Glauben heißt: staunen und mittanzen

Liebe Gemeinde,

für mich ist das wieder mal ein ganz normaler Sonntag. Nach der Teenie-Freizeit vor drei Wochen, dem Wochenende mit den Stettinern vor zwei Wochen, dem 14er-Gottesdienst, Benedictio quattordecim, vor einer Woche und dann am Abend das wunderbare Jubiläums-Konzert mit dem Shalom-Chor. Und vor unserer Pfingstfreizeit in der kommenden Woche.

Heute ein ganz normaler Sonntag. Zeit, um mal innezuhalten. Und dankbar zu staunen im Blick auf das, was uns als Gemeinde da alles geschenkt wurde. Und nicht nur zurückzublicken wie auf ein tolles Vereinsleben. „Was haben wir alles hinbekommen und wie toll haben wir uns die Zeit vertrieben!“

Sondern zurückzublicken und darüber zu staunen, womit Gott uns in diesen Tagen beschenkt hat: junge Menschen mit Ausrichtung auf seine Zukunft, geistliche Gemeinschaft über Staatsgrenzen hinweg, Frieden in seinem Volk aus Juden und Christen. Wow! Da fällt es mir leicht, mir die Worte des Apostels zu eigen zu machen, die uns für den Sonntag heute vorgeschlagen sind. Er schreibt an seine Gemeinde:

Deshalb falle ich auf die Knie vor dem Vater, von dem alles, was aus seiner Vaterschaft im Himmel und auf der Erde hervorgegangen ist, seinen Namen hat. Er möge euch mit Kraft beschenken aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit! Mögt ihr durch seinen Geist stark werden am inneren Menschen! Möge Christus durch den Glauben in euren Herzen wohnen, in Liebe verwurzelt und gegründet! Auf dass ihr mit allen Heiligen fähig werdet zu begreifen, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe [Gottes] ist! Auf dass ihr fähig werdet, die Liebe Christi zu erkennen, die die Erkenntnis überragt, damit ihr erfüllt werdet zur ganzen Fülle Gottes.

Dem aber, der die Kraft hat, über alles, was wir bitten oder denken, hinaus zu tun, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei die Herrlichkeit in der Kirche und in Jesus Christus, in allen Geschlechtern von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Eine Bitte aus dem Staunen heraus. Ein Bittgebet, das eigentlich mehr nach einer Anbetung klingt. Über Gott zu staunen und wie uns das aufbrechen lässt.

Mit Amen haben die Worte geendet. Wenn hier vorne jemand hier vorne Amen sagt, dann antwortet man leicht reflexhaft auch mit Amen. Aber wozu jetzt in diesem Fall genau? Amen, so sei es. Aber was genau sei jetzt wie?

Denn war er hat eben noch mal gesagt? Die Liebe, die die Erkenntnis überragt – dazu passt, dass einem ein bisschen der Kopf summt bei diesen Worten, oder? Irgendwie beeindruckend, irgendwie geht es um was Großes, aber um was genau?

Mir ging es jedenfalls so: Ich spüre diese Worte des Apostels mehr als dass ich sie verstehe. Bewegen sie mich deswegen weniger? Ich bin geneigt zu sagen: Im Gegenteil! Wenn man was spürt, setzt das in Bewegung. Und Worte versuchen das danach in Worte zu fassen.

Genau genommen ist das im Glauben immer so: Gott tut was, Gott sagt was. Das kommt uns nahe, das berührt uns, das bewegt uns. Wir gehen mit oder wir wehren uns. Und womit wir mitgehen oder wogegen wir uns wehren, das müssen wir dann erst mal in Worte fassen. Sonst können wir nicht damit umgehen.

Ok, soweit mal, wie ich so glaube, wie das so grundsätzlich mit dem Glauben läuft.

So läuft das bei mir bei diesen Worten hier auch. Sie beschreiben, was Gott tut. An das, was wir mit Gott in den vergangenen Wochen erlebt haben, habe ich eben erinnert. Und auch unser Brief hier hat davon in den beiden Kapiteln vorher erzählt. Nämlich wie Christus uns die Tür geöffnet hat zu allem, was Gott der Welt schenkt. Wie die Kraft, die Jesus auferweckt hat, auch in uns neues Leben schafft. Wie wir alle dieses neue Leben gemeinsam haben und wie das Frieden untereinander schafft.

