Herr, schütze unsere Freundschaft!

Liebe Gemeinde,

„welch ein Freund ist unser Jesus!“, haben wir vorhin gesungen. Was ist das für ein Glück – eine Freundschaft besingen zu können! Keine Selbstverständlichkeit! Manche sagen: heute noch weniger als früher, die Einsamkeit nimmt zu! Das mag sein oder auch nicht. Aber egal: Eine Freundschaft zu haben, die man so besingen kann – was für ein Glück ist das!

Ein Freund, der sich nicht abbringen lässt von seiner Treue. Eine Freundin, die sich fragt, was kann ich tun, um meine Freundschaft zu stärken? Und was muss ich dazu lassen? Wer so jemanden hat, der ist gut dran. Und bin ich für jemanden ein solcher Freund, eine solche Freundin?

Jesus war auf dem Weg zu uns. Der Welt wollte er die Erfahrung schenken: Du hast einen Freund, der dir nachgeht. Der dich sucht. Der dich findet. Der nicht von deiner Seite weicht. Selbst wenn du das verdienst hättest. Der für dich einsteht. Dazu hat er sich auf den Weg gemacht zu uns. Zu dir. Und zu mir.

Aber dann, wir haben es eben gehört: Der Teufel versperrt ihm den Weg. Der Teufel sagt zu ihm: Was willst du ein Freund sein? Du hast das Zeug zu mehr! Werde ein Herrscher! Aber Jesus hat ihm widerstanden. Was brauchte er solche Machtspielchen. Er wusste: Freundschaft öffnet die Herzen. Teresa von Avila nannte ihren Jesus dann 15 Jahrhunderte voller Liebe staunend ihren „Königfreund“.

Diese Freundschaft also zwischen ihm und mir und dir, die wollte er unbedingt. Noch ganz am Ende, im Garten unter den Olivenbäumen, kurz vor seiner Verhaftung, da ringt er noch mal mit sich, ob er uns treu bleiben soll. Ob er es kann. Und auch da hat die Freundschaft, die Liebe zu uns gehalten. Hat ihn ans Kreuz gehen lassen. Und Gott hat sie in der Auferweckung Jesu unsterblich werden lassen.

Die ganze Passionszeit, die jetzt vor uns liegt, sie ist die Einladung, zu beobachten, wie Jesus unbedingt seiner Freundschaft mit uns treu bleiben wollte. Wie er unser Leben teilt. Alles an sich selber kennenlernt. Nur die Schwachheit der Liebe nicht.

Die Worte, die uns heute zu bedenken vorgeschlagen sind, reden davon auf ihre Weise. Sie reden von Jesus als dem Hohepriester. Der Hohepriester war der, der am großen Versöhnungstag einmal im Jahr in das Allerheiligste im Tempel durfte. Da bat er um die Vergebung der Schuld seines Volkes. Auf dass das neue Jahr unbelastet beginnen möge. Ich lese aus dem Hebräerbrief, aus dem 4. Kapitel:

Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht mitleiden könnte mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem, wie wir, doch er ohne Sünde. Darum lasst uns mit Zuversicht hinzutreten zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.

Die Himmel durchschritten. Einmal bin ich vor dem Adlon in den Besuch eines Staatschefs geraten. Der Gehweg war abgesperrt, der rote Teppich ausgerollt, wir Passanten mussten warten. Zeit also, das mal ein wenig auf sich wirken zu lassen. Und plötzlich kam mir eine komische Vorstellung. Der rote Teppich wurde mir plötzlich zur Zunge des Hotels, der Eingang zu seinem Mund. Und ich empfand es als bewundernswert tollkühn, sich auf diesen roten Teppich zu wagen. Würde nicht die Zunge des Hotels sofort zurückschnellen und diesen Menschen in die Verdauung des Hotels schicken? Wie es der Frosch mit der Fliege tut?

Und je beängstigender diese Vorstellung wurde, desto mehr staunte ich: über die, die da einfach wieder herausspazierten aus dem Hotel. Sie hatten das überlebt, mehr noch: Sie konnten offensichtlich dieser großen Zunge ihren Willen aufzwingen, denn die Zunge ließ sie einfach ihren Weg gehen. Was für Menschen, die da einfach ein- und ausgehen! Das Heilige – vielleicht wird das heute markiert durch rote Teppiche vor Luxus-Hotels.

