Gute Nachricht von der klingenden Himmelsleiter (130. Chorjubiläum)

Liebe Gemeinde,

130 Jahre hat unser Chor nun also schon hinter sich. Eine lange Reise. Wir haben darüber eben ausführlich gehört. Vielen Dank, dass Ihr uns das noch mal so aufbereitet habt!

Es wäre jetzt auch noch schön, die zu befragen, die die Bibel die Wolke der Zeugen nennt. Die also schon gestorben sind, aber in der Ewigkeit mit unsere Gemeinde bilden. Wir könnten sie fragen: Was habt Ihr persönlich mit dem Chor erlebt, als Ihr ihn gehört habt? Du, der Du ihn 1900 gehört hast, am Beginn des neuen Jahrhunderts. Du, der Du ein Lied von ihm gehört hast, als die Nachricht vom Ende des Ersten Weltkriegs Dich erreicht hatte. Oder die vom Anfang des zweiten. Du, als Dein Sohn fiel, Du, als die Kirche in der Klingsorstraße abgebrannt war, Du, als dein Vater heimkehrte.

Was hat der Chor Dir gesungen, als Dein Kind geboren wurde kurz nach dem Mauerbau? Was hast Du erlebt, als er am Sonntag nach Deinem Abiball gesungen hat? Und was werden wir erzählen können, wie wir den Chor erlebt haben am Sonntag nach den weltweiten größten Demos zum Klimaschutz?

Von ihnen allen würde ich gerne hören: Was hat Gott Euch gesagt durch den Chor? Was habt Ihr mit ihm erlebt auf dieser langen Reise bisher?

Eine lange Reise hat der Chor hinter sich. Und hat Gott erlebt und hat Erlebnisse mit Gott geschenkt. Die Geschichte, die uns für diesen Sonntag vorgeschlagen ist, dass wir sie in der Predigt bedenken, ich finde, diese Geschichte passt dazu. Sie spielt auch während einer langen Reise. Es ist die Geschichte der Himmelsleiter. Auch wenn die wörtlich eher eine Treppe war.

Jakob steht am Anfang seiner Reise. Seiner Lebensreise. Am Ende wird er zum Stammvater eines Volkes werden. Losgegangen ist es aber ein bisschen knirschend. Und jetzt muss er erst einmal fliehen. Ich lese aus dem 1. Buch Mose, dem 28 Kapitel.

Jakob machte sich auf den Weg von Beerscheba nach Haran. Als die Sonne unterging, beschloss er, an dem Platz, an dem er gerade war, zu übernachten. Unter den Kopf legte er einen der Steine, die dort herumlagen. Während er schlief, sah er im Traum eine breite Treppe, die von der Erde bis zum Himmel reichte. Engel kamen auf ihr zur Erde herunter, andere stiegen wieder zum Himmel hinauf. Der Herr selbst stand auf der Treppe und sagte zu ihm: „Ich bin der Herr, der Gott deiner Vorfahren Abraham und Isaak. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Sie werden so unzählbar sein wie der Staub auf der Erde und sich nach allen Himmelrichtungen ausbreiten. Am Verhalten zu dir und deinen Nachkommen wird sich für alle Menschen Glück und Segen entscheiden. Ich werde dir beistehen. Ich bewahre dich, wo du auch hingehst, und bringe dich wieder in dieses Land zurück. Ich lasse dich nicht im Stich. Alles, was ich versprochen habe, werde ich tun.“

Jakob erwachte. „Der Herr wohnt an diesem Ort“, rief er, „und ich wusste es nicht! Man muss sich diesem Platz in Ehrfurcht nähern! Hier ist wahrhaftig das Haus Gottes, das Tor des Himmels!“ Und er nannte den Ort Bethel, bis dahin hieß er Lus.

Liebe Gemeinde, da haben wir es besser. Wir wussten es von Anfang an, wo wir hier sind: vielleicht nicht in dem Haus Gottes, aber doch immerhin in einem Haus Gottes. An einem der Orte, an denen Gott wohnt. Das tut er natürlich überall, im besten Falle auch in unserem Herzen. Aber wenn man sich nicht sicher ist, dann wäre eine Kirche schon mal ein guter Versuch.

„Hier ist das Haus Gottes, das Tor des Himmels.“ Auch das können wir noch mit relativ großer Sicherheit sagen, dass hier das Tor des Himmels ist. Nun ist das mit den Toren aber manchmal wie mit Hamburg: das ist das Tor zur Welt, aber sie kriegen es manchmal nicht auf.

Auch wir können hier heute vor dem Tor des Himmels stehen und den Eindruck haben, wir würden es ja gerne durchschreiten. Wir kriegen es aber nicht auf. Wie die Gefährten im Herrn der Ringe vor den Toren Morias stehen und den Spruch nicht kennen, der die Tore öffnet. Manchem ergeht es inzwischen so in der Kirche: Ich kriege keinen Zugang. Mir er-schließt sich das alles hier nicht.

Es muss also noch mehr passieren, als dass man einfach nur an einem Ort ist. Jakob hatte sich hingelegt und geschlafen. Und mancher sagt dem Gottesdienst: Kirchenschlaf ist auch gesund.

