Land des Glaubens, oder: Die Schlange nicht übersehen (Ewigkeitssonntag)

Liebe Gemeinde,

wenn ich hier in die Runde sehe, dann sehe ich viele, die Abschied genommen haben in den letzten Monaten. Bei manchen von Euch ist das schon länger her. Bei anderen ist es noch ganz frisch. Und wiederum andere von Euch sind noch mal erinnert, wie das bei Euch war – vor einem Jahr, vor zwei oder noch länger her.

Und so etwas ist ja auch nie einfach vorbei. Die Verstorbenen haben ein Loch hinterlassen. Ein Loch in der Form ihrer Gestalt. Und dieses Loch lebt weiter mit uns. Geht die Treppe vor uns hinauf, sitzt mit uns auf dem Sofa.

Manch einer, der heute an seine Verstorbenen denkt, droht noch, in dieses Loch mit hineinzustürzen. So groß ist die Sehnsucht. So groß ist der Schmerz. Manch andere lebt schon ganz gut mit dem Loch neben ihr. Es ist ihr ein wohlwollender Begleiter geworden. Und viele andere sind irgendwo dazwischen auf dem Weg, dieses Loch auf eine gute Art und Weise zu einem Teil ihres Lebens werden zu lassen.

Die Löcher aber bleiben. Vergessen ist niemand von denen, die gegangen sind. Nicht solange sich jemand an ihn oder sie erinnert. Auch wir als Gemeinde vergessen sie nicht. Heute erinnern wir an sie. Und wir haben sogar eine eigene Grabstätte. Jedes Mal, wenn wir dort wieder jemanden beisetzen, sehen wir auch die Namen von denen, die vor ihnen gegangen sind.

Auch wir als Gemeinde also haben zwischen uns diese Löcher in ihrer Gestalt, die weiter da sind. Oder um es mit einem Bild der Bibel zu sagen: Wir sind umgeben von der Wolke der Zeugen. So leben sie weiter mit uns. Und leben weiter mit uns auch als Zeugen.

Aber was bezeugen sie? Jenseits aller Erinnerungen an Schönes und weniger Schönes, an Erlebtes, Gesagtes, Geplantes, Getanes: Was bezeugen sie uns, die Menschen die von uns gegangen sind?

Wir hören gleich die Worte aus der Bibel, die uns für heute vorgeschlagen sind. Als ich über sie nachdachte, fragte ich mich: Wie war der Glaube Teil vom Leben unserer Verstorbenen? Können sie uns sagen, warum es gut ist zu glauben?

Was haben sie an ihrem Ende gesagt, was haben sie ausgestrahlt: dass der Glaube ihnen Glück geschenkt hat in dem Leben, das hinter ihnen liegt? Oder dass sie sich freuen auf das Leben, das vor ihnen liegt?

Ich kam auf diese Fragen, weil der uralte Prophet Jesaja uns etwas verheißt. In Bildern mitten aus dem Leben malt er uns das Land des Glaubens vor Augen. Schenkt einem der Glauben das schon jetzt? Oder erst später?

So jedenfalls sieht es aus, dieses Land, so beschreibt es Jesaja uns:

Wenn die Leute sich dort grüßen in diesem Land, grüßen sie sich nur noch ›bei dem treuen Gott‹, und wenn sie schwören, schwören sie ›bei Gott, der die Treue hält‹.«

Der Herr sagt: »Alle Not wird vergessen sein, ich bereite ihr ein Ende. Alles mache ich jetzt neu: Einen neuen Himmel schaffe ich und eine neue Erde. Dann ist vergessen, was einmal war, kein Mensch wird mehr daran denken. Freut euch und jubelt ohne Ende über das, was ich nun schaffe! Ich mache Jerusalem zur Stadt der Freude und seine Bewohner erfülle ich mit Glück. Ich selbst will an Jerusalem wieder Freude haben und über mein Volk glücklich sein.

Niemand wird mehr weinen und klagen. Es gibt keine Kinder mehr, die nur ein paar Tage leben, und niemand, der erwachsen ist, wird mitten aus dem Leben gerissen. Wenn jemand mit hundert Jahren stirbt, wird man sagen: ›Er war noch so jung!‹ Selbst der Schwächste und Gebrechlichste wird ein so hohes Alter erreichen. 

