„Ich glaube!“ – Echt? Und was? Und immer?

Liebe Gemeinde,

das ist sie also: die Jahreslosung 2020. Jahreslosung, oder außerhalb der Kirche würde man sagen: das Motto, das die Kirchen sich für dieses Jahr gegeben haben. Es lautet also:

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Hm, also, eine Losung, das ist doch auch so eine Art Codewort, oder? Um irgendwo reingelassen zu werden. „Wer da? Die Losung!“ Und dann kommt meist irgendwas Markiges. Aber „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ – was für Menschen würden sich so eine Losung geben?

Es klingt, naja, ein bisschen unentschlossen, oder? Kann man damit überhaupt etwas anfangen, ich meine, taugt das als Richtschnur, als Fackel, der wir folgen, als starker Impuls, auf den hin wir uns aufmachen ins neue Jahr?

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Ich muss sagen: Andererseits, als Seelsorger kann ich mit diesem – ja, was ist das? ein Bekenntnis? ein Hilfeschrei? –; was auch immer, jedenfalls: als Seelsorger finde ich diesen Satz sympathisch. Jemand steht hier dazu, dass er oder sie irgendwie schon glaubt, dass sein Glaube aber auch immer wieder in die Krise kommt. Das ist ehrlich. Und was ehrlich ist, ist meist auch hilfreich.

Dann höre ich diesen Satz aber auch als einer, der Verantwortung hat als Leiter unserer Gemeinde. Und denke, man muss aber auch mal Entscheidungen treffen und mutig vorangehen. Klingt dafür unser Satz aber nicht zu zögerlich? Nach „Ja, aber …“, „vielleicht später …“? Klingt er nicht nach den so vielen Halbherzigkeiten unseres Lebens? Eigentlich wissen wir, was Sache ist, aber danach handeln, „ach, ich weiß auch nicht“?

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Ich höre diesen Satz als Bibelausleger und habe lauter Fragen: Ich glaube – ja, was denn? Und wie zeigt sich dann der Unglaube? Und soll diese Spannung zwischen Glauben und Unglauben jetzt ausgehalten werden? Oder sollen wir danach streben, dieses Dilemma aufzulösen und immer gläubiger zu werden?

Hilft es uns, wenn wir mal in den Zusammenhang schauen? Wo dieser kleine Satz eigentlich herkommt? Es ist eine bewegende Geschichte, finde ich. Sie steht im neunten Kapitel des Markus-Evangeliums. Jesus war gerade mit Petrus, Johannes und Jakobus auf dem Berg der Verklärung gewesen. Jesus war da kurz in himmlisches Licht getaucht und Gottes Stimme war aus dem Himmel gekommen.

Jesus kam mit den drei Jüngern zu den anderen zurück. Er fand eine große Volksmenge um sie versammelt. Darunter waren auch einige Schriftgelehrte, die mit den Jüngern stritten. Die Volksmenge sah ihn sofort und wurde ganz aufgeregt. Die Leute liefen zu ihm hin und begrüßten ihn. Und er fragte sie: »Worüber hattet ihr Streit mit meinen Jüngern?« Ein Mann aus der Volksmenge antwortete: »Lehrer, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht. Er ist von einem bösen Geist besessen, der ihn stumm gemacht hat. Wenn der Geist ihn packt, wirft er ihn zu Boden. Er bekommt Schaum vor den Mund, knirscht mit den Zähnen und sein ganzer Körper verkrampft sich. Ich habe deine Jünger gebeten, dass sie den Geist austreiben – aber sie konnten es nicht.«

Da antwortete er ihnen: »Was seid ihr nur für eine ungläubige Generation? Wie lange soll ich noch bei euch bleiben? Wie lange soll ich euch noch ertragen? Bringt ihn zu mir!« Und sie brachten den Jungen zu Jesus. Sobald der Geist Jesus sah, schüttelte er den Jungen durch heftige Krämpfe. Er fiel zu Boden, wälzte sich hin und her und bekam Schaum vor den Mund. Da fragte Jesus den Vater: »Wie lange hat er das schon?« Er antwortete: »Von klein auf. Der böse Geist hat ihn auch schon oft ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Wenn du kannst, dann hilf uns! Hab doch Erbarmen mit uns!« Jesus sagte: »Was heißt hier: ›Wenn du kannst‹? Wer glaubt, kann alles.« Da schrie der Vater des Jungen auf: »Ich glaube, hilf meinem Unglauben.«

Immer mehr Menschen kamen zu der Volksmenge. Als Jesus das sah, gebot er dem unreinen Geist: »Du stummer und tauber Geist, ich befehle dir: Verlasse den Jungen und kehre nie wieder in ihn zurück!« Da schrie der Geist auf und schüttelte den Jungen durch Krämpfe hin und her. Dann verließ er ihn. Der Junge lag da wie tot. Schon sagten viele: »Er ist tot.« Aber Jesus nahm seine Hand und zog den Jungen hoch. Da stand er auf.

