Mal nichts tun müssen – wünscht sich auch Jesus

Liebe Gemeinde,

von Jutta haben wir gehört, was Jesus in ihrem Leben getan hat. Wobei, sage ich das so richtig? Würde nicht vielleicht besser passen, wenn ich sagen würde: Von Jutta haben wir eben gehört, wer Jesus ihr geworden ist? Gleich, in unserer Erzählung aus Johannes 6, werden Menschen Jesus fragen: „Was tust du für uns?“ Und Jesus wird ihnen antworten: „Ich will nicht einfach nur der sein, der etwas für euch tut. Sondern ich wünsche mir, dass wir eins werden!“

Viele von uns sind jetzt aus dem Urlaub wiedergekommen. Urlaub, das ist auch so eine Zeit, in der wir nicht so sehr etwas tun wollen, sondern einfach nur sein wollen. In eurem Urlaub, da ist es hoffentlich nicht zuerst nützlich zugegangen, sondern schön, erfüllend, friedlich oder spannend, interessant, Hauptsache so, wie gewünscht. Vielleicht sind Euch Orte ans Herz gewachsen oder Menschen. Und hoffentlich sind da wunderbare Bilder und Geräusche und Gefühle in euch, wenn ihr die Augen schließt und euch erinnert.

Ihr also habt hoffentlich nichts tun müssen. Aber natürlich hat der Urlaubsort mit seiner Infrastruktur an Dienstleistungen etwas für euch getan oder der Reiseveranstalter oder das Transportunternehmen oder der Gastgeber. Die sollen auch etwas für uns tun. Die haben wir schließlich dafür bezahlt.

Das las ich neulich vom Unterschied zwischen Tourist und Pilger: der Tourist fordert, der Pilger dankt. Der Tourist will haben, der Pilger will sein. Deswegen muss der Dienstleister etwas für den Touristen tun. Der Pilger wünscht sich, dass der Gastgeber jemand für ihn ist. Haben oder Sein, Tun oder Sein. Toure ich durchs Leben oder pilgere ich durchs Leben?

Jetzt sind wir zurück im Alltag und wieder gefordert, etwas zu tun. Und die anderen auch. Gut, wenn wir heute noch einmal erinnert werden: In unserem Glauben sei das anders! Was Jutta uns eben erzählt hat. Was unser Lied ausgedrückt hat. Wir sind nicht die, die zuerst tun sollen, sondern die eingeladen sind zu sein. Menschen, die sich von Jesus lieben lassen. Und dann lebt aus uns, was wir tun.

Und Jesus ist nicht einfach der, der etwas für uns tut. Sondern Jesus ist der, der jemand für uns wird. Und alles, was er für uns tut, das tut er, auf dass er uns jemand wird, bei dem wir nicht mehr fragen, was er für uns tut.

Sie sagten nun zu ihm: „Was tust denn du für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was wirkst du? Unsere Väter haben das Manna gegessen, in der Wüste, wie es geschrieben ist: ‚Brot aus dem Himmel gab er ihnen zu essen.‘“ Es sagte nun ihnen Jesus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, nicht Mose gab euch das Brot aus dem Himmel. Und mein Vater wird euch auch das wahre Brot aus dem Himmel geben. Das Brot Gottes ist das, das herabsteigt aus dem Himmel und der Welt Leben gibt.“ Sie sagten nun zu ihm: „Herr, gib uns immer dieses Brot!“ Es sagte ihnen Jesus: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht hungern, und wer Vertrauen hat in mich, wird nicht mehr dürsten.“

Oder eben mit anderen Worten: „Lasst mich euch nicht etwas geben, sondern lasst mich euch jemand werden!“ „Ok, also“, haben sie dann vielleicht gesagt, „werde du uns jemand, der uns immer Brot gibt!“

So hartnäckig ist dieses Missverständnis, so im Vordergrund stehen die Dinge dieser Welt, alles Äußere, Sichtbare, dass er sich vielleicht schon geärgert hat, vorher das mit den Broten und den Fischen gemacht zu haben. Tun und haben statt sein und empfangen.