Sie werden sich Häuser bauen und auch darin wohnen können. Sie werden Weinberge pflanzen und selbst den Ertrag genießen. Sie sollen nicht bauen und pflanzen und sich lebenslang mühen, nur damit andere den Gewinn davon haben. Alt wie Bäume sollen sie werden, die Menschen in meinem Volk, und den Lohn ihrer Arbeit selbst genießen! Sie werden sich nicht vergeblich abmühen.

Die Frauen gebären ihre Kinder nicht länger für eine Zukunft voller Schrecken. Sie sind mein Volk, ich segne sie; darum werden sie mit ihren Kindern leben. Noch ehe sie zu mir um Hilfe rufen, habe ich ihnen schon geholfen. Bevor sie ihre Bitte ausgesprochen haben, habe ich sie schon erfüllt. 

Wolf und Lamm werden dann gemeinsam weiden, der Löwe frisst Häcksel wie das Rind, und die Schlange nährt sich vom Staub der Erde. Auf dem Zion, meinem heiligen Berg, wird keiner mehr Böses tun und Unheil stiften. Ich, der Herr, sage es.«

Was für ein Leben! Bilder, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Bekommen will auf jeden Fall. Was soll ich noch sagen? Ein Gemälde entsteht da vor unseren Augen, oder? Oder ein Werbefilm. Wenn euch das nicht begeistert, dann weiß ich auch nicht. Das Land des Glaubens, so beschrieben – will jemand vielleicht lieber nicht drin wohnen? Aber was sollte einem da noch fehlen?

Was bleibt zu wünschen übrig in diesem Land, wenn alle nur nach vorne gucken, niemand mehr an der Vergangenheit leidet und jeder sich auf das Neue freut? Was kann einem noch fehlen, wenn niemand mehr vor der Zeit stirbt und niemand mehr von einer Todesnachricht schockiert wird?

Was kann einem noch fehlen, wenn das Leben gerecht zugeht? Was kann einem noch fehlen, wenn da keiner mehr ist, der einem gefährlich wird? Was kann einem noch fehlen, wenn Gott einem von den Augen abliest, was man braucht?

Wenn das das Land des Glaubens ist, wie könnte man darin nicht leben wollen? Wie könnte man sich da nicht sofort einbürgern lassen wollen? Wie könnte man sich nicht diesen wunderbaren Augenblick vorstellen, endlich von diesem Land den Ausweis in der Hand zu halten, den Taufschein?

Von diesem Land mit offensichtlich dem höchsten Lebensstandard, der höchsten Zufriedenheit, dem größten Glück, das man sich denken kann. In diesem Land wären sogar wir Deutsche zufrieden! In diesem Land des Glaubens.

Die große Frage ist: Wo liegt dieses Land? Und heute am Ewigkeitssonntag fragen wir genauer: Liegt es diesseits oder jenseits des Jordans? Liegt es vor dem Tod oder hinter dem Tod?

Und wenn wir auf unsere Verstorbenen blicken: Haben sie es schon erlebt, dieses Land, in diesem Leben? Hat der Glaube ihnen ein gelingendes Leben geschenkt? Oder haben sie in der Hoffnung darauf gelebt? Und für wann haben sie es gehofft? Hat sie diese Hoffnung stark gemacht, und nun dürfen sie schauen und erleben, was sie geglaubt haben?

Das sind ja heute die beiden Möglichkeiten, von dem zu reden, was der Glaube uns verheißt: Ein gelingendes Leben, diesseitig und irdisch, hier und jetzt. Oder das ewige Leben, jenseitig, dann und dort.

Wenn Ihr auf Eure Verstorbenen seht, was entdeckt ihr an ihnen? Was war ihnen der Glaube? Garant für ein gelingendes Leben? Oder Hoffnung auf das Jenseits? Was vielleicht eher als das andere?

Wobei, müssen wir Deutsche eigentlich noch hoffen? Wir leben lange, es geht einigermaßen gerecht zu in unserem Land, niemand beraubt uns der Früchte unserer Arbeit, die Kindersterblichkeit ist niedrig, die Kriminalitätsrate sinkt von Jahr zu Jahr. Schon nicht schlecht, eigentlich. Jesaja, wir haben’s geschafft!

