Kantate – neuer Start, alte Leier? Bitte nicht!

Liebe Gemeinde,

da kommen wir das erste Mal wieder zusammen und es ist Sonntag Kantate! Der Singe-Sonntag! Wie passend! Nach dem großen Hallo vor dem Gottesdienst jetzt gemeinsam singen, überschwänglich, laut, fröhlich! Endlich wieder zusammen! Endlich wieder gemeinsam vor Gott!

Allein: Ja, endlich wieder zusammen, endlich wieder gemeinsam vor Gott. Aber eben nur ein Teil von uns. Und das große Hallo vor dem Gottesdienst fiel aus. Und singen können wir zwar, aber nur fröhlich, nicht laut und überschwänglich. Hygienebestimmungen.

So merken wir: vieles ist besser, aber noch nicht alles ist gut. Wie so oft. Aber deswegen sich nicht freuen? Unserem Psalmdichter ging es ja auch nicht anders. Ja, Gott hat geholfen, was für eine Erfahrung! Zeit für ein neues Lied!

Aber mögen das dann auch Lieder sein, die uns dann auch weitertragen durch die Zeiten, in denen manches eben noch nicht fertig ist. Frieden für alle, zum Beispiel, und Gerechtigkeit für die, die niemand beachtet; Liebe zu Gott – oder wenigstens ein Impfstoff gegen Corona.

Vieles ist besser, aber noch nicht alles ist gut. Neue Zeiten sind trotzdem. Corona-Zeiten. Und jetzt die Ahnung von Nach-Corona-Zeiten. „Singt dem Herrn ein neues Lied!“ Neue Zeiten, neue Erfahrungen schaffen neue Lieder. Da will man zur Leier greifen, aber nicht um wieder nur die alte Leier zu singen, immer nur das alte Lied. So war es jedenfalls bisher immer.

Zeiten, Erfahrungen und ihre Lieder: Kennt Ihr noch die „Neue Deutsche Welle“, Anfang der 80er des letzten Jahrhunderts? Ich denke heute, diese überdrehten, manchmal albernen Lieder waren auch Ausdruck eines Lebensgefühls, vielleicht so etwas wie ein Tanz auf dem Vulkan des Wettrüstens damals. Oder die Protestsongs der 60er. Die Italien-Schlager der 50er. Dem Herrn Adolf wurden auch neue Lieder gesungen, bevor der Katzenjammer einsetzte. Und Martin Luther nahm sich die Melodien von bekannten Liedern und dichtete sie um für seinen Herrn.

Den hatte er neu entdeckt. Seinen Herrn. Da brauchte es nun auch neue Lieder! Singt dem Herrn ein neues Lied? Singt dem neuen Herrn ein neues Lied!

Warum bloß haben alle ihre Lieder? Und jede neue Zeit und jede neue Bewegung wieder neue Lieder? Vielleicht weil Singen die Menschen, die sich neu durch etwas verbunden fühlen, verbindet? Oder weil Singen den neuen Inhalt mit Gefühlen verbindet und das denen, die singen, hilft, das Neue noch mehr zu verinnerlichen? Weil uns nur das erreicht und verändert, was es auch mit unseren Gefühlen zu tun bekommt?

„Singt dem Herrn ein neues Lied!“ Oder weil alte Lieder manchmal einfach langweilig werden? Wenn schon die Mode jetzt nicht mehr nur Sommer- und Winterkollektionen rausbringt, sondern jeden Monat eine neue? Ist halt so, ein Lied von vor 2010 ist schon antiquiert?

Aber: Langeweile – wir wollen sie nicht zu schnell abqualifizieren. Ja, es gibt sie, die atemlose Schnelllebigkeit derer, die nicht richtig bei sich sind und dann davon leben, ständig neue Eindrücke von außen bekommen zu müssen. Aber es gibt auch andere Arten von Langeweile.

Zum Beispiel, wenn die Dinge für uns nicht relevant sind. Ich werde vermutlich kein Fachbuch darüber lesen, wie man ein Flugzeug lenkt. Würde ich es doch tun, würde es mich mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell langweilen. Es hat für mein Leben einfach zu wenig Bedeutung.