Über all das staunt der Apostel vorher. Und dann fällt er hier auf die Knie und bittet Gott, dass er auch uns hilft, darüber zu staunen. Auf dass wir aus diesen wunderbaren Erfahrungen mit Gott leben mögen. Glauben aus dem Staunen heraus.

Diese Worte bewegen mich auf eine solche Weise, dass ich zu ihrer Erkundung auch Verben der Bewegung nutzen möchte. Ich möchte in diesen Worten hin- und herlaufen. Ich möchte mich in ihnen umtun. Ich möchte um einzelne Worte und Sätze schauend herumgehen. Staunen wie in einer Ausstellung. Stehenbleiben und die Atmosphäre aufnehmen. Schnuppern, nachspüren.

Und das erste, was ich dabei entdecke, das bleibt sozusagen noch ganz allgemein. Nämlich: wenn ich mich so bewege in diesen Worten, dann entdecke ich, dass sie von der Bewegung Gottes hin zu uns sprechen.

„Deshalb falle ich auf die Knie vor dem Vater, von dem alles, was aus seiner Vaterschaft im Himmel und auf der Erde hervorgegangen ist, seinen Namen hat.“ Alles, was ist, hat in Gott seine Vaterschaft, seinen Ursprung und seinen Namen. Allein darüber ließe sich eine ganze Predigt halten.

Alles, was mit mir da ist, ist mir Schwester, ist mir Bruder. Klingt nach Franz von Assisi, ein wenig aus der Mode gekommen, Schwester Sonne, Bruder Mond. Zu Unrecht aus der Mode gekommen, vielleicht eine gute Zeit, ihn neu zu entdecken, wenn denn die letzte Europawahl tatsächlich auch eine Klimawahl war.

Und der Apostel sinnt weiter, meditiert und schreibt uns weiter von Gottes Bewegung hin zu uns. „Mögt ihr durch seinen Geist stark werden am inneren Menschen!“ In unseren inneren Menschen kommt er mit seinem Geist. Gott wohnt da. Und wirkt. Darauf dürfen wir vertrauen. Und mit unserem eigenen geistlichen Leben achtsam sein, was aus dem Allerheiligsten in uns in unser Leben ausströmt. Und staunen vielleicht: Was da heile wurde in mir, warst du das, Herr? Was da wieder hell wurde, was plötzlich so friedlich geworden ist – warst du das, Herr?

„Christus wohnt in unserem Herzen, verwurzelt und gegründet“, heißt es weiter. Er hat sich da verwurzelt, wurde zu dem, worauf unser Leben gründet. Auch da die Bewegung Gottes hin zu uns. Hinein in unser Herz. In den Ort, an dem sich nach der Bildsprache unserer inneren Organe entscheidet, woran wir unser Leben hängen, worauf wir unser Leben ausrichten.

Und wir staunen vielleicht wieder: Diese neue Klarheit in mir, kommt die vielleicht von dir, Herr? Dass ich mit meinem Leben das tun möchte, was nach deinem Sinne ist, Frieden, Versöhnung, Gerechtigkeit, Liebe – hast du das gemacht in meinem Herzen?

Gott bewegt sich auf uns zu. Wir entdecken ihn bei uns, in uns. Staunen, wie und wohin uns das bewegt. Gott bewegt sich auf uns zu. Und weil unser Brief hier von Vater, Sohn und Geist spricht, fiel mir der Autor Richard Rohr er: er tänzelt auf uns zu. Er hat im vergangenen Jahr ein Buch über die Trinität geschrieben, das hat er genannt: Der göttliche Tanz.

Als Vater, Sohn und Geist in Bewegung, tänzelt Gott auf uns zu. Und schwindelerregende Figuren tanzen die drei, sie drehen sich umeinander, eng umschlungen, dann wieder schicken sie einen von sich einen Schritt hinaus, holen ihn wieder hinein. Und wir können sie oft gar nicht voneinander unterscheiden, dann wieder haben wir den Eindruck, da ist der Vater, jetzt eben der Sohn, und schau, der Geist, wo jetzt?, hm, jetzt sind wieder alle eins.

