Gott als Marktschreier – ein bisschen peinlich?

Liebe Gemeinde,

offen für die Bedürfnisse der Menschen ist Jesus, haben wir eben gehört. „Kommt her zu mir, ich will euch erquicken!“, ruft er. Und wenn ich da an unseren Predigttext heute denke, dann denke ich: Offen für unsere Bedürfnisse ist auch die Werbung.

Wenn ich mal in Ländern bin, in denen ich nicht nur die Sprache nicht spreche, sondern auch die Schrift nicht lesen kann, und wenn ich dann zurückkomme, dann fällt mir auf: Wie erholsam war es da!

Denn in den Straßen dieses Landes hat mich die Werbung nicht anschreien können. Werbungsmäßig war ich da wie in einem Stummfilm unterwegs. Ich sehe sie brüllen, man weiß ja, wie Werbung aussieht. Aber hören tue ich nichts. Es sieht nach Werbung aus, aber sie bleibt stumm und ich weiß nicht, was sie von mir will.

Zurück in Deutschland, ist das wieder anders. Da verstehe ich leider wieder alles. Der Markt lebt von mir und kämpft um mich. Überwältigen will er mich, oder mit Geschick kriecht er in meine Seele. Er spielt mit meinen Bedürfnissen. Und manchmal trickst er mich aus.

Heiß ist es heute. Wasser ist das, was wir heute vor allem brauchen. Was heute besonders lebenswichtig ist. Durst. Zunge klebt am Gaumen. Trockene Lippen. Kopfschmerzen. Schlappheit.

Mit anderen Worten: der optimale Tag, um das mit den Bedürfnissen zu verstehen. Und auch, um unser Bibelwort heute zu verstehen. Wenn wir das lesen, befinden wir uns nämlich mitten auf einem Markt. Nicht so einem gesitteten deutschen Markt. Sondern auf einem, wo gerufen und geschrien wird, denn nur der Laute kriegt die Kunden. Hören wir mal rein in Jesaja 55:

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!

So weit, so gut, aber dann:

Und die ihr kein Geld habt, kommt her! Kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum gebt ihr Geld für das, was kein Brot ist, und sauer verdienten Lohn für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich! So werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben! Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Hört, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen!

Besser, billiger, umsonst sogar, und dann auch noch ewiger Nachschub! Super! Aber wir wissen natürlich: total unseriös. Am Ende kommt man bestimmt aus irgendeinem Vertrag nicht mehr raus. Die Marktaufsicht sollte den mal ein bisschen unter die Lupe nehmen. Wer weiß, was der im Schilde führt.

Ja, leider argwöhnen das auch bei Gott viele. Denn natürlich habt ihr richtig vermutet: Auch hier geht es um Gott. Gott ist dieser Marktschreier. Aber sein Angebot scheint nicht mehr zu ziehen. Nicht, dass nicht mehr nach Sinn und Glück gesucht würde in der Welt. Aber nicht mehr bei unserem Gott.

Tun wir Christen es wenigstens noch? Das Glück bei Gott suchen? Suchen wir bei ihm nach den tiefen spirituellen Erfahrungen, die uns glücklich machen? Die uns satt machen? Die uns den Durst stillen? Tun wir das? Nachher zum Beispiel beim Abendmahl?

Oder sind es auch bei uns eher Geld und Gesundheit, die uns beruhigen? Und wenn uns davon was fehlt, ist uns der Glaube auch keine Hilfe? Eine große Herausforderung in einem Land wie unserem, in dem es alles gibt und vieles selbstverständlich ist. Wie soll man da noch Gott erleben?

Jedenfalls: So viele suchen nicht mehr bei Gott, wenn es um Sinn und Glück geht. Aber natürlich suchen sie noch. Nur halt woanders. Und so oft hat das, was sie finden, dann mit Leistung zu tun. Mit Selbstoptimierung. Der Kapitalismus kriegt noch jedes Sinnangebot klein und verbiegt es in etwas, wozu man einen Preis zu zahlen hat. Und so sehr haben wir das verinnerlicht, dass wir denken: Was nichts kostet, taugt nichts.

Und so steht unser Gott ein wenig verloren auf dem Markt der Möglichkeiten. Und er steht da, mittendrin, sieht sich an, was wir alles so anstellen, um ein wenig Sinn und Glück zu finden. Und als er uns dabei immer ärmer werden sieht und die Geschäftemacher immer reicher, da geht die Liebe mit ihm durch. Und dann ist da kein Halten mehr, dann erhebt sich seine Stimme über die all der anderen Anbieter. „Was kauft ihr bei denen da? Kommt zu mir! Bei mir ist es besser! Billiger, umsonst sogar! Und ewig haltbar!“

Ein Marktstand ist das hier, der eigentlich gar nichts mehr mit Markt zu tun hat, mit Kaufen und Verkaufen, mit Produktion und Verbrauch. Ein Stand, bei dem wir nichts bezahlen müssen. Aber auch nicht können. Unbezahlbar ist, was Gott uns schenkt. Und deswegen umsonst. Denn bezahlt hat er. Was die Sache noch unsinniger macht. Am Kreuz hat er mit sich selbst bezahlt. Das Leben können wir nun nur noch umsonst empfangen. Ein Stand, der mit einem Markt eigentlich nichts mehr zu tun hat.

Und ein Gott, der nichts mehr mit einem Gott zu tun hat. Da bleibt nicht viel übrig von dem, wie wir uns normalerweise Gottes Herrlichkeit, seine Würde, vielleicht sein entferntes Thronen über der Welt vorstellen. Oder auch sein freundliches Mitgehen, sein sanftes Säuseln, sein ruhiges, ruhendes Dasein uns vorstellen.

