Gottes Geist macht’s möglich: (sich mit)Teilen

Liebe Gemeinde,

Trinitatis, so sagten wir am letzten Sonntag, das bedeutet: Der Glaube soll im Alltag ankommen! Und wir sagten, wir hätten in diesem Jahr 21 Sonntage Zeit, um das im Einzelnen durchzubuchstabieren. Die 21 Sonntage nach Trinitatis eben. Und heute also: der erste davon! Aufbruch in die neue Zeit! Der Geist Gottes in uns! Das heißt: die Kraft Gottes in uns! Wozu wird sie uns die Stärke geben? Was wird jetzt (endlich?) möglich werden? Vielleicht das hier?

Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele. Keiner betrachtete etwas von seinem Besitz als ein persönliches Eigentum. Sondern alles, was sie hatten, gehörte ihnen gemeinsam. Mit großer Kraft traten die Apostel als Zeugen dafür auf, dass Jesus, der Herr, auferstanden war. Die ganze Gnade Gottes ruhte auf der Gemeinde. Keiner von ihnen musste Not leiden. Wer Grundstücke oder Gebäude besaß, verkaufte diese und stellte den Erlös zur Verfügung. Er legte das Geld den Aposteln zu Füßen. Davon erhielt jeder Bedürftige so viel, wie er brauchte.

Kann man jetzt natürlich sagen: Das geht ja gut los hier, gleich am ersten dieser Sonntage, mit dieser Bibelgeschichte. Aufbruch in die neue Zeit, der Glaube kommt im Alltag an – ist das schöne Anliegen mit so einer Geschichte nicht gleich wieder dahin? Ich meine: Gütergemeinschaft? Geht’s nicht eine Nummer kleiner? Wie passt die in unseren Alltag?

Ich sag mal: gar nicht. Auch damals nicht. Denn Gütergemeinschaft, also alles wird unter alle aufgeteilt (interessant übrigens, ich weiß nicht, wer sich noch an Pfingsten erinnert: die Mobilien Gottes trennen sich hier von ihren Immobilien!), also: alles wird unter alle aufgeteilt, damit keiner Not leidet, das war nicht Alltag. Sondern das ging vermutlich auch damals nur so lange, wie man dachte: Mit Alltag ist jetzt eh bald Schluss. Der Geist ist über alle gekommen, das Ende der Zeiten ist nahe, wir fangen schon mal an zu feiern! Der Glaube soll im Alltag ankommen? Nein, Gott ist im Alltag angekommen und hat ihn abgeschafft! So wird ein Schuh draus!

Schwer zu glauben heute. Und noch schwerer anzuwenden. Aber damals auch schon: Gleich danach kommt ja diese gruselige Geschichte von dem Ehepaar, die auch ihr Grundstück verkauft haben, aber dann haben sie heimlich einen Teil des Erlöses für sich behalten. Zur Strafe fallen sie tot um. Wer traut sich da noch zu sagen: Naja, vielleicht waren die beiden ja aber die einzig Vernünftigen und haben sicherheitshalber doch ein bisschen was auf die Kante gelegt? Für den Fall, dass der Alltag doch noch etwas dauert?

Aber nicht über diese Geschichte will ich heute sprechen, sondern über die andere. Über diesen unglaublichen leap of faith, diesen kräftigen Glaubens-Sprung in die Zukunft Gottes.

Dabei wieder will ich aber gar nicht eigentlich über die Gütergemeinschaft reden. Vielleicht nur so viel: dass die Kirche sich erlaubt hat, diese Geschichte in der Bibel zu lassen, spricht doch dafür, dass sie sich immer wieder auch beunruhigen lassen will. Sie haben gesagt: Wir wollen auf diesen Stachel nicht verzichten. Diesen Stachel gönnen wir uns: dass der Glaube es auch mit meinem Besitz und mit meinem Geld zu tun bekommen will.

Aber dahinter geht es doch noch um mehr. Um etwas, wovon die Gütergemeinschaft ein Ausdruck ist. Eben um diesen leap of faith, den Sprung des Glaubens in Gottes Welt, in Gottes Zukunft. Der Geist Gottes in mir, die Kraft Gottes unter uns am Werk. Das ist das erste, was sie bewirkt: dass wir endlich loslassen und teilen können; dass endlich die Tür meines Herzens aufgestoßen wird und ich teile mit …, teile mich mit.