So tänzelt Gott durch diese Welt. Und immer auch tänzelt er auf seine Menschen zu. Auf mich und auf dich. Und seine Freude wird vollkommen, wenn wir uns zum Tanz mit ihm einladen lassen, mit ihm, dem Dreieinen.

Und dann tanzen wir zu viert. Und er ist neben mir, und wer von den dreien jetzt? War das Jesus? Und wo ist der dritte jetzt, da ist er wieder, war er etwa irgendwo in mir, der Geist? Wie neu fühle ich mich! Und, huch, da werde ich kurz hochgehoben, der Vater hat mir über etwas hinweggeholfen, hat mich mal hinausgehoben und einen weiten Blick werfen lassen.

Glauben als Tanz mit dem dreieinen Gott. Tänzelnd bewegt er sich auf uns zu. Und wenn er bei mir vorbeikommt, lädt er mich ein mitzutanzen. Und was werde ich da erleben?

Der Apostel meint: Kraft aus der Herrlichkeit des Vaters; den Geist, der stark ist in meinem Innersten; Christus, der in mein Lebenshaus mit eingezogen ist. In seinen Worten: „Der Vater möge euch mit Kraft beschenken aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit! Mögt ihr durch seinen Geist stark werden am inneren Menschen! Möge Christus durch den Glauben in euren Herzen wohnen!“

Kraft aus der Herrlichkeit des Vaters: Was er geschaffen hat, dem hat er auch das Siegel seiner Herrlichkeit eingeprägt, es trägt von dem Glanz, der ihn umgibt. Verdeckt zwar manchmal durch uns Menschen. Aber eine Blume am Straßenrand, bedeckt vom Staub der Abgase, ist darunter immer noch eine Blume, an der wir das Siegel Gottes entdecken können. Alles, was da ist, trägt seinen Glanz. Wer den lange genug anschaut, anstaunt, der und die entdeckt diesen Glanz auch in sich selbst. Das ist die Kraft aus der Herrlichkeit des Vater-Schöpfer-Gottes.

Der Geist Gottes, der stark ist in meinem Innern: Die entscheidenden Dinge tun wir nicht, weil sie uns eben mal einfallen oder gar, weil ein anderer uns das gesagt hat. Sondern entscheidend ist, was wir tun, wenn wir eine innere Gewissheit in uns entdeckt haben. Der Geist wirkt so in uns. In dem, der sich zum Tanz mit Gott einladen lässt: Der lebt mit ihm. Und plötzlich entdecken wir Veränderung, neues Leben, Gewissheit. Verborgen in unserem Innersten ist der Geist in uns stark. Deswegen sagen die alten Mönche: Bleib dran am beten und meditieren, auch wenn es mal mühsam ist. Irgendwann wird das Neue in dir so groß werden, dass du es entdeckst.

Christus, der in mein Lebenshaus eingezogen ist. Er wohnt in meinem Herzen. Womit er die Welt beschenkt, das schenkt er auch mir. Wer er ist, das will auch ich sein. Was ihm wichtig ist, das wird auch mir wichtig werden. Christus wohnt in mir und richtet sich ein bei mir. Richtet mich ein. Richtet mich aus. Zuhause bin ich bei ihm. Sein Leben wird mein Leben. Das ist mein Frieden. Das ist unser Frieden.

Mich begeistert all das. Glauben ist staunen. Staunen lässt innehalten. Staunen braucht Innehalten. So wie wir an diesem Sonntag, diesem zu Abwechslung wieder mal ganz normalen Sonntag innehalten.

Und staunen setzt in Bewegung. Gleich zum Abendmahl. Vielleicht ja tänzelnd. Auf alle Fälle: ihm ganz nahe kommen. Und staunen, wie nah wir da einander werden. Oder wie es der Apostel sagt: „Auf dass ihr mit allen Heiligen begreift, was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe [Gottes] ist! Auf dass ihr fähig werdet, die Liebe Christi zu erkennen, die die Erkenntnis überragt, damit ihr erfüllt werdet zur ganzen Fülle Gottes.“ Amen.