Komm, alles ist bereit!

Liebe Gemeinde,

„kommt, alles ist bereit!“ So hat uns am Freitag der Weltgebetstag eingeladen. Und seine Musik dürfen wir heute noch einmal nacherleben. „Kommt, alles ist bereit!“, das konnten wir erleben am Freitag, als wir hier ankamen und die Tische waren gedeckt und der Gottesdienst so wunderbar vorbereitet.

„Kommt, alles ist bereit!“ Auch heute morgen? Auch über diesem Gottesdienst steht diese Einladung. „Schmecket und sehet wie freundlich der Herr ist“ – das war die Botschaft vom Mahl am Abend am Freitag wie auch vom Abendmahl heute morgen. Am Freitag haben wir die Freundlichkeit Gottes erlebt in dem, was wir einander geschenkt, miteinander geteilt haben. Heute erleben wir die Freundlichkeit Gottes in Christus, der sich uns schenkt.

Und christlicher Glaube sagt ja: das eine kommt aus dem anderen. Liebe Gott und deinen Nächsten. Liebe deinen Nächsten, wie Gott dich liebt. Werde deinem Nächsten eine Nächste, so wie Gottes Liebe dir ganz nahegekommen ist. Wie er mir, so ich dir. Am Sonntag Gottes Liebe einatmen, unter der Woche sie an andere ausatmen.

„Kommt, alles ist bereit!“ Manchmal ist das die beste Nachricht, die man hören kann. Wenn man gerade in einer Zeit steckt, die alles von einem fordert. Freunde und Familie, die einen brauchen. Selber genug mit dem eigenen Alltag zu tun. Oder noch anstrengender: wenn der Alltag über den Haufen geworfen wurde durch irgend etwas, was mein Leben auf den Kopf stellt.

„Kommt, alles ist bereit!“ Eine richtig gute Nachricht auch für eine Gesellschaft, in der es keine Ruhepause mehr gibt. Die 24/7-Gesellschaft, rund um die Uhr, die ganze Woche aktiv. Der das als Freiheit verkauft wird, zu shoppen, zu genießen und zu arbeiten, wann du willst. Und die doch dabei ist, selbstausbeuterisch ihre Seele an dieses Prinzip zu verkaufen. Bleib im Rennen, oder du fliegst raus. Beweise uns, dass du mithalten kannst!

„Kommt, alles ist bereit!“ Ja, und jetzt weiß ich nicht, wenn man das noch weiter denkt: Wie ist das zum Beispiel mit den Geflüchteten? „Kommt, alles bereit ist zwar nicht, aber schauen wir mal!“? „Kommt, aber nicht alle, dafür sind wir nicht bereit!“? „Kommt also am besten gar nicht, wir sind dafür nicht bereit!“?

„Kommt, alles ist bereit!“ Christen laden ein. Und sie tun das im Namen Jesu. Im Namen des Gastgebers beim letzten großen Fest. Ganz am Ende, wie er selber erzählt. Da wird es ein Fest geben, ein großes Festmahl, von dem unser kleines Festmahl am Freitag und unser Mahl heute Ableger sind und Verheißungen. Heute ist er schon Gastgeber bei dem Mahl, das uns für den Weg stärkt. Und dann wird er Gastgeber sein, wenn wir angekommen sein werden.

Und Gastgeber ist er deswegen eigentlich immer, wenn Christen feiern. „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast“? Nein, er ist es, der sagt: „Kommt, alles ist bereit!“

Aber jetzt mal konkret: Hat denn unser Herr Jesus die Tische gedeckt, als wir gestern abend hier beim Weltgebetstag gemeinsam gegessen haben? Waren das nicht Renate Thurau und manche andere? Wie soll denn das gehen, wenn wir nicht selber anpacken? Soll, wer in echt die ganze Arbeit gemacht hat, jetzt nicht auch ein bisschen Anerkennung bekommen dürfen? Lukas erzählt in seinem Evangelium dazu eine Geschichte von Jesus, im zehnten Kapitel.

