Josef und wir: geplant, verschoben, verworfen, gelebt, was ging

Liebe Gemeinde,

unser Gottesdienst zwischen Christfest und Silvester verbindet Weihnachten mit dem Jahreswechsel. Ein Augenblick, wie ihn die Theorie der Schwarzen Löcher beschreibt [darüber hörten wir im Hinführenden] und wie wir ihn in diesem Jahr öfter erlebt haben: an den Rändern steht die Zeit still, aber in der Mitte wartet die Zukunft. Die Zeit steht still, alles schließt, nichts geht mehr, Silvester eine Hängepartie, wird das nächste Jahr kommen? Und ja, die Zukunft, irgendwo wird sie wohl sein.

Zwischen Weihnachten und Silvester: Wenn wir darüber nachdenken, wollen wir zwei Dinge miteinander verbinden. Zum einen: die Jahreslosung für dieses merkwürdige 2020. Es ist der Hilferuf eines, der der Verzweiflung nahe scheint:

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ (Markus 9,24).

Er bittet Jesus um eine konkrete Hilfe und muss sofort auch noch bitten um die Hilfe zum Vertrauen. Unser Vertrauen in den guten Lauf der Dinge wurde in diesem Jahr arg strapaziert. Für manche auf eine sehr persönliche Weise, für uns alle wegen Corona. Neue Wege wollten gegangen sein. Und manchmal mussten sie erst noch gefunden – und dann geglaubt werden.

Die Figur aus der Weihnachtsgeschichte, die dazu passt, und das ist das zweite, diese Figur ist Josef. Alles lief anders, als er es geplant hatte. Hören wir aus dem Matthäusevangelium, aus den ersten beiden Kapiteln:

Zur Geburt von Jesus Christus kam es so: Seine Mutter Maria war mit Josef verlobt. Sie hatten noch nicht miteinander geschlafen. Da stellte sich heraus, dass Maria schwanger war – aus dem Heiligen Geist. Ihr Mann Josef hielt Gottes Gebote, aber er wollte Maria nicht bloßstellen. Ohne Aufsehen zu erregen, wollte er sich von ihr trennen. Dazu war er entschlossen.

Aber sieh doch: Ein Engel des Herrn erschien ihm im Traum und sagte: »Josef, du Sohn Davids, habe keine Bedenken, deine Frau Maria zu dir zu nehmen! Denn das Kind, das sie erwartet, ist aus dem Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn zur Welt bringen. Du sollst ihm den Namen Jesus geben. Denn er wird sein Volk retten: Er befreit es von aller Schuld.« Josef wachte auf. Er tat das, was ihm der Engel des Herrn befohlen hatte: Er nahm seine Frau zu sich. Er schlief nicht mit Maria, bis sie ihren Sohn zur Welt brachte. Und er gab ihm den Namen Jesus. […]

Die Sterndeuter waren gegangen. Und sieh doch: Ein Engel des Herrn erschien Josef im Traum und sagte: »Steh auf! Nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten! Bleibe dort, bis ich es dir sage! Denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.« Josef stand mitten in der Nacht auf, nahm das Kind und seine Mutter und zog mit ihnen nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod von Herodes.

Einen Engel, der uns alles erklärt und der uns durch alles hindurchführt, den hätten wir oft gut gebrauchen können in diesem Jahr. Wobei – vielleicht hatten wir ja einen? Ich meine, immerhin sind wir noch da. Ging es uns also so wie Josef? Gerettet vor dem inneren Aufgeben und vor dem äußeren Untergang?

Josef und wir. Geplant, verschoben, verworfen und dann gelebt, was ging. Immer wieder kam es in diesem Jahr zu diesem Viersprung. Was wären Eure Beispiele dafür?

Und nach jeder Enttäuschung die Herausforderung, zu neuem Vertrauen zu finden. Ins Leben. In die Politik. In Gott? „Ich glaube, ja, schon noch, wobei, noch so richtig? Hilf meinem Unglauben!“

Josef, so etwas wie ein Patron für das Corona-Jahr. Alles lief anders.

