In der Krise sich für die Zukunft entscheiden

Liebe Gemeinde,

es fühlt sich nicht schön an, das Leben in Zeiten von Corona. Und meine Botschaft heute lautet: Glaubt nicht, es geht bald vorbei. Glaubt aber auch nicht, es geht nie vorbei. Glaubt stattdessen Gott, der euch sagt: Ich habe eine gute Zukunft für euch!

Was immer ihr jetzt fühlt angesichts dieser Botschaft – das fühlten auch die Israeliten in der Verbannung. Die Perser hatten sie gefangen genommen und nach Babylonien verschleppt. Und jetzt bekommen sie einen Brief aus der Heimat, der ihnen genau das schreibt:

Glaubt nicht, es geht bald vorbei. Glaubt aber auch nicht, es geht nie vorbei. Glaubt stattdessen Gott, der euch sagt: Ich habe eine gute Zukunft für euch!

Ich lese aus Jeremia 29:

Der Prophet Jeremia schickte einen Brief von Jerusalem nach Babylonien an die Ältesten der Gemeinde, die noch übrig geblieben waren, und an die Priester, die Propheten und alle anderen, die Nebukadnezzar dorthin verschleppt hatte.

Der Gott Israels, der Herrscher der Welt, sagt zu allen, die er aus Jerusalem nach Babylonien wegführen ließ: »Baut euch Häuser und richtet euch darin ein! Legt euch Gärten an, denn ihr werdet noch lange genug dort bleiben, um zu essen, was darin wächst! Heiratet und zeugt Kinder! Verheiratet eure Söhne und Töchter, damit auch sie Kinder bekommen! Eure Zahl soll zunehmen und nicht abnehmen. Seid um das Wohl der Städte besorgt, in die ich euch verbannt habe, und betet für sie! Denn wenn es ihnen gut geht, dann geht es auch euch gut.

Ich sage euch: Die Zeit des Babylonischen Reiches ist noch nicht abgelaufen. Es besteht noch siebzig Jahre. Erst wenn die vorüber sind, werde ich euch helfen. Dann werde ich mein Versprechen erfüllen und euch heimführen; denn mein Plan mit euch steht fest: Ich will euer Glück und nicht euer Unglück. Ich habe im Sinn, euch Zukunft und Hoffnung zu schenken. Das sage ich, der Herr.

Ihr werdet kommen und zu mir beten, ihr werdet rufen und ich werde euch erhören. Ihr werdet mich suchen und werdet mich finden. Denn wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, werde ich mich von euch finden lassen. Das sage ich, der Herr. Ich werde alles wieder zum Guten wenden und euch sammeln aus allen Völkern und Ländern, wohin ich euch versprengt habe; ich bringe euch an den Ort zurück, von dem ich euch weggeführt habe. Das sage ich, der Herr.«

Neulich twitterte jemand: Komisch, wenn man das eigene Wort nicht mehr versteht. Und er zeigte dazu ein Bild: von seinem Buch, das nun ins Ungarische übersetzt wurde. Er sah es an und fragte sich: Das soll mein Buch sein? Ich versteh da gar nichts mehr.

Manche fragen sich jetzt: Das soll mein Leben sein? Ich verstehe gar nichts mehr. Was eben noch mein Leben war, scheint vorbei, zumindest mal erhebliche Teile davon. So mag es auch vielen Franzosen gehen, die neben dem Lockdown nun auch den Terrorismus wieder fürchten müssen. Das ist doch nicht mehr das Leben, das ich kannte.

Wieviel mehr musste es den Israeliten gegangen sein. Die siegreichen Perser haben einen großen Teil von ihnen nach Babylon entführt. Da lebten sie nun definitiv nicht mehr in dem Leben, das sie kannten.

Und was sollten sie jetzt machen, in dieser Situation? Da bekommen sie diesen Brief, quasi eine Anleitung zum Leben in der Verbannung. Aber mit überraschendem Inhalt.

Ok, am Ende soll alles wieder gut werden. Aber das Ende ist noch weit. Und was Gott ihnen hier durch Jeremia ausrichten lässt – es würde mich wundern, wenn sie das alle als sehr hilfreich empfunden haben. Jeremia richtet aus von Gott: Glaubt nicht, es geht bald vorbei. Glaubt aber auch nicht, es geht nie vorbei. Glaubt stattdessen Gott, der euch sagt: Ich habe eine gute Zukunft für euch!

