„Lasst die Kinder zu mir kommen!“, auch die inneren (Kindergarten-Gottesdienst)

Liebe Gemeinde,

dafür ist Jesus hoffentlich bekannt bei euch: dass er der Freund derer ist, die leicht übersehen werden. Weil sie klein sind und leise. Oder kleingemacht und zum Verstummen gebracht. In Jesu Gesellschaft waren das: Frauen zum Beispiel. Kollaborateure, Prostituierte. Oder eben Kinder.

Und immer wurde er deswegen vom bürgerlichen Mainstream angefeindet. Also von Leuten wie uns. Wenn wir nicht Christen wären. Oder wenn manches von dem, was er gelebt hatte, nicht inzwischen in den Mainstream eingeflossen wäre. Manches zumindest.

Wie das mit den Kindern, zum Beispiel. Kinder werden heute gesehen. Auch wenn Kindergärten und Schulen in der Corona-Zeit bisher weniger geholfen wurde als nötig. Oder auch wenn Verkehrspolitik immer noch zu wenig die Kinder im Blick hat.

Aber grundsätzlich: Kinder werden heute deutlich mehr gesehen als früher. Und manchmal ist es vielleicht auch schon etwas übers Ziel hinausgeschossen. Früher waren Kinder einfach kleine Erwachsene, für die man kein extra Programm gemacht hat, sondern die mitliefen und vor allem mitarbeiteten. Einfach spielen und mit anderen Kindern rumstromern? Ausgeschlossen.

Heute sind sie zum Teil auch wieder kleine Erwachsene. Denn sie sollen jetzt schon lernen, was sie als Erwachsene mal gebrauchen sollen. Einfach spielen, mit anderen Kindern rumstromern – geht wieder nicht.

Was sagt uns da die Geschichte von Jesus, der die Kinder segnet? Hören wir mal rein, sie steht im Markus-Evangelium, im 10. Kapitel:

Einige Leute brachten Kinder zu Jesus. Er sollte sie segnen. Aber die Jünger wiesen sie schroff zurück. Als Jesus das merkte, wurde er zornig und sagte zu ihnen: »Lasst doch die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran! Denn für Menschen wie sie ist das Reich Gottes da. Amen, das sage ich euch: Wer sich das Reich Gottes nicht wie ein Kind schenken lässt, wird nie hineinkommen.« Und er nahm die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.

Ich will die Gedanken der Jünger mal so zusammenfassen: Kinder reißen sich nicht zusammen, sondern folgen einfach ihren Impulsen und Bedürfnissen. Sie stören. Außerdem: Kinder leisten nichts. Wofür brauchen sie Segen?

Jesus dagegen sagt: Kinder wissen, dass sie bedürftig sind. Und Kinder spüren, dass sie noch nicht viel beitragen können. Wunderbar! Sie sind damit ganz nah bei dem, wie Gott sich seine Menschen wünscht!

Denn das wünscht sich Gott von uns: dass wir in uns die Sehnsucht spüren nach einer menschlichen Welt, nach einer Welt, in der wir in Gemeinschaft miteinander leben, in einer liebenden Gemeinschaft auch mit Pflanze und Tier.

Das ist Gottes Sehnsucht. Und Gott sucht Menschen, deren Sehnsucht das auch ist. Zu denen kommt er dann und beschenkt sie mit seiner Liebe. Sie soll uns erfüllen und dann überfließen und vor nichts und niemandem haltmachen.

Kinder also: sie spüren ihre Bedürfnisse und wissen, dass ihnen gegeben werden muss, damit sie leben können. Und Kinder Gottes dann: sie spüren in sich die Sehnsucht nach dem Reich Gottes und wissen, dass sie den Frieden und die Liebe, die es dafür braucht, geschenkt bekommen müssen.

Im besten Fall klappt das, wenn das Vertrauen groß genug ist. Bei den kleinen Kindern und bei den großen Kindern Gottes. Und wenn da keine Angst ist. Angst, dass die Welt es nicht gut mit mir meinen könnte. Angst, nicht genug zu bekommen.

Die Angst steht dem Vertrauen und der Liebe im Weg. Aber diese Angst haben manche Menschen ja, weil es ihre tatsächliche Erfahrung war. Dass sie nicht wirklich wussten, ob die Welt ihnen wohlgesonnen ist, und dass sie die Erfahrung gemacht haben, nicht bekommen zu haben, was ihre Seele brauchte.

Und da finde ich interessant, was manche Psychologen sagen: Erwachsene tragen in sich noch die kleine Version von sich selber mit sich herum. Sie sind zwar äußerlich großgeworden. Aber in ihnen spricht noch das Kind mit, das sie mal waren. Und das damals vielleicht zu kurz gekommen ist. Oder dass sich nicht darauf verlassen konnte, dass die Welt um sie herum es gut mit ihm meint. Und dieses innere Kind nun sagt dem großen Menschen, in dem es lebt, wie er zu leben hat. Zum Beispiel: Sieh zu, dass du nicht zu kurz kommst, und sei es auf Kosten anderer. Vertraue niemandem! Liebe ist zu riskant!

Wenn wir heute am Weltkindertag und im Familiengottesdienst mit unserem Kindergarten also hören, wie Jesus die Kinder liebt, sie zu sich holt und sie segnet, und wenn wir heute daran denken, in was für einer Welt wohl unsere Kinder und Enkel aufwachsen werden – dann ist die Botschaft an uns große Leute heute:

Lass dein inneres Kind zu Jesus kommen. Der kleine Matthias in mir also zum Beispiel, den darf ich zu Jesus lassen. Können wir uns das mal für uns selbst vorstellen? Wie da eine kleine Version von mir in mir ist? Und wie ich dann dabei zusehe, wie sie zu Jesus geht. Wie sie von Jesus in den Arm genommen wird. Wie es spürt und auch von ihm hört: Alles ist gut! Und was noch wund ist, wird heil. Was an Angst und Wut noch zu groß ist, findet Frieden. Was an Vertrauen noch zu klein ist, wächst nach.

„Lasst die Kinder zu mir kommen“, sagt Jesus, „auch die inneren in euch, denn wer erlebt, wie er mit allem beschenkt wird, mit dem gestaltet Gott seine Zukunft. Eine gute Welt für alle Menschen. Für alles Leben.“ Amen.