dem Baum angst und bange werden, in den wir eingepflanzt werden. Denn wir sind die wilden Zweige, die unedlen, die in den edlen Baum eingepfropft werden. Der arme Baum!

Wenn da nicht das Wesen und die Kraft Gottes wären, seine heilende Barmherzigkeit! Aus dem Unedlen macht er das Edle, aus unheilig macht er heilig, das Niedrige erhöht er, das Geringe erhebt er. Dieser edle Ölbaum ist widerständig. Er gibt uns Anteil an seinem Wesen.

So können wir also staunen: Wir Zweige vom Baum des Egoismus, des Unfriedens, der Angst und der Unfreiheit, wir bekommen die Chance auf ein neues Leben. Am Baum Gottes. Seine Kraft hält uns aus und heilt uns. Seine Barmherzigkeit macht uns zu Menschen, die seine Liebe in sich spüren und die aus seiner Liebe leben. Seine Barmherzigkeit, die uns miteinander verbindet, Juden und Christen.

Komm, sagt er zu dir und zu mir, komm an den Ölbaum, werde Teil, spüre, was dir zufließt aus der langen Geschichte meines Erbarmens. Amen.