„Komm, ich wisch dir die Tränen ab, und hier, trink ein wenig“ (Ewigkeits-Sonntag)

Liebe Gemeinde,

ein Ewigkeits-Sonntag in Corona-Zeiten. Wenn wir fragen „Wie lange noch?“ und auf die Rettung warten, den Impfstoff, der uns aus dieser Starre erlöst. Und mit wachsender Ungeduld hört man denen zu, die sagen: „Ja, aber dann müssen erst einmal Transport und Verteilung geklärt sein, und bis dann so viele geimpft sind, dass wir alle Maßnahmen wieder aufheben können, wird es noch viele Monate dauern.“ So lange noch?

„Wachet auf, ruft uns die Stimme“ – aber bis wir aus diesem Albtraum aufwachen, dauert wohl noch. Oder ist sie schon erklungen, diese Stimme? Und kam vielleicht nur nicht aus Forschung oder Politik? Sondern von unserem Herrn?

Zum Beispiel jeden Morgen, wenn er uns weckt in einen Tag der Liebe zwischen uns und ihm? Unter welchen Umständen auch immer? Auf dass wir abends sagen können: „Wir haben überwunden, seine Liebe hat überwunden, was sich zwischen ihn und uns stellen wollte“?

Oder haben unsere Verstorbenen diese Stimme gehört „Wach auf!“, als sie geweckt wurden in die Ewigkeit hinein? Denn sie wurden geweckt in die Heilung und in die Rettung hinein, von der wir heute, am Ewigkeitssonntag, in der Offenbarung lesen, im 21. Kapitel:

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde sind verschwunden. Und das Meer ist nicht mehr da. Und ich sah die heilige Stadt: das neue Jerusalem. Sie kam von Gott aus dem Himmel herab – für die Hochzeit bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.

Dann hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: »Sieh doch: Gottes Wohnung bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen und sie werden seine Völker sein. Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein. Und er wird jede Träne abwischen von ihren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen.«

Der auf dem Thron saß, sagte: »Sieh doch: Ich mache alles neu!« Und er fuhr fort: »Schreib alles auf, denn diese Worte sind zuverlässig und wahr.«

Dann sagte er zu mir: »Es ist geschehen! Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Wer Durst hat, dem gebe ich umsonst zu trinken. Ich gebe ihm von der Quelle, aus der das Wasser des Lebens fließt. Wer überwindet, wird das alles als Erbe erhalten. Ich werde sein Gott sein und er wird mein Kind sein.«

Kann man etwas Tröstlicheres hören als: „Komm, ich wisch dir die Tränen ab, hier hast du etwas zu trinken, du kannst dich hier ausruhen, bleib, solange du willst“?

Es gibt Situationen, da braucht man nicht mehr als einen Menschen, der so mit einem spricht und so an einem tut. Wenn man ganz am Ende ist, ganz am Boden, nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll, und, wenn man es wüsste, keine Kraft mehr hat, um weitergehen zu können.

„Komm, ich wisch dir die Tränen ab, hier hast du etwas zu trinken, du kannst dich hier ausruhen, bleib, solange du willst!“

So laden uns die Bibelworte aus Offenbarung 21 ein. Und wer uns so einlädt, ist Gott selbst. Uns beziehungsweise erst einmal die, die hier angesprochen sind. Die, denen die Welt die Luft zum Glauben nimmt. Die, denen wegen ihrer Liebe zu Gott das Leben schwergemacht wird. Die am allgemeinen Leben nicht teilnehmen dürfen, an Handel und Wandel, weil sie sich nicht dem Kaiserkult verschrieben haben.

Die werden erleben, was hier erzählt ist. Und jetzt schon lesen sie diese Worte und werfen aus den Mühen der Ebene einen Blick in die Zukunft. In ihre eigene Zukunft.

Sie sehen sich selbst im himmlischen Jerusalem. Die Tränen verschleiern ihnen ihren Blick, aber zugleich sehen sie sich selbst, wie jemand ihre Tränen wegwischt. Sie sehen sich selbst, wie jemand sie zu einer Quelle mitnimmt, einen Becher hineintaucht und ihnen zu trinken gibt. Jetzt, in ihrer ganzen Unbehaustheit in dieser Welt, sehen sie sich selbst in diesen Bildern von der Zukunft, wie sie sicher und schön wohnen mit Gott und als Teil seiner Gemeinde.

Neulich sagte mir einer: „Unser Sommerurlaub klingt immer noch wohltuend nach in mir.“ Jetzt ist er wieder mittendrin im anstrengenden Geschäft des Lebens. Aber wenn er die Augen zumacht, wenn er mit den geistigen Augen sieht, dann sieht er sich selbst in diesem schönen Urlaub. Und er schöpft Kraft daraus.

Geht das auch andersrum? Dass wir die Augen zumachen und sehen vor unserem geistigen Auge uns selbst in dem, was nun nicht hinter, sondern was vor uns liegt? So als wären wir schon da? Und die bedrängende Gegenwart verliert ihren totalen Zugriff auf uns? Weil wir sehen, sie wird ein Ende haben, wenn das Schöne und Tröstliche kommt, was uns verheißen ist? Wenn wir uns selbst darin sehen?

Immer wieder heißt es in der Offenbarung: „Und ein Engel führte mich im Geist auf einen hohen Berg und, siehe, ich sah …“ Und was er sah für uns und für uns aufschrieb, das wurde zum Trost und zur kraftgebenden Hoffnung für ihn und für viele, die es seitdem lasen – und sahen und sich selbst darin sahen.

Das wünsche ich uns: dass wir im Geiste aus den Mühen der Ebene auf einen Berg erhoben werden und uns selbst sehen in dem Guten, das uns verheißen ist. Uns oder auch unsere Verstorbenen. So real, dass es Trost und Kraft spendet schon jetzt.

Ich wünsche es uns zum Durchhalten in diesen Corona-Zeiten, in anderen schweren Zeiten und für unser Ende.

Ich wünsche es uns für die Augenblicke, in denen wir zum Gebet die Augen zumachen. „Und siehe, ich sah!“ Und ich wünsche es uns für den Augenblick, in dem wir für immer die Augen zumachen, dann, wenn wir die Mühen der Ebene hinter uns lassen.

Dass wir dann die Stimme unseres Herrn hören, der uns sagt: „Komm, ich wisch dir die Tränen ab, hier hast du etwas zu trinken, ruh dich aus, willkommen zuhause!“ Amen.