Große Erzählung vom Dank (Erntedank)

Liebe Gemeinde,

nichts ist selbstverständlich, haben wir am Anfang in die biblischen Berichte über die Schöpfung eingestreut. Alles, was ist, könnte auch nicht sein, aus Gottes Liebe und Willen zum Leben ist es aber doch. Selbstverständlich ist das nicht. Und umso mehr dann so viel Freude und Dankbarkeit eben über das, was wir uns gegenseitig erzählt haben. Auch das, was wir da gehört haben, ist nicht selbstverständlich. Und doch ist es da, ist es passiert – weil Gott Liebe ist und für uns das Leben will.

Solche Geschichten sind es, die wir brauchen, um Vertrauen ins Leben und seinen Schöpfer zu bekommen. Und wie gut, dass wir sie nicht erfinden müssen! Wie gut, dass wir uns nur zu erzählen brauchen, wie wir Gutes in unserem Leben erfahren, und wie gut, dass wir dann nur Gott danken müssen, und schon wächst das Vertrauen in ihn wieder ein bisschen mehr. Schon sind wir wieder ein bisschen tiefer drin in der Geschichte von Gott und seiner Welt. Aus der wir Kraft und Zuversicht und Freude schöpfen. Aus dieser Geschichte von Gott und wie er die Welt liebt.

Es gibt seit einiger Zeit ein neues Wort in der politischen Diskussion. Das Wort heißt: Narrativ. Da heißt es zum Beispiel, wir brauchen ein Narrativ von der gelingenden Demokratie. Narrativ – das heißt übersetzt: eine Erzählung. Und jetzt keine kleine Erzählung von dem, was ich gestern erlebt habe. Sondern gemeint sind die großen Erzählungen, von denen die kleinen ein Teil sind. Die Erzählung also zum Beispiel darüber, wie die Demokratie trotz aller Schwierigkeiten gelungen ist und wie wir heute ihre Früchte ernten. Und das ist dann im besten Fall eine Geschichte, die auch meine Geschichte ist. Eine Geschichte, in der ich mit vorkomme.

Narrativ – ich finde diesen neuen Begriff richtig gut. Ein Narrativ heißt: Hör zu, ich erzähl dir eine Geschichte. Und ich hör zu, wenn du mir auch eine erzählst. Was haben wir erlebt, wo kommen wir her, wo wollen wir hin, was hilft uns auf dem Weg? Und dann kommen viele Geschichten zusammen. Und dann werden sie Teil einer großen Geschichte. Teil eines Narrativs eben.

Und dann ist es eben entscheidend: Von welcher großen Geschichte sehe ich mich als Teil? Gelingende Demokratie, abgehängte Gesellschaft, Herrschaft der weißen Rasse. Ihr ahnt, wie die Haltung zum Leben aussieht, je nachdem, wie die Geschichte aussieht, von der ich mich als ein Teil empfinde.

Wir haben uns eben Dank-Geschichten erzählt. Wir wurden so Teil der Erntedank-Geschichte. Das ist das Narrativ vom Vertrauen in Gott. Die Geschichte, die wir am Anfang gehört haben, ist auch Teil dieser Erntedank-Geschichte: Gott schafft die Natur, und von ihren Früchten können alle leben. Das garantiert Gott. Und heute sagen die Wissenschaftler: Der Hunger in der Welt geht tatsächlich zurück, und es wäre sogar genug für alle da.

Im Teenkreis am Dienstag haben wir noch ein paar solcher Geschichten gelesen. Wachteln und Manna, aus heiterem Himmel, die dem Volk auf der Wüstenwanderung das Überleben sicherten. Jesus, der uns Vogel und Blume vor Augen hält und uns freimacht von der Sorge um uns selbst, damit unser Leben die Geschichte seiner Liebe weitererzähle.

Die Erntedank-Geschichte, von der wir heute ein Teil werden: Ich war in der vergangenen Woche zur Ratstagung der Europäischen Baptisten in der Ukraine. Oft kein einfaches Leben dort. Krieg im Osten, die Krim annektiert, Millionen Flüchtlinge im eigenen Land, Millionen Auswanderer, die dem Land jetzt fehlen. Aber zum zweiten Mal haben die Protestanten gegen die Untergangsstimmung protestiert. Zum zweiten Mal haben in der Hauptstadt Kiev über hundertfünfzigtausend Menschen öffentlich – Erntedank gefeiert.