Als Jesus und seine Jünger weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Sie hatte eine Schwester, die hieß Maria. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte zu, was er sagte. Marta aber machte sich viel zu schaffen, um ihm zu dienen. Da trat sie an ihn heran und sprach: „Herr, interessiert es dich überhaupt nicht, dass meine Schwester mich hier ganz allein dir dienen lässt? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!“ Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: „Marta, Marta, du sorgst und mühst dich so sehr! Dabei ist nur eines nötig! Maria hat das gute Teil erwählt, das soll nicht von ihr genommen werden.“

Er hätte auch sagen können: „Komm, alles ist bereit!“ Und Martha dann: „Ja, weil ich das alles bereitet habe! Ich habe das alles rangeschafft! Oder sollte ich dich eben in der Küche übersehen haben?“ Und Jesus so: „Was meinst du?“ Und Martha: „Wie, was meine ich?? Das ganze Essen hier! Du sprichst von dem guten Teil, und Maria genießt meine guten Teilchen!“ Und Jesus: „Ach, das habe ich gar nicht bemerkt. Stimmt, das sieht ja wirklich gut aus. Aber komm, setz dich zu uns, auf‘s Essen kommt es jetzt gerade gar nicht an.“ Und da ist Martha sprachlos, sie sackt förmlich in sich zusammen und sinkt neben ihrer Schwester nieder.

„Komm, alles ist bereit!“ Im Haus von Martha erklärt sich Jesus zum Gastgeber. Und als Martha noch nach Schüsseln und Zutaten suchte, hatte Maria schon gefunden, was das Leben schmackhaft und nahrhaft macht. Wie sie da so sitzt und Jesus genießt, kommen ihr Worte des Psalms in den Sinn: „Der Herr ist mein Gut und mein Teil … Du tust mir kund den Weg zum Leben. Vor dir ist Freude in Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich.“ „Du deckst vor mir einen Tisch, salbst mein Haupt mein Öl, schenkst mir voll ein!“

Und Martha denkt das auch an diese Worte, denkt aber auch: „Was für einen Tisch hast du hier gedeckt? Ich sehe nur den Tisch, den ich gedeckt habe. Und an dem ihr jetzt sitzt und es euch gut gehen lasst.“

Und so fremd ist uns das ja nicht, oder? Die Stichelein der Martha sind irgendwie nachvollziehbar, für uns in unserer 24/7-, Leistungs-, Selbstoptimierungs-, ja manchmal: Selbstdarstellungs-Gesellschaft. Und so denken wir: Genau, das ist typisch Maria: Da sitzt sie vor Jesus und freut sich, spürt die Wonne des Lebens, das er ihr kundtut, genießt quasi das Öl, mit der er ihr das Haupt salbt. Und knabbert nebenbei an diesen leckeren Haferplätzchen, die ihre Schwester wieder so super hinbekommen hat.

Und schon sind wir wieder mitten drin in der Rechtfertigung der Martha. So wie es unendlich viele durch die letzten Jahrhunderte versucht haben.

Es käme doch auf beides an, sagten manche. Aktion und Kontemplation. Diakonie und Liturgie. Man müsse das nur gut im Gleichgewicht halten. Im Zweifelsfall, natürlich, da muss uns das Wort Gottes lieber sein als der volle Bauch, ja, aber wann wäre dieser Zweifelsfall je eingetreten?!

Und überhaupt: Gott lieben – hat Jesus vielleicht einfach nur nicht verstanden, dass bei Martha Liebe offensichtlich durch den Magen geht und dass man da dann gar nicht genug wirtschaften kann?

Wahrscheinlich, sagten andere, wahrscheinlich hat Jesus auch nicht „das gute“ Teil gesagt, sondern nur „das bessere“.

