Hirtenversagen?

Liebe Gemeinde,

im Allgemeinen scheint man mit den Hirten heutzutage eher wieder unzufriedener zu sein. Selten waren so viele Menschen auf den Straßen bei Demonstrationen unterwegs wie im Augenblick. Sie alle klagen an: Hirtenversagen. Zu viele Flüchtlinge. Merkel hat versagt. Zu viel CO2. Die Elterngeneration hat versagt. Wer auf uns aufpassen sollte, hat seinen Job nicht ordentlich gemacht. Sind wir ihnen egal, wir armen Einheimischen, wir Kinder?

Und dann die verstörenden Nachrichten aus Brandenburg: In keinem anderen Bundesland gibt es so wenige Ärzte. Und in keinem anderen Bundesland gibt es so viele Wölfe. Wenn mich nun höchstwahrscheinlich ein Wolf beißt, gibt es höchstwahrscheinlich keinen Arzt für mich. Was wird nur aus uns? Wer hat da seinen Job nicht gemacht?

Zeit für einen guten Hirten! Aber wer soll’s machen? In Johannes 10 sagt Jesus:

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, der sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.

Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall, auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

Ist das die Antwort? Ist er die Antwort? Ist er der bessere Kanzler, der konsequentere Klimaschützer? Sorgt er für mehr Ärzte, für weniger Wölfe? Geht es hier um so etwas? Auf jeden Fall: Hirt und Wolf, das konnte man schon auch politisch verstehen. Von den schlechten Hirten haben wir eben schon gehört. Die, die nicht die Schafe weiden, sondern sich an den Schafen weiden. Und wenn Rom den Wolf im Wappen führt, der die Zwillinge säugt, dann könnte es auch damals schon jemanden gegeben hat, der da 1 und 1 zusammenzählt. Und sich gefragt haben: Schützt Jesus vor den Römern?

Ist Jesus also der bessere Herrscher? Und wie sagen wir das den Demonstranten bei Pegida und Fridays for Future? „Jesus is the answer for the world today“, wie wir früher gesungen haben? Aber wie geht das dann? Wie macht er das? Und wenn er was macht, was macht er dann? Auf wessen Seite ist er dann?

Hirtenversagen. Und dann kommt er und sagt „Ich bin der gute Hirte!“ Aber meint er denn überhaupt so etwas? Gut, der Wolf im Wappen Roms. Aber hat er nicht auch gesagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“? Als er nämlich kurz davor ist, das zu tun, was er hier als Merkmal des guten Hirten beschreibt: nämlich das Leben für die Schafe zu lassen.

Kann man jetzt natürlich weiter fragen: Und was haben die Schafe davon, wenn der Hirte sich vom Wolf töten lässt? Sind sie dann nicht noch schutzloser? Ja, und jetzt merken wir langsam: Das Bild hat seine Grenzen. Wie jedes Bild. Und wer ein Bild verstehen will, der tut gut daran, sich nicht zu stören an dem, was es nicht sagt. Sondern nach dem zu suchen, was es sagt.

Und was es sagt, ist dies, und wir legen es Jesus selber in den Mund. Er sagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt und ihr tötet mich jetzt, dann wäre ich bloß ein Märtyrer. Ein gescheiterter Hirte. Mein Reich ist aber nicht von dieser Welt. Deswegen ist der Hirte dieses Reiches auch nicht einfach totzukriegen. Beziehungsweise: einfach nicht totzukriegen.

Hört ihr, meine Schafe? Ich habe mein Leben gegeben, aber der Wolf hat sich an mir vergiftet und ist gestorben! Ich aber bin auferstanden! Großmutter lebt und der Wolf liegt mit Wackersteinen im Bauch auf dem Grund des Brunnens, jubelt, ihr Rotkäppchen! Gott hat den Wolf erlegt und sein Opfer aus dem Tod befreit!“

Ok, das mit Rotkäppchen führt jetzt vielleicht ein wenig in die falsche Richtung, aber der deutschen Seele liegt der gefährliche Wolf samt Wald eben so nahe.