Dann gingen Jesus und seine Jünger nach Hause. Als sie allein waren, fragten die Jünger ihn: »Warum konnten wir den bösen Geist nicht austreiben?« Er antwortete ihnen: »Solche bösen Geister können nur durch das Gebet ausgetrieben werden.«

Eine Heilungsgeschichte also. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“, das hat also nicht ein Gelehrter gesagt, der über der Trinität brütet, oder eine Wissenschaftlerin, die vergeblich versucht, einen Zugang zur Schöpfungsgeschichte zu bekommen. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Sondern das hat ein Mensch in existentieller Not gesagt, gerufen, geflüstert, wie auch immer wir uns das vorstellen. Ein Mensch, der einen letzten Strohhalm in der Hand hält – und ihn ansieht und fragt: „Und der soll helfen?“ Ein Mensch, den nicht nur der Zweifel gepackt hat, sondern auch die Angst.

Und da sind die Jünger, die Nachfolger Jesu. Sie waren bei ihm in der Lehre und haben es doch nicht geschafft, den Kleinen zu heilen. Und sie verstehen nicht, warum nicht.

Und da ist die Volksmenge. Die haben Erwartungen. Als es nicht klappt, gibt’s Ärger. „Wie könnt Ihr diesem armen Vater erst so Hoffnung machen, und es dann nicht hinkriegen?“ Die Jünger stehen mit dem Rücken zur Wand. Hätten sie sich doch bloß nicht so vorgewagt. Ist immer riskant, oder?

Und dann ist da Jesus. Wessen Unglauben klagt er da an? Den der Jünger, der Menge, des Vaters? Oder den von allen zusammen?

Und dann dieses Ende. „Als sie allein waren, fragten die Jünger ihn: ‚Warum konnten wir den bösen Geist nicht austreiben?‘ Er antwortete ihnen: ‚Solche bösen Geister können nur durch das Gebet ausgetrieben werden.‘“ Ja, und? Hatten sie das nicht, gebetet? Kannst du da mal noch mehr zu sagen, Jesus? Wieso bricht das hier ab, Markus?

Ganz schön turbulent, das Ganze, aufgewühlt: überforderte Jünger, wütende Menge, gestresster Vater, genervter Jesus. Und im Auge des Sturms in aller Ruhe der Dämon, die Krankheit, und kann einfach weitermachen wie bisher, während die anderen mit sich selbst beschäftigt sind.

Und so eine Geschichte soll uns jetzt helfen, gut durch dieses Jahr zu kommen? Oder soll es heißen: Wie auch immer, dieses Jahr wird so gut ausgehen wie diese Geschichte? Was wir nicht hinkriegen, wird Jesus richten? Wird diese von Krämpfen geschüttelte und Schaum spuckende Welt am 31.12. geheilt dastehen? Und da braucht man sich auch gar nicht erst so herauszuwagen wie die Jünger hier?

An das Ende dieser Geschichte lasst uns auf jeden Fall immer denken. Der Junge steht wieder da, willkommen zurück im Leben! Die Krankheit ist geheilt, die Gemeinschaft wieder hergestellt. Das ist das, wozu Jesus gekommen ist. Das ist das, was die Gemeinde verkündigen soll.

Deswegen können wir uns heute am Anfang des Jahres fragen:

Wir als Gemeinde miteinander: Auch in diesem Jahr werden wieder manche von uns vor größeren Herausforderungen stehen als andere, wenn es darum geht, an diesen guten Gott und Jesus Christus zu glauben. Was werden sie dann unter uns erleben? Wie werden sie den Rest der Gemeinde erleben? Als Ort, an dem heil wird, was Heilung braucht? Inneres, äußeres? Glauben gestärkt wird?