Und wieder andere: Könnten Maria und Martha nicht überhaupt auch nur zwei Stimmen sein in unserer Brust, zwei Spielerinnen auf der Bühne unserer Seele, in unserem inneren Team, und beide sollen halt einfach wissen, wann ihre Zeit gekommen ist und wann nicht?

Alles möglich. Kann man so denken. Erzählt ist das hier aber anders. Maria und Maria, ihre Haltungen sind Alternativen. Mehr als die beiden gibt es nicht. Schon wie es erzählt ist. Ganz nebenbei fliegen hier nämlich alle aus der Geschichte raus, um die es nicht geht.

„Als sie, also Jesus und seine Jünger, weiterzogen – kam er in ein Dorf.“ Zack, da sind schon mal seine Jünger weg. Schon haben wir sie vergessen. Nur Jesus betritt das Dorf, das Haus, Martha tritt auf und dann ihre Schwester Maria. Nur noch die drei, nur noch die zwei und Jesus.

Nur noch Martha und Maria als Angebote für uns, um uns auf der Bühne wiederzuentdecken. Keine Jünger mehr. Soll heißen: keine Zuschauer. Keine Zuschauer, mit denen wir uns identifizieren könnten. So ist das erzählt: dass wir nicht Zuschauer bleiben.

Eine Zumutung. Diese Geschichte rückt uns auf den Pelz. Maria oder Martha, wer bist Du? Jetzt bist du gefragt! Die Frage ist zu wichtig, als dass man hier Zuschauer bleiben könnte.

Nur noch Martha und Maria also, um uns hier wiederzuentdecken. In Martha unseren Groll, nicht gesehen zu werden. Unsere Müdigkeit, immer so geschäftig sein zu müssen. Uns beweisen zu müssen. In Maria unsere Sehnsucht nach Ruhe und Empfangenkönnen, einfach mal zu hören: „Komm, alles ist bereit!“ Oder spüren wir, wenn wir Maria da sitzen sehen, zu Füßen Jesu, unsere Angst, einfach nur dasitzen zu können. Ja: dasitzen zu müssen? Nichts tun, halte ich das aus?

Wir entdecken uns vielleicht in der einen oder in der anderen, in Martha oder in Maria. Ich möchte aber heute keine Lanze brechen für Martha. Sondern ich möchte wie Jesus alle Marthas, egal welchen Geschlechts, alle Marthas möchte ich mit Jesus einladen: Nimm Platz! Alles ist bereit!

Ich möchte uns als Gemeinde einladen: Klar, die Arbeit muss getan werden. Das wissen wir. Wissen wir auch, wie wir Maria und Marius werden? Nicht im Sinne von bloße Konsumenten zu werden. Sondern im Sinne von sich bei Jesus niederzulassen? Zum Beispiel das Gebet zu entdecken als ein Sitzen an der Quelle, aus der ich mit bloßer Hand Wasser des Lebens schöpfen kann? Mit ihm dazusitzen, wie am Lagerfeuer, und er erzählt uns von einem anderen Leben, von Gottes Welt? Einander helfen, Maria und Marius zu werden, niedergelassen vor Jesus, und er beschenkt uns, und wir spüren, wie die Liebe zu ihm wächst.

Maria sein, Maria und Marius, das ist die Einladung heute morgen. Ganz einseitig. Gott lieben. Siehst du sie da sitzen, Jesus und Maria? Und wie auch Martha jetzt danebensteht, über die Schulter noch einen unsicheren Blick in die Küche wirft, aber dann doch Abwasch Abwasch sein lässt, die Schürze abnimmt und sich dazusetzt? Bei ihm sitzen, mal nicht um was sorgen, mal nicht um was kämpfen.

Und dann ihm staunend bekennen: „Du bist mein Gut und mein Teil! Du tust mir kund den Weg zum Leben. Vor dir ist Freude in Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich. Du deckst mir einen Tisch. Du salbst mein Öl und schenkst mir voll ein. Schenkst mir – dich selbst.“

Ja, sagt er, komm, alles ist bereit! Amen.