„Ich singe dir mit Herz und Mund“ – und zur Not auch erst einmal nur mit dem Mund

Liebe Gemeinde,

mit Herz und Mund singen. Ja, gerne, wenn wir denn dürften! Wenn man uns denn ließe!

In Corona-Zeiten singen wir vor allem mit dem Herzen, denn mit Mund singen dürfen wir noch nicht wieder wie vorher. Aber keine Sorge, der Herr, der ins Herz sieht, wird es trotzdem hören. Und wie sagte Dietrich Bonhoeffer einmal: Je inniger mein Gebet wurde, desto schweigsamer wurde es. So wie die Stille nach einem Konzert manchmal von größerer Ergriffenheit zeugt, als wenn alle gleich zu applaudieren anfangen.

Aber trotzdem: Was in mir ist, das will dann irgendwann auch hinaus. Ja, manchmal muss es das regelrecht! Mit Herz und Mund singen. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. „Wir können nicht schweigen von dem, was wir gesehen und gehört haben“, antworten Petrus und Johannes dem Richter (Apostelgeschichte 4,20). Deswegen fällt es vielen, auch von uns, so schwer, einen Gottesdienst ohne Singen zu feiern.

Mit Herz und Mund singen. Vielleicht ist diese erzwungene Singepause aber auch eine Chance. Eine Gelegenheit nämlich zu überprüfen: Wie sehr ist mein Herz eigentlich dabei, wenn ich singe? „Verstehst du auch, was du da liest?“, fragt Philippus den Finanzminister, während sie auf dem Zweispänner durch die Wüste juckeln (nach Apostelgeschichte 8,10)? Wir könnten uns fragen: Meine ich auch, was ich da singe? Stimme ich überein mit dem, was ich da singe?

Oder wenigstens mit dem meisten? Und gibt es eine Grenze für mich? Ich weiß zum Beispiel, dass manche von uns ungerne mitsingen, wenn es zu blutig wird. Wenn zu sehr davon die Rede ist, dass das Blut Jesu uns gerettet habe, Jesus gar die Strafe auf sich nahm, die uns wegen unserer Sünde sonst getroffen hätte. Und auch ich habe da inzwischen meine theologischen Fragen. Manchmal lassen wir diese Strophen ja auch einfach weg.

So eine Singepause, vielleicht ist die eine Chance zu fragen: Welche Lieder passen nicht mehr zu dem, was in meinem Herzen an Glauben ist, und deswegen kommen sie mir auch nur noch schwer über die Lippen? Bis zu welcher Grenze kann ich dann noch mitsingen mit den anderen? Habe ich meine persönliche Liste zu Recht vergessener Werke?

Mit Herz und Mund singen – die Erinnerung daran, dass mein Singen Ausdruck meines Glaubens sein soll. Und manchmal kann es eben heißen: bevor ich etwas nicht meine, bevor ich vielleicht sogar etwas heuchle, singe ich lieber gar nicht. Selbst wenn ich es wieder dürfte.

Das ist also das Eine: Dass ich etwas ungesungen nicht mehr sagen könnte, und es deswegen auch nicht mehr mit Melodie sagen will, es also nicht mehr singen will.

Aber jetzt bürsten wir das Ganze noch einmal anders herum. Was, wenn aus dieser Freiheit, nicht mehr singen zu müssen, was ich nicht mehr singen will, was wenn aus dieser Freiheit die Forderung wird, nicht zu singen, womit ich gerade meine Mühe habe. „Das glaubst du doch gerade gar nicht, was singst du es dann, du Heuchler!?“

Mit Herz und Mund singen – und wenn das Herz nicht dabei ist, dann halte auch den Mund!

Wir nennen das: authentisch sein. Mit sich selbst in Übereinstimmung sein. Ein hoher Wert. Aber: Bin ich denn immer nur eines? Ist denn manchmal auch das eine in mir und zugleich die Sehnsucht nach dem, was gerade nicht in mir ist?

Und außerdem: Wenn wir so denken, über uns oder über andere, dann wird daraus leicht der Druck, jedes Wort aus Bibel und Tradition sozusagen mit meinem  eigenen Leben beglaubigen können zu müssen, bevor ich es ausspreche oder singe. Als stünde und fiele der Glauben mit meiner inneren Überzeugung. Was für eine Bürde, die da auf mir lastet!