Wann aber würde selbst eine solch abseitige Lektüre an Bedeutung für mich gewinnen? Natürlich wenn ich einen Pilotenschein machen würde. Oder wenigstens anfangen würde, davon zu träumen. Wenn das Fachbuch „Wie steuere ich ein Flugzeug“ also etwas mit meiner Erfahrung zu tun hätte.

Und da sind wir wieder am Anfang: „Singt dem Herrn ein neues Lied!“ Neue Zeiten, neue Erfahrungen schaffen neue Lieder. Da will man zur Leier greifen, aber nicht um wieder nur die alte Leier zu singen, immer nur das alte Lied.

Das ist auch dieser Tage wieder die Frage. Zur Corona-Zeit gehören ja so manche Erfahrungen. Unter anderem auch die: Wir haben frischere Luft geatmet, Vögel mehr gehört, und Delfine schwimmen wieder im Bosporus, weil da kaum noch Schiffe fahren.

Zusätzliche Fahrradstreifen brauchten nicht mehr jahrelange Planung, sondern wuchsen förmlich wie Pilze aus dem Boden. Und nun soll die Autoindustrie mit altbackenen Abwrackprämien gefördert werden und der Bund steigt bei Lufthansa ein – ohne, dass da mal ein neues Lied gesungen wird? Neuer Wein in alte Schläuche? Neues Geld in die alte Wirtschaft? Haben wir nicht gerade die Erfahrung gemacht, wie gut uns eine gesündere Schöpfung tut? Und jetzt kehren wir zurück zur alten Leier?

Und wir kommen aus einer Zeit und sind ja auch noch drin, in der uns Rücksicht aufeinander neu wichtig geworden ist. Haben wir das als schöne Erfahrung erlebt? Leben wir das jetzt weiter? Als wir zum Beispiel unseren Platz im Gottesdienst gebucht haben: wollten wir da vor allem einen ergattern oder haben wir auch darüber nachgedacht, noch einem zu helfen, der vermutlich nicht so schnell ist wie ich?

„Singt dem Herrn ein neues Lied!“ Neue Zeiten, neue Erfahrungen schaffen neue Lieder. Da will man zur Leier greifen, aber nicht um wieder nur die alte Leier zu singen, immer nur das alte Lied. Sondern ein neues Lied, ein Lied von meinen neuen Erfahrungen. Sei es wirklich neu oder auch neu entdeckt. Oder ein altes neu gesungen, jetzt erst bekommt es Bedeutung.

Auf jeden Fall: Ein Lied dafür, dass meine neuen Erfahrungen immer tiefer Wurzeln schlagen in mir. Dass sie so immer mehr prägen können, wie ich denke, was ich tue, wonach ich mich sehne.

Ein neues Lied spricht also über meine neue Erfahrung. Tut es das nicht, kann auch eine neue Melodie nur die alte Leier sein. Insofern ist nicht jedes neue Lied automatisch neu. Schlecht muss es deswegen nicht sein. Nur eben nicht neu im Sinne unseres Sonntags.

Was sind eigentlich die Erfahrungen, die Psalm 98 zum neuen Lied aufrufen lässt? Die Erfahrung ist, dass Gott seinem Volk geholfen hat. Und dass das der Vorschein ist vom Reich der Gerechtigkeit, das kommen wird. Was genau die Erfahrung ist, erfahren wir leider nicht. Hier zumindest nicht, in anderen Psalmen schon. Oft geht es um Befreiung und Bewahrung.

Und darum geht es, dass vielleicht vieles besser ist, aber noch nicht alles gut. Dass aber der, der das Alte besser gemacht hat, derselbe ist, der alles neu machen wird. Der, der seinem Volk geholfen hat, wird auch grundsätzlich etwas ändern in der Welt. Als Richter wird er die Welt zurechtbringen. Was sein soll, wird dann auch sein. Wer sich das letzte Wort angemaßt hat, muss dann schweigen, und wer zum Verstummen gebracht worden war, dem wird zugehört. Auf dass alle leben können – mit allem um sie herum.

In Christus hat dieser Gott ein Gesicht bekommen. Dass wir seine Gegenwart uns immer wieder erneuert, darum bitten wir. Von dem, was wir mit ihm erlebt haben, singen wir. Und wenn wir das nächste Mal Abendmahl feiern, dann möge es so sein, wie sonst auch so oft: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Sein Lied, das neue Lied von seiner neuen Welt, mit jeder Faser meines Lebens! Amen.