Unbequem. Schwierig, sich drauf einzulassen. Dann aber müssen sie genau das getan haben, denn am Ende wurden diese 70 Jahre in der Verbannung die vielleicht innovativsten Jahre Israels. Hier haben sie sich zukunftsfähig gemacht für die 2500 Jahre, die bisher darauf gefolgt sind. Sie wurden dort krisensicher. Ohne Staat, ohne Tempel, weitestgehend ohne Selbstbestimmung. Worauf baut man Glauben und Leben, wenn einem das genommen ist, worauf man bisher sein Leben und seinen Glauben begründet hat?

(Ihr hört hier schon die ganze Zeit unsere Situation heute mit, oder? Nach sieben Monaten Corona, und nach zwischenzeitlicher Erleichterung wird es jetzt wieder eine Zeitlang schwieriger. Wie leben wir zuversichtlich und zukunftsorientiert weiter?)

Jedenfalls: die Israeliten im persischen Exil, sie waren innovativ. Zwei Beispiele:

  • Sie haben dort die Urgeschichte geschrieben, also 1. Mose 1-11. Und sie haben darin gesagt: Persien hat Israel besiegt. Aber anders als man bisher in der Welt dachte, haben damit nicht zugleich die persischen Götter unseren Gott besiegt. Unser Gott ist Schöpfer der Welt und bleibt trotz allem Herr der Geschichte. Aber auf andere Weise als bisher gedacht. Auf eine oft noch verborgene Weise. Der Glaube wurde quasi virtuell und deswegen zur Kraft trotz allem Äußeren.
  • Sie haben die Synagoge erfunden. Auf jeden Fall die Idee, dass man nicht den Tempel braucht, um zu Gott zu kommen. Wer Gott sucht, von dem wird er sich finden lassen, egal wo. Stein und Prunk braucht es dafür nicht, es reicht, dass zwei oder drei ihre Herzen öffnen. Der Glaube wurde mobil.

So zog der Glaube in das Herz ein und wurde zur um so stärkeren Kraft.

Und ich sage es mal in ganz weltlichen Worten: Religionsgeschichtlich war das ein gewaltiger Sprung. So wurde das Judentum krisenfest und zukunftssicher. Weil es diese Krise genutzt hat und nach Wegen in die Zukunft gesucht hat. In eine Zukunft, von der sie ahnten: Es wird sie geben für uns, aber sie wird anders aussehen als die Vergangenheit. Wie glauben wir da und wie leben wir unseren Glauben?

Der Gott Israels in der Verbannung lädt uns ein, nicht nur zu hoffen, dass es endlich wieder so weiter geht wie vor der Krise. Sondern darauf zu vertrauen, dass er schon in der Krise „Neues schafft“ (Jesaja 43,19 – auch so ein Wort an Israel in der Verbannung).

Also: Glaubt nicht, es geht bald vorbei. Glaubt aber auch nicht, es geht nie vorbei. Glaubt stattdessen Gott: Er hat eine gute Zukunft für uns!

Vielleicht sagt Ihr ja aber: „Zukunft? Innovation? Meine Kraft reicht gerade so zum Durchhalten, aber nicht, um jetzt auch noch eine neue Zukunft zu erfinden!“ Ja, so geht’s mir manchmal auch. Der Alltag im Corona-Exil zehrt an den Nerven, ganz unmerklich vielleicht manchmal. Immer ist da so ein Sirren, wie wenn man unter einer Hochspannungsleitung leben würde.

Wenn wir uns so fühlen, klingt die Botschaft Jeremias für uns fast schon empörend überfordernd.

Vielleicht wäre dann der erste Schritt: Gott das sagen. Mit ihm ins Gespräch kommen darüber. Es heißt ja hier auch: „Wenn ihr mich sucht, werde ich mich finden lassen.“ Das heißt, nicht zu sagen: „Gott, lass uns nach der Krise weiterreden.“ Sondern: „Wenn es dein Wunsch ist, dann hilf mir, jetzt nicht nur irgendwie durchkommen zu wollen, sondern eine neue Zukunft zu ergreifen.“

Dass die Welt, in die sie zurückkehren würden, in mancher Hinsicht anders aussehen würde als die, die sie verlassen hatten, das ahnten die Israeliten. Was sie aber nicht nur ahnten, sondern wussten: Gott wird auch dann bei uns sein.

Die einzige Frage war dann: In dieser neuen Zukunft, wie wollen wir da leben, als Menschen Gottes, als Gemeinde Gottes? Und mitten in der Krise fingen sie schon an, diese neue Zukunft zu gestalten.

Das ist das, was ich uns wünsche. Uns persönlich. Und auch uns als Gemeinde. Dass wir mitten in der Krise voller Hoffnung auf Gott sagen: Jetzt fange ich an, jetzt fangen wir an, die neue Zukunft zu gestalten. Amen.