Die Gemeinde damals, die saß nicht zuerst in einer Gemeindeversammlung zusammen und überlegte: Ok, was hat Jesus gelehrt und wie leben wir das jetzt? Sondern sie haben entdeckt: Der Geist Gottes, der da auf uns alle gekommen ist und der da jetzt als Gottes Kraft in uns lebt – dieser Geist, der tut uns kardiologisch und psychisch gut. Wie sonst wären wir eine kardia und eine psyche, ein Herz und eine Seele?

Das also scheint der Geist Gottes in uns zu bewirken: dass wir loslassen und teilen können, teil können mit …, uns mitteilen. Dass das Herz sich öffnet. Dass endlich die Freiheit da ist zu leben, was Jesus das höchste Gebot genannt hat: „Du sollst Gott und deinen Nächsten lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele, mit all deinem Willen und mit all deiner Kraft!“

Der Aufbruch in den Alltag des Glaubens. Alles fängt an mit diesem leap of faith, dem Sprung des Glaubens in Gottes Welt, in Gottes Zukunft. Und alles fängt damit an: dass ich endlich loslassen, endlich teilen kann, dass sich endlich mein Herz öffnet.

Ok. Und was bedeutet das jetzt unter den Bedingungen des Alltags? Wenn wir nicht einfach alles loslassen können, weil wir Verantwortung für andere haben? Weil nach 2000 Jahren die Erwartung einfach nicht mehr so naheliegend ist, dass mit Alltag eh bald Schluss ist? Und wir also auch ein bisschen planen müssen, selbst nur für den täglichen Bedarf?

Wenn das deine Fragen sind: Willkommen im Club! Denn solche Fragen stellen sich Christinnen und Christen, seitdem das Christentum nicht mehr nur der Glaube umherziehender, ungebundener Wanderprediger war, sondern in die griechischen Städte einzog und Menschen mit Wohnsitz und Familie erreichte. Seitdem ist die Frage: Was bedeutet es, endlich loslassen und teilen zu können, unter den Bedingungen des täglichen Lebens? Paulus, der ja den Glauben in die griechischen Städte zu Menschen mit Wohnsitz und Familie brachte, der sagte zum Beispiel: haben als hätte man nicht.

Oder anders gesagt: es geht es um das Maß. Aber nicht mit der Frage: Wieviel darf ich behalten? Sondern: Wieviel kann ich loslassen? Und „kann“ nicht nur in dem Sinne von „kann ich mir leisten“, sondern im Sinne von „habe ich die innere Freiheit zu“. Nicht zuletzt auch als Übung für die Gelegenheiten, in denen ich nicht gefragt werde, ob ich loslassen will, sondern loslassen muss: Träume, Menschen, Gesundheit – und am Ende mein Leben.

Am Anfang der Corona-Krise las ich im Tagesspiegel einen Artikel, was Berliner Religionsvertreter so zu all dem sagen. Und ich muss sagen: am meisten berührt hat mich da, was der Mensch vom buddhistischen Zentrum gesagt hat. Nämlich: dass viel Leid in der Welt daher rührt, dass wir nur so schwer loslassen können.

Eingeladen sind wir dazu durch unseren Glauben, durch unseren Gott. Wir können mit dem Psalm vom Anfang bekennen: „Ja, wer Gott verehrt, dem fehlt es an nichts. Denn wer den Herrn sucht, hat mehr als genug.“ Wir können Jesus betrachten, wie er sich verschenkt. Wir haben den heiligen Geist in uns als Gottes Kraft.

Machen wir uns all das bewusst, fühlen wir dem nach! Atmen wir den dreieinen Gott tief ein, damit das Herz in der Brust sich weite, und atmen wir ihn aus als Liebe für unsere Welt! Und schauen wir staunend auf unsere Hände, wie sie sich dabei öffnen!

So nimmt seinen Anfang, dass mein Glaube in meinem Leben ankommt. Ich lasse los und teile mit …, teile mich mit, und freue mich, dass das endlich möglich ist! Amen