Höre mich heraus!

Liebe Gemeinde,

Sonntag Exaudi: „Höre mich!“ Ich weiß nicht, ob das jetzt Küchenlatein ist, aber wegen des ex am Anfang, kann man da wörtlich vielleicht sogar sagen: „Höre mich heraus!“?  Höre mich persönlich aus all den anderen Stimmen, meine mich wirklich mich! Oder Exaudi, höre mich heraus, vielleicht sogar als Kurzform von „Höre mich und hilf mir heraus!“? Weil hören und helfen eins ist bei ihm? Vielleicht auch nur deswegen, weil es meine Hilfe ist, dass er mich hört?

Dass wir gesehen werden, dass wir wahrgenommen werden, dass wir ernstgenommen werden, dass uns geholfen werde – das war einer der Grundtöne dieser letzten Wochen und Monate. Und er ist es jetzt noch verstärkt, wenn es darum geht, auch zu denen zu gehören, die von den Lockerungen profitieren. Wir brauchen es doch auch! Warum wir noch nicht? Sieht uns denn keiner? Hört uns niemand? Wir wollen herausgehört werden! Gehört und herausgerettet werden aus unserer prekären Lage!

In großen Gemeinwesen geht es ja immer auch darum: dass alle in gleicher Weise gehört werden. Und je größer das Gemeinwesen, desto schwieriger ist es. Vor allem für die, die zwar gehört wurden, aber nicht erhört wurden. Die haben dann schnell den Eindruck, in Wahrheit doch schon nicht wirklich gehört worden zu sein.

Und es geht ja oft schon in Familien los. Wer ist der Bestimmer? Immer der! Nie darf ich! „Höre mich und hilf mir heraus“ – da stellt sich schnell auch die Frage nach der Gerechtigkeit. Wer wird gesehen, wer wird übersehen, wer fühlt sich vielleicht auch nur übersehen, denn leicht geschieht da auch mal ein Versehen.

Dabei üben sich alle gerade darin, wie das mit dem Gesehen- und Gehörtwerden richtig geht. Statt flüchtigem Händeschütteln und beiläufigem „Geht’s gut?“ geht es jetzt genauer, intensiver zu, wenn man sich begegnet. Jedenfalls in Videokonferenzen: „Seht ihr mich? Hört ihr mich?“ „Ja, wir sehen dich! Ja, wir hören dich!“ Ich werde gesehen, ich werde gehört! Wie wunderbar, so wirklich und wesentlich zusammenzufinden!

Sonntag Exaudi – „Herr, höre mich heraus!“ Als Kurzform von „Herr, höre mich und hilf mir hinaus!“ Und darauf die Antwort Jesu aus dem Wochenspruch: „Ja, ich werde dich zu mir ziehen!“ Und das kommt aus dem Predigttext für heute aus dem Johannes-Evangelium, aus dem 12. Kapitel. Da gehen wir noch mal einen Schritt, beziehungsweise drei: hinter Himmelfahrt zurück und noch weiter zurück, hinter Ostern, hinter Karfreitag, und davor sind jetzt wir jetzt. Da sagt Jesus:

»Mir ist jetzt sehr bange. Was soll ich tun? Soll ich sagen: ›Vater, lass diese Stunde an mir vorbeigehen‹? Aber ich bin ja in diese Stunde gekommen, um sie durchzustehen. Vater, bring du deinen Namen jetzt zu Ehren!« Da sagte eine Stimme vom Himmel: »Das habe ich bisher getan, ich werde es auch jetzt tun.« Die Menge, die dort stand, hörte die Stimme, und einige sagten: »Es hat gedonnert!« Andere meinten: »Ein Engel hat mit ihm gesprochen.« Aber Jesus sagte zu ihnen: »Diese Stimme wollte nicht mir etwas sagen, sondern euch. Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt. Jetzt wird der Herrscher dieser Welt gestürzt. Ich aber werde von der Erde erhöht werden, und dann werde ich alle zu mir ziehen.«

Das finde ich einen gleichermaßen tröstlichen wie herausfordernden Gedanken: Jesu Antwort auf die Frage nach dem Heraushören und Heraushelfen ist, dass er mich zu sich zieht.

