Gott loben, schneller als das Licht (Verabschiedung unserer Kantorin)

Liebe Gemeinde,

ganz erfüllt sind wir noch von unserer Berg-Erfahrung. Von der Erfahrung, Stadt auf dem Berge gewesen zu sein am letzten Sonntag. Bilder, Worte und Töne wurden von hier aus weit hinausgesendet in alle Welt. Bilder, Worte, Töne, die vielen, vielen Menschen gut getan und aufgeholfen haben. Die sie ermuntert haben, nach der Liebe zu suchen, ihr Raum zu geben, in ihnen und um sie herum.

Und heute nun, Wechselbad der Gefühle!, müssen wir eine verabschieden, die maßgeblich an dieser Erfahrung beteiligt war. Viele haben gesagt, wie auch die Musik sie in dem Fernseh-Gottesdienst angesprochen hat. Sabine aber wird mit heute ihren Dienst unter uns beenden. Für deine Zeit ohne uns und für unsere Zeit ohne sie möchte ich uns gerne den zuversichtlichen Schwung mitgeben, der aus den ersten Worten von Psalm 108 spricht. Der fängt so an, quasi mitten in der Nacht:

Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen.

Wach auf, meine Seele! Wach auf, Psalter und Harfe!

Ich will das Morgenrot wecken!

Ich will dir danken, Herr, unter den Völkern, /

ich will dir lobsingen unter den Leuten.

Deine Gnade reicht, so weit der Himmel ist, /

deine Treue, so weit die Wolken gehen.

Liebe Gemeinde, mir fiel in der Vorbereitung eine Szene aus einem Asterix-Heft ein. Asterix und Obelix, das gallische Dorf im Widerstand gegen die römische Besatzung? Wir kennen das. Jedenfalls, da gibt es das Heft „Asterix und die Trabantenstadt“. Die Römer wollen das Dorf kleinkriegen, indem sie neben dem Dorf eine Hochhaussiedlung bauen. Die Überlegung: Unsere Lebensart direkt vor ihrer Nase – das wird so verlockend für sie sein, dass sie ganz freiwillig zu Römern werden.

Eine Zeitlang scheint der Plan aufzugehen. Die gallischen Frauen finden die römischen Stoffe toll, der gallische Schmied freut sich, dass er seine Schwerter an die Römer jetzt als Antiquitäten verkaufen kann.

Die Oberen im Dorf sind besorgt. Da kommt ihnen eine Idee. Sie haben da Troubadix, den Barden. Den Sänger und Saitenspieler. Dessen Künste sind im Dorf, sagen wir mal, umstritten. Dem machen sie weiß, dass die Römer seine Kunst lieben werden, anders als die Barbaren hier im Dorf. Ob er nicht in diese neue Siedlung einziehen wolle.

Und so kommt es zu dieser Szene, an die ich mich erinnert habe, als ich unsere Worte aus dem Psalm meditierte: Eines schönen Morgens, noch vor Tau und Tag, als alles noch friedlich schläft, da in der Trabantenstadt – erklingen aus einem Eckfenster unter dem Dach leise einzelne Töne, hört man ein vorsichtiges Räuspern. Der Barde macht sich bereit, die Menschen mit seinen Weisen aus dem Schlaf zu wecken.

Und dann kommt es, wie es kommen muss und wie die Oberen des Dorfes es gehofft hatten: die Römer schrecken panisch auf, packen ihre sieben Sachen und verlassen unter den schmetternden, schräg-schrillen Tönen des Barden fluchtartig die Siedlung auf Nimmerwiedersehen. Und über die wächst dann bald wieder aremoricanischer Wald, wie die Bretagne damals hieß.

Wieso ich auf diese Geschichte komme? Gewiss nicht, weil Sabines Kunst irgendetwas mit der von Troubadix zu tun hätte. Sondern weil sich in unserem Psalm und in der Trabantenstadt, noch mitten in der Nacht, einer zum Singen fertigmacht. Und weil dann die feindlichen Mächte fliehen. Und weil es toll wäre, das selber auch erleben zu können. Zum Beispiel mit den Liedern, die Sabine unter uns zum Erklingen brachte.