Wir in unserer Welt: Auch in diesem Jahr werden wir in einer Gesellschaft leben, in der es nicht immer gleich leichtfallen wird, an das gute Ende zu glauben, das Gott allem und allen schenken will. Wie wird die Gesellschaft uns da erleben? Als Hoffnungszeichen, als Glaubenszeichen? Wird sie uns überhaupt erleben?

Wir als Gemeinde im Umbruch: In diesem Jahr werden wir als Gemeinde vor Veränderungen stehen. Langjährige, treue Mitarbeiter werden sich neuen Herausforderungen stellen und sei es der, einmal nichts zu tun. Wie werden wir als Gemeinde diese Wechsel durchleben? Wird die Kraft reichen? Wird das Geld reichen? Wohin schauen wir wie? Dankbar nach hinten und neugierig nach vorne? In Sorge um uns oder verschwenderisch aus der Fülle Christi?

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Drei Herausforderungen wären das also mal: Wie wir miteinander umgehen, wie wir in dieser Welt da sind, wie zuversichtlich wir nach vorne leben. Was heißt es da mit dieser Jahreslosung zu leben?

Drei Fragen möchte ich uns dazu stellen – heute und immer wieder mal in diesem Jahr. Erstens: „Ich glaube“ – ja, was denn? Was glaubst du, was glauben wir eigentlich? Zweitens: Unser Unglaube, wo kommt der eigentlich her? Ist das Zweifel? Oder Angst? Und drittens: Wenn Jesus sagt, dass alles am Beten hängt, wie sieht es mit dem Beten aus bei dir und bei uns?

Heute erst mal nur ein paar weitere Gedanken dazu. Wenn einer davon bei Euch hängenbleibt, dann nehmt ihn doch mit ins Abendmahl gleich.

„Ich glaube“ also – aber was? Dass Jesus heilen kann? Dass das Reich Gottes nahe ist, ja, schon mitten unter uns? Dass Jesus auferstanden ist? Dass er die Fülle für mich hat und Worte des ewigen Lebens? Dass Christus unser Friede ist? Dass die Gemeinde sein Leib in dieser Welt ist? So was alles? Das glaubst du? Das glauben wir? Und was folgt daraus? Merkt man das irgendwie?

Naja, ich glaube das – irgendwie jedenfalls. Und manches irgendwie auch nicht. Und warum nicht? Zwei Möglichkeiten: Wenn es um die Wahrheit geht, dann glaubt man nicht, weil man zweifelt. Wenn es ums Leben geht, dann glaubt man nicht, weil man Angst hat. Ich kann darauf vertrauen, dass das Bungee-Seil TÜV-geprüft ist. Wenn ich dann doch nicht springe, dann nicht, weil ich am TÜV zweifle, sondern weil ich Angst davor habe.

Was heißt glauben? Glauben heißt vertrauen. Was ist dann Unglaube? Unglaube ist dann Misstrauen. „Dem vertraue ich mich lieber nicht an.“ Misstrauen wir Jesus vielleicht öfter als uns bewusst ist? Als einzelne, ich und du? Als Gemeinde? Und dann?

Dann spätestens wäre es an der Zeit zu beten. Am besten auch schon vorher. Dann aber spätestens. „Hilf unserem Unglauben!“ Machen wir uns ehrlich: Wenn wir zusammenkommen als Gemeinde, in den Gruppen und Kreisen, dann spielt das Gebet zumeist keine sehr große Rolle. Für Wille und Kraft und Freude im Glauben brauchen wir aber das Gebet, müssen wir die Beziehung zu unserem Gott erleben. Und je herausfordernder die Zeiten werden, umso mehr. Wir brauchen Zeiten, in denen wir gemeinsam vor Gott sind und uns von ihm prägen lassen. Wenn wir denn Zeichen der Hoffnung sein wollen.

Drei Fragen also: Woran also glaube ich, jetzt mal wirklich? Und woran merkt man das? Wie stärken wir das Vertrauen in Christus? Und wie können wir das Gebet erleben, gerade auch gemeinsam erleben als Zeit, in der uns von Gott her zufließt, was wir für unseren Glauben brauchen? Genug Fragen für 2020. Und darüber hinaus.

Fragen, die vor allem eines sollen: uns zu Christus führen. An den Punkt vielleicht auch, an dem wir ihm sagen: „Herr, wir glauben, hilf unserem Unglauben!“ Und dann mal sehen, was er tut. An uns. Mit uns. Amen.