Verlobt war er mit Maria. Eine wichtige Frage war damit geklärt, die Zukunft hatte Gestalt angenommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre Gestalt. Und die Gestalt der Kinder, die sie ihm gebären würde. Die Zukunft stand ihm vor Augen: Zimmermann und Familienvater, der Älteste als Nachfolger, Maria im Haushalt, freitagsabends gemeinsam den Shabbat beginnen in harmonischer Runde.

Aber dann: geplant, verschoben (der erste Sex, bis das Kind geboren ist), verworfen (die Idee vom Ältesten als Nachfolger) und dann halt gelebt, was ging, so gut es ging.

Mit Gottes Hilfe. Der schickte einen Engel. Das, was Gott mit der Welt im Sinn hatte, durfte nicht gefährdet werden. Josef musste davor bewahrt werden, innerlich aufzugeben, sich innerlich und dann äußerlich aus der Geschichte zu verabschieden. Zu sagen: „Ich glaube, aber alles hat seine Grenze!“

Geplant, verschoben, verworfen und erst mal gelebt, was ging: auch bei der Flucht nach Ägypten. Nach all den Turbulenzen war das Kind nun da. Jetzt hätte eben alles doch noch losgehen können, das ganz normale Leben. Wenigstens solange sich in diesem Kind nichts von seiner außergewöhnlichen Herkunft zeigt. Einfach erst mal losleben, ja, auch ein bisschen die Augen verschließen und hoffen, dass es vielleicht doch nicht so besonders wird.

Auch das kennen wir aus diesem Jahr. Vor allem aus dem Sommer. Der Wunsch der Kinder: man macht die Augen zu und weg ist, was einen bedroht. Dass das mit Corona so nicht geht, haben wir dann gelernt.

Dass das mit Herodes so nicht gehen würde, hat Josef von dem Engel gelernt, in der Nacht, als er schon dabei war, im Geiste die nächsten Tage zu planen, das Wochenbett für Maria richten, Jesus anmelden, so Sachen. Geplant, verschoben, jetzt erst einmal nach Ägypten, das Beste draus machen.

Josef, gerettet vor dem inneren Aufgeben und vor dem äußeren Untergang. Wie wir am Ende dieses Jahres. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Man kann sich Josef eigentlich nicht anders vorstellen als um Glauben ringend in diesen massiven Krisen. Auch da wäre er dann wie wir in diesem Jahr.

Aber dann war er durch alles durch und zurück in Nazareth, und das Kind wuchs auf und wurde zum Immanuel, zum Gott-mit-uns und zum Retter der Welt. Gut, nicht zum Nachfolger. Aber das wäre jetzt vielleicht auch zu banal gewesen, nach all dem.

Wir, wir sind noch nicht durch. Sondern gerade erst mittendrin. Was aber wird wohl werden? Futur 2, Zeitform der Hoffnung: Wir werden überwunden haben. Und ob es sich dann auch für uns zu banal anfühlt, wenn es einfach so weiterginge wie zuvor? Nach diesen Erfahrungen? Politik, Gesellschaft, Wirtschaft – wird man danach nur fragen „Wo waren wir stehengeblieben?“

Weiß man nicht. Aber du und ich, wäre es nicht lohnend, noch einmal innezuhalten und zu fragen: Was ist in mir geschehen in diesen Monaten und wer ist mir Gott geworden in dieser Zeit? Hatte ich Josef-Momente, in denen ich bewahrt wurde vor dem inneren Aufgeben und dem äußeren Untergang? Auf dass, wie bei ihm, sich auch von mir aus das Heil Gottes ausbreite in dieser Welt, wenigstens in meine kleine Welt hinein?

Manchmal glaube ich’s, manchmal nicht. Schick einen Engel, Herr, und hilf meinem Unglauben, stärke meinen Glauben, mein Vertrauen in deine Weisheit und Kraft! Hilf mir meinen Weg gehen wie Josef. Amen.