Nein: Hier stürzt sich Gott ins Getümmel, ins Getümmel des menschlichen Lebens – und das später in Jesus Christus ganz wortwörtlich: Er wird Mensch, verlässt seinen Himmel. Er sucht uns auf, mischt sich unter uns, lernt unsere Sehnsucht nach Leben kennen, um uns dann Gottes Angebot zu machen: „Alles, was Du zum Leben brauchst, das Komplettpaket, und das umsonst!“

Es ist seine verzweifelte Liebe zu uns, die ihn keine Rücksichten mehr nehmen lässt auf seinen guten Ruf. Es könnte ja jemand kommen und sagen: „Also, Herr Gott, nun reißen Sie sich mal zusammen, was sollen denn die Leute von Ihnen denken, Sie sind ja eine Schande für alle Götter! Das haben Sie doch gar nicht nötig! Ein Gott hat in sich zu ruhen, würdig, erhaben und unbewegt zu sein, und wenn die Menschen nichts von ihm wissen wollen: Pech für die Menschen. Seit wann kommt denn der Knochen zum Hund?“

Ist Gott alles egal, ist ihm vollkommen egal. Was einzig für ihn zählt, was einzig ihn bewegt, das ist seine Liebe. Sein Image ist ihm egal – Hauptsache, er macht sich uns bemerkbar, Hauptsache, wir hören ihn, Hauptsache, wir finden den Weg zu ihm! Hauptsache, wir gehen den anderen nicht auf den Leim! Dafür lässt er jede Zurückhaltung fahren. Und kämpft regelrecht um uns.

Wir gesetzten Steglitz-Zehlendorfer gehören vielleicht auch zu denen, die eher pikiert reagieren. Voller Einsatz, voller Körpereinsatz regelrecht – ach nein, danke, nichts für mich. Aber wofür brennen wir? In meinem Referat auf der Pfingstfreizeit und im Artikel im Gemeindebrief jetzt, da ist das meine Frage: Ja, wahrscheinlich sind wir auch eine liberale Gemeinde. Oder sind wir einfach nur zurückhaltend-bürgerlich? Man bedrängt sich nicht, weder dogmatisch noch emotional? „Wo der Geist des Herrn ist, da ist schließlich Freiheit!“?

Ja, aber können wir auch für diese Freiheit brennen? Uns auch für diese Freiheit einsetzen? Wollen wir, dass sie sich ausbreitet? Können wir auch „Werber für die Ewigkeit“ sein, wie es in einem Lied heißt, dass wir nach dem Sommer kennenlernen werden? Können wir das? Können wir missionarische und liberale Gemeinde zugleich sein? Oder ist uns das unangenehm? Ein wenig peinlich? So wie uns Gott, wenn wir ehrlich sind, hier auch ein wenig peinlich ist?

Soviel Energie bei ihm! Ein Ausrufezeichen nach dem anderen! Auf! Kommt! Kauft! Esst! Kommt! Alles umsonst! Hört! Sperrt die Ohren auf! Hört!

Ich weiß, es ist heute eigentlich zu heiß, um von solcher Energie zu reden. Aber vielleicht ist es ja heiß genug, um sich danach zu sehnen! So eine Energie wieder haben! Hoffentlich bekommen wir bald wieder, was wir dafür brauchen! Und das jetzt mal übertragen auf unsere geistliche Energie: Selber mit Gottes Energie unterwegs sein! Werber für die Ewigkeit sein! Weil unsere Liebe es kaum aushält mitanzusehen, wie all die, die woanders suchen, von den anderen Anbietern nur abgezockt und in der Lebens-Wüste zurückgelassen werden. Diese Energie Gottes in uns spüren.

Wenn wir diese Energie Gottes in uns nicht mehr spüren, müssen wir dann vielleicht erst mal wieder spüren, im Innersten spüren, wie das ist, wenn Gott uns den Durst stillt? Selber spüren, dass er nicht nur Zugabe zu unserem Leben ist? Vielleicht müssen wir uns selber erst noch mal wieder zu seinem Stand aufmachen?

Und dann erleben, mit lauter Ausrufezeichen erleben: Alles umsonst! Und nur das, was ich bei Gott finde, stillt den Durst! Nur bei ihm schmeckt’s wirklich! Wasser, Wein und Milch – Leben und Lebensfreude!

Keine klebrige Limonade bei ihm, die nur noch durstiger macht! Kein Brot, das hier im Hebräischen lo-lechem heißt, auf Deutsch: Unbrot! Sondern Brot und Wein, Kraft zum ewigen Leben und Freude an unserem Gott, der uns das alles schenkt!

Vielleicht müssen wir das selber erst noch einmal neu erleben. Und dann stehen wir an Gottes Stand mit überrascht aufgerissenen Augen. Und dann sagen wir zu den Leuten, die vor dem Nachbarstand stehen: „Boah, hier musst du hin, das musst du mal probieren, so was habe ich noch nie erlebt! Mein Gott!“

Unsere Begeisterung können wir gleich ausprobieren: Wie komme ich hier nach vorne zum Stand Gottes? Was passiert bei mir, wenn ich gleich hiervon koste? Freue ich mich jetzt schon drauf: „Ja, Brot des Lebens!“ Staune ich dann: „Hm, Kelch des Heils!“ Stehe ich dann vor ihm und denke: „Ja, Herr, deine Liebe geht sogar durch den Magen!“? Atme ich befreit auf? Und denke ich dann vielleicht sogar: „Das muss ich den anderen erzählen!“?

Kommt! Esst! Trinkt! Wahres Brot, Milch und Wein. Bezahlt ist schon. Nehmt, esst und trinkt! Werdet satt, lasst euch den Durst stillen! Amen.