Sie haben eine andere Geschichte erzählt als die, die sonst immer zu hören ist. Natürlich wissen sie auch, was im Land los ist. Natürlich haben auch sie viele Menschen verloren. Natürlich haben auch viele von ihnen jetzt weniger, weil sie mit den Flüchtlingen teilen oder die Menschen im Donbass unterstützen.

Aber sie feiern Erntedank. Öffentlich. Weil sie sagen: Über den traurigen, furchtbaren Geschichten, die uns die Farbe aus dem Gesicht treibt, steht Gottes Geschichte vom bunten Leben, die uns wieder das Blut in die Wangen treibt. Und sie sagen: Da, wo diese Geschichte gelebt wird, hört der Mensch auf, auf Kosten anderen Lebens zu leben.

Erntedank, das ist eine Demonstration für das Leben. Erntedank erzählt die Geschichte vom Schöpfer, der liebt und erhält, was er erschaffen hat. Und wer Teil der Erntedank-Geschichte wird, so wie wir heute, der will das Leben mehren. Wer sich aus dieser Geschichte ausschließt, wird am Ende zum Gollum aus dem Herrn der Ringe, dieser Figur, die in sich verkrümmt im Dunkeln haust, zerfressen von Angst und Hass und Gier. Wir aber stehen im Licht, wir feiern Erntedank, wir feiern das Leben, wir feiern den Schöpfer, wir erzählen von dem, was dankbar macht!

Es war diese Nachricht vom öffentlichen Erntedank-Fest in der Ukraine, die ich letzte Woche da gehört habe, die mich wirklich bewegt hat. Nun haben wir ja aber auch noch einen Predigttext heute. Ob sich der damit verbindet? Schauen wir mal. Zwei kleine Verse aus dem ersten Brief an Timotheus sind es. Nämlich:

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts hat er verworfen. Wir müssen es nur mit Dankbarkeit von ihm entgegennehmen. Durch Gottes Wort und unser Gebet wird es nämlich zu etwas Heiligem.

Also, hilft uns das weiterfeiern, das Leben, das Gott der Welt schenkt? Hören wir noch mal!

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut. Nicht alles, was Menschen draus gemacht haben. Sondern alles, was Gott geschaffen hat. Berühmtes Beispiel: das Atom und der Atompilz, großer Unterschied, das eine zum Staunen, das andere zum Fürchten. Seltene Erden und zerstörte Menschen, die danach in verwüsteter Erde graben. Hambacher Wald über Braunkohle, für die der Schöpfer sicher auch in der Erde eine gute Aufgabe gehabt hätte.

Alles ist gut, was Gott geschaffen hat, ich übrigens auch, nebenbei gesagt. Und du auch. Was Menschen draus gemacht haben, aus mir, aus dir, das ist dann nicht immer gut. Und auch, was ich Mensch aus mir gemacht habe, das ist manchmal auch nicht gut. Aber geschaffen bin ich gut, denn ich bin von Gott geschaffen. Das ist auch Teil unseres schönen Narrativs von Gott, der die Welt erschafft und erhält.

Auch mich selbst kann ich dann mit Dankbarkeit entgegennehmen. So wie alles andere auch. Vor dem Essenmachen kurz mal innehalten: über die Tomate staunen, sich den Weg des Brotes klarmachen. Nun ahne ich shcon, dass ihr an Pestizid und Industrie denkt. Dann kauft einfach bio so viel es geht. Um Teil dieser Geschichte von Gott und seiner Schöpfung zu bleiben.