Wer unseren Psalm weiterliest, wird merken: das ist eigentlich ein Kriegspsalm. Da macht sich einer bereit, einen Kampf anzutreten. Wir sind heute glücklicherweise so weit, dass wir nicht mehr einfach so Gott vor unsere Kriege spannen.

Aber manchmal erleben wir ja schon unseren ganz normalen Tag als einen Kampf. Und manchem wurde dann schon ein Lied, das Du, Sabine, mit uns oder mit dem Chor gesungen hast, zur Stärkung, wenn es mit in die Woche ging. Wenn man nachts nicht schlafen konnte, und dann erklang einem z.B. dieses tolle „Wunderbarer König“ vom letzten Sonntag im Innenohr.

Unser Psalm hier beginnt wie die Szene aus dem Asterix-Heft. Ein erstes Räuspern und Stimmen noch vor Tagesanbruch. Ein paar erste gemalte Töne schweben ungehört aus dem Fenster. Als wenn er hier flüstern würde: „Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen!“ Ich stelle mir das vor:

Wie er da in seinem Zelt liegt, vielleicht ist das so ein Mannschaftszelt. Wie er aufwacht. Die Augen aufschlägt. Alles ist noch still. Wie der Tag in Gedanken vor ihm liegt. Dieser Tag, der noch gar nicht angebrochen ist. Und wie er denkt: „Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen.“ Es entschlossen denkt. Oder ein bisschen mit Herzklopfen? Ein bisschen auch zu sich selbst gesprochen, sich selber aufmunternd? Oder wie immer, wahrscheinlich: ein bisschen von allem vermutlich.

Aber trotzdem beeindruckend, oder? Unsereiner, wenn er nachts wach liegt, und es liegt etwas vor uns, von dem wir noch nicht wissen, wie es wohl ausgeht, also, unsereiner würde sich vermutlich eher Sorgen machen. Und hoffen, dass es endlich hell wird. Und das Licht die dunklen Gedanken vertreibt. Und man aufstehen und etwas machen kann.

Der hier sagt: Nein, ich will schneller sein als das Licht! Ich will heiter gestimmt sein, bevor der Himmel sich färbt. Ich will nicht vom Morgenrot geweckt werden, sondern ich will das Morgenrot wecken! Der Morgen soll mich schon bereit finden!

Ich will am Fenster stehen, auf dem Balkon, vor dem Zelt und die Sonne begrüßen! „Na, auch schon wach!“ So wie der Apostel uns im Epheserbrief einen Morgenspruch für direkt nach dem Aufstehen mitgibt: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, dann wird dir Christus als Licht aufgehen!“ Sei bereit für den Sonnenaufgang!

Aber wie geht das: noch im Dunkeln erwachen und heiter an das denken, was einen so unklar erwartet? Aber daran denkt er hier ja gar nicht. Er denkt ja nur an Gott.

Ist der es vielleicht, der ihn da weckt? „Wach auf, der du schläfst, steh auf von den Toten?“, so dass er antwortet: „Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen!“?

War da Gott dagewesen und hat ihn geweckt? Oder hat sein inneres Auge, als er wach wurde, gleich Gott gesehen? Weil der immer da ist? Und immer wach ist? Immer für uns da ist? Und das geistliche Auge, das Auge des Gebets hat ihn gleich gesehen? „Ah, hallo Gott! Mein Herz ist bereit.“

Das hätte ich gerne: einen Glauben, der sich über Gott schon freut, auch wenn es noch dunkel ist. Weil uns zu dieser Freude nicht die Sonne des Lebens freundlich scheinen muss, sondern weil uns Christus aufgeht, unser Morgenstern, wie wir an Weihnachten immer wieder gesungen haben.