Und so hartnäckig ist dieses Missverständnis, so sehr drängen sich die Dinge dieser Welt immer in den Vordergrund, dass er sich später noch regelrecht genötigt sehen wird, das noch mal das ganz krass deutlich zu sagen, nämlich: „Ich habe nicht das Brot des Lebens, sondern ich bin das Brot des Lebens, versteht ihr? Ihr sollt nicht essen, was ich euch gebe, sondern ihr sollt mich essen!“ Was aber, ehrlich gesagt, jetzt auch nicht für alle seine Zuhörerinnen und Zuhörer hilfreich war.

Und vielleicht muss Jesus da auch ein wenig geduldig sein mit uns. Vielleicht geht auch in der Beziehung zu ihm der Weg von außen nach innen.

Vielleicht ist es ja doch so, dass wir erst einmal etwas bei ihm erleben, etwas bei ihm bekommen, vielleicht auch erst einmal etwas in der Gemeinde erleben und bekommen. Und das steht dann erst mal im Vordergrund. Jesus, was habe ich von dir, was gibst du mir?

Und dann erst mit der Zeit fragen: „Wer bist du, Jesus?“ Und so langsam eine Beziehung wächst, in der ich nicht etwas von ihm haben will, sondern in der ich mit ihm sein will.

Aber irgendwie muss es ja mal losgehen. Irgendwas steht am Anfang. Irgendeine Erfahrung. Fünf Brote, zwei Fische. Ein Mangel ausgefüllt. Ein Sinn gefunden. Frieden, Mut, Zuversicht. Menschen, die für mich sind. Satt geworden an Leib UND Seele.

Und dann die Frage, hoffentlich irgendwann die Frage: „Jesus, warst du das? Wer bist du?“ Und Jesus fragt zurück: „Wer bin ich für dich?“ Und wir: „Wie, für mich? Was man so sagt über dich, gilt das nicht für alle? Sohn Gottes, Messias. Licht der Welt. Der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ „Brot des Lebens.“ „Ja, genau, auch das, Brot des Lebens.“

„Nein, nicht nur ‚auch das‘. Sondern Brot des Lebens – das erst verbindet uns so richtig miteinander. Als Brot des Lebens komme ich dir so nahe wie sonst in keiner anderen dieser Beschreibungen. Wenn du mich isst, wird aus mir etwas, was nur mit dir zu tun hat. Dein Leben, alles, was du bist, kannst, denkst, fühlst, wie du reagierst, was du willst und wovon du träumst, was du fürchtest – all das wird dann mit mir vermischt, von mir durchdrungen.“

„In all das, was du bist,“, sagt Jesus, „fließt dann, was ich bin. Der Auferstandene bin ich, und Auferstehungsleben fließt in alles, was du bist. Und am Ende staunst du vielleicht wie Paulus: ‚Das bin ja gar nicht mehr nur einfach ich, sondern Christus lebt in mir.‘“

Aber es stimmt schon: So etwas steht nicht am Anfang. Am Anfang steht ein Geschenk. Dass ich mich für den interessiere, der mir das geschenkt hat, das kommt dann später. Aber Jesus sagt hier auch: Es gibt nicht unendlich weiter diese Geschenke, ich bin nicht euer Brotkönig. Dass ihr leben könnt, als Menschen, das hat Gott eh zugesagt. Der euch geschaffen hat, der wird euch auch erhalten. Dass es genug gibt, darauf dürft ihr eh vertrauen. Genauso wie Baum und Blume, Wal und Wurm.

Aber nur ihr Menschen habt Gottes Atem in euch. Deswegen seid ihr lebendig. Das erzählt die Schöpfungsgeschichte. Die Materie Mensch wurde lebendig, als Gott ihr seinen Atem einbließ. Und was das bedeutet, das versteht vielleicht auch jemand, der nicht oder die anders glaubt. Dass damit nämlich wir die Sehnsucht nicht loswerden. Die Sehnsucht nach mehr. Die Sehnsucht nach dem, was nicht nur den Leib zufriedenstellt. Die Sehnsucht nach dem, was uns über uns selbst hinausführt. Die Sehnsucht nach dem, was uns mit dem großen Ganzen in Verbindung bringt.