Und dann kommt’s hier noch besser: aus gut wird heilig. Mit Gottes Wort und Gebet genossen, wird aus dem Holunder heiliger Holunder. Wir wissen nicht genau, was der Apostel hier mit Gottes Wort meint. Das Gebet ist vermutlich das Tischgebet. Gottes Wort, manche meinen, man soll rund ums Essen aus der Bibel lesen, wie die Mönche das tun. Vielleicht höre ich aber auch vor dem Essen noch mal hin, ob Gott mir noch etwas sagt vorher. So etwas wie „Für dich geschaffen!“, „Von mir für dich!“ oder „Für dich gegeben!“

Dann wird’s heilig, was da vor mir liegt, oder was ich in der Natur vor mir sehe oder der Mensch da gegenüber. Dann wird’s heilig, und das heißt: Dann wird es Teil der Heilsgeschichte, der Geschichte des Heils von Gott und seiner Welt, wie Gott diese Welt heilmacht, indem er ihr gibt, was sie braucht, und Menschen dankbar begreifen, dass er das tut;

die Geschichte vom Heil Gottes, weil er sich ihr am Ende sogar selbst schenkt, weil sie das nämlich am meisten braucht, die Welt. Nicht nur am Tisch zuhause das Essen, sondern am Tisch des Herrn Gott selbst in Christus; nicht nur etwas, was uns stärkt, sondern ihn, der in uns lebt, auf dass wir erlöst für ihn leben, auf dass wieder gut wird, was er gut geschaffen hatte, und was der Mensch verdorben hat, auch ich mich selber.

Aber wir greifen vor. Es lockt zu sehr der Abendmahlstisch mit seinen Gaben. Wir müssen aber noch einmal auf etwas zurückkommen. Denn mit „Denn“ fängt der Apostel an, und dann sagt er „nur“.

Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts hat er verworfen. Wir müssen es nur mit Dankbarkeit von ihm entgegennehmen.

Denn, nur – da muss was vorangegangen sein, da muss was vorgefallen sein, da läuft irgendeine Diskussion. Ja, in der Tat, da war was. Da waren nämlich welche, die haben gesagt, die Schöpfung kommt nicht von Gott, und dann war sie für sie plötzlich nichts mehr wert. Und wenn etwas nichts mehr wert ist, dann kann man zweierlei damit machen. Man kann es beiseitelassen oder man kann es achtlos behandeln, ja, sogar zerstören. Dann hat man die Geschichte, von der wir heute morgen so sehr ein Teil sind, verlassen. Dann folgt man einem anderem Narrativ.

So wie es zum Beispiel in der DDR früher hieß: „Ohne Gott und Sonnenschein fahren wir die Ernte ein“, dafür mit umso mehr Industrie und Chemie, und es hieß dann nur noch Erntefest, ohne Dank. Dagegen bildeten sich Umweltgruppen, die fanden in der Kirche Unterschlupf, weil die Kirche noch dankbar war. Und dann wirkten sie mit am Sturz des Regimes. So viel revolutionäres Potential steckt in Erntedank.

Oder wir heute, in dieser Woche in den Nachrichten: Ab 2019 sollten Ferkel eigentlich nicht mehr unbetäubt kastriert werden. Nun wird es noch mal um zwei Jahre hinausgezögert. Die Züchter sagen: durch die Kosten für das Betäubungsmittel wird das Schweinefleisch zu teuer, das kauft dann keiner mehr. Doch, könnten wir ihnen jetzt entgegenrufen, wir sind bereit, mehr zu bezahlen! Wir essen einfach weniger davon, zahlen mehr, dann braucht ihr die armen Tiere nicht so quälen und kommt trotzdem noch auf Eure Kosten! Und zumindest etwas mehr findet sich das Ferkel wieder im Narrativ vom schöpferischen Gott. Und stellen wir uns, was passieren würde, wenn schon nur die knapp 20 %, die in Berlin noch zu einer Kirche gehören, so einkaufen würden!

Wie komme ich denn jetzt zum Abendmahl? Vielleicht so: Für den Menschen, der sich aus der Liebe Gottes verabschiedet hat, ist die Vergebung durch das Kreuz der Wiedereinstieg, die Taufe der Umstieg von der Unheils- in die Heilsgeschichte und das Abendmahl die Stärkung für ein Leben, das dazu befreien lässt, mit den anderen zu leben und nicht ohne sie oder gar gegen sie. Das Abendmahl, das hält uns in der Geschichte Gottes und dem Heil, das sich so ausbreitet.

Wollt Ihr Teil werden, sein und bleiben von dieser Geschichte? Dann kommt zu Tisch, kommt an den Tisch des Herrn! Amen.