Denn was ist, wenn mein Herz gerade schwer ist? Was ist denn, wenn ich gerade nicht hinausschmettern könnte, selbst wenn ich es wieder dürfte, „du bist der Brunn der Gnad, daraus uns allen früh und spat viel Heil und Gutes fließt“? Was, wenn ich gerade nicht den Eindruck habe, „du hältst die Wach an unsrer Tür und lässt uns sicher ruhn“? Was, wenn ich gerade so meine Zweifel habe, dass „er hat noch niemals was versehn in seinem Regiment, nein, was er tut und lässt geschehn, das nimmt ein gutes End“?

Was, wenn ich davon gerade nicht überzeugt bin? Muss ich dann schweigen? Darf ich dann zumindest dieses Lied nicht mitsingen? Weil ich sonst nicht mehr authentisch wäre? Weil ich sonst heucheln würde?

Und dadurch am Ende vielleicht sogar den ganzen Glauben unglaubwürdig machen würde, ich unglaubwürdiger Zeuge? Dürfte ich es dann nicht mitsingen – obwohl ich doch vielleicht eine große Sehnsucht danach habe, es wieder aus ganzem Herzen singen zu können?

Ich würde sagen: Nein, sing nicht mit, wenn du für Unsinn hältst, was da steht. Aber: Ja, sing es ruhig weiter mit, sobald du auch nur die Sehnsucht danach hast, es auch zu wieder zu meinen und fühlen, was du da singst! Sing es vielleicht sogar gerade dann!

Befreie dich von dem Gedanken, der Glaube oder auch dein Glaube hinge an deinem Gefühl oder deiner Überzeugung! Höre die gute Nachricht aus dem Wochenspruch: der Glaube hat ein „unvergängliches Wesen“. Er hängt nicht an der Kraft deiner Überzeugung oder daran, ob du Glaubensstarkes zu erzählen hast.

Das kann man als Kränkung empfinden. „Wie, es kommt nicht auf mich an?“ Oder eben als Erleichterung. „Puh, wie gut, ob ich gerade überzeugt bin oder nicht, davon steht und fällt der Glaube nicht. Vielleicht sogar mein eigener nicht.“

Als Erleichterung kann ich das dann erleben, wenn ich mir wünsche, dass da etwas außerhalb meiner Gedanken und Gefühle ist, an das ich mich halten kann, etwas, das stärker ist als meine Überzeugtheit. So wie es im Segen heißt: „Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus“ (Philipper 4,7).

Wer das zu seiner Bitte macht, worum der Psalmbeter bittet: „Ja, Herr, halte mich bei dir, wenn ich mich nicht bei dir halten kann“ (Psalm 73,23), der darf gerne dieses Lied weiter singen, auch wenn ihm nicht danach zumute ist.

Und der darf hoffen, dass der Mund dem Herzen wieder auf die Sprünge hilft.

Und dieser Choral hier, um den es gerade geht, „Ich lobe dich mit Herz und Mund“, der hat ja die Größe, auch das anzudeuten, was dem Singen und Loben im Wege steht. Und in diesem Fall kann ich ja diese Strophen besonders laut mitsingen. Beziehungsweise besonders stark mitbeten.

Diejenigen Strophen sind das, die nicht davon singen, wie wunderbar alles im Leben gelingt, sondern die dazu einladen, die Gemeinschaft mit Christus als das wichtigste im Leben anzusehen: „Du füllst des Lebens Mangel aus“, den es zweifellos gibt, den Mangel, aber „du füllst ihn aus mit dem, was ewig steht.“ „Wohlauf, mein Herz“, siehst du, da gibt es ein Herz wie deines manchmal, das diese Aufforderung braucht, „wohlauf, mein Herz, sing und spring und habe guten Mut! Dein Gott, der Ursprung aller Ding, ist selbst dein Teil und Gut!“ Und dieses Teil und Gut soll nicht von dir genommen werden (Lukas 10,42).

So sagt dieser Choral: Schön und besingenswert ist es, wenn uns die wesentlichen Dinge dieser Welt geschenkt sind: Schutz vor Kälte, Frost und Wind, Tau und Regen für das Wachstum auf Feld und Wiese. Noch schöner und besingenswerter aber ist es, dass uns Christus geschenkt ist, an unserer Seite, in uns. Aber damit sind wir schon fast beim nächsten Sonntag, Erntedank.

Für heute halten wir heute fest: Diesen Choral können wir immer singen. Aus vollem Herzen oder aus leerem, als fröhliches Bekenntnis oder als Ausdruck unserer Sehnsucht. Der Herr ist nahe und wird uns hören.

Amen.