Aber weit entfernt sind wir da von der Erfahrung des Jakob. Der hatte nämlich etwas erlebt an diesem Ort. Etwas, was ihn zutiefst bewegt hat. Und dann war Jakob nicht aufgewacht und hatte sein Notizbuch gezückt und darin für sein Projekt eines Reiseführers über Judäa notiert: „Bethel, das frühere Lus. An diesem Ort wohnt der Herr. Hier ist das Haus Gottes, das Tor des Himmels. Bitte nähern Sie sich in Ehrfurcht.“

Was aber muss passieren, damit diese Worte in einem Menschen nicht nur wie aus einem Reiseführer klingen? Was muss passieren, damit ein Mensch ausruft: „Der Herr wohnt an diesem Ort! Hier ist ja wahrhaftig das Haus Gottes! Das ist hier ja ein Tor zum Himmel, und es steht offen!“? Was muss passieren, dass ein Mensch an solch einem Ort auf die Knie fällt, sich die Hand vor den Mund hält und die Augen aufreißt?

Und wie kann das passieren? Dazu kommen wir gleich. Erst mal die Frage „Was muss passieren?“ Und die ist nicht schwer zu beantworten. Es muss passieren, was Jakob hier passiert. Ein Mensch heute muss wie Jakob damals erleben, wie Gott spricht. Zu ihm oder ihr persönlich.

Und wenn wir sagen: ein Mensch, dann meinen wir natürlich auch uns alle heute morgen hier. Meinen auch uns selbst. Um erstaunt auszurufen: „Gott ist ja hier!“, da muss ich Worte von ihm hören, die mitten hineinsprechen in mein Leben. Die zur Station auf meiner Lebensreise passen, an der ich gerade bin. Worte, die mich froh machen. Worte, die Freude wachsen lassen im Bauch. Himmlische Freude. Weil ich höre, dass Gott mich sieht, mich kennt, mich ansieht, da ist, für mich da ist, für mich ist. Worte, wie Jakob sie hört.

Dieser Ort wird für mich zum Tor des Himmels, wenn ich Gott höre, wie er Ja zu mir sagt. Wie er mir eine Zukunft öffnet, einen Horizont eröffnet. Wie er aus meiner orientierungslosen Flucht eine Reise mit Ziel macht. Mir die Angst um mich selbst nimmt und mein Leben weit macht. Mich befreit und mir meinen Ort gibt in seiner großen Geschichte mit der Welt.

All das ist, was Jakob hier gehört hat. Gott sagt: Ich war schon mit deinen Vorfahren unterwegs, ich kenne all das, was sie in dich hineingelegt haben. Gott sagt: Nachkommen wirst du haben, also: dein Leben wird fruchtbar sein. Wie sich die Menschen dir gegenüber verhalten, wird für sie mehr oder weniger Leben bedeuten, das heißt: du hast etwas zu geben, was die Menschen reicher macht. Ich bewahre dich auf allen Wegen hin und zurück, das heißt: auch Umwege sind mit mir gesegnete Wege. Hab keine Sorge. Geh mutig und fröhlich.

Das also hört Jakob. So etwas müssen wir hören, damit wir erstaunt ausrufen: „Hier bin ich Gott begegnet!“ Und damit sind wir bei der Frage: Wie können wir das hören?

Und die eine Weise, die, die wir heute mit dem Jubiläum unseres Chores feiern, die ist: Wir hören diese Botschaft auch über eine Himmelsleiter. Über die Himmelstonleiter. Über die himmlische Notentreppe. Engel steigen auf ihr auf und ab und bringen so die Botschaft Gottes zum Klingen. Gott hat ja keine Stimme. Gottes Geist redet zu unserem Geist, wie Geister sich unterhalten. Nicht wortlos, aber tonlos. So entsteht in uns die himmlische Freude, tief in unserem Innern.

Zum Klingen bringen die himmlische Freudenbotschaft hier erst die Engel, die die Leiter, die Treppe auf- und absteigen. Eine Klangleiter wird es, eine Tonleiter, eine Notentreppe, sie sind das Instrument Gottes. Über eine Tonleiter redet Gott mit Jakob.

Über Tonleitern redet Gott auch heute mit uns. Wenn er den Chor engelsgleich die Tonleiter hinauf- und hinabschweben lässt. Und uns so die Botschaft seiner Liebe, seiner Hoffnung, seiner Zukunft zuspricht. Die Botschaft der Freude eines Lebens mit ihm.

Und jedes Mal, wenn uns ein Chorlied berührt, hat uns die Botschaft erreicht, hat sich uns das Tor zum Himmel geöffnet – und vielleicht ist das nur dasselbe wie zu sagen: hat sich uns das Tor zu unserem Herzen geöffnet.

Das wirft natürlich auch ein ganz neues Licht auf die Sängerinnen und Sänger unseres Chores, oder? Und es wirft für Euch Chorsängerinnen und Chorsänger noch einmal ein besonderes ganz neues Licht auf das, was ihr da tut. Wer sind wir, könnt Ihr Euch jetzt fragen, wenn wir hier stehen und singen? Ihr seid die Engel auf der Himmelstonleiter, die Gottes Botschaft zum Klingen bringen.

Und wir anderen: Nach einem Lied des Chores leicht benommen, aber erfreut zurückzubleiben und zu sagen „Der Herr ist hier und hat zu mir, zu uns geredet“ – das ist dann wie Aufwachen aus einem Traum, zurückkehren von einer Reise in die Welt Gottes. Um dann fröhlich und gestärkt unsere Reise durchs Leben fortzusetzen.

Gott sei Dank – der sich Himmelstonleitern schafft, um uns Herz und Himmel zu öffnen! Amen.