Wenn wir ihn so erleben würden: als den, der uns zur Freude weckt, auch wenn es noch dunkel ist. Wie würde unser Vertrauen da wachsen zu ihm! Wie würde unsere Liebe da wachsen! Wenn etwas in uns, vielleicht der Geist Gottes, der zu unserem Geist spricht, wie Paulus sagt, wenn der uns als erstes nach dem Aufwachen denken lassen würde: „Gott, mein Herz ist bereit, danke, Christus, dass du mein Licht bist!“ Und das auch, wenn wir mal mitten in der Nacht wach werden!

Das würde ich uns wünschen: dass wir erleben, wie Gott da ist und unseren Glauben und unsere Hoffnung weckt; uns heiter macht, noch bevor die Sonne aufgeht.

Unser Mensch in seinem Mannschaftszelt steht jetzt auf. Was macht er da? Er scheint von Feldbett zu Feldbett zu gehen. Zweimal tritt er an jemanden heran und weckt ihn. „Wach auf!“, so heißt es zweimal in unserem Psalm. Irgendwen weckt er. „Wach auf!“, sagt er hier, „Wach auf!“, sagt er da.

Er sagt „Wach auf, meine Seele!“ „Meine Seele“? Ist das nicht er selbst? Ist er nicht schon wach? Oder doch noch nicht so richtig? Noch nicht alles in ihm? Wenn ich den Eindruck habe, da lebt schon etwas auf in mir, da rührt sich was. Aber richtig wach ist das noch nicht. Meine Seele ist noch nicht ganz wach. Sie droht noch, wieder einzuschlafen.

Eine kleine Hoffnung, die nur blinzelt und sich dann wieder umdrehen will. Eine kleine Kraft, die sich aber gleich wieder die Decke über den Kopf ziehen will. Eine kleine Freude, die aber gleich wieder die Augen verschließen will vor der Dunkelheit.

Aber er sagt: „Nein, wach auf, meine Seele! Glaub es wirklich, der Tag wird anbrechen, es dauert nicht mehr lang. Lass uns aufstehen! Wir wollen uns bereitmachen! Wir wollen uns schon mal vorfreuen, komm, lass uns schon mal singen und spielen!“

Und „Wach auf, Psalter und Harfe!“ Unser Beter hat eine kleine Lampe entzündet und findet den Psalter, das ist so eine kleine Leier, und da steht auch die kleine Harfe. „Wach auf, Psalter und Harfe“, flüstert er, während er sie im Dunkeln vorsichtig auspackt.

„Wach auf, meine Seele! Wach auf, Psalter und Harfe! Kommt, lasst uns das Morgenrot wecken! Und bis dahin soll es für uns nicht mehr duster, trübe und traurig sein! Und wenn dann das Morgenrot kommt, wollen wir uns freuen wie welche, deren gute Ahnung nicht getrogen hat!“

Und wenn ich dann, sagt er weiter, unter dem Volk, unter all den Leuten stehe, ja, wenn die anderen dann alle aufgeweckt wurden vom Morgenrot, weil es ja irgendwie immer weitergeht, muss ja – dann, so sagt er, „will ich dir danken, Herr, unter den Völkern, ich will dir lobsingen unter den Leuten!“

Denn ich weiß, sagt er: Auch wenn der Himmel noch dunkel ist, „deine Gnade reicht, so weit der Himmel ist“; auch wenn die Sonne noch weit weg ist, „deine Treue reicht, so weit die Wolken gehen!“ Deine Gnade, deine Treue, dass du verlässlich gnädig bist, dass du liebend bei uns bleibst, bei mir und bei uns allen, bei dieser Welt – das will ich schon besingen, wenn davon noch gar nichts zu sehen ist!

Liebe Sabine, dazu hast du uns manches Lied in den zehn Jahren ins Ohr gelegt, auf dass wir es in unser Herz ließen. Danke dafür!

Vielleicht erinnert uns der Geist Gottes ja an eines von ihnen. Oder an ein anderes. Oder auch einfach so an Gottes Gnade und Treue, wenn er sagt: „Du kannst dich schon mal freuen, auch wenn es noch dunkel ist!“ Und wir dann antworten: „Gut, Gott, mein Herz ist bereit! Ich will dir singen und spielen.“ Amen.