Wäre da nicht die Angst. Die Angst vor dem Abstieg. Die Angst, dass was umkippt. Wäre da nicht die Schlange, die durchs Bild kriecht. Erinnert Ihr Euch noch an die Schlange?

Wolf und Lamm werden dann gemeinsam weiden, der Löwe frisst Häcksel wie das Rind, und die Schlange nährt sich vom Staub der Erde.

Alles so schön friedlich. Aber die Schlange passt nicht. Wolf und Lamm sind versöhnt – paradiesisch. Löwen, die Stroh fressen – auch paradiesisch. Schlangen, die sich von Staub ernähren – nicht paradiesisch. Denn das war die Strafe für die Schlange: auf dem Boden kriechen und sich von Staub ernähren. Das ist hier noch immer so. Für die Schlange ist noch nicht wieder alles gut.

Alles ist versöhnt und wiederhergestellt. Nur die Schlange kriecht durchs Bild und stört die Harmonie. Manche haben gesagt: Die Schlange passt hier nicht. Die hat wohl irgendjemand später noch reingeschrieben. Vielleicht, ja. Dann wäre das aber ein Realist gewesen. Er hätte der Wahrheit einen Dienst erwiesen.

Denn er hätte darauf gedrungen festzuhalten: Perfekt ist in dieser Welt nichts. Und um diese Welt geht es Jesaja. Er will uns kein Bild vom Himmel malen. Dieses Land, das Jesaja malt, ist diesseits vom Jordan. Ein Land in unserer Zeit. Denn es wird immer noch gestorben. Nur nicht mehr so früh. Im Himmel aber wird gar nicht mehr gestorben. Von diesem Himmel aber wusste Jesaja vielleicht noch nichts. Er meint: Gelingendes Leben, das ist das, was Gott und der Glaube uns schenkt. Danach gilt es sich auszustrecken.

Gelingendes Leben also. Irdisches Glück als Verheißung des Glaubens. Und, ja, auch ich würde vermutlich nicht glauben, wenn nicht auch ich erleben würde: Der Glaube tut mir gut. Er schenkt mir Freude. Er macht mich glücklich. Weil ich spüre: Ich bin von Gott geliebt. Weil ich spüre: Er gibt mir Kraft zum Lieben.

Haben wir das bei unseren Verstorbenen auch gesehen? Wie der Glaube ihr Leben gelingen ließ? Bezeugen sie uns das aus ihrer Wolke der Zeugen heraus? Fällt euch da vielleicht etwas Konkretes ein, wenn Ihr heute an sie denkt? Oder fällt uns als Gemeinde da was ein? Erzählen wir uns davon, nachher in der Kaffeestube! Es ist es wert! Erzählen wir von ihnen wie Jesaja erzählt: wo der Glaube sie frei gemacht hat von belastender Vergangenheit. Wo er sie bewahrt hat vor der Vergeblichkeit. Freuen wir uns noch einmal mit ihnen darüber!

Aber wenn wir so an sie denken und an das, was wir von ihnen lernen wollen für dieses Leben: Ignorieren wir die Schlange nicht! Sehen wir hin, wenn sie durchs Bild kriecht. Beugen wir sogar uns zu ihr herab! Hören wir ihr zu, wenn sie uns zuzischelt: „Gelingendes Leben ist Glücks-Terror. Daraus wird nichts in diesem Leben. Lass los diese Erwartung. Nichts, was diesseits des Jordans ist, wird einfach nur gut.“ Und sie verschwindet in dem tiefen Gras, in dem Wolf und Lamm gemeinsam weiden.

Gelingendes Leben – ja, wir wollen nicht vertröstet werden auf das Land jenseits des Jordans. Wir sollten aber auch nicht getäuscht werden wollen über das Leben diesseits des Jordans.

Und im besten Fall verabschieden wir unsere Verstorbenen heute aus einem einigermaßen gelungenen Leben. Auf jeden Fall aber verabschieden wir sie in die Vollendung jenseits des Jordans. Dahin, wo auch die Schlange nicht mehr Staub fressen muss. Sondern wo auch sie erlöst ist. Wie auch wir es sein werden. Amen.