Aber trotzdem: Hört ihr, ihr Schafe? Diesem Hirten gehört ihr so sehr, dieser Hirte liebt euch so sehr, dass er sogar sein Leben lässt für euch! Und nicht euer Leben für sich will! Dieser Hirte verdient nichts an euch. Im Gegenteil, er gibt alles für euch. Er gibt sein Leben. Macht sich quasi selbst zum Lamm, zum Lamm Gottes, Schaf im Hirtenpelz. Er gibt sich selbst. Als guter Hirte überwindet er den Wolf. Nicht, weil er daran etwas verdient. Sondern nur, damit er unser Hirte sein darf. Weil er uns so liebt. Uns und die, die noch nicht dazugehören. Dich auch, wenn du noch nicht dazugehörst.

Aber nun mögen wir unterschiedlich auf diese kleine Rede reagieren. Schaf im Angesicht des Wolfes. Wer spürt, wie zerbrechlich sein Leben ist, der wird vielleicht genauer hinhören, wenn sich einer zum Hirten erklärt. Die, die weiß, dass sie sich nicht selbst bewahren kann. Der, der merkt, dass Kräfte wirken, die er nicht selbst kontrollieren kann. Dass etwas stärker ist als er oder sie selbst. Der wird sich freuen über einen Hirten, der ein guter Hirt ist.

Wer aber selber stark ist, der könnte jetzt sagen: Ich bin doch kein Schaf! Der sagt: Gut, dass diese infantile Mode mit diesen kleinen Schäfchen von NanuNana vorbei ist, die eine Zeitlang auch von den Rucksäcken von erwachsenen Leuten baumelten. Wir sind doch selber wer, haben unser Leben in der Hand, sind verantwortlich, können uns doch nicht einfach aus der Verantwortung stehlen und nach dem starken Hirten rufen und wir sind nur Teil der Herde! Soll die Entwicklung des Menschen nicht dahin gehen, immer selbständiger und selbstbestimmter zu werden?

Und wenn ich jetzt so zwischen Euch beiden stehe, Du auf der einen Seite, der du weißt, wie verletzlich dein Leben ist und die du dich über einen guten Hirten freuen würdest, und Du auf der anderen Seite, der Du dagegen protestierst, ein willenloses Herdentier sein zu sollen – wenn ich so zwischen Euch beiden stehe, dann nicke ich in beide Richtungen.

Und vielleicht entdeckt Ihr beide sogar, dass Ihr auch schon mal auf der Seite des anderen standet. Dass jeder schon mal selber gestaltet hat. Und dass jeder schon mal angewiesen war.

Und wie gut ist dann beides: zum einen zu erleben, dass ich mich anvertrauen kann und mein Leben ist in guten Händen – beim Lokführer und Piloten, bei der Ärztin und der Polizistin, vielleicht ja sogar beim Pastor. Wobei, bei dem weiß man ja nicht so richtig, woran man das erkennen soll. Las ich neulich in einem Roman von einer Mutter, die meinte, ihr Sohn sei ja nicht so helle, das könne als Arzt gefährlich werden, dann vielleicht doch Geistlicher, da könne ja nicht so viel schiefgehen.

Immer wieder also müssen wir uns anvertrauen. Und wie gut, wenn die Menschen, denen wir uns anvertrauen müssen, vertrauenswürdig sind. Und wie gut auch, wenn es uns nicht schwerfällt, die Kontrolle abzugeben und die andere machen zu lassen. Wie gut, wenn mal auch mal Schaf sein kann.

Wie gut aber natürlich aber auch, wenn man merkt, dass man zwar gerade Schaf ist, dass das aber auch total unangemessen ist.

In Charly Chaplins Stummfilm „Moderne Zeiten“ aus dem Jahre 1936 sieht man in einer Szene eine Herde Schafe: dicht zusammengedrängt, Rücken an Rücken treibt, stolpert und holpert sie vorwärts. Und dann kommt ein harter Schnitt auf eine Masse eiliger Menschen. Arbeiter sind es, die aus einer Fabrik strömen; der hilflose, abhängige Mensch ist es, der Mensch in der Masse. Berufsverkehr in der BVG, umsteigen am Zoo, Friedrichsstraße, Ostkreuz. Dasselbe Bild.