Zeitsprung, 2000 Jahre zurück. Menschen sehen auf einen Eingang und sehen staunend und gespannt einen von ihnen in diesen Eingang verschwinden. Wie jedes Jahr. Und jedes Mal ist das ein kribbeliger Augenblick. Wie wird seine Begegnung da drin laufen? Wird er erreichen, was zu erreichen seine Aufgabe ist? Und wird er es überleben, wird er wieder herauskommen?

Das interessiert sie nun aber nicht nur, weil sie wissen wollen, ob dieser todesmutige Mensch stark genug war. Sondern er soll von drinnen berichten. Er hat da eine wichtige Besprechung. Von der hängt alles ab. Für sie alle. Im Adlon werden Strippen gezogen. Im Tempel wird Zukunft entschieden. Der Hohepriester soll herauskommen und ihnen sagen: Die Schuld ist vergeben!

Vergeben ist alle Schuld! Da fällt immer die ganze Spannung von ihnen da draußen. Sie lösen sich aus ihrer Starre, gucken nicht mehr angestrengt auf die Erde oder in den Himmel, kneten nicht mehr nervös ihre Hände. Sondern atmen auf, pusten hörbar aus, sehen sich an, lächeln sich erleichtert zu. Verlassen gelöst den Tempel.

Und haben natürlich alle auch den Kopf voller guter Vorsätze. In diesem Jahr wird alles anders. Und wissen zugleich doch auch: Im nächsten Jahr stehen sie wieder hier und sehen den Hohepriester im Allerheiligsten verschwinden. Und starren wieder auf die Erde, in den Himmel, kneten ihre Hände.

Denn sie wissen: Wenn der jetzt nicht wieder rauskommt, oder wenn er rauskommt, aber nicht die Vergebung mitbringt – dann können wir das nächste Jahr vergessen. Wir brauchen die Barmherzigkeit, die Gnade Gottes, wir brauchen seinen Segen!

Was muss das für ein Gefühl sein: Mit seinem Lebensglück so von jemand anderem abzuhängen? Gibt es das heute noch? Kennt Ihr das Gefühl? Ich meine, dass man hofft, dass Leute ihren Job gut machen, das ja;

dass das schlau war, dass Jogi die drei Alt-Stars von den Bayern aus der Nationalmannschaft entlassen hat; oder abhängig sein von einer Berliner Politik, die in Windeseile einen Feiertag einführt, aber sonst für alles gefühlt ewig braucht, ja, aber wo betrifft uns das mal wirklich?; die große Politik, nun ja, aber hängen wir wirklich gefühlt von ihr ab?; haben wir Deutsche verlernt, wie das ist, von jemandem abzuhängen, weil unsere starke Wirtschaft schon alles abfangen wird, was die Politiker nicht hinkriegen, uns hat sogar die Euro-Krise kaltgelassen?

Von jemandem abhängig sein. In der globalisierten Welt ist das schwer greifbar. In Deutschland scheinbar auch nicht so entscheidend.

Aber kennen tun wir das trotzdem, eher dann im Privaten. Dass unsere Kinder nicht von irgend einem anderen Kind gemobbt werden; dass uns die Chefs nicht auflaufen lassen; der Arzt uns nicht übermüdet operiert; dass der Partner, die Partnerin uns treu bleibt; die Kinder alles für uns tun werden, damit wir im Alter nicht einsam werden.

Wem vertraue ich mein Leben an? Wie geht es mir mit den Leuten, denen ich es anvertrauen muss? Und „welch ein Freund ist unser Jesus“, jetzt mal nicht staunend, sondern fragend: Was für ein Freund ist er? Ein verlässlicher Freund? Einer, dem wir uns anvertrauen?

Verlässlicher als die vier Geier im Dschungelbuch? Erinnert Ihr Euch noch? Die Geier wollen Mogli aufbauen und singen ihm das Lied von den Freunden, die immer für ihn da sind. Sogar mit der Verheißung: „Und scheint verlor’n dein Seelenheil, / Wer eilt herbei schnell wie ein Pfeil?“ Aber als dann der böse Tiger Shir Khan auftaucht, verstecken sich die Geier hinter Mogli, anstatt ihn zu schützen.