Tröstlich ist dieser Gedanke: Oft, wenn Menschen in Not sind, ist ja ihre erste Bitte gar nicht, dass man ihnen heraushelfen möge, sondern dass jemand bei ihnen sein möge.

Dass dem- oder derjenigen herausgeholfen werden möge, das ist ja nicht selten viel mehr der Wunsch derer, die drumherum sind. Manchmal auch verbunden mit der Frage „Warum, Herr, hast du diese Not zugelassen?“ Meine Erfahrung ist: Wer selber in einer Not ist, fragt danach gar nicht so oft. Dafür aber um so öfter danach, dass man ihn bzw. sie nicht alleinlasse.

Deswegen ist es ein tröstlicher Gedanke, wenn Jesus sagt: „Ich werde dich zu mir ziehen!“ Ich muss noch nicht einmal selber hingehen können zu Jesus. Manchmal fehlt dafür in großer Not die innere Kraft. Statt dessen wird er mich zu sich ziehen.

Doppelter Trost also: Ich werde nicht allein sein, und er wird dafür sorgen!

Und nun kommt zum Trost die Herausforderung: Er kommt nicht zu mir, sondern er zieht mich zu sich. Und genau heißt es: „Ich aber werde von der Erde erhöht werden, und dann werde ich alle zu mir ziehen.“

Ja, es bleibt auch ein zunächst ein Trostwort an seine Jünger. Wenn sie ihn nicht mehr sehen werden, dann sollen sie wissen: nach dem Abschied wird es ein Wiedersehen mit ihm geben. Wenn wir ihn nicht mehr sehen, auch weil sich etwas zwischen ihn und uns gestellt, hat, verspricht er uns: Wir werden uns wiedersehen.

Nun hat Erhöhung im Johannes-Evangelium aber einen doppelten Klang. Erhöht wird Jesus wie die eherne Schlange, die auf eine Stange befestigt wird, und jeder, der auf sie/ihn schaut, wird am Biss der Schlange / des Bösen zu seinen Füßen nicht sterben (Johannes 3 in Anspielung auf 4. Mose 21). Das meint also die Kreuzigung. Mit Jesus erhöht werden – also auch mit ans Kreuz? Hm, ich weiß ja nicht …

Erhöhung meint aber auch: die Einsetzung in Ehre und Herrlichkeit, die Rückkehr zum himmlischen Vater. Das wäre also Himmelfahrt. Das verkannte Fest, das aber doch untrennbar zur Geschichte Jesu Christi dazugehört, damit diese nicht unvollendeter Torso bleibt. Die Voraussetzung für Pfingsten und die Hoffnung auf die Überwindung allen Leids.

Und er ist damit das Urbild aller geworden, die in der Überwindung ihrer Qualen die Hoffnung auf ihre Vollendung sehen. Ja, die dadurch vielleicht sogar getröstet werden, dass sie sagen: Mit Christus durchlebe ich wie er seinen Weg. Wie er werde ich erhöht, exponiert und erlebe mich dem Leid ausgesetzt. Vielleicht lasse ich mich mit Christus sogar auch in ein Leid ziehen, das gar nicht mein eigenes ist?

Das ist also die Herausforderung in diesem Wort: Die Erhöhung gibt es nicht am Leid vorbei. Jedenfalls, wenn man seinen Weg mit Christus gehen will. Wenn einem das das Wichtigste ist, dass man bei Christus ist.

„Herr, höre mich heraus!“ „Ja, ich ziehe dich an meine Seite. So gehen wir gemeinsam im Leid und durch das Leid. So höre ich dich heraus. Und hinauf. Sieh, wie der Himmel sich schon öffnet über dir, über uns!“ Amen.