Wir Menschen atmen nicht einfach aus und ein. Sondern wenn wir ausatmen, rufen wir nach Gott. Und in dem, was wir einatmen, holen wir nicht einfach Atem, sondern hoffen auf Odem, auf das, was nicht nur den Körper stärkt, sondern auch die Seele erhebt.

Jede Werbung spricht doch davon: Dieser Käse ist nicht einfach lecker und gesund, sondern ihn zu essen, wird dir das Gefühl von der Geborgenheit der weißreinen Werbefamilie schenken oder dich an die lange Tafel mit Freunden unter südlichen Olivenbäumen versetzen. Die Seele isst mit. Wer nicht behauptet, auch die Seele sattzumachen, hat keine Chance auf dem Markt.

Wieviel anders ist das beim Brot des Lebens. Bei dem Brot, das ausschließlich für unsere Seele da ist. Denn auch nicht fünftausend von den anderen Broten und nicht zweihundert von diesen Fischen werden das können, die Seele satt machen. Dafür wurden sie nicht geschaffen und nicht gegeben. Sondern geschaffen wurden sie und von Jesus in der Erzählung vorher gegeben als Zeichen für das Jesus-Leben, das in uns lebt und aus dem heraus wir sogar den letzten Tod überwinden werden.

Wir kommen aus der Urlaubszeit. Wenn es gut ging, konnten wir sein und mussten nicht tun. Und wenn es schlecht ging, ist der Wunsch jetzt nur noch stärker. Und klar, auch hier in der Gemeinde gibt es wieder jede Menge zu tun, jetzt, wo der Betrieb wieder losgeht. Leib Christi, die Gemeinde lebt durch lebendige Glieder.

Aber die nun müssen nun nicht eigentlich aufgerufen werden, etwas zu tun, sondern die leben, was sie sind. Und so wollen wir auch in der Gemeinde zuallererst sein, und dann tun. Tun, was wir sind.

Ich glaube, was Jesus hier den Leuten in Johannes 6 sagt, das ist auch genau das: Ich will nicht der sein, der für euch etwas tun soll, ich will kein Dienstleister des Glücks sein. Mein Brot ist ein anderes. Ich möchte sein. Unter euch. Mit euch. In euch. In eurer Mitte. Wir zusammen. Brot des Lebens möchte ich sein. Auferstehungskraft in euch. Der Odem, den ihr einatmet, und der eure Seele lebendig macht. Die Seele möchte ich sein, die den Leib eurer Gemeinde erfüllt.

Findet er solche Räume unter uns? In denen er einfach mit uns da sein kann? In denen er für uns sein kann, wer er ist? Absichtslose Räume, in denen wir ihn sein lassen, unter uns, in uns? Räume, in denen wir nur nachspüren, wer er für uns ist und wie er unter uns da ist?

Räume, in denen wir vielleicht noch bitten: „Gib uns Brot!“ In denen er dann aber sagen kann: „Hier bin ich, verkostet mich!“ Haben unsere Gottesdienste schon genug von solchen Räumen? Besondere Gottesdienste wie der Taizé-Gottesdienst am letzten Sonntag?

Einfach da sein und Jesus verkosten. Das Abendmahl ist ja auf jeden Fall eine solche Gelegenheit. Wir vergegenwärtigen uns – nicht, was er getan hat am Kreuz, so als wäre das etwas Fremdes für ihn gewesen. Sondern was er gelebt hat von dem, was er ist, nämlich Liebe. Und wo er uns wurde, was er uns sein will: Auferstehungskraft in uns, die überwindet, was dem Leben im Wege steht.

Wie sagte Jesus beim letzten Mahl zu seinen Jüngern: „Ich wollte unbedingt noch mal mit euch zusammensein.“ Er sagt es auch heute: „Ich will unbedingt mit euch zusammensein.“ Lassen wir es zu! Wollen auch wir einmal nichts anderes – als mit ihm zusammenzusein. Amen.