Dann das Seelenheil doch lieber dem anvertrauen, der uns versteht, der aber keine Schwäche hat wie wir. Der sich nicht versteckt, wenn der Teufel kommt, in Form von Shir Khan oder welchem Schicksal auch immer. Dem die Mittel zur Hilfe nicht ausgehen, denn er hat die Himmel durchschritten, wie der Hebräerbrief sagt, da ist er zuhause, wir sehen ihn die Räume durchschreiten des himmlischen Jerusalems oder unserer inneren Burg, um noch einmal Teresa von Avila zu zitieren.

„Festhalten an dem Bekenntnis“, das ist das, worauf es in der Gefahr ankommt. Festhalten an dem Bekenntnis, dass Christus der Weg die Wahrheit und das Leben ist. Ich bei ihm alles finde.

Natürlich, auch Christen erleiden Schweres, davon sind wir nicht ausgenommen. Aber an dem Bekenntnis, heißt es hier, sollen wir festhalten in all dem. An dem Bekenntnis, dass Christus unser Herr ist, unser König, unser Freund, unser König-Freund.

Kleine Übung. Können wir uns das mal für einen Augenblick vorstellen: Ist da etwas, was mir im Augenblick das Leben schwermacht? Kann ich mal für den Augenblick versuchen, dem eine Gestalt zu geben, einen Körper? Und mir vorstellen, wie diese Gestalt auf mich zukommt? Und wie ich merke, was sie vorhat, eigentlich vorhat? Nämlich meinem Glauben, meinem Vertrauen zu Gott an den Kragen zu gehen? Mir einzureden: Wenn es dir nicht gut geht, wirst du aufhören, Christus zu lieben. Die alte Hiob-Sache.

Und wie ich denke: Nein, alles andere ja, aber das nicht, nicht mein Vertrauen zu Gott, zu Christus! Und wie Christus sich dann vor mich stellt? In meinem Innersten? Sich vor mein Innerstes stellt und mein Vertrauen zu ihm beschützt? Wie er sofort da ist, weil er diese Gefahr selber kennt? Wie er mein Vertrauen beschützen kann, weil er diese Gefahr überwunden hat, alles überwunden hat, was den Tod unserer Beziehung bedeuten würde.

Eine Übung für schwere Tage. Wie Christus meine gefährdete Liebe zu ihm gegen das Schicksal schützt. Gegen die Versuchung, Christus dann nicht mehr zu lieben. Mich in mein Innerstes zurückziehen und Christus bitten, unsere Liebe zu schützen. Weil ich die auf jeden Fall nicht verlieren will.

Natürlich gäbe es da auch noch den anderen Fall. Dass ich Barmherzigkeit und Gnade von Christus brauche – weil ich anderen zur Versuchung geworden bin. Weil ich nicht der Freund, die Freundin gewesen bin, die ich hätte sein sollen. Wenn Menschen sich in ihr Innerstes zurückziehen müssen und Christus bitten müssen, ihr Vertrauen zu ihm zu schützen – weil ich ihnen gerade das Leben schwermache.

So einer möchte man nicht sein. Und ist man doch so einer, mag man es nicht zugeben. Und doch ist es manchmal so. Manchmal verletze auch ich Vertrauen. Manchmal mache ich es anderen schwer, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken.

Auch dann lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. An dem Christus festhalten, von dem es hier heißt, er leide mit uns. Sympathie heißt es im Griechischen. Wörtlich: Mitleid. Mitleiden kann er mit uns. Wenn wir an uns selber leiden. Uns leiden kann er. Wenn wir uns selbst nicht leiden können.

„Und scheint verlor’n dein Seelenheil“, wenn das Leben dir schwermacht, Christus zu vertrauen, wenn du es einem anderen schwergemacht hast – dann verlass dich nicht auf die vier Geier aus dem Dschungelbuch.

Sondern dann trete her zu dem, der nicht nur Worte macht. Sondern der die Himmel als sein Zuhause durchschritten hat und uns alles daraus schenken kann. Trete herzu zu dem, der gnädig und barmherzig ist. Trete voller Zuversicht herzu, dass er dir helfen kann.

Trete das erste Mal herzu in der Taufe. Oder immer wieder. Oder immer und immer wieder. Mit Zuversicht. Amen.