Mensch in der Masse. Keiner will es sein. Jeder fürchtet sich aber auch, nicht mehr dazuzugehören. Die Abkürzung „fomo“ habe ich jetzt kennengelernt, fomo, „fear of missing out“, die Angst, nicht mehr im Trend zu liegen.

Gut, wer merkt, dass es das doch wohl nicht sein kann. Sondern wir selber wer sind. Und aufgerufen und auch in der Lage, unser Leben selbst zu gestalten.

Und was ist dann mit Jesus, dem Hirten? Darf er dann nicht mehr unser Hirte sein? Kann er es nicht auch dann noch sein? Fragen wir dazu noch mal, wie er denn unser Hirte ist, wenn wir schwach und hilfsbedürftig sind. Dann brauchen wir ihn ja auch nicht anstelle einer Ärztin, eines Piloten. In welchem Sinne können wir uns das vorstellen, oder besser: erleben wir das, was der Theologe Rudolf Bultmann zu unserer Stelle schreibt: dem „Für-Sein“ Gottes steht das „Angewiesensein-Auf“ des Menschen gegenüber? Oder anders: Wer oder was ist der Wolf? Und was will er von uns?

Ja, was wäre dann das Schlimmste, was uns passieren könnte? Hauptsache gesund? Solange ich alles noch selber entscheiden kann? Bloß keine falschen Entscheidungen treffen! Nur nicht einsam sein? Ja, dass uns so etwas erspart bleiben möge, das wäre uns zu wünschen! Krankheit, Verlust unserer Selbstbestimmung, sich am Rande wiederfinden, Einsamkeit, das will kein Mensch. Aber niemand kann uns garantieren, dass das nicht doch eintritt. Hat dann der Hirte seinen Job nicht gemacht, war er dann doch nicht so ein guter Hirte?

Oder geht es Jesus noch mal um etwas anderes? Wenn er hier weiter sagt, dass er und seine Schafe sich kennen wie er und sein Vater im Himmel sich kennen; wenn er sagt, eine Herde soll es sein und ein Hirte – dann klingt da noch mal etwas anderes an. Dann klingt da Vertrautheit an. Kennen, erkennen, Gemeinschaft, beieinander sein, Innigkeit – zwischen ihm und seinen Schafen, zwischen uns und Gott durch ihn. Und der Wolf, der will dazwischen.

Und da scheinen wir doch bei dem zu sein, was ihm das Wichtigste ist. Nicht dafür ist er für uns gestorben, dass uns nichts Böses mehr geschehe. Nicht dafür hat er sich dem Wolf entgegengestellt, dass wir weiter kraftvoll und selbstbestimmt leben können. Sondern dafür, dass er unser Hirte bleibe und wir seine Schafe. Dass wir einander kennen und beieinander bleiben. Dass mir der Glaube erhalten bleibe.

Dass uns unsere Schwäche und unsere Angst nicht von ihm trennen. Aber auch nicht unsere Stärke und unser Selbstbewusstsein, auch die sollen uns nicht von Christus trennen.

Das also ist ihm das Wichtigste: dass uns unser Glaube nicht abhandenkommt, uns genommen wird. Und wenn das auch auf unserer Seite so ist, wenn das das größte Glück ist, das wir kennen, nämlich dass wir zu ihm gehören und zu seiner Herde; wenn das die wichtigste Gewissheit ist, die in uns lebt, die tiefste Liebe, die wir erleben, aus der wir leben, auch und gerade in den Tiefen unseres Lebens; auch und gerade in den Herausforderungen unserer Zeit –

wenn das unser größtes Glück ist, dass wir glauben und mit ihm leben können, dann sagen wir und ich lade ein, das mit mir zu beten: „Danke, Herr, du guter Hirte meines Glaubens! Danke, dass du auf uns beide aufpasst, dass uns nichts auseinanderbringt. Ob ich mich stark oder schwach fühle. Wenn der Gedanke kommt, du seist zu schwach oder ich brauche dich nicht. Dann will ich mir dieses Bild vor Augen stellen: dass du der gute Hirte bist, der mein und dein größtes Glück beschützt, nämlich dass wir beide zusammen sind. Amen.“